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Full text of "Brafmann, Jacob - Das Buch vom Kahal - 1. Band (1928, 292 S.)"

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JACOB BRAFMANN 

DAS B UCH 
VOM KAHAL 



Digitalisiert fiir Unglaublichkeiten.com / .info 

im Bracket des Jahres 118 n. Hit. 
( Juni 711 bzw. 2007 n. Chr. ) 



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• Der Original-Scan (in Fraktur) kann im Neuschwabenland- 
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iibernommen. Lediglich die letzten Zeilen wurden jeweils 
auf- bzw. abgerundet fiir eine saubere Darstellung der 
Seitenumbriiche . 

• Schwierigkeiten beim Korrekturlesen gab es mit den 
Buchstaben I und J, da sie das selbe Zeichen im Original 
verwenden: 3- Ebenso konnen sich vereinzelt Fehler mit f 
und f eingeschlichen haben, z. B. "aus" statt "auf". 



Jacob Brafmann 

Das Buch vom Kahal 



Auf Grund einer neuen Verdeutschung 
des russischen Originals herausgegeben von 

Dr. Siegfried Passarge 

o.o. Professor der Geographie an der Universitat Hamburg 



Erster Band: 



Materialien zur Erforschung der jiidischen Sitten 

* 

Zweiter Band: 
Das Buch von der Verwaltung der jiidischen Gemeinde 



Hammer-Verlag/ Leipzig "^ 1928 



Jacob Brafmann 

Materialien zur 
Erforschung der jiidischen 

Sitten 



Auf Grund einer neuen Verdeutschung 
des russischen Originals herausgegeben von 

Dr. Siegfried Passarge 

o.o. Professor der Geographie an der Universitat Hamburg 



Hammer-Verlag/ Leipzig "^ 1928 



Verleger und Herausgeber behalten sich alle Rechte vor. 
Insbesondere ist der, auch auszugsweise, Nachdruck 

ohne vorher eingeholte Erlaubnis untersagt. 
Druck der Union-Buchdruckerei G.m.b.H. in Leipzig-R. 

Copyright 1928 by Hammer-Verlag, Leipzig 



Vorwort 

In seiner "Volkskunde der Juden" (1881) hat Richard An dree auf den 
Seiten 135 bis 139 iiber die Kahalorganisation der Ostjuden einige 
Mitteilungen gemacht. Als Quelle diente ihm die Veroffentlichung eines 
gewissen Brafmann, die in russischer Sprache von der Regierung 
herausgegeben worden ist: "Das Buch vom Kahal". Andree's Darstellung 
haben einige andere Schriftsteller zitiert, aber wirklich Eingehendes 
erfuhr man nicht. Fiir meine landschaftskundlichen Untersuchungen 
iiber das Judentum schienen nun Brafmann's Darstellungen wichtig. Als 
sich Gelegenheit bot, die beiden von Brafmann iiber den Kahal heraus- 
gegebenen Biicher iibersetzen zu lassen, griff ich zu und bereue in der 
Tat nicht, die Arbeit iibernommen zu haben. Das weitere mag die 
Einfiihrung bringen. 

Moge das Buch dazu dienen, die Kenntnisse iiber das Judentum zu 
vertiefen und neue wichtige Gesichtspunkte zu bieten. Denn was uns 
ganz besonders fehlt, ist eine richtige Beurteilung des Judentums und 
seines inneren Aufbaues. 

Hinsichtlich der hebraischen Namen und Zitate hat mich ein mir 
naher bekannter Theologe freundlichst unterstiitzt und dabei die 
Hauptarbeit geleistet. Ich mochte ihm hiermit fiir seine Beihilfe bestens 
danken. 

Was die Umschrift der hebraischen Worter anlangt, so wurde, da 
diese Schrift nicht nur fiir wissenschaftliche Kreise bestimmt ist, darauf 
verzichtet, die heute vielfach iibliche "lautgetreue" Transkription anzu- 
wenden, die dem Laien das Lesen nur erschwert und iibrigens 
keineswegs gleichmaGig in jedem Buche ist. "Bechukkotai" liest sich 
entschieden leichter als "behuqqotaj", ebenso "Mischna" besser als 
"Misna", "soth habberacha" einfacher als "zot ha-berachah", "tezawwe" 
als "tegavveh". Auch eine besondere Bezeichnung der Betonung erschien 
um so iiberfliissiger, als der Ostjude (gleich der polnischen Sprache) die 
hebraischen Worter mit wenigen Ausnahmen auf der vorletzten 
Silbe betont und z. B. "tezawwe" sagt statt "tezzawwah" (auf der letzten 



V 



Silbe betont). Auch der christliche Hebraist und Rabbinist sagt heute 
einfach "Schabbat" (wie "Sabbat" auf der Vorletzten betont) und nicht 
geziert "Schabat" (oder "Schabath": sabbat). In der Kegel wird auch der 
des Hebraischen unkundige Leser unwillkiirlich richtig betonen und z. 
B. das Wort "Cherem" (Bannfluch) "cherem" oder "charem" (auf der 
Vorletzten betont, mit hartem ch wie in Dach) lesen, nicht etwa "cher 
em", ebenso "Kahal", nicht aber geziert-korrekt "kahal". - Wo ein 
Betonungshinweis notig schien, wurde er gelegentlich gegeben, z. B. 
"achare moth", was ein schulmaGig genaues "'ahare moth" iiberfliissig 
macht. - "Bet Din" wird jeder ebenso richtig lesen, als wenn "Bet Din" 
dastande. Hochstens bei "schelach lecha" ware etwa ein Hinweis 
dienlich, daG beide Worter den Ton auf der Letzten haben und wie 
"schelach lecha" (schlach I'cha) auszusprechen sind. 

Als Aussprache der Worter wurde die seit Reuchlin bei uns 
iibliche (sog. sephardische) gewahlt, die z. B. grammatisch richtig 
"Bereschith" sagt und nicht (wie die sog. aschkenasische d. h. ostjiidische 
Aussprache, der sog. "Jargon", sagt) "Breischiss" (= "Am Anfang", wie 
das Alte Testament anhebt), ebenso "Aaron" (Aharon, der Bruder des 
Moses) und nicht ostjiidisch "Airen". - Nur bei einzelnen speziell 
ostjiidischen Ausdriicken wurde z. T. die ostjiidische Aussprache 
zugelassen (z. B. "Zewi" statt "Zebi" oder "Tuwim" statt "Tobim"). - 
Einige "Jargon"-Satzchen, welche in der russischen Vorlage vorkamen, 
wurden dem Sinne nach wiedergegeben, da der urspriingliche Wortlaut 
durch die liederliche Umschrift in russische Buchstaben sich nicht mehr 
entratseln liefi, woran u. a. auch der Umstand schuld war, daG die 
russische Sprache keinen Laut fiir "h" hat und dieses dann bei der 
Umschrift teils auslaGt, teils durch "g" ersetzt (z. B. steht in der Vorlage 
"Gerz" statt "Herz" oder "Girsch" statt "Hirsch" und "Hersch", ferner 
"gamedrosch", was "hamidrasch" (hammidrasch) heiGen soil usw.). - 
Dem praktischen Zwecke des Buches wird eine solche 
Umschriftmethode sicher geniigen. - 

Die Herausgabe der Brafmann'schen Biicher stellt gewissermaGen 
eine Nebenarbeit zu einer grofieren Veroffentlichung iiber das Judentum 
als landschaftskundliches Problem dar, die hauptsachlich die Juden in 
Palastina behandeln soil. 

Wenn auch entsprechend der rein naturwissenschaftlichen 
Betrachtungsweise hier lediglich Verstehen und Erkennung bezweckt 
wird, so mogen auch mancherlei praktische Gesichtspunkte schliefilich 



VI 



sich nebenbei ergeben. 

So sind m. E. bisher wegen der ungeniigenden Kenntnis des 
Judentums Fehler gemacht worden, und der "Antisemitismus" hat den 
Rabbinern und den demoralisierenden Machten innerhalb des 
Judentums vielleicht mehr geniitzt als geschadet. Ich mochte hier nur 
kurz folgendes vorausschicken. Band II soil mehr hieriiber bringen. 

Die auf die Wirtsvolker ausgeiibte zersetzende Wirkung geht nur 
von einer Minoritat innerhalb des Judentums aus. DemgemaG soUte 
man, um diese Gruppe zu kennzeichnen, nicht den allgemeinen 
Ausdruck: Juden, sondern einen charakteristischen Namen gebrauchen. 
Da der Hafi ein Hauptmerkmal dieser Leute ist, seien sie die Hasser - 
die Odisten - genannt. Wer unter den Juden sich nicht zu den Hassern 
zahlt, braucht die gegen die Juden bisher gemachten Einwendungen 
nicht auf sich zu beziehen, und so wer den MiGdeutungen und 
unzutreffende Darstellungen vermieden. 

Schliefilich mochte ich noch dankbar darauf hinweisen, daG der 
Hammer-Verlag, und besonders sein Senior, Herr Theodor Fritsch, keine 
Miihe und keine Kosten gescheut hat, die wiirdige Herausgabe des 
Buches zu ermoglichen. 

Hamburg, Anfang November 1927 S. Passarge 



VII 



VIII 



Einftihrung des deutschen Herausgebers 



IX 



X 



Wenn ein altes, langst vergessenes, verschoUenes Buch eine 
ijbersetzung oder Neuauflage erfahrt, so werden dafiir bestimmte 
Griinde vorliegen. Diese werden im allgemeinen geschichtlicher oder 
sonst wissenschaftlicher Natur sein, und man wird erwarten konnen, 
daG wohl ein fachmannisches Interesse bestehen diirfte, daG hingegen 
die breite Offentlichkeit die Veroffentlichung des "alten Schmokers" 
nicht gerade als ein "aktuelles, aufsehenerregendes" Ereignis empfinden 
wird. So war denn auch anzunehmen, daG Brafmann's Schriften, die um 
1870 von der russischen Regierung herausgegeben wurden, und iiber 
deren wichtigsten Inhalt Andree in seiner "Volkskunde der Juden" 
bereits berichtet hat, keine Sensation darstellen. 

Es kam aber ganz anders! Kaum wurde durch eine Subskriptions- 
Einladung bekannt, daG die beiden Brafmann'schen Veroffentlichungen 
iiber den Kahal aus dem Russischen iibersetzt seien und von dem 
Hammer-Verlag herausgegeben werden soUten, so brach in der 
odistischen*) und in der von ihr abhangigen Presse ein Sturm der 
Entriistung los. Bezeichnend war es, daG einmal der Herausgeber, 
sodann aber der langst verstorbene Verfasser Brafmann mit einem Hagel 
von Schmutz iiberschiittet wurden. Damit nicht genug: von gewisser 
Seite wurde mit Entriistung festgestellt, daG ausgerechnet von einem 
Mitglied der angeblich durch Herrn Max Warburg (!) begriindeten 
Hamburgischen Universitat eine solche "antisemitische Hetzschrift" 
herausgegeben wiirde. 

Folgende Ansicht des jiidischen Arztes und Anthropologen 
Fishberg (Rassenmerkmale der Juden, S. 168) ist geeignet, ein Licht auf 
das Angstgeschrei der odistischen Presse iiber das Erscheinen der 
Brafmann-iJbersetzung und die Furcht vor kommenden Pogromen zu 
werfen. Fishberg schreibt: 

"Die einzigen pathologischen Vorgange, die man unter Juden 



* Vergl. das Vorwort. 

XI 



haufiger als bei anderen antrifft, sind die funktionellen Storungen des 
Nervensy stems. Die Nerven- und Geisteskrankheiten, ebenso wie 
Diabetes, sind offenbar ein "Privilegium" der Juden. DaG diese aber nicht 
ein Resultat irgendwelcher anatomischen oder physiologischen 
Besonderheit ist, erweist sich durch die Tatsache, dafi es nur die 
funktionellen nervosen Storungen sind, die man des ofteren trifft. 
Hysterie - selbst die so haufige mannliche - darf als etwas fast 
Natiirliches bei Leuten betrachtet werden, die, wie die Juden, eine 
Geschichte voU unsaglicher Leiden und fast ununterbrochenen 
Martyrertums hinter sich haben. 'Sie schreien, noch ehe sie gehauen 
werden', gilt nicht blofi fiir das Individuum, sondern auch fiir eine ganze 
Klasse. Man muG die jiidische Presse lesen, iiberhaupt die im 
'jiidischdeutschen Jargon' der polnischen und russischen Juden 
gehaltene Presse, um den hysterischen Gram und Schrecken zu 
wiirdigen, der sich allemal unter den Juden verbreitet, wenn in RuGland, 
Rumanien oder Marokko ihren Glaubensgenossen Unheil droht." 

Es ist bedauerlich, feststellen zu miissen, daG auch Deutschlands 
odistische Presse ebenso nervose Entartungserscheinungen aufweist wie 
die Presse der Ghettos. Das ist, wie wir noch in Bd. II sehen werden, ein 
iiberaus wichtiger Punkt; denn die nervose Degeneration ist der 
Todfeind der Menschheit, an dem sie zugrunde geht, wenn ihr nicht 
Einhalt geboten wird. 

Auffallend muG es erscheinen, daG die Hetze gegen Brafmann und 
den Herausgeber wie auf Kommando - explosionsartig - einsetzte. 
Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dafi die Presse von einer 
Zentralstelle aus eine Anweisung erhaltenhat. 

Fiir die Richtigkeit solcher Auffassung sprechen auch folgende 
Erwagungen: 

a) Samtliche gegen Brafmann und den Herausgeber gerichteten 
Veroffentlichungen sind in der gleichen Tonart gehalten, d. h. sie 
bemiihen sich, beide verachtlich zu machen. 

b) Auf das deutlichste tritt die Absicht hervor, die Veroffentlichung 
durch eine vernichtende Kritik zum Scheitern zu bringen. 

c) Nicht nur politische Tageszeitungen, sondern sogar 
Fachzeitschriften - selbst der Kunst (!) gewidmete - hielten es fiir notig, 
vor der Herausgabe des Kahal-Buches - sagen wir einmal - zu warnen. 



XII 



d) Samtliche "Warnungsartikel" stiitzen sich auf die gleiche, 
augenscheinlich von der Zentralstelle mitgeteilte Quelle, namlich auf 
Dubnow's Darstellung, die weiter unten folgen wird. 

e) Samtliche "Warnungsartikel" beweisen einwandfrei, daG die 
Warner, bevor sie von der Zentralstelle Anweisung erhielten, von 
Brafmann und seinen Biichern keine Ahnung gehabt haben. Ihre 
Darstellungen zeigen klar und deutlich, daG sie auch jetzt noch von dem 
Inhalt jener Biicher keine Vorstellung besitzen. Sie haben lediglich 
Redensarten papageienmaGig wiederholt, die ihnen von der Zentralstelle 
beigebracht worden sind. Dem Herausgeber einer Hamburger 
Kunstzeitschrift, der sich hemmungslos seiner Entriistung hingibt, ist 
dabei das Malheur passiert, konsequent von einem "Grafmann" zu 
schreiben. 

Der ganze Entriistungsrummel ist augenscheinlich lediglich eine 
von einer Zentralstelle arrangierte Mache, von interessierter Seite 
kiinstlich hervorgerufen. 

AuGer dieser Zeitungsmache hat es nicht an den iiblichen 
anonymen Beschimpfungen gefehlt, gerade als ob die gegnerische Seite 
bemiiht sei, die Richtigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnis zu 
bestatigen, dafi ihre Mitglieder - mindestens zum grofien Teil - 
personlichen Mut und die Eigenschaften der adligen Charakter-Trias - 
Wahrheitsliebe, Stolz, vornehme Gesinnung und ritterliches Ehrgefiihl, - 
fiir entbehrliche oder gar schadliche Eigenschaften halten, also sartoid 
entartete Ungliickliche sind. 

Doch nicht genug damit: man hat sogar in freundschaftlicher Weise 
mir klar machen woUen, daG eine Herausgabe der Brafmann'schen 
Biicher nicht im Interesse der deutschen Wissenschaft im allgemeinen 
und der Hamburger Universitat im besonderen lage! 

Dafi diese, es zweifellos sehr gut meinenden Warner erst seit dem 
Entriistungsspektakel etwas vom Kahal und von Brafmann gehort 
hatten, ist nicht ohne Interesse. 

Niemand wird sie wegen ihrer Unkenntnis tadeln diirfen; es hat ja 
in Deutschland wohl nur wenige gegeben, die auch nur dem Namen 
nach beide kannten, aber es wird wohl vor allem erforderlich sein, sich 
der Frage zuzuwenden: Wer war denn eigentlich dieser Brafmann? 



XIII 



Brafmann war Jude - Ghetto-Jude - in Wilna, strengglaubig erzogen. 
Bis zu seinem 34. Lebensjahre blieb er Ghettojude, dann machte er sich 
frei, trat zum Christentum iiber und wurde 1860 Lehrer des Hebraischen 
an einer staatlichen Wilnaer Schule. Uberzeugt von der 
Hoffnungslosigkeit des jiidischen Mumienlebens, entriistet iiber die 
Knechtung der Massen der armen Juden durch Rabbiner und Reiche, 
hatte er sich offentlich gegen die Unterdriicker seines Volkes gewandt, 
um fortan fiir den Ubertritt zur christlichen Kirche zu kampfen. Er hatte 
keinen Erfolg. Das Judentum blieb Sieger. Brafmann mul^te scheitern: 
damals war die Zeit noch nicht so weit vorgeschritten, daG ein Ubertritt 
der Ghettojuden in Massen hatte erfolgen konnen. Er starb Ende des 
vorigen Jahrhunderts; wie eine jiidische Quelle sagt, soil er kein gutes 
Ende genommen haben. 

Glaubt man odistischer Darstellung, so war er einer der 
minderwertigsten Menschen, die je gelebt haben - ein verkommener 
Taugenichts, ein armseliges Schulmeisterlein, das aus Angst vor dem 
Militardienst Christ wurde*) und als Spitzel**) mit Lug und Trug, 
Falschungen und Verleumdungen seine ehemaligen Glaubensgenossen 
verfolgte. Es ist ja bekannt genug, daG gerade so manche Odisten aus der 
Tiefe ihres Gemiites schier unerschopfliche Mengen von Schmutz 
herauszuholen imstande sind, um damit den Gegner zu erdriicken. 
DemgemaG ware es sind. An und fiir sich ware es also durchaus 
moglich, daG die gegen Brafmann erhobenen Beschuldigungen 
berechtigt seien. 

Wenn ein haGerfiillter Odist einen Gegner kritisiert, so wird man im 
allgemeinen entsetzt sein iiber die Tonart, iiber den unertraglichen 
Mangel an Vornehmheit, an Gerechtigkeitssinn, an Stolz und 
ritterlichem Ehrgefiihl. Selbst angesehene Gelehrte wie Prof. Graetz, 
Lombroso u. a. m. verlieren das seelische Gleichgewicht, sobald sie auf 
jiidische Gegner zu sprechen kommen. Dann scheuen sie sogar vor 



Es war nicht gerade sehr vorsichtig, auf die Militarfurcht der orthodoxen Juden 
hinzuweisen. Einmal war der Militardienst im alten Rutland fiir niemanden eine 
Freude, sodann aber bedeutete er in den Augen des orthodoxen Juden geradezu den 
seelischen Tod. Die Verbrechen, die der Jude durch das nicht-koschere Essen 
jahrelang auf sich lud, waren einfach nicht wieder gut zu machen, die Ho lie war sein. 
Und die Reformjuden? Und die atheistischen Juden? Waren die jemals begeistert fiir 
das Dienen? 

Die Begriinder des "Faktorentums" hatten besser getan, den Balken im eigenen 
Auge zu betrachten. 

XIV 



Schimpfworten nicht zuriick, sich selbst und ihre Sache hoffnungslos 
kompromittierend. 

Der Leser, der von Brafmann Ahnliches befiirchtet, wird angenehm 
enttauscht. Dessen Darlegungen sind von solcher Sachlichkeit, von 
solcher vornehmen Tonart, von solchem Mangel an harten Worten 
(Schimpfworte gibt es iiberhaupt nicht), daG niemand in ihm einen 
Odisten vermuten wiirde, erst recht nicht einen hafierfiillten, Rache 
schnaubenden Renegaten. Das spricht doch stark gegen die 
Glaubwiirdigkeit seiner auf Vornehmheit ganzHch verzichtenden, 
modernen odistischen Kritiker! 

Ferner betonen die Odisten mit Nachdruck, dal? er in der 
talmudischen Wissenschaft kein Licht gewesen sei. Darauf kommt es in 
diesem Fall aber gar nicht an, und noch gleichgiiltiger ist es, ob er 
Lateinisch verstand oder nicht. Es ist iiberaus bezeichnend, daG in dem 
jiingst erschienenen "Jiidischen Lexikon" (Bd. I, Verl. 1927) der 
nichtssagende Scherz erzahlt wird, Brafmann habe einmal in der 
Petersburger Staatsbibliothek nach einem Buch "Ibidem" gefragt, auf das 
alle Biicher verwiesen. 

Es steht schlimm um die Widerlegung B.'s, wenn dieses grofie 
Weltlexikon keine iiberzeugenderen Griinde anfiihren kann! 

Mag Brafmann den gelehrten Rabbinern an talmudischer 
Gelehrsamkeit auch nicht annahernd gewachsen gewesen sein; 
hinsichtlich vornehmer Gesinnung beschamt er seine Kritiker. 
Anstandigkeit der Gesinnung und Ehrlichkeit sind in diesem Fall 
mafigebend, nicht Talmud- und Lateinkenntnis. 

An der Richtigkeit der odistischen Urteile wird man um so mehr 
zweifeln diirfen, als Brafmann ein warmes Herz fiir seine Landsleute hat, 
namlich fiir die Armen, fiir den von den Rabbinern und Reichen 
geknechteten Teil seiner Landsleute. Er mochte sie aus den 
Polypenarmen ihrer Qualgeister befreien, und diese Qualgeister sind es, 
die ihn unter einer Pyramide von Schmutz begraben mochten. Auch das 
ist verdachtig. 

FaGt man nun Brafmann's fiir die Juden belastende Behauptungen 
zusammen - Bestechungen, teste Organisation zwecks wirtschaftlichen 
Ruins der Wirtsvolker, Meineide vor christlichen Gerichten, Vernichtung 
der Gegner durch geheime Verfolgung, Verleumdungen, falsche 
Zeugnisse vor Gericht u. a. m., - so sind das Beschuldigungen, die auf 
Grund einer erdriickenden Fiille belastender Tatsachen seit 
Jahrhunderten immer wieder in der Offentlichkeit erhoben worden sind. 



XV 



Brafmann ist iibrigens nicht der einzige Ghettojude, der seinen 
Glaubensgenossen dringend geraten hat, sich den Fesseln des 
Rabbinertums zu entziehen und in der Masse der christlichen 
Wirtsvolker unterzutauchen. Geradeso wie Brafmann ist der Ghettojude 
Jacob Fromer ein schimpfwortloser, vornehm denkender Jude, obwohl er 
seinen Glaubensgenossen riicksichtslos Wahrheiten ins Gesicht 
geschleudert hat. Man kann nicht dringend genug das Lesen des 
Fromer'schen Aufsatzes: "Das Wesen des Judentums" (Zukunft 1905 S. 
440 ff., Deckname Dr. EHas Jacob) empfehlen. (Auch als Buch: BerHn 
1905, Hiipeden & Merzyn.) 

"Taucht unter, verschwindet! Verschwindet mit Euren 
orientaHschen Physiognomien, dem von Eurer Umgebung abstechenden 
Wesen, Eurer Mission und vor allem mit Eurer ausschUefiUch "ethischen" 
Weltanschauung! Nehmet die Sitten, Gebrauche und die Religion Eurer 
Wirtsvolker an, suchet Euch mit ihnen zu vermischen und sehet zu, daG 
ihr spurlos in sie aufgeht." 

Brafmann bringt also nicht neue Gesichtspunkte, sondern lediglich 
Erklarungen fiir einen altbekannten auffallenden Tatsachen-Komplex, 
der seit rund 1800 Jahren alle europaischen Volker wiederholt in 
Erregung versetzt hat. 

Die Dokumente soUen nach der Auffassung der Jiidischen 
Enzyklopadie gefalscht sein! Nun, die Erfindung von 1072 Dokumenten 
von solcher Vielseitigkeit, Niichternheit, Ruhe und Sicherheit der 
Darstellung, von Dokumenten, die ein so grofies Material von Tatsachen, 
Ereignissen, Personennamen, Verordnungen, Beschliissen u. a. m. 
bringen, ist schwer denkbar! Da eine solche Falschung an sich schon 
einen ungewohnlichen Menschengeist voraussetzt, den man hinter der 
odistischen Schilderung von Brafmann's Charakter nicht gut erwarten 
soUte, so wiirde ja dieser armselige Schulmeister - ein zweiter Moses - 
geradezu als Riesengenie gelten miissen, wenn er eine solche geniale 
Organisation, wie sie nach seiner Darstellung das jiidische Volk besitzt, 
erfunden hatte. 

Worin soUte nun eigentlich die Falschung bestehen? Wie ist sie zu 
beweisen? Die amerikanische Jiidische Enzyklopadie sagt, der 
Hauptbeweis sei der, daG ca. zwei Drittel aller Dokumente am Sabbath 
geschrieben sein soUen; am Sabbath diirfe aber ein Jude gar nicht 
schreiben; also seien die Dokumente gefalscht. 

Ein geschulter Semitist wiirde diesen Einwand wie folgt entkraften: 



XVI 



"Er ist entweder ein Zeichen von Unwissenheit oder ein 
Tauschungsversuch. Schon im Talmud ist berichtet (Traktat Sanhedrin 
88 b), daG der Sanhedrin (das Synedrion, d. h. das hochste jiidische 
Gericht von 71 Richtern) regelmaGig am Sabbath tagte und verhandelte, 
und zwar vom Morgen- bis zum Abendopfer in dem zum HeiHgtum 
gehorigen (KeHm I, 8) Raume Chel. Die daselbst am Sabbath gefallten 
Entscheidungen wurden, wegen des Verbots des Schreibens am Sabbath, 
natiirHch erst am folgenden Tage aufgezeichnet. - Oder will "man" etwa 
diese unbequeme, in jedem Talmudexemplar befindliche, mehr als 
anderthalbtausend Jahre alte Talmudstelle auch fiir "gefalscht" 
erklaren?" 

Der Kahal war bis 1844 eine von der russischen Regierung 
genehmigte Organisation; dann wurde er verboten. Hatte also ein 
raffinierter Falscher - es ist nicht leicht, gefalschte Handschriften zu 
fabrizieren - die Juden bei der russischen Regierung anschwarzen 
woUen, so hatte er ganz gewiS Daten gewahlt, die in die Zeit des 
Kahalverbotes fielen, nicht aber so lange zuriickliegende Zeiten (um 1800 
herum!). Ohne Zweifel liegt in der Tatsache, daG die belastenden 
ProtokoUe alle ein halbes Jahrhundert und langer vor der Bekanntgabe 
durch Brafmann niedergeschrieben sind, eine grofie Schwache 
hinsichtlich ihrer antisemitisch aufreizenden Wirkung auf die russische 
Regierung und die gesamten Wirtsvolker. Diese Schwache ist aber 
gerade ein Beweis fiir Brafmann's Ehrlichkeit. Denn man kann sagen: Die 
Dokumente, die ja fast alle alt und vergilbt sind, beziehen sich auf 
gewesene Zeiten. Die geschilderten Kahal-Zustande sind wohl 
historisch interessant, waren aber anno 1870 nicht mehr "aktuell". 

Fiir die Echtheit der Brafmann'schen Dokumente spricht aber nicht 
nur der Umstand, daG sie mit der seit Jahrhunderten bekannten 
Tatsachenwelt ausgezeichnet in Einklang stehen, sondern auch die 
folgende Uberlegung. Damit es den Juden in der Zerstreuung moglich 
war, sich als Volk mit eigenem Volkstum, eigener Religion und 
ausgesprochenem Nationalgefiihl zu halten, waren ganz besondere 
MaGnahmen notwendig. Es muGte eine Kampf-Organisation von 
ungewohnlicher Widerstands- und Angriffs-Fahigkeit geschaffen 
werden, eine Kampf-Organisation, die den kleinen, geschlossenen 
jiidischen Gemeinden den Sieg iiber die Wirtsvolker ermoglichte. Diese 
Kampf-Organisation muGte so beschaffen sein, daG die kleinen jiidischen 



XVII 



Einheiten, well sie geschlossen waren, den nichtorganisierten Nichtjuden 
an Macht iiberlegen waren. Wie das Judentum eine solche Organisation 
zustande brachte, das zeigt zum ersten Male klar und deutlich das 
Brafmann'sche Buch. 

Die Brafmann'sche Darstellung steht ferner in keinem Widerspruch 
zum Talmud; im Gegenteil, die Kahal-Organisation wurzelt im Talmud; 
sie ist uralt, und zusammen mit der feindlichen Einstellung des Juden 
gegeniiber alien Nichtjuden, mit der Ablehnung aller Anerkennung des 
Rechtes anderer Volker auf eigene Anschauungen, auf eigenen Rechts-, 
Sitten- und Moralkodex mufite sie eine Waffe werden, die, ahnlich der 
verborgenen Tatigkeit von Holzbohrwiirmern, schliefilich den starksten 
Stamm zum Zusammenbruch bringt. 

Sodann die Maaruphia, diese iiberaus wichtige, auf talmudischen 
Vorschriften beruhende Einrichtung, d. h. das Besitzrecht des Juden auf 
die bewegliche Habe der Christen und die Verteilung dieses 
Besitzrechtes gegen Geld! Maaruphia kommt fast gar nicht in den 
Sitzungs-ProtokoUen vor. Warum? Weil der Bet Din sie erteilt. Ware 
Brafmann ein Falscher, er hatte es sicherlich nicht unterlassen, einige 
saftige Falle von Maaruphia zu erfinden. Er hat nichts dergleichen getan. 

Die Brafmann'schen Dokumente sind zweifellos 
echt. Das beweist auch die Aufregung, die sich der jiidischen 
Zentralstelle bemachtigte, als es bekannt wurde, dafi Brafmann's Biicher 
in iJbersetzung herausgegeben werden soUten. Warum die Aufregung, 
wenn es sich um Falschungen handelt, die zu einer Zeit erfolgt sind, als 
die politischen Verhaltnisse in RuGland ganz andere waren als 
heutzutage? Falschungen von Dokumenten einer staatlich anerkannten 
Behorde, die angeblich um 1800 herum angefertigt sein soUen, brauchen 
doch wirklich die heutigen Juden nicht aufzuregen! So soUte man 
meinen. Wenn nun doch ein Sturm der Entriistung losgebrochen ist, so 
kann dies nur darin seinen Grund haben, daG die Veroffentlichungen 
Brafmann's fiir die Odisten der Gegenwart nicht gleichgiiltig sind, ihnen 
vielmehr unbequem oder gar gefahrlich erscheinen. In der Tat, die 
Brafmann'schen Biicher sind geeignet, zu der Enthiillung des 
"wandernden Geheimnisses" - so hat Heine bekanntlich das Judentum 
genannt - beizutragen. Die namentlich in den Freimaurerlogen, aber 
auch in vielen jiidischen Gesellschaften auGerlich in Erscheinung 
tretenden jiidischen Verbande wurzeln namlich in den alten 



XVIII 



Organisationen, die Brafmann beleuchtet. Jene sind eine Fortsetzung 
dieser Organisationen und erscheinen dem, der die alten ostjiidischen 
Verbande kennt, fast als eine selbstverstandliche Notwendigkeit. Was 
sagt nun aber Dubnow, der Kronzeuge der jiidischen Zentralstelle, von 
den Sitzungs-ProtokoUen? 

Dubnow behauptet durchaus nicht die Unechtheit 
der von Brafmann veroff entlichten Dokumente!! 
Ebensowenig tut dies das oben genannte "Jiidische 
Lexikon", das sich iibrigens bereits iiber die Kahaliibersetzung des 
"Hamburger antisemitischen Universitats-Professors" aufregt. Schiller 
hatten sie entwendet. 

Auf S. XXXII ff. findet der Leser die Dubnow'sche Darstellung der 
Brafmann'schen Zeit. Es fehlt ihr jede Behauptung einer Falschung. Das 
Einzige, was Dubnow zu beanstanden hat, ist, daG "Brafmann dem 
Ganzen eine solche Beleuchtung" gab, daG die russische Regierung 
einschreiten muGte. 

Er beanstandet also nur die Auslegung, d. h. die Behauptung, 
daG die Dokumente mehr enthalten, als sie scheinen, nicht aber die 
Echtheit der Sitzungs-ProtokoUe, die durchaus legale Verfiigungen der 
damals mit weitgehenden Rechten ausgestatteten Gemeindever- 
waltungen sind. 

Fiir die wissenschaftliche Verwertbarkeit der ProtokoUe 
ist Dubnow's Auffassung wichtig. - 

Brafmann's Buch zerfallt in zwei ganz verschiedene Telle, einmal in 
die von ihm stammenden Erlauterungen, sodann in die Sitzungs- 
ProtokoUe des Kahal bezw. Bet Din. 

Die ProtokoUe woUen wir zuerst kurz betrachten. 

In dem 1869 erschienenen Band sind 285 Dokumente, in dem 1873 
erschienenen 1055 enthalten. Weitaus die Mehrzahl der 1869 
veroff entlichten sind aber in den 1055 ProtokoUen ebenfalls enthalten. 
Nur 17 allerdings z. T. sehr wichtige fehlen dem Band II. Im ganzen sind 
es also 1072 ProtokoUe. 

Die Art der Herausgabe durch Brafmann ist wissenschaftlich nicht 
gliicklich gewesen. Es hatten die Dokumente in hebraischer Sprache 
bezw. im Jargon veroffentlicht werden miissen, gleichzeitig mit der 
russischen Ubersetzung. Das ist nicht geschehen. Vielmehr hat man sich 
mit der russischen Ubersetzung begniigt. Ferner handelt es sich, z. T. 



XIX 



ganz iiberwiegend, nicht um die OriginalprotokoUe, sondern um alte 
Ausziige aus solchen. Die russische Ubersetzung zeigt beziiglich der 
ProtokoUe, die in Band I und II gleichzeitig veroffentlicht sind, 
mancherlei Abweichungen, aber doch nur in gleichgiiltigen Dingen. Der 
Kern ist stets in beiden derselbe. Wo Abweichungen irgendwie 
bemerkenswert waren, sind beide Ubersetzungen gebracht worden. Es 
sind nur wenige ProtokoUe. Da die ProtokoUe z. T. mit ermiidender 
Weitschweifigkeit immer dieselben Gegenstande wiederholen, sind 
unwichtigere ProtokoUe in Band II z. T. im Auszug oder in ganz 
abgekiirzter Form hier veroffentlicht worden. 

Die Ubersetzung wurde nach den russischen Veroffentlichungen 
von zwei Russen angefertigt, die das Deutsche ganz gelaufig sprachen, 
und die in einer siiddeutschen Stadt wohnten, jetzt aber m. W. im 
Ausland sind. Da ihre Verwandten z. T. noch in SowjetruGland leben, 
werden ihre Namen hier nicht genannt. 

Die Sitzungs-ProtokoUe sind volkskundlich von grofitem Wert, weil 
sie ein intimes Bild von dem Leben und Treiben innerhalb der Minsker 
Judengemeinde bringen und man durch sie einen Einblick selbst in 
kleine, scheinbar gleichgiiltige, in Wirklichkeit aber recht bezeichnende 
Verhaltnisse erhalt. Sie sind wegen der bestandigen Wiederholungen z. 
T. recht ermiidend, aber dieses Schicksal teilen sie mit so manchen 
anderen unschatzbaren Quellenwerken. 

Erganzt werden diese ProtokoUe durch Brafmann's Erlauterungen. 
Gerade diese Erlauterungen werden von den Juden angefochten. Es wird 
sich darum handeln, iiber ihren Wert ins Klare zu kommen; auf einige 
Punkte sei jetzt schon hingewiesen. 

Einmal werden - zum Leidwesen spaterer Geschlechter geschieht 
das stets - Selbstverstandlichkeiten als bekannt vorausgesetzt. 
Infolgedessen entstehen fiir den Leser der Gegenwart, dem die 
Verhaltnisse im Rutland von damals nicht bekannt sind, mancherlei 
Irrtiimer. Es wird hier der Versuch gemacht, durch Anmerkungen dem 
Leser eine Hilfe an die Hand zu geben, die sie ihm zu vermeiden erlaubt. 

Sodann sind die hebraischen Worte nach der deutsch-polnischen 
Mundart ins Russische transkribiert worden und zwar keineswegs 
einheitlich. Infolgedessen wird ein und dasselbe Wort oft genug ganz 
verschieden geschrieben. Der Wirrwarr ist zuweilen furchtbar. Es ward 
versucht, eine einheitliche Schreibweise durchzufiihren, namlich die seit 



XX 



Reuchlin in der christlichen Wissenschaft iibliche "sephardische" Sprech- 
und Schreibweise. 

Der Leser wird manche volkskundliche Hinweise in den 
Erlauterungen finden, allein es wird doch zweckmaGig sein, damit er 
sich schnell orientieren kann, sofort gewisse allgemeine Gesichtspunkte 
zu geben. Auch nach solcher Einfiihrung wird es nicht leicht sein, sich 
zurechtzufinden. Es steckt in den ProtokoUen sowohl als in Brafmann's 
Erlauterungen eine solche Fiille interessanter, aber fremdartiger Fragen, 
daG ein einmaliges Durchlesen keineswegs geniigt, und lediglich ein 
genaues Studium zu einem voUen Verstandnis der grofien Wichtigkeit 
des Brafmann'schen Buches und zu der Erkenntnis fiihren kann, daG 
wohl keine andere Veroffentlichung so geeignet ist, das Judentum in 
seiner inneren Organisation und in seinem Verhaltnis zu den Wirts- 
volkern zu zeigen. 

Der Leser wird vor allem iiber Begriffe wie Kahal, Bet Din, 
Synagoge und ferner iiber das Verhaltnis von Religion, Volkstum, 
Nationalitat und Gesetzgebung bei den Juden bestimmte Vorstellungen 
besitzen miissen, bevor er an das Studium der Brafmann'schen Biicher 
herangehen kann. 

Um Irrtiimer zu vermeiden, sei mit Nachdruck betont, dafi sich alle 
folgenden Darlegungen ausschliefilich auf das orthodoxe 
Ghetto judentum des Ostens beziehen und mit den westlichen 
Reformjuden bezw. den atheistisch freigeistigen Juden der Gegenwart 
gar nichts zu tun haben. Welche Wandlungen das orthodoxe 
Judentum seit dem Eintritt der Ghettojuden in die moderne 
Weltanschauung und in den Kulturkreis der Wirtschaftsvolker 
durchgemacht haben mag, ist ein zweites Problem, das hier zunachst 
keine RoUe spielt. 

Das Judentum erscheint demjenigen, der den Orient nicht kennt, als 
ein Ratsel. In den Orient zuriickversetzt, wiirde es aber dort gar nicht als 
etwas Besonderes empfunden werden. Landschaftskundlich gesprochen, 
ist das Judentum bei uns eine Fremdlingsform, geradeso wie der Nil 
in der Wiiste, wie der afrikanische Wiistenstaub, den Winde zuweilen 
nach Mitteleuropa zufiihren, bei uns. 

Die Juden bilden ein Religionsvolk. Der Begriff "Religionsvolk" 
fehlt uns in Europa. Er beginnt allerdings bereits auf der Balkanhalbinsel 



XXI 



und zwar als Folge des stark orientalischen Einschlages von Byzanz und 
der 600]ahrigen Tiirkenzeit. Bei uns hat die Religion nie Volker und 
Nationen bildende Kraft entfaltet. Im Orient dagegen fiihlen sich die 
Religionsgenossen als ein von alien anderen Volkern getrenntes V o 1 k - 
als Nation. So auch der Jude. Ob Europaer oder Orientale, ob Inder 
oder Chinese, ob Neger oder Abessinier, der Jude fiihlt sich auf religioser 
Grundlage als Einheit - als Volk, als Nation. 

Die jiidische Religion hat sich aus dem Kult eines Nationalgottes 
oder wahrscheinlich besser Ordensgottes entwickelt, d. h. die Jahwe- 
Anhanger bildeten urspriinglich einen religiosen Orden. Damit ist schon 
gesagt, daG urspriinglich die Volkszugehorigkeit gleichgiiltig war. 
Hebraer, Amoriter, Hethiter, Kanaaniter und andere Volker setzten 
anfangs den Orden zusammen. Erst seit Esras Reform siegte der Begriff 
"Abrahams Same", d. h. "durch Abstammung geeintes Volk". 

Der Ordensgott schlofi mit seinen Anhangern einen Vertrag ab: 
Meinen Geboten habt Ihr zu gehorchen, dafiir soUt Ihr das auserwahlte 
Volk sein, dem ich die Herrschaft iiber alle Volker geben werde. - Statt 
der erwarteten Weltherrschaft kam die Zerstorung Jerusalems, die 
Zerstreuung, die Aufteilung in kleine Gemeinden. Nunmehr setzte sich 
die Vorstellung durch, daG das Ungliick eine Folge der Siinden sei, eine 
Strafe des Nationalgottes, der allmahlich, well alle anderen Gotter ihm 
gegeniiber nichts waren, die Form eines allgemeinen Weltengottes 
angenommen hatte. Es setzte sich damals die Vorstellung durch, daG das 
auserwahlte Volk hier auf Erden in Erniedrigung leben miisse, um 
dereinst im Himmel den Lohn zu erhalten. Es siegte die Messiasidee: 
wenn das Exil zu Ende, wiirde der Messias kommen, den Tempel in 
Jerusalem wieder erbauen und die Weltherrschaft seines durch Leiden 
und Erniedrigungen gelauterten Volkes begriinden. Die teste 
ijberzeugung, das auserwahlte Volk Gottes zu sein, der 
unerschiitterliche Glaube an den Messias und an die einstige 
Weltherrschaft bildete seit iiber 1800 Jahren den festen Kitt, der alle 
zusammenhielt. AUein ohne das abriegelnde Werk der Talmudgelehrten 
und ohne ganz besondere Absperrungsmafinahmen hatte sich das 
Judentum kaum gehalten. Hier seien zunachst lediglich die fiir das Lesen 
der Brafmann'schen Biicher wichtigsten Einrichtungen kurz besprochen. 



XXII 



Vor der Zerstorung des Tempels in Jerusalem war dieser mitsamt 
seinem Hohenpriester, den Priestern und Lewiten der religiose, 
kulturelle, nationale Mittelpunkt des jiidischen Religionsvolkes. Nach 
der Zerstorung wurde der Nasi (Fiirst) als Oberster des Bet Din ha Gadol 
(= Synhedrion, Sanhedrin) der Mittelpunkt des religiosen, geistigen und 
nationalen Lebens. Rabbi Johanan ben Zakkai griindete den Bet Din. Bis 
500 n. Chr. laGt sich in Palastina der Nasi des Bet Din nachweisen, 
nachdem sich bereits lange vorher Babylonien durch Schaffung eines 
eigenen Exiliarchen unabhangig gemacht hatte. Seit 500 n. Chr. soil es 
kein anerkanntes Zentrum fiir alle Juden mehr gegeben haben. Doch 
werden Zentralgewalten fiir grofiere Gebiete in Europa und im Orient 
immer bestanden haben. 

Die grofieren und kleineren jiidischen Kehala's, d. h. Gemeinden, 
hatten iibereinstimmende, auf religiosen Traditionen und Gesetzen 
aufgebaute Einrichtungen. Da die Religion oder, besser gesagt, das 
religiose Gesetz das ganze Leben, Denken, Handeln des jiidischen 
Volkes bestimmte, so gehen die verschiedenen religiosen, gerichtlichen, 
sozialen, padagogischen Organisationen so durcheinander, daG man sie 
oft nur schwer auseinanderhalten kann. 

In jeder Gemeinde sind drei teste Einrichtungen von grofiter 
Wichtigkeit: die Synagoge, der Bet Din, d. h. der Gerichtshof, und der 
Rat. Dazu kommt der Rabbi als Autoritat in alien religiosen gelehrten 
Dingen. 

Die Synagoge entstand vermutlich wahrend des babylonischen 
Exils. Vor der Zerstreuung (70 n. Chr.) zahlte Jerusalem 394 (nach 
anderer Quelle 480) Synagogen. Sie dienten im Exil als Gebethauser und 
waren der Mittelpunkt des Kultus der ganzen oder von Teilen der 
Gemeinde. In Alexandrien und Kyrene, in Cilizien und Kleinasien, 
iiberall gab es Synagogen. Nach der Zerstorung Jerusalems wurden sie 
erst recht Mittelpunkte des religiosen Lebens und gleichzeitig 
Lehranstalten und politische Zentren. Denn Religion ohne national- 
politische Bestrebungen gibt es bei einem Religionsvolk nicht. 

Mit grofiter Strenge wird darauf gesehen, daG nur in der Synagoge 
gemeinsam gebetet wird; Privatbetstuben sind verboten. Nur 
ausnahmsweise, gegen hohe Bezahlung, wird ein privates Bethaus - 
Minjan - gestattet. In den Sitzungs-ProtokoUen tritt das bisweilen zutage. 



XXIII 



Wenn eine Gemeinde aus zehn Mitgliedern besteht, so mufi sie 
eine Synagoge bauen. Fiir so notwendig halt man diesen religios- 
politischen Versammlungsort, daG bei Neubau einer Synagoge die alte 
erst nach dem Fertigwerden der neuen abgerissen werden darf. Zu 
jedem Gottesdienst miissen mindestens zehn Personen anwesend sein. 
Damit diese Zahl niemals unterschritten wird, werden zehn Leute - die 
Batlanim - gegen Bezahlung verpflichtet, stets anwesend zu sein. Die 
Synagogendiener sind die Schammaschim (Einzahl: Schammasch). Dazu 
kommt als Vorsanger und Musikant - allein oder begleitet von einem 
Musikkorps - der Chasan. Unter den Vorgangen bei den Gottesdiensten 
ist aufier den bestimmten Gebeten vor allem das Vorlesen vom Podium 
aus - die AHyah - wichtig. Die an jedem Sabbath aus dem Pentateuch 
vorgelesenen Abschnitte dienen geradezu als Zeitbestimmungen. In den 
Sitzungs-ProtokoUen kommen fortwahrend Worte vor, welche die 
"Paraschen" bezeichnen - eben die an jedem Sabbath vorgelesenen 
Abschnitte aus den 5 Biichern Mose. Dieser "Pentateuch" wird 
fortlaufend in 54 Abschnitten gelesen; man fangt da an, wo man am 
vorhergehenden Sabbath stehen geblieben ist. (S. Anhang!) 

Ferner sei auf die Einrichtung der Verkiindigung von 
auGerordentlichen Verfiigungen, neuen Gesetzen, Strafen sowie von 
Auktionen bei Verpachtungen, beim Erwerb von Eigentumsrecht an 
festem Grundbesitz (Chasaka) u. a. m. hingewiesen. Der Takken ruft 
diese Verkiindigungen - Takkanot - aus. AUe diese Dinge spielen in den 
Sitzungs-ProtokoUen eine wichtige RoUe. 

Neben der Synagoge ist der Gerichtshof - Bet Din - ein Ding von 
entscheidender Bedeutung. Nachdem der grofie Sanhedrin - der Bet Din 
ha Gadol - mit dem Nasi als Oberhaupt zugrunde gegangen war, gab es 
einen Bet Din in jeder Gemeinde. Allein es diirfte doch wohl fiir grofiere 
Gebiete Zentralen gegeben haben. Da das Recht ausschliefilich auf 
religiosen Vorstellungen sich aufbaute, so mufiten die Richter - Dajjanim 
- gelehrte Talmudisten und Rabbiner sein. Urspriinglich war der 
Oberrichter von dem Nasi ernannt worden. Er bedeutete die oberste 
Autoritat in alien Kult-, Zivil- und politischen Sachen. Manchmal holte 
man sich ganz besonders angesehene Manner aus anderen Gemeinden. 
Zu Brafmann's Zeiten gab es drei Richter; anderswo und zu anderen 
Zeiten war es anders. So besaG Krakau drei Klassen von Richtern. Die 



XXIV 



erste entschied Geld-Prozesse bis zu 10 Golddukaten, die zweite solche 
von 10 bis 100 Golddukaten, die dritte solche von iiber 100 Dukaten. Die 
beiden ersten Abteilungen tagten taglich, die letzte zweimal 
wochentlich. In Rechts-, Kult- und Religionsfragen stand der Bet Din 
iiber dem Rat des Kahal, d. h. der Gemeindeverwaltung. Das kommt in 
den Sitzungs-ProtokoUen oft zum Ausdruck. 

ijberaus wichtig ist die jiidische Auffassung von der Stellung der 
Richter und ihren Entscheidungen. In biblischen Zeiten waren Priester 
und Lewiten gleichzeitig die Richter. Von 200 bis v. Chr. waren die 
Weisen (Sofrim oder Chachamim) in alien Orten als Richter tatig. Die 
Richter waren unfehlbar, ihre Entscheidungen unantastbar, selbst dann, 
wenn sie offenbar rechts und links verkehrten. Die unbegrenzte Achtung 
vor den richterlichen Entscheidungen, die Erziehung des Volkes 
zum Autoritatsglauben ist eine iiberaus wichtige Erscheinung im 
jiidischen Volkstum. 

Die eigentliche Verwaltung der Gemeinde lag in der Hand des 
Rates. Zur Gemeinde gehorten einmal die VoUbiirger, die seit 
mindestens zwolf Monaten im Orte lebten, sodann die Halbbiirger 
(zwolf bis ein Monat), und die Passanten (unter ein Monat). 

Die Gemeinde leitete der Gemeinderat (Kahal). Dieser bestand 
aus mindestens drei Mitgliedern; meist waren es sieben oder auch zwolf. 
Der Rat besaG absolute Autoritat und hatte die ganze Verwaltung 
in der Hand, so die Steuern, die Uberwachung des Handels, des Kaufs 
und Verkaufs, die der MaGe, Gewichte und Miinzen. Er setzte die Preise 
fiir Lebensmittel fest, kurz, er war fiir das Wohlergehen der Gemeinde 
verantwortlich. Mit am auffallendsten war seine absolute 
Polizeigewalt. Nach alten, durch Branch und Erf ahrung geheiligten 
Regeln konnte er sich in die Privatangelegenheiten der Familien 
mischen. Er hatte aber auch das Almosenwesen in seiner Gewalt. Die 
Fiirsorge fiir die Armen - das Proletariat - ist fiir die jiidischen 
Gemeinden iiberaus bezeichnend. Aus den Steuern wurde der 
Almosenfonds unterhalten und sowohl wochentlich Geschenke an 
Kleidung und Nahrung als auch besondere Gaben am Passah- und 
Purimfest verteilt. Ferner hatte der Kahal das Recht, auGergewohnliche 
Abgaben zu erheben. Dazu kam die Verwaltung des Gemeinde- 



XXV 



vermogens, das in den Synagogen und Schulen steckte, sowie des 
Begrabnisfonds, kurz, die ganze Verwaltung lag in seinen Handen. 

Die Schulen haben in den jiidischen Gemeinden friilizeitig eine 
grofie RoUe gespielt. Zeitweise, d. h. wahrend geistiger Bliitezeiten, 
bestand allgemeine Schulpflicht der Kinder; demgemaG war die jiidische 
AUgemeinbildung weit hoher als unter den Wirtsvolkern, vor allem in 
gewissen Abschnitten des Mittelalters. 

Von der grofiten Bedeutung sind die Briiderschaften innerhalb 
der jiidischen Gemeinden. Es waren das Ziinf te, und, wie Brafmann an 
einer Stelle ausfiihrt, hingen diese Ziinfte in den verschiedenen 
Judengemeinden Europas untereinander zusammen und vermittelten 
den internationalen Zusammenhang. Die erste und wichtigste Zunft war 
die Chebra (Chabura) Kadischa - die heilige Zunft der Totenbestatter. Ihr 
Ursprung liegt weit zuriick; sie begann schon in Talmudzeiten. Gerade 
die Briiderschaft oder Zunft der Totenbestatter war iiberaus wichtig. Mit 
Leichen umzugehen, ist nicht jedermanns Sache. Dazu kamen alle 
moglichen Vorschriften iiber Nicht- Arbeiten (z. B. am Sabbath), iiber 
Verunreinigung durch Beriihrung von Leichen u. a. m., die Spezialver- 
ordnungen notwendig machten. Die Totenbestatter waren von alien 
solchen Einschrankungen befreit. Die Familie des Verstorbenen war aller 
Verpflichtungen los und ledig, sobald sie der Briiderschaft den Leichnam 
iibergeben hatte. Die Briiderschaft erhielt dafiir bestimmte Gelder und 
nutzte in Verfallszeiten ihre Macht in schikanoser, gelderpresserischer 
Weise aus. 

Auch zahlreiche andere Briiderschaften werden in dem 
Brafmann'schen Buch genannt, so namentlich die der Schachter von 
Koscherfleisch, aber auch die von gewohnlichen Handwerkern. Wichtig 
ist die Angabe in der Jiidischen Enzyklopadie, dafi sich die meisten der 
heutigen jiidischen Orden der Vereinigten Staaten aus solchen 
Briiderschaften entwickelt haben. Die Angabe Brafmann's iiber die 
Internationale Bedeutung der jiidischen Briiderschaften wird damit 
bestatigt; denn auch die grofien jiidischen Orden sind iiber die heutigen 
Kulturlander des ganzen Erdballs verbreitet. 

So bildeten die jiidischen Gemeinden geschlossene staatliche 
Einheiten - Republiken, Raterepubliken - mit eigener Verwaltung 
eigenen Rechts- und Religions-, Steuer-, Schul- und Sozialeinrichtungen. 



XXVI 



Es waren staatliche Gebilde von iiberaus fester Organisation, 
oligarchisch regiert, und zwar waren die Oligarchen eine Vereinigung 
von Geld- und Geistesaristokratie. Platos Idealstaat war in der Hinsicht, 
daG die Weisen - die Sofrim, die Rabbiner - die Leitung in der Hand 
hatten, Wirklichkeit geworden. Das Volk war in blindem 
Autoritatsglauben erzogen, sklavisch gehorsam, aber gleichzeitig von 
den Oligarchen unterdriickt. Doch diese kleinen jiidischen 
Raterepubliken lebten inmitten von Wirtsvolkern, muSten mit diesen in 
dauerndem Verkehr stehen, sich also auch auf den Staat, in dem sie 
lebten, einstellen. 

In mittelalterlichen Zeiten war es eine haufige Erscheinung, daG 
fremde Volksteile zerstreut inmitten eines grofieren Volkes safien. Es 
waren teils Reste unterworfener Volker, teils freiwillig eingewanderte 
oder zwangsweise angesiedelte Horige. Sie genossen Schutz und das 
Siedlungsrecht und muGten dafiir Tribut zahlen - meist in Naturalien 
oder auch in Geld - auch Kriegsdienste leisten oder mancherlei 
Frondienste tun. Die Juden wurden nicht anders wie diese behandelt, 
strebten aber, da ihre Religion strengste Absonderung verlangte und bei 
ihnen so ziemlich alles anders war als bei den anderen, unter alien 
Umstanden danach, nach eigenem Recht, nach eigenen Sitten und 
Gebrauchen zu leben. Jedenfalls muGten sie mit der Regierung des 
Wirtsvolkes verhandeln, und demgemaG entstand innerhalb der 
Judengemeinde eine Vermittlungsstelle, die mit der fremden Regierung 
in Fiihlung stand. Die Form dieser Vermittlung war nicht iiberall 
dieselbe. So gab es in England vor der Austreibung einen "Presbyter" 
aller englischen Juden, den der Konig ernannte, in Polen im 16. 
Jahrhundert einen obersten Rabbi, der die Steuern erhob. Der 
Hauptsache nach handelte es sich meist um zwei Fragen: um die 
Abgaben, die deswegen besonders hoch waren, well die Juden keine 
Kriegsdienste leisteten und unverhaltnismaGig reich waren, und um die 
eigene Gerichtsbarkeit. Namentlich die Prozesse zwischen Juden 
und Nichtjuden machten grofie Schwierigkeiten. 

In Polen haben die Juden bekanntlich wahrend des Mittelalters bis 
zur Mitte des 17. Jahrhunderts (1638) wie im Elysium gelebt. 
Verfolgungen gab es nicht, als bevorzugte Handels- und 
Handwerkerkaste standen sie zwischen dem wirtschaftlich unfahigen. 



XXVII 



stark antisartischen*) Kriegsadel und den stumpfsinnigen, geknechteten, 
leibeigenen Bauern. Dort gelang es ihnen, ihre Gemeindeorganisation 
mit eigenem Rat, eigenem Bet Din, eigenen Schulen (Cheder) restlos 
durchzusetzen. Dort trat der Rat der Gemeinden in ein besonderes 
Verhaltnis zur polnischen Krone. Unter dem Namen Kahal (= Gemeinde) 
wurde der Rat der zahlreichen, aber unter sich eng zusammen- 
hangenden und wohl unter einer Zentralleitung stehenden jiidischen 
Gemeinden die staatlich privilegierte Behorde, welche die Abgaben fiir 
die Regierung einzuziehen und die Gemeinde zu verwalten hatte. Der 
nach mancher jiidischen Auffassung neu geschaffene Kahal war in 
WirkHchkeit die uralte Rateorganisation. 

Die Verhaltnisse gestalteten sich in Litauen-Polen folgendermal^en: 
DaG der Rat der jiidischen Gemeinden dem Staat gegeniiber unter dem 
Namen Kahal der beauftragte Gemeinde-Vertreter wurde, hing mit dem 
Grundsatz zusammen, daG die Gemeinde als Ganzes fiir die Ablieferung 
der Steuern verantwortlich war. Nicht der Einzelne, die ganze Gemeinde 
wurde steuerverantwortlich. So war denn der Rat, der ja innerhalb der 
kleinen jiidischen Raterepubliken fiir die Erhebung der Abgaben zu 
sorgen hatte, die gegebene Stelle, der man die Staatssteuern iibertrag. 
Neu - wahrscheinlich nur scheinbar neu, well im Verborgenen immer 
vorhanden, jetzt aber offiziell an die Offentlichkeit tretend - also 
scheinbar neu, war die Gesamtorganisation der Kahale Polens- 
Litauens, die im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts iiber das ganze Land 
hin entstand. Jeder grofiere Ort hatte einen Kahal, dem die Kahale der 
kleinen Landstadte und die "Prikahalke" der Dorfer unterstanden. Den 
Mittelpunkt der Verwaltung bildete die jiidische S y n o d e - der Rat der 
vier Lander. Er sorgte fiir die Erledigung etwaiger Streitigkeiten und 
achtete fiir das ganze Land - wie jeder Provinzkahal fiir sein Gebiet - 
darauf, ne quid detrimenti capiat respublica judaica, bezw. daG die 
Privilegien dauernd erweitert wurden. Die Einheit der Gemeinden ging 
so weit, daG aller Grundbesitz der jiidischen Familien gewissermaGen 
dem Kahal gehorte - dem Mir der russischen Dorfer vergleichbar. Das 
war die Cheskat jischschub = Chasaka, die in den ProtokoUen - freilich 
mit ganz anderem Gesicht - eine so grol^e RoUe spielt. Dem Staat 



* Vergl. Passarge: "Grundziige der gesetzmafiigen Charakterentwicklung der Volker", 
Berlin 1925. 

XXVIII 



gegeniiber bildete der Cheskat jischschub gewissermafien den 
Garantiefond, der eine piinktliche und richtige Ablieferung der Steuern 
sicher stellte. 

So hatte denn der Staat in Polen-Litauen - selbstverstandlich auf 
Wunsch der Judenheit - die jiidische Raterepublik geradezu als selb- 
standigen Staat im Staate geschaffen. 

Doch nun zu dem neuen Kahal - dem alten Rat - selbst, der in den 
Sitzungs-ProtokoUen den Mittelpunkt bildet! Die Zahl der Kahalmit- 
glieder schwankte nach der Grofie der Gemeinde. So hatte z. B. Krakau 
40, Wilna 35 Mitglieder. Meist waren es 20 bis 35. Die Wahl fand jahrlich 
in der Passahwoche statt. Es war keine Wahl aus den breiten Massen des 
Volkes heraus, vielmehr war die jiidische RaterepubHk Polens eine 
streng oHgarchische Einrichtung, die in den Handen der Reichen lag. So 
bestanden die Wahlen eigentlich immer nur in einem Umgruppieren der 
Amter; die Personen blieben dieselben. 

An der Spitze des Kahal stand der Parnes chodesch, der 
Monatsalteste, der monatlich wechselte. Er berief zur Neuwahl die 
Mitglieder des Kahal in der Passahwoche. Vor der Wahl mufiten sie 
versichern, sich nicht verabredet zu haben und nicht mogeln zu woUen. 
Dann wurden unter der Leitung des Schammasch (Kahalnotars) die 
Papierzettel mit dem Namen der Kandidaten in die Urne gelegt, und 
zwar wurden zunachst 9 Leute gewahlt, die nicht untereinander 
verwandt sein durften. Diese 9 muGten unter sich die 5 eigentlichen 
Wahler ernennen, und diese 5 Schlufiwahler bestimmten die Kahalmit- 
glieder. 

Diese Form der Wahl kommt in den SitzungsprotokoUen gut zum 
Ausdruck, und es ist klar, dafi bei solchem Wahlmodus - 5 bestimmen 
die Kahalmitglieder - die Wiinsche der oligarchischen Familien bestens 
Beriicksichtigung finden konnten. 

Der Kahal zerfiel in Polen-Litauen in vier Klassen: 

1. Die Altesten, Raschim = Haupter (Rosch im Singular), - 4 an der 
Zahl - standen an der Spitze, und aus ihnen wurde der Monatsalteste 
gewahlt. 

2. Die Tobim oder Tuvim (Tob im Singular), in den Sitzungs- 
ProtokoUen die "Vertreter" genannt - die Jiidische Enzyklopadie nennt 
sie die "honorary members" - 3 bis 5 an der Zahl. 

1 und 2 bildeten die eigentliche Kahalbehorde. Damit die Beschliisse 



XXIX 



rechtskraftig waren, mufiten mindestens 7 Mitglieder anwesend sein. 
Freilich kannte die jiidische Rat- oder Kahalverfassung einen seit dem 
Mittelalter geiibten Modus, daG namlich der Rat (spater der Kahal) 
einem einzelnen Mitgliede eine bestiminte Aufgabe iibertragt und ihm 
zu diesem Zweck die Macht von 7 Mitgliedern verleiht, d. h. dieses 
einzelne Mitglied entscheidet nach eigenem Gutdiinken. Auf diese Weise 
wurden die Amtsgeschafte ohne Zweifel stark vereinfacht. 

3. Die Ikkarim (Ikkar im Singular); die Jiidische Enzyklopadie 
iibersetzt den Namen mit "active members". Es waren 4 bis 10, und sie 
stellten gewissermaGen die Reserve vor, aus der nach Ableben oder 
sonstigem Ausscheiden eines Tob oder Rosch der Ersatz vorgenommen 
wurde. Ihre Zahl iiberstieg sogar zuweilen 10. 

4. Die Abteilung der Spezialbeamten, der Revisoren und der Richter 
(Dajjanim). Dazu kamen fiir die Wohlfahrtspflege auch weibHche Beamte 
und ferner die Unterbeamten, die Schammaschim (Sing. Schammasch) 
mit Notarpflicht. 

AUe zusammen bildeten die Generalversammlung - Asifa. AUe diese 
Organe kommen in den Sitzungs-ProtokoUen wiederholt vor. 

Die Ausgaben des Kahal bestanden - genau so wie die des 
ehemaligen Rates der Gemeinden - in der Leitung und Verwaltung der 
jiidischen Gemeinde, Uberwachung des Handels und Gewerbes, des 
Geldverkehrs, der Miinzen, MaGe und Gewichte. Dazu kamen 
StraGenreinigung, Aufnahme jiidischer Reisender, Armenpflege, vor 
allem aber die Erhebung der Abgaben, das Schulwesen, das Wohnrecht 
Zuziehender, die Verhandlungen mit den Staatsbehorden und der 
sonstige AuGenverkehr der jiidischen Raterepublik. Gerade in diese und 
manche andere Dinge fiihren die Sitzungs-ProtokoUe ein. Die Kahale 
hatten nicht nur die eigenen Beamten zu bezahlen, sondern auch die 
Gehalter der polnischen Beamten zu iibernehmen, die speziell fiir die 
jiidischen Angelegenheiten angestellt waren. Dazu kamen Verpflegung 
und mancherlei Lieferungen an Waren fiir einquartiertes Militar, 
durchreisende christliche Geistliche und Beamte u. a. m. 

Im 15. und 16. Jahrhundert beherrschte das Judentum der 
Hauptsache nach Polen-Litauen. Es beutete den wirtschaftlich unfahigen 
Adel und die geknechteten Bauern gleichzeitig aus. Es war reich und 
iiberaus einfluGreich. Wie iiberall dort, wo es den Juden gut geht und sie 



XXX 



an dem Kulturleben der Wirtsvolker teilnehmen, entstand auch in Polen 
eine freidenkende Gruppe, besonders aus den Reichen bestehend, die 
sich der rabbinischen Oberhoheit entzogen. Daher waren in jener Zeit, 
wie die Jiidische Enzyklopadie angibt, biirgerliche und geistliche 
Verwaltung streng getrennt. Gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts (1638) 
aber brach der Aufstand der Kosaken und der maGlos erbitterten Bauern 
aus, der mit einem entsetzlichen Judenmorden einherging und zu einem 
gewaltigen Niedergang des Judentums nach Zahl und Wohlstand fiihrte. 
Seitdem begann die furchtbare Verarmung der Massen, das Versinken in 
Schmutz und Elend, das Verknochern im orthodoxen Ghettoleben - 
wenn es auch nicht iiberall abgeschlossene Ghettos gab. Im 
Gegensatze zum Proletariat herrschte in den Kahalen aber eine 
plutokratisch-klerikale Oberschicht, die weniger das AUgemeinwohl als 
vielmehr eigene Vorteile im Auge hatte. Die Gemeinden verschuldeten 
immer mehr, und zwar an die wenigen reichen FamiHen, in deren 
Handen die Kahalamter waren. So muGten denn dem Volk immer neue 
Steuern auferlegt werden. AusgeprelSt, in der raffiniertesten Weise 
ausgebeutet, wandte sich das gequalte Volk mit Klagen gegen die Kahale 
an den Staat, aber es half nichts. Der EinfluG der reichen Familien war 
starker als der Jammer der armen Massen. Es war eine schlimme Zeit. 
Wie die Sachlage war, mogen folgende Zahlen zeigen. 

In der Mitte des 18. Jahrhunderts war das Budget einiger litauischer 
Kahale folgendes: 



Wilna 


5316 


Juden 


722.800 


Gulden 


Schulden, 


34.000 


Gulden 


Einnahme 


Brest Litowsk 


3175 


It 


222.720 


II 


II 


31.200 


II 


II 


Grodno 


2485 


II 


386.571 


M 


II 


21.000 


II 


II 


Pinsk 


1277 


II 


309.140 


II 


II 


37.500 


II 


II 



Ein Teil der Glaubiger waren Staat und Christen, die meisten aber 
wohl die Kahalverwalter selbst. 

Als Polen-Litauen russisch wurde, blieb alles beim alten. Die 
Kahallasten stiegen, und gerade in dieses ganze Finanz- und Moralelend 
fiihren die Sitzungs-ProtokoUe den Leser ein. Es ist eine iible 
Atmosphare von Schmutz, Ausbeutung, Bestechung - unerquicklich, 
aber kulturgeschichtlich von grofiem Inter esse. AUe diese MiGstande 
werden in der Jiidischen Enzyklopadie often zugegeben. 



XXXI 



Nachdem bereits einmal in Polen die Kahalorganisation abgeandert, 
dann aber unter dem EinfluS der reichen Glaubiger wieder hergestellt 
worden war, und nachdem man auch in der russischen Zeit gegen die 
bestehenden MiGstande angekampft hatte, wurden 1844 die Kahale 
verboten. Nunmehr setzt die Periode ein, auf die Brafmann in seinen 
Erlauterungen hinweist. Die Kahale soUen heimlich erhalten gebHeben 
sein und weiter amtiert haben. Die Zustande jener Zeit, in der Brafmann 
sich entwickelte und seine Schriften veroffentiichte, schildert der 
jiidische Schriftsteller Dubnow folgendermalSen. Mit Absicht sei seine 
Schilderung hier gebracht, da die jiidische Zentralstelle, die das 
Entriistungstheater gegen die VeroffentHchung des Kahalbuches 
inszeniert hat, sich gerade auf diesen Historiker stiitzt. Eine solche 
Entriistungs-VeroffentHchung bringt diesen Abschnitt selbst mit 
folgender echt odistischer Einleitung:*) 

S. M. Dubnow: Der Spitzel Jakob Brafmann. 

Der Geographieprofessor an der Hamburger Universitat, Dr. 
Siegfried Passarge, hat das verschoUene Machwerk eines zaristischen 
PoHzeispions der sechziger Jahre, Jakob Brafmann, "Buch des Kahal", 
ausgegraben und laGt es nun als "Quellenwerk von unschatzbarem 
Wert" anpreisen. Wer dieser Jakob Brafmann war, erfahrt man aus S. M. 
Dubnow's "Die neueste Geschichte des jiidischen Volkes", II. Band. 
(Jiidischer Verlag, Berlin). Wir setzen das betreffende Kapitel (S. 412 ff.) 
hierher: 

"Die Wendung zur politischen Reaktion, die sich in der zweiten 
Halfte der Regierungszeit Alexanders II. zeigte, beeinfluGte auch die 
Judenfrage. Die allgemeine Reaktion zeigte sich darin, dafi die Regierung 
nach den ersten Reformen - der Leibeigenschaft, des Gerichtswesens und 
der Semstwoinstitutionen - das Werk der Erneuerung RuGlands als 



* Welches Blatt den Artikel bringt, weiG ich nicht. Er wurde mir anonym iibersandt 

mit folgender Bemerkung: 

"Wufiten Sie, aus welch schmutziger Quelle Sie schopfen? Glauben Sie wirklich, dafi 

es unter den Juden weniger anstandige und wertvolle Menschen gibt als unter 

denen, die von anderen Rassen abstammen?" 

Hier die Antwort: 1. Nach Handschrift und Logik zu urteilen, sind Sie eine Frau. 2. 

GewiS gibt es unter den Juden anstandige und wertvolle Menschen, z. B. Weininger, 

dessen Urteil iiber die Frauen Ihnen vielleicht bekannt ist. 3. Wohltuend beriihrt die 

Anstandigkeit Ihrer Gesinnung, die man in anonymen Zusendungen kaum jemals 

findet. Warum also das Inkognito? 

XXXII 



abgeschlossen ansah und sich hartnackig weigerte, "den Bau", wie man 
es damals nannte, mit einer politischen Reform "zu kronen"; mit der 
Proklamierung einer Verfassung und der Verleihung biirgerlicher 
Freiheiten. Das Resultat davon war die Vertiefung des Abgrundes 
zwischen der Regierung und der fortschrittlich gesinnten russischen 
Gesellschaft, die nach einer Erneuerung des russischen Staatswesens 
strebte. Die durch Polizeimafiregeln ins "Kellerloch" gedrangte 
Freiheitsbewegung nahm unter der Jugend die Form einer 
revolutionaren Garung an und schlug, als sie auf harte Repressalien der 
politischen PoHzei stiefi, in Terrorismus um. 

In dieser Atmosphare der wachsenden Reaktion war eine 
endgiiltige Emanzipation der Juden unmogHch. Die Biirokratie, die das 
Werk der "grofien Reformen" im russischen Leben eingestellt hatte, 
woUte auch die kleinen Reformen in der Lage der Juden nicht fortsetzen. 
Die Tendenz, die Lage der Juden "allmahHch" und ratenweise zu 
verbessern, wurde aufgegeben; statt dessen begann man wieder mit der 
alten kanzleimaGigen Behandlung, mit der endlosen Beratung der 
Judenfrage in allerlei Kommissionen, dem Sammeln der weisen 
Aufierungen von Gouverneuren und Generalgouverneuren iiber das 
Verhalten der Juden usw. Man machte sich von neuem an die 
poHzeitechnische Frage, ob die Juden fiir den Staat niitzHch oder 
schadHch seien. Unter Nikolaus I. hatten sich die Kanzleien damit 
beschaftigt, Mittel ausfindig zu machen zum Kampf gegen die 
Absonderung der Juden und gegen ihre "schadHchen Berufe"; in den 
ersten Regierungsjahren des neuen Kaisers sah man den Handel zwar 
nicht mehr als "schadlich" an - als aber die jiidische Kaufmannschaft 
unter den Fittichen der Gewerbefreiheit sich wirtschaftlich entf altete und 
erfolgreich mit der eingesessenen Kaufmannschaft konkurrierte, erhob 
man wieder ein Geschrei iiber die "jiidische Ausbeutung", die man 
eindammen miisse. Auch das starke Anwachsen der russischen Industrie 
im Zeitalter der Reformen, und insbesondere das Aufbliihen des 
Eisenbahnbaues in den sechziger und siebziger Jahren, lieferten der 
Energie der jiidischen Kapitalisten ein weites Betatigungsfeld. Nach 
Aufhebung des Systems der Verpachtung der Branntweinakzise wandte 
sich ein Teil des jiidischen Kapitals dem Eisenbahnbauwesen zu. So 
entstand eine neue jiidische Plutokratie, deren Anwachsen Neid und 
Unruhe weckte. Die Regierung, die die Einteilung der Biirger in 



XXXIII 



Begiinstigte und Geduldete noch nicht aufgegeben hatte, bereitete gegen 
diese repressive MaGregeln vor. Dann sah sie sich vor einer anderen 
Frage: inwiefern die Hoffnungen auf die "Verschmelzung der Juden mit 
der eingesessenen Bevolkerung" in Erfiillung gegangen seien. Die 
Antwort war hochst unbefriedigend. Die naive Erwartung, daG die 
Juden gleich nach den ersten Reformen sich massenweise mit den 
Russen "verschmelzen" wiirden, hatte sich nicht erfiillt. Wie grofi auch 
die Tendenz zur Russifizierung unter der neuen jiidischen InteUigenz 
war, bei den jiidischen Massen konnte von der gleichen Tendenz keine 
Rede sein. Und die Regierung wurde wieder nachdenkHch: vielleicht 
werden die schlauen Juden sie anfiihren und die "verHehenen" Rechte 
nicht mit der "Verschmelzung" bezahlen? So war neues Material fiir 
ijberlegungen gewonnen, denen sich die Kanzleien jahre- und 
jahrzehntelang hingeben konnten... 

Einige Erscheinungen dieser Zeit gaben der Regierung den AnlaG, 
das innere Leben der jiidischen Gemeinden zum Gegenstand peinlicher 
Untersuchungen zu machen. Ende der sechziger Jahre tauchte in Litauen 
ein Mann auf, der sich den Behorden als Angeber und Spitzel zur 
Verfiigung stellte. Es war der getaufte Jude Jakob Brafmann, der aus 
dem Minsker Gouvernement stammte und sich in den letzten Jahren des 
Nikolaitischen Rekrutenregimes hatte taufen lassen, um den "Fangern" 
des Kahal (der jiidischen Gemeindeverwaltung. D. Red.) zu entgehen. In 
seinem Hasse gegen die Kahalbeamten, die zu Polizeiagenten degradiert 
worden waren, beschlofi Brafmann, sich am Kahal zu rachen und die 
jiidische Gemeindeorganisation zu untergraben. Als von Petersburg aus 
die Parole der "Verschmelzung" gegeben war, begann der geschickte 
Renegat Karriere zu machen, indem er die dieser Verschmelzung im 
Wege stehenden Ursachen enthiillte. Irgendeine Denkschrift, die er 1858 
zu Minsk dem Kaiser Alexander II. iiberreichte, bahnte ihm den Weg 
zum Synod; er wurde Lehrer fiir Hebraisch an einem Priesterseminar 
und hatte Mittel ausfindig zu machen, die die Juden zur Taufe hatten 
bewegen soUen. Diese Aufgabe, das Renegatentum zu erleichtern, woUte 
Brafmann nicht gelingen, und auch seine Spitzeldienste wurden nicht 
geschatzt; als aber um die Mitte der sechziger Jahre ein reaktionarer 
Wind wehte, entstand auch Nachfrage nach solchem Dienste. Brafmann 
eilte in das Zentrum der Reaktion, in das von Murawjew gebandigte 



XXXIV 



Wilna, und begann "das innere abgeschlossene Leben der jiidischen 
Gemeinden" vor den hochsten Behorden der Provinz zu enthiillen. Er 
behauptete, daG der 1844 offiziell aufgehobene Kahal in Wirklichkeit 
noch existiere und eine weitverzweigte administrative und richterliche 
Tatigkeit ausiibe; daG er eine gefahrliche Geheimorganisation darstelle, 
die in den Gemeinden mit Hilfe solcher Mittel wie "Cherem" (Bann) und 
"Chasaka" (Ersitzungsrecht) despotische Gewalt ausiibe, die jiidischen 
Massen gegen den Staat, gegen die Regierung und das Christentum 
aufhetze und in diesen Massen den Fanatismus und die "schadliche" 
nationale Absonderung aufrechterhalte. Diese jiidische "Geheim- 
regierung" konne man nur durch Vernichtung der letzten Reste der 
jiidischen Gemeindeautonomie ausrotten: man miisse alle religiosen und 
wohltatigen Vereinigungen und Briiderschaften aufheben, die jiidischen 
Gemeinden auflosen und deren Mitglieder unter den stadtischen und 
landlichen christlichen Standen verteilen ... Die hohen Behorden 
Litauens lauschten mit Spannung den diisteren Offenbarungen des 
neuen Pfefferkorn. Der Generalgouverneur Kaufmann ernannte 1866 
eine Kommission, zu der auch jiidische Sachverstandige hinzugezogen 
wurden, zur Untersuchung des von Brafmann gelieferten Materials. 
Dieses bestand aus den Sitzungs-Protokollen des Minsker Kahals aus der 
ersten Halfte des neunzehnten Jahrhunderts, die durchaus legale 
Verfiigungen der damals mit weitgehenden autonomen Rechten 
ausgestatteten Gemeindeverwaltung enthielten. In einer Reihe von 
Aufsatzen in der offiziellen Zeitung "Wilnaer Bote" und dann auch in 
einem eigenen Werke "Buch des Kahal" (1869-1871), vereinigte Brafmann 
dieses ganze Material mit Zitaten aus dem Talmud und rabbinischen 
Werken und gab dem Ganzen eine solche Beleuchtung, daG die 
Regierung sich vor der Alternative sah: entweder die jiidische Gemeinde 
mit alien ihren kulturellen Anstalten zu zerstoren oder RuGland der 
Gefahr auszusetzen, vom "weltumfassenden Kahal" erobert zu werden. 
Das auf Staatskosten herausgegebene "Buch des Kahal" wurde an alle 
amtlichen Stellen Rufilands verschickt, damit es den Beamten als 
Anleitung im Kampfe gegen den "inneren Feind" diene. Vergebens 
entlarvten die jiidischen Schriftsteller in Broschiiren und Aufsatzen die 
Unwissenheit Brafmann's auf dem Gebiete des rabbinischen Rechtes und 
die falsche Darstellung der RoUe des Kahal in Vergangenheit und 



XXXV 



Gegenwart; vergeblich kampften die jiidischen Mitglieder der vom 
Wilnaer Generalgouverneur einberufenen Kommission gegen die 
wahnsinnigen Vorschlage des Denunzianten. In Petersburg griff man die 
Wilnaer Offenbarungen als Beweise fiir die jiidische Absonderung aus, 
die die "Vorsicht" in der Behandlung der Judenfrage rechtfertige. 

Bald darauf kam die Angelegenheit vor den Reichsrat. Diese 
Instanz, die unter dem Eindruck der Brafmann'schen Enthiillungen 
stand, auSerte die Ansicht, daS "durch das blofie Verbot der 
abweichenden Kleidung die Bekampfung der Juden und ihrer 
Gemeinden, die eine abgesonderte religios-politische Kaste oder beinahe 
einen Staat im Staate bilden, lange nicht erreicht werden konne". Daher 
beantragte der Reichsrat eine eigene Kommission mit der 
"Ausfindigmachung von Mitteln zur Lockerung des sozialen 
Zusammenhangs zwischen den Juden" (Dezember 1870). Eine solche 
wurde unter dem Titel: "Kommission zur Umgestaltung des jiidischen 
Lebens" unter Beteiligung von Vertretern aller Ministerien 1871 
eingesetzt. 

Wahrend sich die Regierung zum hundertstenmal an die Losung 
des Problems der jiidischen Absonderung machte, geschah etwas bisher 
Unerhortes: der Osterpogrom von 1871 zu Odessa. Der Pogrom begann 
Ostersonntag, den 28. Marz: man iiberfiel die Juden und pliinderte ihre 
Wohnungen und Geschafte. Drei Tage wiiteten die aus Russen und 
Griechen bestehenden Banden. Erst am vierten Ostertage, als Tausende 
von Wohnungen und Geschaften verwiistet waren und die vom Sieg 
berauschten Pogromhelden mit einem Gemetzel beginnen woUten, 
machten sich die Behorden an die "Beruhigung": auf dem Marktplatz 
wurden Wagen mit Ruten aufgestellt und die eingefangenen Pliinderer 
offentlich von Soldaten ausgepeitscht. In Petersburg interessierte man 
sich aber nur fiir die Frage, ob der Pogrom nicht mit einer geheimen 
revolutionaren Bewegung zusammenhange. Als die Untersuchung gar 
keine politischen Motive finden konnte, beruhigte man sich in 
Petersburg und schenkte den Meldungen der Gouverneure Glauben, dafi 
die begonnene judenfeindliche Bewegung nur "ein roher Protest gegen 
die Nichtlosung der Judenfrage in einem repressiven Geiste" sei und "ein 
Resultat der Gereiztheit der Bevolkerung gegen die sie ausbeutenden 
Juden". 



XXXVI 



Nun stand neben dem einen "Verbrechen" des Judentums - der 
Absonderung - ein anderes: die wirtschaftliche "Ausbeutung" der 
christlichen Bevolkerung. Mit einer peinlichen Untersuchung dieser 
beiden Verbrechen wurde die erwahnte "Kommission zur Umgestaltung 
des jiidischen Lebens" betraut. In der Praxis ging ihre Tatigkeit auf die 
Behandlung der beiden Fragen hinaus: der des Kahal oder der 
"Einrichtung des geistigen Lebens der Juden" und der der Zulassigkeit 
einer Erweiterung des Ansiedlungsgebiets zwecks Schwachung der 
wirtschaftlichen Konkurrenz. Unter den Materialien zu diesen 
Problemen befand sich neben einer Denkschrift des Kiewer 
Generalgouverneurs Dudokow-Korssakow das Werk Brafmann's. 
Die Beamten, die dieses Werk aus Petersburg zur Belehrung bekommen 
hatten, schopften daraus ihre ganze Staatsweisheit... Die Kommission 
bHeb lange Zeit auf diesem toten Punkt stehen. Erst kurz vor ihrer 
Auflosung erklang in ihr die Stimme des langst begrabenen LiberaHsmus 
aus der "Denkschrift" Nekljudows und Karpows (1880), die sich 
erkiihnten, sich auf den ketzerischen Standpunkt der Gleichberechtigung 
der Juden zu stellen." 

Soweit Dubnow's Darstellung. Wie steht es nun mit der 
Behauptung Dubnow's, Brafmann habe ein falsches Bild der Verhaltnisse 
entworfen, weil er den Kahal nebst der Chasaka als noch bestehend 
hingestellt habe, wahrend damals, um 1870, alle jene Einrichtungen 
verboten und langst verschwunden waren? Steht Brafmann ganz allein 
mit seinen Behauptungen da, oder gibt es dafiir noch andere Zeugen?*) 

Grundsatzlich soUen hier nur jiidische Kronzeugen, die ohne 
Zweifel die Zustande genau kennen, angefiihrt werden. Ein solcher 
absolut zuverlassiger und auch von jiidischer Seite als solcher 
anerkannter Kenner der osteuropaischen Ghettozeit ist der beriihmte 
Verfasser kulturgeschichtlich iiberaus wertvoUer Charakterbilder aus 
"Halbasien". In Ostgalizien aufgewachsen und mit den Sitten, 
Gebrauchen, Einrichtungen der Ghettojuden sowie mit den fiir 
Ostgalizien in Frage kommenden Sprachen genau vertraut, hat Karl 



* Dafi der jiidische Kahal noch heute (selbst in der Sowjet-Republik) besteht, geht 
doch wohl auch daraus hervor, dafi selbst die neuesten Auflagen der 
Konversationslexika ihn unter dem Stichwort "Kagal" (russische Form) als noch 
bestehend behandeln! 

XXXVII 



Emil Franzos in der Form von Kulturbildern wahre Begebenheiten 
geschildert. Seine Darstellungen sind richtig, z. T. allgemein 
charakteristisch fiir Land und Leute, z. T. lediglich mit anderen Namen 
belegte und an andere Ortlichkeiten verlegte tatsachliche Begebenheiten. 

Ostgalizien war damals bereits "amtlich", d. h. der Verfassung nach, 
in die europaische Kultur eingetreten. Die Juden waren nicht mehr wie 
in RuSland geknechtet. Wohl wurden sie noch, soweit sie Ghettojuden 
waren, vielfach schlecht behandelt, sogar miShandelt, aber der 
Umschwung war in voUem Gange. 

K. E. Franzos ist Jude geblieben, und zwar ein gebildeter, 
freidenkender Reformjude. Fiir seine Ghettolandsleute hatte er ein 
warmes Herz. Ihnen zu helfen, sie aus den Krallen mittelalterlichen 
Aberglaubens zu befreien und der deutschen Kultur zuzufiihren, war 
sein Ziel. So hat er denn riicksichtslos den Aberglauben und die aus ihm 
entspringenden Harten, Grausamkeiten, herzzerreiGenden KonfHkte in 
seinen Kulturbildern aufgedeckt, vermeidet aber angstlich, irgendwelche 
das Judentum an sich kompromittierende Verhaltnisse zu enthiillen. 
Immerhin kann er nicht anders, er muG hier und da auf die 
Geheimorganisation - und auf die kommt es hier ja an - eingehen. DaG 
solche Geheimorganisationen, und zwar solche von entscheidender 
Bedeutung - damals, d. h. gerade zu Brafmann's Zeiten - sogar in 
Galizien noch bestanden, geht aus seinen Darstellungen mit Sicherheit 
hervor. Damals besaG das Ghettojudentum, obwohl seine Mitglieder k. k. 
osterreichische VoUbiirger waren, doch immer noch einen eigenen 
Stadtteil - die "Gasse" - eine eigene Verwaltung, nicht nur in religioser, 
sondern auch in sozialer Hinsicht - Armenpf lege - und sogar einen Bet 
Din, d. h. eigene jiidische Gerichtsbarkeit. Die Ghettos waren eine 
Welt fiir sich, Raterepubliken im Kaiserstaat. 

In seinem Buch "Aus Halb-Asien" gibt er in dem Kulturbild "Ein 
jiidisches Volksgericht" folgende Darstellung. 

Nachdem er die schmutzigen Stadte und die kastanbekleideten 
schmutzstarrenden Bewohner, "in deren scharfgezeichneten Gesichtern 
asketische Schwarmerei oder listige Habgier ausgepragt ist", geschildert 
hat - sie sind wegen des gleichen Einflusses der Umwelt, der Landschaft, 
in ganz "Halbasien" die gleichen - heiGt es: "Hier sind und bleiben die 
Juden, wozu sie Rasse, Glaube, Druck von auGen gemacht, und was sie. 



XXXVIII 



gottlob! im Westen nicht mehr sind: eine Nationalitat, eigenartig in 
Glauben und Sprache, Sitten und Gewohnheit, Tracht und 
Lebensanschauung. Hier beschrankt sich die Besonderheit des Juden 
nicht, wie anderwarts, auf seinen Gott und seine eigenen Feste, hier ist er 
durch alles von seinen christHchen Nachbarn geschieden. 

Und darum hat der Jude im Osten noch eigene Richter und 
Gerichte." FreiHch wirken sie im Verborgenen. Daneben gibt es in dem 
Stadtchen auch ein offentHches Bezirksgericht. Nachdem dieses 
Bezirksgericht mit seinen Mangeln geschildert ist, fahrt Franzos fort: 
(Das Folgende ist ungeheuer wichtig!!) 

"Aber ware auch jeder Bezirksrichter in GaHzien ein trefflicher 
Mensch, die Juden wiirden doch nicht immer an die Tiir unter dem 
klappernden Blechschild (d. h. am Bezirksgericht. D. H.) klopfen, wenn 
sie eines Rechtsspruchs bediirfen. Gegenwartig (1873 geschrieben!!) geht 
der Jude nur hin, wenn er es als Beklagter oder Zeuge tun muG, und 
auch als Klager nur dann, wenn es keinen anderen Ausweg gibt. Die 
meisten Falle betreffen Geldsachen. Ware der Beamtenstand in GaHzien 
ein anderer, so kame zu diesen Wechselsachen*) hochstens noch eine 
andere Art von Klagen - namlich solche iiber schlechte Behandlung 
durch iibermiitige brutale Polen." 

Dann aber heiGt es weiter: 

"Das also konnte anders werden, aber gewisse Dinge werden die 
orthodoxen Juden, solange sie bleiben, was sie sind, stets nur vor i h r e 
eigenen Richter und Gerichte bringen. So Konflikte im Familien- und 
Gemeindeleben, besonders aus religiosen Griinden, oft aber auch 
schwere Verbrechen, die innerhalb des Ghettos geschehen. Nicht um des 
Verbrechers willen geschieht dies; denn die Strafe, die ihn hier trifft, ist 
oft scharfer als jene, die ihn vor dem staatlichen Gericht trafe, sondern es 
geschieht, damit "der jiidische Name, der Name Gottes, nicht geschandet 
werde", damit "die Welt", die feindselige christliche Welt, nicht erfahre, 
daG sich wieder einmal ein "jiidisch Kind" an Gott und den Menschen 
versiindigt habe." 



* Daraus geht hervor, dafi F. an die Geldgeschafte der Juden mit Christen denkt, an 
die oft wucherischen Wechselgeschafte. Untereinander bestehende Geldstreitigkeiten 
bringen die Juden vor ihr e i g e n e s Gericht. D. H. 

XXXIX 



"Drei Arten solcher Gerichte sind zu unterscheiden. Oft genug ist 
eine einzelne Personlichkeit, ein sogenannter "giiter Jiid'", ein 
Wunderrabbi, machtvoU genug, ein Urteil zu sprechen. Ungleich 
haufiger bilden mehrere Talmudisten, unter Vorsitz eines Rabbiners, als 
ein sogenannter "Bet Din" den Gerichtshof. Sehr selten hingegen ist die 
dritte Art: Die Familienhaupter der Gemeinde treten in einem besonders 
wichtigen Falle zu einer Art Volksgericht zusammen. Ein Fall dieser Art 
soil hier geschildert sein." 

Es kommt nun folgende Darstellung: Ein Schochet 
Koscherschachter - erschlagt im Zorn einen ungeschickten Gehilfen. 

"Und bald wufite es das ganze Stadtchen, daG Wolf Nelkendust im 
Jahzorn seinen Knecht erschlagen habe, das ganze Stadtchen, soweit es 
eben Juden waren. Jedes Kind wuGte davon. Aber die Christen erfuhren 
es nicht, weder gleich, noch jemals in der Folge. Das klingt unglaublich, 
aber es ist so. Und wer jene Juden kennt, dem ware sicherlich nur das 
Gegenteil unglaublich." 

Das Volksgericht findet statt. 

"Im Morgengrauen des nachsten Tages ging der Schulklopfer von 
Haus zu Haus und berief die Manner zum Gericht in die alte Betschul'. 
Nur die Familienhaupter iiber dreiGig Jahre durften kommen. Die kamen 
auch voUzahlig. Im Vorraum, auf der Schwelle der Betschul', lag Wolf im 
weiGen Sterbegewande hingestreckt, und seine Richter mufiten iiber ihn 
hinwegtreten." Nach der Beratung schlug der Rabbi folgende Strafe vor: 

"So wahr uns selbst Gott ein gnadiger Richter sei, solches halten wir 
fiir das Rechte: Wolf ist verlustig all seines Besitztums und soil morgen 
fortgehen aus der Gemeinde und als Biifier in das Heilige Land pilgern. 
Zu FuGe soil er gehen, iiber Konstantinopel, keines Gefahrtes soil er sich 
bedienen. Von frommen Gaben soil er leben, aber nie Geld nehmen, nur 
Brot. Von Brot und Wasser soil er die Woche iiber leben, nur am Sabbath 
darf er Fleisch essen. In jeder Gemeinde soil er sich hinwerfen vor die 
Schwelle des Bethauses, und die Beter soUen iiber ihn hinwegschreiten, 
und er soil sie anflehen, daG sie fiir Sender (das ist der Erschlagene. D. 
H.) beten und fiir ihn. Sieben Jahre soil er in Jerusalem als BiiGer leben, 
dann darf er heimkehren. Sein Besitztum aber soil geteilt werden; die 



XL 



Halfte fallt an Senders Vater, ein Vierteil an unsere Stiftungen, ein 
Vierteil soUen Wolfs Sohne behalten. Seid ihr zufrieden?" Der 
Urteilsspruch wurde angenommen. Wolf gelangte nach Jerusalem, ist 
dort aber nach etwa drei Jahren gestorben. - 

GewiS ist die Rede des Rabbi nicht wortlich so gehalten worden, 
daG aber Franzos in alien wesentlichen Punkten eine tatsachliche 
Begebenheit schildert, darf als sicher gelten. 

Auch in anderen Kulturbildern, die Franzos aus Halbasien entwirft, 
tritt die grofie Macht der jiidischen Gemeindeorganisation deutlich in 
Erscheinung, so in der Erzahlung: "Ohne Inschrift" (aus "Die Juden von 
Barnow"), in der er iiber die Graber spricht, deren Leichensteine, zur 
Strafe fiir Vergehen, keine Inschrift tragen. Wenn der Messias kommt, 
werden alle, deren Namen der Engel ruft, sich erheben. An Namenlosen 
geht er vorbei; sie miissen wohl dauernd in der Erde bleiben. 

Da heiGt es ahnlich wie friiher: 

"Die dunkle Tat ward begangen, das Dunkel des Ghetto schiitzte sie. 
Diesen Leuten bangt es vor der Welt; in der k. k. Amtsstube sitzt ja ein 
Christ. Darum liefern sie den siindigen Bruder nicht gerne aus. Sie 
strafen ihn, so gut sie konnen: er muG Geld zu frommen Zwecken opfern 
oder als Pilger nach Jerusalem wandern oder jahrelang jeden zweiten 
Tag fasten. Dann bleibt er sein Leben lang unbehelligt, und erst nach 
dem Tode erweist es sich, was er gegolten hat." D. h. sein Leichenstein 
erhalt keine Inschrift; auch iiber das Grab hinaus verfolgt ihn der 
fiirchterliche Hafi dieser Fanatiker. 

Wie den Wolf Nelkendust laGt Franzos auch den alten kranken 
Chaim Lippiner, well er vor einem Christusbild gekniet, in der Weise 
bestrafen, daG er nach Jerusalem pilgern soil, um nie wiederzukehren. 

Geradezu fiirchterlich wirkt folgender Satz aus derselben Erzahlung 
("Ohne Inschrift"). Ein alter Mann fiihrt, well er als Soldat nicht koscher 
gegessen hat und oft flucht, in dem Ghetto ein Hundeleben bei 
schimmeligem Brot und 7 Kreuzern wochentlicher Unterstiitzung. Am 
Versohnungstage ertappt man ihn, wie er, vom Hunger gefoltert, ein 
Stiickchen Wurst iGt. "Sie miGhandelten ihn nicht, auch seine Benefizien 
erlitten keine Einschrankung. Und doch, ware das Schicksal giitig 
gewesen, es hatte ihn zur selben Stunde sterben lassen. Denn woUte ich 



XLI 



berichten, was dann iiber den Greis gekommen, ich glaube, dem 
Hartesten wiirde sich das Auge feuchten." 

Aus diesen Worten ergibt es sich, dafi Franzos eine ganz bestimmte 
Begebenheit im Auge hat. 

Die Bedeutung des eigenen Gerichtes und der iiber die 
Staatsgrenzen hinausgehenden Geschlossenheit, sowie vor allem die 
unheimliche Verschwiegenheit der Ghettojuden zeigt auch die 
Erzahlung: "Der wilde Starost und die schone Jiitta" (in: "Die Juden von 
Barnow"). - Es ware ganz unwissenschaftiich gedacht, woUte man den 
orthodoxen Juden aus ihrem Wunsch, ein eigenes Gericht zu besitzen, 
und aus der heimlichen Beibehaltung von Kahal und Bet Din einen 
Vorwurf machen. Entsprechend ihren reHgiosen Vorschriften, die das 
biirgerHche Leben - nicht beeinflussen, nein! - geradezu ausmachen, 
miissen sie jene haben. Die landschaftskundHch-kulturgeographische 
Forschung gibt sogar hierfiir allgemeinere interessante Gesichtspunkte 
und Parallelen. A 1 1 e Volker, die unter dem Druck von Fremden stehen 
und dennoch ein eigenes starkes Volkstum entwickelt haben, trachten 
danach, fernab von dem Staatsgetriebe ganz im Verborgenen die eigenen 
Rechtshandel zu schHchten. So haben die seit Jahrhunderten 
geknechteten Kleinrussen, wie Franzos gezeigt hat, noch eigene Gerichte, 
der agyptische Fellach, der ewig geprelSte, gleichfalls; und die deutschen 
Bauern, als sie Leibeigene waren? Nun, im "Oberhof" wird ja ein solches 
altes heiHges Bauerngericht, ohne Zweifel auf Grund bestimmter 
Vorkommnisse, von Immermann geschildert, und selbst der "Cherem" - 
das Verfehmen eines Einzelnen - war den westfaHschen 
Bauerngemeinden nicht fremd. 

Von solcher Warte aus muG man Kahal und Bet Din im Ghetto 
betrachten. 

Ein Wort noch iiber die Schweigsamkeit der Ghettojuden in eigenen 
Sachen, und die Fahigkeit, Geheimnisse zu bewahren. Ein noch weit 
grol^artigeres Beispiel bringt Franzos in dem Kulturbild: "Die 
Gezwungenen" ("Zwischen Don und Donau"). Anfang der fiinfziger 
Jahre wurden die Juden energisch zum Militardienst herangezogen, und 
da sich die Erwachsenen zu driicken verstanden, fing man die 
halbwiichsigen Knaben ein und brachte sie in eine Erziehungsanstalt. 
Damit erreichte man zweierlei: einmal wurden sie dem Judentum 
entzogen und zweitens korperlich ertiichtigt. Infolgedessen wurde eine 



XLII 



grofiartige, Russisch-Podolien und Wolhynien umfassende Organisation 
geschaffen, um die Knaben heimlich nach Rumanien zu schaffen. 
Tausende wurden so dem Militardienst entzogen. Die russische 
Regierung merkte bald, daG eine solche Geheimorganisation bestand, 
kam aber nicht dahinter. "Ein hoher Preis wurde auf die Enthiillung des 
Geheimnisses gesetzt" - sagt Franzos - "aber obwohl vielleicht 
hunderttausend Menschen darum wufiten, so mufi man doch der 
Wahrheit die Ehre geben und konstatieren, daG sich kein Verrater 
darunter fand". 

Man soUte sich immer und immer wieder mit aller Kraft die 
Tatsache in das BewuGtsein hineinhammern, dafi unter den Juden 
Geheimnisse, die sich auf rein jiidische 

Angelegenheiten beziehen, geheim bleiben, undvonjedem 
mit Entriistung geleugnet werden - selbst wenn Hunderttausende darum 
wissen. 

Das Lesen der Kulturbilder von Franzos sei dem Leser als 
Erganzung zu den Brafmann'schen VeroffentHchungen dringend 
empfohlen. Er wird daraus entnehmen, daG trotz Dubnow's Ableugnung 
die Rabbiner und Reichen, auch nach amtHcher Aufhebung der Kahale - 
iiber die Massen der Armen die Sklavenpeitsche schwangen. Dubnow 
mochte den Leser sogar glauben machen, dafi der Bannfluch - Cherem -, 
den Brafmann als so vernichtend hinstellt, nichts Bedenkliches sei. Was 
sagt Franzos iiber diese Einrichtung? 

In der oben erwahnten Erzahlung: "Ohne Inschrift" wird geschildert, 
wie ein Ghettojude Ruben das todeswiirdige Verbrechen begeht, zu 
dulden, daG sich seine Frau Lea ihr wundervoUes, langes, blondes Haar 
nicht abschneiden laGt. - Jede Jiidin muG das am Hochzeitstage tun und 
fortan die Haube - den "Scheitel" - tragen. Ruben wird in den Cherem 
getan. 

"Diese Strafe ist der 'grofie Cherem', der strenge Bann, die herbste 
Strafe, welche die Gemeinde iiber eines ihrer Mitglieder verhangen kann. 
Wen man in den 'Cherem' getan hat, der ist vogelfrei; es ist keine Siinde, 
sondern ein Verdienst, ihn an Gut und Leben zu schadigen. Nur in 
feindlicher Absicht darf man seinen Leib beriihren oder eine Sache, die 
ihm gehort; nur wer ihn verderben will, darf dieselbe Luft atmen wie der 
Verdammte. Der 'Cherem' lost die heiligsten Bande, und was sonst 
schlimmste Versiindigung ist, wird hier zum frommen Gebot: die 



XLIII 



Gattin darf den Gatten verlassen, der Sohn die Hand gegen den Vater 
erheben. Es ist Krieg aller gegen Einen, ein erbarmungslos gefiihrter 
Krieg, in welchem alle Mittel gelten. Es ist ein unertragliches Schicksal, 
das den starrsten Willen zu brechen vermag. Wer im Cherem ist, beeilt 
sich gewohnlich, schnellstens seinen Frieden mit dem Rabbi zu machen - 
umjeden Preis, selbst um den der Selbstachtung."*) 

Ruben beugt sich nicht, er wendet sich an das Bezirksgericht. Der 
Rabbi wird eingesperrt, jede Beschimpfung und Schadigung des Ruben 
durch KahalmitgHeder wird bestraft. Es hilft nichts. Das heimliche 
Gemeindegericht, d. h. der Bet Din, greift ein. In einer Nacht dringen 
Vermummte in das Haus Rubens, reiGen Lea aus dem Wochenbett und 
schneiden ihr das Haar ab. Lea stirbt infolge des Schreckens, ebenso das 
Kind. 

"Ruben bHeb im Stadtchen, bis die Untersuchung (durch das 
Bezirksgericht. D. H.) beendet war. Sie mufite eingestellt werden. Wenn 
diese Menschen schweigen woUen, so bringt sie keine Macht zum 
Reden". Ruben verHefi den Ort. 

Franzos leitet die Darstellung dieser Begebenheit mit folgenden 
Satzen ein: "Es wird mir eigen zu Mute, nun ich sie (die Geschichte) 
wieder berichten soil. Vor allem: sie klingt so unglaublich. Und nur 
wenigen Menschen des Westens ist eine Briicke des Verstandnisses 
geschlagen in diese fremde, diistere Welt. Die anderen alle werden den 
Kopf schiitteln. Ich aber kann nur sagen: es ist wahr, es ist nicht 
erfunden, es hat sich wirklich so begeben!"**) 

Wahrlich, wenn man diese Schilderungen eines jiidischen, auch von 
jiidischer Seite als zuverlassig anerkannten Schriftstellers iiber den 
Cherem liest, so erscheinen einem Brafmann's Darstellungen von den 
"geheimen Verfolgern", von dem Zugrunderichten Ungehorsamer durch 
falsche Zeugen vor Gericht fast harmlos. Erst recht erscheinen seine 
Darstellungen von der Chasaka (Recht auf Grund und Boden der 
Christen) und Maaruphia (Recht auf bewegliches Eigentum der 
Christen), also die Darstellung von der geschlossenen Kahalfront gegen 
jeden einzelnen Christen, als eine geradezu selbstverstandliche 



* Das bezeugen so manche Sitzungsprotokolle! (D. H.) 

Einen Beleg aus neuester Zeit iiber das Fortbestehen des Cherem brachte der 
Aufsatz: "Der Bannfluch im Ghetto" in Nr. bll des "Hammer" vom 1. Juh 1926. 

XLIV 



Folge des Ghettodaseins. In den Augen des Ghettojuden ist jeder Christ 
im Cherem; er ist ein Stiick Vieh, kein Mensch. 

Welcher Unterschied besteht denn schlielSlich zwischen Brafmann 
und Franzos, diesen beiden ghettojiidischen Zeitgenossen? Franzos sagt 
einmal ("Ohne Inschrift" in "Aus Halbasien"): 

"Ach! Wie eigen ist es den Juden ergangen! Ihr frommer felsenfester 
Glaube ist ihnen einst der Schutzhut gewesen, der ihr armes Haupt vor 
den Keulenschlagen und Beilhieben des Feindes schiitzte. Es ware 
zerschellt ohne diesen Schutz, denn es waren furchtbare Schlage, 
furchtbare Hiebe. Aber eben darum ward ihnen auch dieser Schutzhut 
immer tiefer ins Gesicht hineingetrieben und schHefiHch iiber die Augen 
hinab, daG sie nichts mehr sahen. Das war einst nicht so sehr zu 
beklagen, denn es herrschte ja Nacht rings umher, und nichts, gar nichts 
war zu sehen, auch ohne Hut vor den Augen. Aber nun ist es im Westen 
Tag geworden, und im Osten tagt es, und dennoch riicken sie den Hut 
nicht hoher. Es ware nicht notig, daG sie ihn liiften, und nun voUends 
verderbHch ware es, woUten sie ihn ganz fortwerfen, aber ebenso 
verderbHch ist es, wenn er ihnen die Augen deckt. Er muG hoher geriickt 
werden, und diese ungliickHchen Menschen miissen sich daran 
gewohnen, demjungen Tage ins schone morgenrote AntHtz zu sehen". - 

Welcher Unterschied besteht also zwischen obigen beiden 
Schriftstellern? Franzos will aus den Ghettojuden Reformjuden machen, 
Brafmann will den Hut nicht nur hoher riicken, sondern ihn fortwerfen. 
Karl Emil Franzos hat die moderne jiidische Presse mit Recht als 
Schriftsteller anerkannt und als Juden gefeiert (Vgl. Die grofie Jiidische 
Enzyklopadie), obwohl er Brafmann's Darstellungen bestatigt - 
Brafmann dagegen, der dem Judentum den Riicken gewandt hat, wird 
mit Schmutz beworfen. 

Ist es seit Franzos und Brafmann besser geworden? Haben die 
Ghettojuden in Halbasien den Hut hoher geriickt? Z. T. ist die Auflosung 
des Ghettodaseins in voUem Gauge, z. T. sucht man aber den Hut noch 
tiefer herabzuziehen. 

Es ist der Chassidismus, der bewirkt hat, daG die Verhaltnisse 
unter den Ghettojuden dieselben geblieben sind, wie sie zur Zeit von 
Franzos und Brafmann bestanden. Es sind dieselben Menschen, 
dieselben Zustande. Daraus folgt mit Notwendigkeit, daG die - nach 



XLV 



Franzos - mit dem Ghettojudentum eng verbundenen Einrichtungen - 
Kahal und Bet Din - heute noch in Osteuropa bestehen miissen. Da im 
Brafmann der Name der Chassiden wiederholt vorkommt, so sei auf 
diese kurz eingegangen. 

Im Judentum hat es immer eine asketische, mystische 
Unterstromung gegeben, die dann Oberwasser erhielt, wenn die 
wohlhabenden gebildeten Juden sich der Kultur der Wirtsvolker 
anschlossen und ein Reformjudentum schufen. Aus solcher 
Unterstromung entstand im Mittelalter, als auf spanischem Boden eine 
freiere Richtung sich entwickelte, der KabbaHsmus. Auf diesen ist letzten 
Endes die mystisch gerichtete Sekte der "Frommen", der Chassiden, in 
Osteuropa zuriickzufiihren. Sie wird von den reinen Talmudjuden stark 
angegriffen, umfaGt jedoch in Osteuropa dreiviertel aller Juden. 
Untereinander hassen sich ja die Juden, die verschiedenen reHgiosen 
Gruppen angehoren, mit der gleichen Leidenschaft wie sie die 
Nichtjuden hassen. Der Wunderrabbi von Sadagora, den auch Franzos 
behandelt, hat unter den Chassiden ganz besonders groQen EinfluG 
ausgeiibt. 

In einem jiingst erschienenen Artikel: "Der Rabbi Jacob Friedmann 
von Michael Wurmbrand" (Berliner Tageblatt vom 11. September 1927) 
wird folgende Darstellung gegeben. 

"Sadagora, ein Fleckchen in den siidostlichen Auslaufern der 
Karpathen, ist die Wiege des "modernen", d. h. den Charakter der Sekte 
abstreifenden und zu einer "Bewegung" anwachsenden 
Chassidismus. Dort fand vor etwa 120 Jahren der vor schwerer 
Verfolgung aus RuGland fliichtende "Rishiner Rebbe", ein Enkel des 
"Grofien Maggid", des geistigen Erben des "Baal-Schem", ein Dauerasyl 
hinter den osterreichischen Grenzpfahlen. Er nahm den Familiennamen 
Friedmann an und ist der Ahne der Rabbidynastie Friedmann, die in 
der chassidischen Welt den rabbinischen Legitimismus reprasentiert. 

Sadagora ist auch die Wiege der chassidischen Legende; sie 
rankt sich da um jedes baufallige Fachwerkhaus, um jeden 
Schutthaufen. Helden der Legende sind der "Rishiner" und seine ersten 
Nachfahren. Die spateren Generationen - man lese die Sadagoraer 
Episode in Hermann Bahr's autobiographischem Werk 
"Selbstbildnis" nach - horten es nicht gern, wenn man sie "Wunderrabbis" 
titulierte; sie fiihrten in den oft mit modernem Raffinement aus- 



XLVI 



gestatteten Gemachern des wegen seiner Pracht ebenfalls legendar 
gewordenen Rabbischlosses ein Leben reicher Patrizier und "leiteten die 
Bewegung". Die Frauen gingen nach der letzten Mode gekleidet, und die 
Jugend liebaugelte mit neuzeitlichen Ideen. Rabbi Jacob 
Friedmann, das jetzige Oberhaupt der Dynastie, hat sich als 
"Organisator" des Weltverbandes "Agudas Jisroel" - dieses auch in 
Deutschland, Westeuropa und Amerika festgegriindeten BoUwerks des 
jiidischen Konservatismus - sehr hervorgetan. An seiner physisch und 
geistig gepflegten, 42]ahrigen Personlichkeit haftet heute nicht mehr das 
Spinnweb der Legende." - 

Wesentlich erganzt wird diese Notiz durch die Darstellung von 
Franzos. "Reb Srulze" war ein finsterer Fanatiker, der in Belk, Russisch- 
Polen, lebte, einen Juden, der zum Christentum iibertreten woUte, in 
einem Kalkofen verbrannte, nach Osterreich sich rettete und dort der 
Wunderrabbi von Sadagora wurde. In bissigster Weise schildert Franzos 
die weitere Entwicklung der "Dynastie Friedmann", die der Leser in 
"Halbasien" ("Der Ahnherr des Messias") nachlesen moge. 

Wichtig ist die obige Feststellung, daS der Chassidismus jetzt eine 
aggressive Bewegung geworden ist, die einen Weltverband - Agudas 
Jisroel genannt - geschaffen hat. SelbstverstandHch muG dieser 
Weltverband die Kahal- und Bet Din-Organisation beibehalten haben, da 
der Chassidismus ohne sie einf ach undenkbar ist. - 

Wenden wir uns nun einem anderen Problem, namlich der 
Mondnatur des Ghettojudentums zu.*) 

Was bedeutet das? 

Die Mondnatur steht im Gegensatz zur Sonnennatur. Die Sonne 
dreht sich um eine Achse wie auch Erde, Mars, Jupiter und die meisten 
anderen Planeten. Die Sonne hat fiir uns Erdenmenschen eine sichtbare 



Die rabbinische Literatur kennzeichnet ganz offen die Juden als Mondvolk; vgl. 
Talmud-Traktat Sukka 29 b: "Eine Sonnenfinsternis ist von iibler Bedeutung fiir die 
Nichtjuden, eine M o n d finsternis fiir die Juden." - Jerusalem er Talmud, Traktat 
Rosch haschschana bl b: "Gott hat den Israeliten den Mond iibergeben wie ein Konig 
seinem Sohne einen Ring gibt." - Im Midrasch Exodus, Kap. 15 Ende, wird die 
jiidische Geschichte von Abraham bis Zedekias mit den Mondphasen verglichen. Im 
Midrasch Genesis, Kap. 65, wird der voUhaarige Esau mit der Sonne, der kahlkopfige 
Jakob mit dem Monde verglichen. (Jakob ist in der Bibel der Listige, Heimliche.) 

XLVII 



Aufienseite; wahrend der Umdrehung kommt diese restlos zum 
Vorschein, nur das Innere bleibt verborgen. 

Weitaus die meisten Menschen und Volker nun besitzen 
"Sonnennatur". Im Innern verbergen sie manches, was schliefilich sie 
allein angeht, aber alles, was mit ihrem Leben und Treiben 
zusammenhangt, liegt offen zutage. Jedenfalls bemiihen sie sich nicht, 
dieses zu verheimlichen. 

Manche Menschen freilich diirfen dieses oder jenes nicht der 
OffentHchkeit blolSstellen, so z. B. Geschaftsleute, die Neues, 
Unvermutetes unternehmen, Diplomaten, Staatsmanner u. a. m. Allein, 
sie verlieren damit nicht ihre "Sonnennatur". Auch die Sonne - konnte 
man sagen - ist ja nachts nicht sichtbar, aber sie geht doch wieder aus! 
Denn das Geheimnis jener Klasse von Mannern wahrt schliefilich doch 
nur eine gewisse Zeit. Sind die Finanz- oder sonstigen Geschafts- 
Operationen oder die diplomatischen und RegierungsmaGnahmen 
beendet, vertragt es sich mit der Sicherheit, schadet die OffentHchkeit 
nichts mehr, so wird niemand die Veroffentlichung ernstlich verweigern. 
Die Vergangenheit lafit sich historisch verarbeiten, z. B. 
in einer Wirtschafts- oder Staatengeschichte. 

Das sind die Sonnennaturen! 

Ganz anders die Mondnaturen! Gerade so wie der Mond der 
Erde - dem Menschen - stets nur eine Seite zukehrt und die andere vor 
dessen Blicken versteckt, gerade so haben manche Menschen und 
menschliche Organisationen eine der AuGenwelt zugekehrte 
Vorderseite und eine nicht sichtbare Hinterseite. Die Vorderseite 
ist gleichsam die Biihne, auf der man als Schauspieler auftritt, die 
Hinterseite dagegen entspricht dem Dasein hinter den Kulissen, d . h . 
der wahren Natur der Beteiligten. Solche "Mondnaturen" geben 
sich die grofite Miihe, die Hinterseite zu verbergen. In diesem Punkte 
sind sie auGerst empfindlich und fiihlen sich durch deren Enthiillung in 
ihrem Dasein bedroht. Das ist leicht verstandlich, denn "Mondnatur" 
besitzen Verbrecher oder mindestens solche, die von der offiziellen Welt 
fiir Verbrecher gehalten werden, und Geheimbiindler.*) 



Angesichts der entriisteten Zeitungspolemik, die kiirzlich von Seiten der Loge 
Niedersachsen gegen Exzellenz Ludendorff eroffnet wurde, ist folgende Betrachtung 
vielleicht nicht ohne Interesse. Dafi die deutschen Logen nichts mit der revolutio- 

XLVIII 



Die Geheimbiindelei kann sich auf die verschiedensten Dinge 
beziehen, auf religiose, auf staatlich-politische, auf wirtschaftliche 
Geheimbiindelei. Solange das verfolgte Verbrechen, solange der 
Geheimbund besteht, muG jede Enthiillung verderblich sein. Mit dem 
Tode des Menschen oder mit der Auflosung der Organisation geht das 
Geheimnis gewohnlich auch zu Grunde; es bleibt unenthiillt. 

Das Judentum - das orthodoxe Ghettojudentum - besitzt 
Mondnatur. Es besitzt eine Hinterseite - das Ghetto- und Religionsdasein 
- mit vielen Geheimnissen, die nur das Ghetto- und Religionsmitglied 
kennen darf. Urspriinglich waren die religiosen Schriften iiberhaupt 
Geheimnis und ausschliefilich fiir die Juden, wohl auch nur fiir die 
Priester bestimmt. Ein Teil des Talmud, z. B. die Mischna, durfte 
iiberhaupt nicht aufgezeichnet, durfte nur miindlich iiberliefert werden. 



naren Weltfreimaurerei zu tun haben, ist sehr wahrscheinlich. Allein es liegt nun 
einmal in der Natur der Sache, dafi Mitglieder von Organisationen, die 
Geheimbundcharakter, also Mondnatur, besitzen, darauf verzichten miissen, wie 
Menschen mit Sonnennatur eingeschatzt und behandelt zu werden. Mitglieder von 
Geheimgesellschaften mogen durch ihre Mitgliedschaft viel - sehr viel - gewinnen, 
aber sie sind Schlemihlgestalten: sie haben keinen ehrlichen Schatten mehr, sie haben 
das unbedingte Vertrauen auf ihr Wort verloren, wie Peter Schlemihl seinen 
Schatten verloren hat. 

Ihre Versicherungen iiber ihren Geheimbund mogen richtig, sie mogen aber auch 
von der Pflicht dem Bund gegeniiber diktiert sein. Niemand kann es wissen. 
Obendrein erscheint es geradezu als Charakteristikum der Geheimbiinde mit 
Hochgraden - mindestens vieler - zu sein, dafi sich die innere Entwicklung nach 
folgender Richtung hin voUzieht: die oberen Grade haben ganz andere 
Gesichtspunkte als die unteren, z. B. unten herrscht ein religioser Fanatismus, der in 
riicksichtslosen politischen Morden sich aufiert, oben der iibelste zynischste 
Atheismus, der die unteren Grade einfach mifibraucht. Demgemafi konnen die 
Logenbriider gar nicht wissen, was oben vor sich geht, und ob sie nicht selbst die 
gemiSbrauchten Betrogenen sind. Das eben ist der Fluch des Verzichtes auf ehrliche 
Offenheit, dafi der Verzichtende verkannt werden kann. Die Entriistung der Herren 
von der Loge Niedersachsen ist also nicht gerechtfertigt. Enthiillen Sie, meine 
Herren, erst einmal Ihre Geheimnisse, gewinnen Sie erst einmal Ihren Schatten 
wieder, bevor Sie so stolze Tone reden diirfen, wie Sie es Exzellenz Ludendorff 
gegeniiber getan haben. Ubrigens soil damit keineswegs eine Stellungnahme 
gegeniiber Ludendorff s Schrift erfolgt sein, die ich nicht gelesen habe. Es ist 
bezeichnend, dafi man die Mitglieder der Logen "kiinstliche Juden" genannt hat. Der 
Prager des Wortes hat augenscheinlich die "Mondnatur" der Juden und Logenbriider 
geahnt, also das Wesentliche getroffen. 



XTIX 



Mit Acht und Bann und Tod wurde jeder bestraft, der etwas von 
den religiosen Geheimnissen verriet. Die Bibeliibersetzung (das Targum) 
des Onkelos wurde so sehr als Hochverrat am Judentum empfunden, 
daG man Gott sagen liefi: "Wer gibt meine Geheimnisse den Menschen 
preis?" (Megilla 3a). 

Der tagtagliche Verkehr mit den Wirtsvolkern hatte nun aber zur 
Folge, daG die staatlichen Behorden sich in die Gemeinde- 
angelegenheiten einmischten, und dal? gewisse Gemeindebeamte sogar 
gewissermaGen staatliche - nicht jiidische - Beamte waren. Daher wurde 
die Mondnatur bis zur VoUendung ausgebaut. Es gab keine "absoluten" 
Geheimnisse, die voUig unsichtbar und ungreifbar - gleichsam als 
Geister - herumschwebten, sondern so manche Organisation besaG eine 
Vorderseite, die fiir die nichtjiidische Welt da war, und eine 
"Hinterseite", die fiir die Ghettomenschen die Hauptsache war, die nur 
diese kannten, und die ausschliefilich den jiidischen Interessen diente. 
Eine solche Einrichtung hatte den Vorzug, daG man often von der 
betreffenden Organisation sprechen konnte; der Nichtjude verstand 
darunter die ihm bekannte, staatlich anerkannte "Vorderseite", der 
Ghettojude dagegen dachte in erster Linie an die "Hinterseite" dieser 
Organisation. 

Hier ein Beispiel: Der Faktor, wie ihn Brafmann schildert, war 
einmal "Hausjude" bei Adligen, Kommissionar bei Privatleuten und z. T. 
auch offizieller Beamter des Kahal bei der Polizei und anderen Behorden 
- Vorderseite. Gleichzeitig war er Spion, Spitzel, Bestecher im Interesse 
des Judentums - Hinterseite. Solch ein Faktor spielte den Behorden und 
alien Nichtjuden gegeniiber auf der Vorderseite des jiidischen Mondes 
seine RoUe wie ein Schauspieler auf der Biihne - oft genug die RoUe eines 
dummen und verpriigelten August; auf der Hinterseite des Mondes - im 
Ghetto, innerhalb seiner Volksgemeinde - schaumte sein HaG gegen die 
Gojim auf, lachte er gleichzeitig iiber die Dummheit und Blindheit der 
ausgebeuteten, betrogenen Peiniger. 

Das Verbrechen des "Spitzels" Brafmann besteht darin, daG er es 
gewagt hat, die Hinterseite des jiidischen Mondes zu beleuchten; seine 
Verfolger dagegen erklaren alles fiir Liige - miissen das auch tun, 
denn die Mondnatur diirfen sie unter keinen Umstanden zugeben. 



AUerdings verlangt es die Gerechtigkeit, folgendes festzustellen. Die 
russischen Beamten des Zarenreiches waren an Bestechungsgelder so 
gewohnt, dafi sie sie erwarteten, verlangten und gegebenenfalls sogar 
erprelSten. Das Kulturbild, das Franzos in der Erzahlung: "Mein 
Onkel Bernhard" ("Vom Don zur Donau") entwirft, enthiillt in 
erschiitternder Weise die MiGstande, die ein gewohnheitsmaGiges 
Bestechungssystem hervorruft. Grundsatzlich soil niemand hier 
beschuldigt werden, nur die Tatsache wird festgestellt. Franzos hat sich 
nicht von ethischen Anwandlungen und Urteilen f erngehalten, well er es 
nicht vermocht hat, sich als reiner Forscher dem Judentum - seinem 
eigenen Volkstum - gegeniiber zu stellen. Er konnte es auch nicht - ohne 
Aufdeckung der Mondnatur des Judentums - also durfte er es nicht tun. 

Man konnte einwenden, daG ja von jiidischer Seite aus die 
Geschichte der Juden geschrieben worden sei; demnach konne von einer 
Mondnatur des Judentums, d. h. von einem Geheimbundcharakter nicht 
die Rede sein, da letzterer sich geschichtlich nicht bearbeiten laGt, 
solange das Geheimnis besteht. GewiG gibt es eine ganze Anzahl solcher 
Geschichtsbeschreibungen, allein diese schildern lediglich die 
Vorderseite des Mondes. Sorgfaltig vermeidet es jeder, auch nur 
andeutungsweise auf das Vorhandensein einer Hinterseite hinzuweisen. 
Aber ahnlich wie ein Verbrecher gewohnlich in irgendeiner Beziehung 
eine Dummheit macht, die ihn verrat, so haben auch jiidische 
Geschichtsschreiber zuweilen einen Lichtstrahl auf die Hinterseite des 
jiidischen Mondes zu werfen nicht unterlassen konnen. Man lese z. B. 
den Jubelruf, den Graetz erschallen laGt dariiber, daG die Romer nach 
der Zerstorung Jerusalems und des Tempels die Errichtung einer 
harmlosen "Lehranstalt" (Vorderseite) zu Lydda, in dem Kiistenflachland 
Palastinas bei Jassa gelegen, gestatteten. Hohnisch ruft er aus: Wenn sie 
geahnt hatten, was sie taten! - Hinterseite! 

Auch als er schildert, wie der Rabbi Akiba eine religiose 
Studienreise (Vorderseite) von Palastina nach Babylonien macht, das 
damals den Parthern gehorte, kann Graetz nicht die Bemerkung 
unterlassen, daG diese Reise in Wirklichkeit einen politischen Grund 
hatte, namlich die Farther gegen Rom aufzuhetzen (Hinterseite). Und 
dann die maGlose Empfindlichkeit der Juden - auch der Gegenwart - 
gegen jeden, der sich mit dem Judentum zu beschaftigen wagt. Sofort 



LI 



werden sie nervos, und die Zentralstelle ordnet einen Entriistungs- 
rummel an wie jetzt wegen der Herausgabe der Brafmann'schen 
Schriften. Warum das alles, wenn man nichts zu verbergen hat? Das 
schlechte Gewissen gibt die einzige Erklarung fiir diese befremdliche 
Handlungs weise . 

In dem Vergleich zwischen jiidischen Geschichtsschreibern und 
Verbrechern ist das tertium comparationis das Sichverraten, nicht 
etwa das Unerlaubte, Verbrecherische. Jede politische oder religiose 
Organisation, die eine Gruppe von Menschen zusammenhalt, deren 
Anschauungen sich aus bestimmten ethischen Vorstellungen und Lehren 
aufbauen, hat m. E. das Recht, um ihr Dasein zu kampfen und mit alien 
ihr zu Gebote stehenden Mitteln sich zu behaupten und durchzusetzen. 
Demgemafi bin ich der Ansicht, daG das Judentum, wenn es sich nicht 
selbst umbringen will, das Recht und sogar die Pflicht hat, mit alien 
Mitteln seine Mondnatur abzuleugnen. Was der naive, parteilich 
eingestellte Nichtjude als Lug und Trug empfindet, ist fiir den 
orthodoxen Juden, der in seiner religiosen Organisation das hochste und 
heiligste Gut erblickt, sittlichste, heiligste Pflicht. Nichts ware falscher, 
als ihm daraus einen Vorwurf machen zu woUen. Eine Verurteilung 
ware nur bei parteipolitischer Einstellung gerechtf ertigt, wissenschaftlich 
aber keinesfalls. Der wissenschaftliche Forscher soil iiber jeder Partei 
stehen. Damit wird auch die Stellung des Herausgebers festgelegt. 

So moge denn zunachst folgende grundsatzliche Stellungnahme 
zum Judentum hier erfolgen: Geradeso wie zwischen politischen 
Parteien innerhalb von Staaten oder zwischen letzteren HaG und Liebe 
kritiklos herrschen, werden die Beziehungen zwischen Juden und 
Nichtjuden vielfach, wenn nicht iiberwiegend, von Gefiihlsurteilen 
bestimmt. DaG viele jiidische Gelehrte alle Haltung verlieren, sobald sie 
auf jiidische Gegner zu sprechen kommen, wurde bereits betont. In 
denselben Fehler zu verfallen, soUte man vermeiden. Man muG sich 
bemiihen, das Judentum als naturwissenschaftlich- 
ethnologisches Problem auf zuf assen. Moralische Anwandlungen, 
sittliche Entriistung, gefiihlvoUe Sentimentalitat sind bei 
wissenschaftlicher Behandlung der Judenfrage nicht am Platze. Ein 
Zoologe, der sich iiber den Kuckuck, der sein Ei in ein fremdes Nest legt, 
iiber die Schlupfwespe, die ihre Eier in Raupen legt, so daG diese unter 
Qualen sterben, der sich iiber Fuchs und litis im Hiihnerhof sittlich 



LII 



entriistet, wird Lacheln erregen. Auch der Volkerkundler darf bei der 
Behandlung von Sitten und Gebrauchen wie Blutrache, Kopfjagerei, 
offizieller Prostitution der jungen Madchen u. a. m. nicht in sittliche 
Aufregung geraten. Erklaren und Verstehen - das muG das Ziel 
sein. 

Dem, der das Judentum als naturwissenschaftlich-ethnologisches 
Problem faGt, kann es nicht schwer fallen, einen kiihlen Kopf zu 
behalten. Das jiidische Volkstum und das Verhaltnis von Juden zu 
Nichtjuden laGt sich genau so objektiv darstellen wie das Verhaltnis 
zwischen Buschmannern und Kaffern, Haussas und Fulbe oder zwischen 
sonstigen, starke Gegensatze aufweisenden Volkern. Wenn man nun gar 
von der landschaftskundlich-kulturgeographischen Seite an das 
Judenproblem herantritt, wenn es gelingt, aus den kulturgeographischen 
Verhaltnissen des Orients heraus das "wandernde Geheimnis" 
einigermaGen zu enthiillen, so empfindet man gar keine Neigung, auch 
nur um Haaresbreite von dem Wege wissenschaftlicher Forschung 
abzuweichen. Auch der Leser wird gebeten, von alien politischen 
Gefiihlen abzusehen und sich zu bemiihen, das Judentum zu verstehen. 

1st eine so geartete, rein wissenschaftliche, kiihle Stellungnahme den 
Odisten angenehm? 

Das soUte man annehmen, allein es scheint nicht der Fall zu sein. Es 
ist augenscheinlich jenen Herren auGerst unsympathisch, wenn sich 
iiberhaupt irgend ein Nichtjude mit ihnen wissenschaftlich beschaftigt. 
So auch in meinem Fall. Die odistische Presse regt sich ganz besonders 
dariiber auf, daG ausgerechnet ein Geograph es zu tun wagt. 
Augenscheinlich glauben die Entriisteten, daG sich das Studium der 
Geographie auf das Auswendiglernen von Stadten, Fliissen, Gebirgen, 
Staaten, Volkern u. a. m. beschranke. DaG sich die Kulturgeographie mit 
der Abhangigkeit des Menschen von der Natur des Landes beschaftigt, 
scheint jenen noch nicht bekannt zu sein. Nun hat es sich herausgestellt, 
daG das Studium der Kulturgeographie des Orients in geradezu 
verbliiffender Weise in das Verstandnis nicht nur der kulturellen und 
geschichtlichen Verhaltnisse des Orients selbst, sondern auch des aus 
dem Orient stammenden Judentums einfiihrt. Das Studium der 
vergleichenden Landschaftskunde und damit das Studium der 
Abhangigkeit des Menschen von den verschiedenen landschaftlichen 



LIII 



Faktoren diirfte geeignet sein, in den wesentlichsten Punkten den 
Schleier zu liiften, der bisher immer noch das Judentum - dieses 
wandernde Geheimnis - verhiillt hat. Das Judenproblem ist zu 
einem wesentlichen Teil ein kultur-geographisches 
Problem. 

Die Kulturgeographie ist also diejenige Wissenschaft, die das 
Studium des Judentums ganz besonders zu f ordern beruf en ist. 

Ware das Judentum eine Organisation ohne Mondnatur, so miiSte 
eine wissenschaftliche Erforschung jenes den Odisten doch nur 
angenehm sein. Genau das Gegenteil ist aber der Fall. Keinen grofieren 
Tort kann man ihnen antun, als wenn es einem objektiven Gelehrten 
wirklich gelingen soUte, die Hinterseite des Mondes zu beleuchten, 
d. h. ihr Geheimnis zu enthiillen. Gelingen kann die Losung des 
Problems natiirlich am ehesten einem kiihl denkenden Wissenschaftler. 
Wer leidenschaftlich, als Parteipolitiker, an das Problem herantritt, wird 
hochst wahrscheinlich auf eine falsche Bahn geraten und damit das Herz 
der klugen Rabbiner und anderer leitender odistischer Kopfe erfreuen. 
Auch verbeiGt sich ein Leidenschaftlicher haufig - ja, meist - auf eine 
einzige Idee und kann daher die Ubertreibung nicht vermeiden. Jede 
ijbertreibung richtet sich aber selbst. In solchem Fall haben die Odisten, 
deren Starke gerade in ihrer eiskalten Leidenschaftslosigkeit liegt, im 
Widerlegen der Gegner ein leichtes Spiel. 

DemgemaG haben die Odisten eine kiihle, rein wissenschaftliche 
Untersuchung am meisten zu fiirchten. AUes kann das Judentum 
aushalten, Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht, 
Verfolgungen und Austreibungen, Mord und Totschlag. Leiden wirken 
sogar auf das Judentum, wie das Schermesser auf zu lang gewachsenes, 
daher ausfallendes Haar. Nach dem Abschneiden hort der Haarausfall 
auf; das Haar wird dichter, starker, widerstandsfahiger. Nun, der 
Haarausfall ist der Abfall vom Judentum, das Abschneiden ist die 
Verfolgung. Das wissen die Herren Rabbiner und sonstigen Haupter - 
Raschim - ganz genau. Man lasse den Antisemitismus verschwinden, 
und die Odisten wiirden sich die grofite Miihe geben, ihn kiinstlich 
wieder hervorzurufen, allerdings in einer moglichst ungefahrlichen 
Form, aber doch geniigend stark, den Haarausfall moglichst 
einzuschranken. 



LIV 



Kann das Judentum wirklich alles ertragen? Nein - die Wahrheit 
iiber seine Mondnatur - die kann es nicht vertragen; diese Erkenntnis 
ist den Odisten gefahrlich. Solange man Lebensweise und Beziehungen 
zu Ratten und Pestflohen nicht kannte, konnten die Pestkeime alien 
medizinischen MaGnahmen spotten. Solange man nicht das Wesen des 
Judentums erkannt hat, werden alle Vorschlage, gegen dessen Schaden 
vorzugehen, verfehlt sein miissen. 

Entsprechend seiner Doppelstellung als Arzt und Geograph ist der 
Herausgeber seit Jahren bemiiht, von der Landschaftskunde und 
Kulturgeographie ausgehend, dem Verstandnis des Judentums naher zu 
kommen. Seine Reisen im Orient haben wesentlich zu der Erkenntnis 
beigetragen, daS das Judentum keineswegs etwas so Eigenartiges ist, 
und daG es gerade auf dem Boden Palastinas, speziell in Jerusalem, 
sodann weiterhin in den Gastkolonien wahrend der Zerstreuung sich 
einfach so entwickeln mufite. Die Ergebnisse dieser Forschungen 
soUen in einer besonderen Schrift niedergelegt werden. Hier handelt es 
sich lediglich darum, die beiden Veroffentlichungen Brafmann's, die zu 
dem Verstandnis des Judentums ganz wesentlich beitragen, weiteren 
Kreisen zuganglich zu machen. Vielleicht ist auch derjenige Leser, dem 
Kahal und Ghettojudentum bisher unbekannte Begriffe waren, nunmehr 
in den Stand gesetzt, die Brafmann'schen Darstellungen und die 
Sitzungs-ProtokoUe zu verstehen. Weitere Anmerkungen soUen ihn noch 
auf manche Gesichtspunkte aufmerksam machen. 

Hamburg, Ende Oktober 1927 S.Passarge 



LV 



LVI 



Jacob Brafmann: Das Buch vom Kahal 



Erster Band: 



Materialien zur Erforschung der 
jtidischen Sitten 



Vorrede 

Im Jahre 1858, wahrend des Aufenthaltes des Zaren in Minsk, 
iiberreichte ich im AUerhochsten Auftrag eine Denkschrift iiber die 
Lage und das Leben der Juden. Zur Erklarung dieser Denkschrift wurde 
ich durch Befehl der AUerheiHgsten Synode am 29. Oktober 1859 nach 
Petersburg und durch Ukas vom 13. Mai 1860 nach Minsk berufen, wo 
ich zum Lehrer der jiidischen Sprache am geistHchen Seminar ernannt 
wurde. Dabei erhielt ich den Auftrag, Vorschlage zur Beseitigung der 
Schwierigkeiten zu machen, mit denen Juden, die zum Christentum 
iiberzutreten wiinschten, zu kampfen hatten. 

Auf Grund meiner genauen Kenntnis der jiidischen Sitten, die 
sowohl auf meiner jiidischen Abstammung als auch auf meinem Leben 
beruht, das sich bis zu meinem 34. Jahre im Judentum bewegte, waren 
mir die Quellen, aus denen ich Material fiir meine Aufgabe schopfen 
konnte, bekannt. Den Weg zu diesen Quellen ebnete mir einmal die 
Unterstiitzung seitens des hochwiirdigen Machail, ehemaligen 
Erzbischofs von Minsk, und ferner die Sympathien, die viele Juden fiir 
meine Arbeit hegten.i) *) Dank dieser giinstigen Umstande sammelte ich 
allmahlich reichliches Material, das nicht allein dem erwahnten Ziele, 
sondern auch der Aufklarung der Stellung, die die Juden einnehmen, im 
allgemeinen dienen konnte. 

Das Material besteht aus einer grofien Anzahl von Privatbriefen, 
Notizen, Dokumenten, Akten und ahnlichen Schriftstiicken, welche dem 
Inhalt nach geeigneter sind, ein Licht auf die verwickelten, inneren 
Lebensgebrauche der Juden zu werfen, als andere Mittel, die bisher 
durch wissenschaftliche Untersuchungen hatten erreicht werden 



Aus technischen Griinden werden die durch Zahlen kenntlich gemachten 
Anmerkungen Brafmann's an den Schlufi des Bandes verwiesen, wo sie der Leser auf 
den Seiten 222 ff vereinigt findet. D. H. 



konnen. An erster Stelle steht in meiner Sammlung ein bisher der 
Wissenschaft unbekanntes Material, bestehend aus rund tausend 
Vorschriften/) Entschliefiungen und Akten jiidischer Kahale 
(Gemeindeverwaltungen) und Bet Dine (talmudischer Gerichte), mit 
denen dieses Buch den Leser bekannt machen wird. 

Die Wichtigkeit und Bedeutung dieser Dokumente besteht darin, 
daS sie die praktische Seite des Lebens der heutigen Juden darstellen, 
die, scheinbar ganz unter dem EinfluG der herrschenden talmudischen 
Theorien stehend, in Wahrheit noch erheblich iiber diese hinausgeht.**) 

Im Talmud sind z. B. keine deutlichen Hinweise auf die Grenzen zu 
finden, bis zu denen der Kahal und der Bet Din (das jiidische Gericht) 
ihre Macht auf das Privatleben des Juden ausdehnen diirfen. In den von 
uns abgedeckten Dokumenten dagegen sind diese Grenzen klar und 
deutlich gezogen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen diesbeziiglich 
die Dokumente unter Nr. 16, 64, 131, 158. Aus diesen vier Akten ersehen 
wir, daG der Despotismus des Kahal so tief in das Leben des Juden 
eingreift, daG es diesem nicht freisteht, zur Feier eines hauslichen Festes, 
zu einem Festessen, einzuladen, wen er will, oder ein Essen nach seinem 
Geschmack und Bediirfnis herzurichten, ohne vorher die Genehmigung 
des Kahal eingeholt zu haben.***) 

Aus der anderen Seite stellen wir die Frage: was bedeutet das 
Staatsgesetz dem Juden? 

Der Schulchan aruch gibt uns deutlich Antwort auf diese wichtige 
Frage. "Dina demalchuta dina", d. h. das Gesetz des Staates ist Gesetz 
(verbindlich fiir die Juden) .2) An anderer Stelle finden wir die Meinung, 



* Genau 1072. D. H. 

Brafmann will folgendes sagen: Man fiihrt die fiir die orthodoxen Juden 
mafigebenden Vorschriften gemeiniglich auf den Talmud zuriick. In Wirklichkeit 
sind sie, soweit es sich um den Kahal und Bet Din und deren Anordnungen handelt, 
zum Teil erst spater entstanden. Daher sind sie fiir den Talmudjuden im Grunde 
genommen nicht bindend und ihm widerrechtlich aufgezwungen worden. D. H. 
*** Den Leser fiihrt das Studium des "Brafmann" ins tiefste Mittelalter hinein. Auch in 
den mittelalterlichen Stadten war alles ganz genau geregelt, die Freiheit des 
Einzelnen im Privatleben eingeengt. Das Ghetto ist noch ein Stiick Mittelalter, aber in 
diesem Fall ist insofern eine deutliche Mifiwirtschaft des Kahal festzustellen, als er 
die Vorschriften dazu benutzt hat, um Gelder aus dem Volk zu erpressen. Vergleiche 
Einfiihrung, S. XXV ff. D. H. 



"dafi diese Vorschriften sich ausschliefilich auf Fragen personlichen 
Vorteils der Konige beziehen und Beschliisse juristischer Institutionen 
(d. h. des Staates) in keiner Weise als fiir den Juden verbindlich 
anzusehen sind."^) Die dritte Stelle aber wirft die Lehre der ersten beiden 
voUig um: "Rabban Simeon, Sohn Gamaliels, Rabbi Simeon (ben Jochai), 
Rabbi Ismael und Rabbi Akiba sind samtlich der Ansicht, daG a lie 
Israeliten koniglichen Geschlechts sind." (1st also in der 
vorletzten Stelle ihr "Vorteil" gemeint?)^)*) 

Es ist erklarlich, daG trotz eingehender Antworten die Frage immer 
nebelhaft und ungeklart bleibt. Revidiert man aber diese Ansichten des 
Talmud und Schulchan aruch durch die Vorschriften des Kahal (siehe 
Nr. 165 und 166), so wird die Antwort ebenso klar wie abschliefiend sein. 
Denn aus diesen Vorschriften ersehen wir, daG Juden, die in eine 
nichtjiidische juristische Institution gewahlt worden sind^), verpflichtet 
sind, Falle, die in ihrer Gegenwart verhandelt werden, nicht nach ihrem 
eigenen Gewissen oder den Gesetzen des Reiches, sondern unter dem 
EinfluG des Kahal und des Bet Din zu entscheiden. 

Noch ein Beispiel: Wie verhalt sich der Jude von seinem national- 
religiosen Standpunkte aus zu dem beweglichen oder nicht beweglichen 
Eigentum des Nichtjuden? In dieser Hinsicht hat der Schulchan aruch^) 
so sehr jeder erdenklichen Ansicht Raum gegeben, daG wohl fast jeder 
Jude in der Lage ist, jeden noch so gelehrten nichtjiidischen Forscher 



* Der Talmud ist z. T. in der Weise zustande gekommen, dafi in Disputationen ein 
und derselbe Gegenstand iibungsweise von ganz entgegengesetzten 
Gesichtspunkten von verschiedenen Gelehrten behandelt wurde. Jeder suchte die 
Richtigkeit seines Gesichtspunktes zu beweisen. So sind denn iiber den gleichen 
Gegenstand die denkbar verschiedensten Anschauungen als richtig hingestellt. Rabbi 
X sagt dieses. Rabbi Y sagt jenes. Rabbi Z ein drittes. Dazu kommt, dafi 
Temperament und Veranlagung bei den Juden genau so verschieden sind, wie in 
jedem andern Volk. Da gibt es Verstandes- und Gefiihls-Menschen, jahzornige und 
sanftmiitige, hassende und versohnliche Gemiiter. So stehen auch in dieser Hinsicht 
die Anschauungen, Gefiihle und Entscheidungen einander schroff gegeniiber. Kurz, 
es steht a 11 e s im Talmud, z. B. dafi nur die Juden Menschen, alle Nichtjuden aber 
nur Vieh sind, gleichzeitig aber wird allgemeine Menschenliebe gepredigt. Oder: 
Jahwe ist hier der rachsiichtige, hassende Stammesgott, dort der liebende Allvater, 
der alle Menschen giitig in die Arme schliefit. Verstehen, nicht moralisieren ist hier 
am Platz. Man versuche stets die geschichtliche Entwicklung zu begreifen. D. H. 



auf das Glatteis zu fiihren. Durch die 37 Akte unserer fiinften 
Erlauterung wird sich der Leser davon iiberzeugen, daG der Kahal in 
seinem Wirkungskreis jiidischen Privatleuten "Chasaka" und 
"Maaruphia" (Choschen ha Mischpat 156, 5), d. h. das Recht auf 
Besitz der unbeweglichen Habe nichtjiidischer Einwohner und auf 
Ausbeutung eines jeden Nichtjuden verkauft.^ Mit einem Wort, wir 
sehen aus den Dokumenten dieses Buches, dafi der Kahal und Bet Din, 
die bisher unabhangig das private und gesellschaftHche jiidische Leben 
regieren (wie der Leser aus unserem Buche ersehen wird), nicht immer 
verpflichtet sind, sich an den Talmud zu halten, und daG personliche 
Vorschriften dieser Institutionen, die durch den Cher em (d. h. 
Bannfluch) bestatigt sind, fiir den Juden sogar wesentlich richtiger als 
der Talmud sein konnen. (HeiGt es doch schon im Talmud: 'Ein 
Branch [Minhag] hebt die talmudische Kegel [Halacha] 
auf " : Traktat Jebamoth 12, 1; Baba mezia 7, 1.) Dieses ist der Umstand, 
der den Dokumenten dieses Buches besondere Bedeutung verleiht. 

Indem wir auf diese Weise die inneren Triebfedern der jiidischen 
Gesellschaft aufdecken, mit denen uns der Talmud in keiner Weise 
bekannt machen kann, erklaren diese Dokumente auf die allerbeste Art 
und Weise, auf welchem Wege und mit welchen Mitteln die Juden trotz 
beschranktester Kechte imstande waren, fremde Elemente aus Stadten 
und Platzen, in denen sie ansassig waren, hinauszudrangen, sich sowohl 
des Kapitals als auch der unbeweglichen Schatze in diesen Gegenden zu 
bemachtigen und sich von jeglicher nichtjiidischer Konkurrenz im 
Handel und Handwerk zu befreien, wie es schon in den westlichen 
Gouvernements KuGlands, Polens, Galiziens usw. geschehen ist. Auf 
solche wunderbare Weise erklart es sich, daG (in Frankreich!) ganze 
Departements, wie Napoleon I. in einem ErlaG aus der Champagne vom 
29. November 1806 erzahlt, plotzlich an Juden verpfandet waren, und 
zwar zu einer Zeit, als sie die auGerste Minoritat der Gesamtbevolkerung 
des Kaiserreiches darstellten (60. 000) 8). Warum horen wir z. B. in dem 
Protest gegen die Juden von Seiten der nichtjiidischen Bevolkerung 
Kumaniens dieselben Worte, wie in der Klage der nichtjiidischen 
Einwohner von Wilna an den Zaren Alexei Michailowitsch im Jahre 
1680^): "Warum haben alle Keiche, wenn sie den Juden Biirgerrecht 



gewahrt hatten, es ihnen wieder genommen?" Und zum Schlufi das 
Wichtigste: in diesen Dokumenten liegt die klare Antwort auf die Frage, 
warum Arbeit und Kapital im Dienst unserer Regierung zur 
Assimilierung der Juden im Laufe der Jahrhunderte erfolglos blieben.*) - 

Wegen der unzweifelhaften Bedeutung besagter Dokumente hielt 
ich es fiir meine heilige Pflicht, die Aufmerksamkeit des General- 
Gouverneurs auf sie zu lenken, und 1866 legte ich dieselben mit meinen 
anderen Notizen iiber die Verbesserung der Sitten der russischen Juden 
(von denen ein Teil in den Nrn. 149, 151, 173 des "Wilnaschen Anzeigers" 
von 1866 gedruckt wurde), dem gewesenen Kreischef Konstantin 
Petrowitsch von Kaufmann vor, welcher zu ihrer Durchsicht unter dem 
Vorsitz von W. A. Tarassow eine jiidische Kommission ernannte, die sich 
auch heute noch um die Klarung der durch mein Material 
aufgeworfenen Fragen bemiiht und den gewesenen Kreis-Chef des 
nordwestlichen Kreises, den Grafen Eduard Trosimowitsch Baranow, 
zur Abfassung des bekannten Zirkulars vom 24. August 1867 "betreffend 
Vernichtung jiidischer Kahale" veranlaGte. Das Zirkular haben wir am 
Ende dieses Buches abgedruckt.**) 

Nach personlicher Durchsicht vieler dieser Dokumente in russischer 
ijbersetzung und auf Grund des durch sie hervorgerufenen Eindruckes 
auf den Vorsitzenden der Kommission stellte mir der Geheimrat Iwan 
Petrowitsch Kornilow Mittel zur Verfiigung, um eine Reihe dieser 
Dokumente in russischer Ubersetzung, etwa 20 gedruckte Seiten, 
herausgeben zu konnen. 



* Diese Angaben enthiillen mit einem Schlage das Geheimnis iiber die Erfolge der 
Juden. Jedem einzelnen Nichtjuden steht die gesamte jiidische Gemeinde als 
Einheit mit unendlich iiberlegenen Mitteln gegeniiber. Einer nach dem andern wird 
abgewiirgt, und niemand ahnt, woher das kommt. Es handelt sich hier um ein 
grofiartiges, ein geradezu geniales System. Und dazu kommt das Faktorsystem. 
Aber bitte, heber Leser, keine sentimentalen, moraHschen Anwandlungen! Das 
Ghetto ist eben eine feindliche Macht. D. H. 

** Man beachte, die jiidische Kommission hat die Abfassung des Zirkulars (am Schlufi 
dieses Bandes) veranlafit. Danach scheinen in dieser Kommission die Kahalfeinde im 
Ubergewicht gewesen zu sein. D. H. 

7 



Die Richtigkeit der Dokumente beweist: a) ihr vergilbtes Aussehen, 
b) die einheitliche Handschrift des Notars, der sie schrieb, c) die 
Unterschriften anderer Personen, deren Richtigkeit auch durch andere 
Quellen festzustellen ist, d) die Wasserzeichen im Papier "B. O. F. E. B.", 
wobei das erste Blatt 1790, die iibrigen 1764 datiert sind. 

AUe von mir gesammelten Kahal-Dokumente beziehen sich auf die 
Jahre 1794-1833; die 290 in diesem Buche aufgenommenen Dokumente 
datieren aus den Jahren 1794-1803. Auf Wunsch des Herrn Kornilow 
sind die Dokumente chronologisch geordnet. 

Zwecks bequemeren Studiums schicken wir den Dokumenten 17 
aufklarende Erlauterungen voraus. Jede dieser Erlauterungen betrifft 
eine bestimmte Anzahl von untereinander zusammenhangenden 
Dokumenten, und wer sich an der Hand dieser Dokumente eingehend 
mit den durch sie beleuchteten Fragen des jiidischen Lebens befaGt, wird 
finden, daG der Inhalt sich bezieht auf: Gesetze und Gebrauche, auf 
denen diese Dokumente basieren, ferner auf ihr gegenwartiges Ziel und 
ihren Einflul? auf die Sitten der Juden und Nichtjuden. Auf diese Weise 
beschaftigen sich die 17 Abschnitte mit folgenden Fragen des sitthchen 
und reHgiosen Lebens der Juden: 

Erlauterung 1: Von den Agenten des Kahals, den Faktoren und 
ihrem Wirken in der PoHzei, in der Verwaltung und bei den Beamten; 
iiber den EinfluG der Faktoren auf das Leben der jiidischen und 
nichtjiidischen Bevolkerung im allgemeinen; iiber das System des Kahals 
bei der Verteilung von Geschenken an Beamte und bei Bestechungen; 
iiber die jiidische Kommission beim Zaren Alexander I. und iiber den 
Bericht von Derschawin. 

Erlauterung 2: Uber Schlachtvieh, Koscher und Tref a; iiber den 
EinfluG des Koscher auf das Leben der Bevolkerung; iiber die Abgabe 
von koscherem Fleisch; iiber den Zweck des Koscher und iiber die 
Unterstiitzung des Koscher durch die russischen Gesetze. 

Erlauterung 3: Uber die jiidischen Briiderschaften, iiber deren 
Beziehung zum Kahal und iiber ihren EinfluG auf die Sitten der Juden 
und Nichtjuden. 

Erlauterung 4: Uber die "Aliyah" (Lesen der 5 Biicher Moses 
wahrend des gemeinsamen Betens), wobei die Juden sich in Patrizier 
und Plebejer teilen. 



8 



Erlauterung 5: Uber die Macht des Kahal in seinem Bereich; 
seine Regeln bei Erteilung von Ansiedlungserlaubnis an Juden in seinem 
Bereich; iiber den Verkauf an jiidische Privatleute von "Chasaka" und 
"Maaruphia" (d. h. Recht auf Besitz von unbeweglichem Eigentum 
nichtjiidischer Einwohner und auf Ausbeutung dieses Eigentumes und 
ihrer Besitzer); iiber den "Cherem" und den Eid der Juden. 

Erlauterung 6: Uber den Feiertag "Rosch haschana" (Neujahr) 
und iiber den Gebrauch des Hornblasens. 

Erlauterung 7: Uber die Einrichtungen der Synagogen und 
Schulen; iiber gemeinniitzige Bauten und Einrichtungen. 

Erlauterung 8: Uber den "Bet Din" (jiidisches Gericht); iiber 
seine Zusammensetzung und seine Beziehung zum Kahal; iiber die 
Macht und Bedeutung seiner Beschliisse fiir den Juden; iiber die 
Pflichten, die den jiidischen Mitgliedern (russischer) juristischer 
Korperschaften durch den Kahal und Bet Din auferlegt werden; iiber die 
Mittel zur Bekampfung von gegen die Vorschriften des Kahal und Bet 
Din Abtriinnigen; iiber die geheimen Verfolger. 

Erlauterung 9: Uber "Kabbalat Kinjan" oder "Seder", d. h. iiber 
die Gebrauche beim Kauf und Verkauf. 

Erlauterung 10: Uber die Hochzeit der Juden. 

Erlauterung 11: Uber den Branch der Beschneidung; iiber Feste 
und die Instruktionen, die der Kahal den Juden fiir die Vorbereitung zu 
Festen anlaGlich familiarer Feiertage und fiir die Einladung ihrer Gaste 
gibt. 

Erlauterung 12: Uber "Morenu", d. h. iiber einen Titel, mit dem 
dienstliche Rechte verbunden sind; iiber die Grade in der Kahal- und Bet 
Din-Hier archie. 

Erlauterung 13: Uber "Melammedim", d. h. von den jiidischen 
Lehrern und von der Erziehung der Juden. 

Erlauterung 14: Uber " Jom kippur" (den Versohnungstag) und 
iiber "Ha-Torat Nedarim" (Entscheidung iiber Versprechen, Eide usw.) 

Erlauterung 15: Uber "Kapporet" (das Hahnenopfer). 

Erlauterung 16: Uber "Mikwa" (Sitte der Reinigung fiir Frauen 
nach Menstruationsperioden und Geburten). 

Erlauterung 17: Uber "Kiddusch" und "Habdala" (Gebet iiber 
dem Kelch in der Synagoge und zu Hause). 

J. Brafmann 



Erlauterung I. Von den Agenten des Kahal und den 
Faktoren und ihrem Wirken in (russischen) 
polizeilichen, juristischen und administrativen 
Einrichtungen und bei den Beamten; iiber den Einflufi 
der Faktoren auf das Leben der jiidischen und 
nichtjiidischen Bevolkerung im allgemeinen; iiber das 
System des Kahal bei Bestechungen; von der jiidischen 
Kommission unter dem Zaren Alexander I. und von 
dem Bericht Derschawins. 

Der Agent des Kahal, dem obliegt, die Beziehungen der Juden zur 
Reichspolizei zu iiberwachen und Geschenke an die Polizeibeamten zu 
verteilen, wird der jiidische "Faktor"*) genannt. 

Die "Kunst der Faktoren" wird nicht allein bei Handelsgeschaften in 
Anspruch genommen. Vielmehr wird in den Handen der "Faktoren" 
diese "Kunst" fiir alle Lebenslagen nutzbar gemacht. Darum ist der 
"Faktor" in jiidischen Stadten iiberall auf der Lauer, nicht nur an den 
Tiiren der Geschaftsladen, in Gastwirtschaften und anderen Orten, die 
dem Handel und Tausch dienen, sondern auch in den Biiros der Polizei, 
Verwaltung und Justiz, ja oft sogar in den Privatwohnungen der 
Beamten, die einer dieser staatlichen Einrichtungen angehoren. 

Die "Legion" dieser "Faktoren" - die sozusagen jede Regung des 
offentlichen Lebens aufzufangen und fiir sich mit wesentlichem Nutzen 
auszuwerten verstehen,**) indem sie sie gleichzeitig den grolSjiidischen 
Zielen dienstbar machen - ist in verschiedene Klassen eingeteilt, und jede 
Klasse verfiigt iiber besondere Spezialisten. So gibt es "Faktoren" fiir den 
Handel, fiir Lieferungen, Faktoren, die sich mit der Kuppelei 
beschaftigen, und Faktoren fiir Justiz, Verwaltung usw. Wir sprechen 



Der Name wird Faktor ausgesprochen und bedeutet in Ostpreufien einen 
Ladendiener, der grobe Arbeiten, Botengange, Handlangerdienste verrichtet. Im 
jiidischen Ghettoleben ist er ein Spion, Spitzel, "Bestechungsagent". Das ist seine 
"Hinterseiten-Funktion". Ein Teil dieser Faktoren spielt die Rolle von Maklern und 
Kommissionaren im Geschaftsleben, ein anderer Teil die Rolle von amtlichen 
Agenten bei den russischen Beamten und in deren Biiros, um die Beziehungen 
zwischen Staat und Ghetto zu leiten (beides "Vorderseiten-Funktionen"). 

Das konnen einfach ganz legale Kommissionsgebiihren sein; ein Vorwurf ware 
dann nicht gerechtfertigt. D. H. 

10 



hier nicht von Sachwaltern, den sog. freien jiidischen Advokaten; die 
sind ein Kapitel fiir sich, und es scheint, daG in dieser Hinsicht die Juden 
hinter den anderen Volkern nicht zuriickstehen. 

Die Faktoren, von denen hier die Rede ist, sind vielmehr ein 
hervorragendes Kennzeichen des Judentums. Die Arbeit eines Faktors 
besteht in folgendem: 

Der Faktor hat die Person oder Einrichtung, mit der er sich zu 
befassen hat, zu kontroUieren; Bittsteller hat er zu empfangen und sich 
mit ihnen iiber die Summen (Bestechungssummen!) zu einigen, die jeder 
von ihnen nach des Faktors Erachten zum Nutzen seines Pans^o) zu 
opfern hat, wenn er fiir seine eigene Sache Erfolg wiinscht. Es ist 
selbstverstandHch, dal? bei jeder Abmachung der Faktor sich selbst nicht 
vergiSt. Nach Beendigung dieser Angelegenheit bestimmt der Faktor 
selbst, wer etwas zu erhalten hat und wieviel er bekommt, wobei die 
Angelegenheit immerhin nicht selten auf unerlaubten Wegen 
abgewickelt wird. Bei solchen Geschaften hat der Faktor sich in erster 
Linie nach den iiberlieferten Vorschriften zu richten, die seinem 
Gedachtnis und Faktor-Gewissen eingepragt sind, auch hat er fiir 
Nachfolgendes Richtlinien aufzustellen: wie Geschafte zwischen Juden 
und dem Goi (Nichtjuden) abzuwickeln sind, wie Geschafte zwischen 
zwei Juden, zwischen dem Kahal und dem Privatjuden, zwischen dem 
Kahal und dem Beamten usw. usw. zu erledigen sind. Vornehmlich aber 
mufi der Faktor Notizen iiber die MaGnahmen machen, mit deren Hilfe 
er am leichtesten seinen Poritzio) irrefiihren kann. Die Sammlung solcher 
Notizen wird dem Kahal iibergeben und dient diesem als sicherste Waffe 
zur Untergrabung der Moral des Vorgesetzten oder seines Pflichtgefiihls, 
wenn solches iiberhaupt vorhanden ist und sich fiir die jiidischen 
Interessen als nachteilig erweist.*) 

Den Reichtum an solchen Erzeugnissen jiidischen Geistes in den 
Gouvernements RuGlands mit jiidischer Bevolkerung verdankt das 
(russische) Vaterland der Ausfiihrung russischer Gesetze durch Beamte 



* Es ware ganz falsch, sich sittlich zu entriisten. Ein fiir allemal: Das Ghetto ist eine 
selbstandige freie politische Einheit und eine dauernd 
kriegfiihrende Macht. Die Faktorenberichte sind gleichsam Geheimakten des 
jiidischen Kahal-Generalstabes. Die Tradition mag gegen 1800 Jahre alt sein, und da 
die Aufzeichnungen auf einem systematisch gepflegten Studium des menschlichen 

11 



polnischen Ursprungs. Hierbei ist zu bemerken, dafi die "Pane" in ihrem 
Leben ohne "Faktoren" schwer auskamen, die starkste Unterstiitzung 
fanden aber die "Faktoren" in den seitens der polnischen Beamtenschaft 
ihnen entgegengebrachten Sympathien.*) 

Dieser Beamtenschaft war das Vorhandensein dieser "Faktoren" so 
unumgangHch notwendig, daG sogar zwei "Pane", die mit den 
unlosbarsten Banden, z. B. der Verwandtschaft, der Gleichheit adeUger 
Herkunft, sowie reHgioser und poHtischer Uberzeugungen usw. 
aneinander gefesselt waren, ohne die Beihilfe eines "Faktors" ihre 
Angelegenheiten zu ordnen auGerstande waren, wenn einer von ihnen 
als Beamter**) den anderen als Bittsteller zu empfangen hatte. 

Die Faktoren letzterer Kategorie, die ihre Kunst hauptsachHch 
zugunsten jiidischer Privatinteressen anwenden, fiihren nicht selten 
gleichzeitig Befehle des Kahal aus und handeln in ahnlichen Fallen nach 
dessen Vorschriften. Sogar in Fragen, die die jiidische 
Gesamtbevolkerung eines Landes betreffen, und die in den hochsten 
Regierungskreisen auftauchen konnen, erscheinen "Faktoren" mit 



Charakters und vor allem der menschlichen Schwachen beruhen, die sich mit 
Bestechungen durch Geld u. a. m. ausnutzen lassen, so ware die Veroffentlichung 
einer solchen Sammlung von Generalstabs-Berichten iiberaus interessant. Schade, 
dafi Brafmann keine in die Hand bekommen hat. Ware er ein Falscher, die 
Gelegenheit zur Sensation hatte er sich nicht entgehen lassen. Er war aber eben ein 
ehrlicher Mann! D. H. 

Die Folgerungen, die man aus dieser Darstellung B's ziehen mufi, sind weit 
umfassender, als die meisten Leser wohl ahnen. Da die Polen weit gebildeter als die 
eigentlichen Russen waren, so haben sie in einem Umfang, der dem Zahlenverhaltnis 
zwischen Russen und Polen keineswegs entsprach, in Rutland Beamtenstellen inne 
gehabt. In ganz Rutland, auch in den kolonialen Randgebieten, waren Polen als 
einflufireiche Beamte zu finden. Der Pole kann sich und seine Gefiihle grofiartig 
verbergen; er schmeichelt, heuchelt, dienert und - ist Verbiindeter des Ghettojuden. 
An der Beamtenmifiwirtschaft, an dem Bestechungs system, das Rutland ruiniert hat, 
an der moralischen Faulnis, die dieses ungliickliche Land eine Beute des 
Bolschewismus werden liefi, war die geheime Tatigkeit der in Rutland beamteten 
Polen wesentlich Schuld. Aber auch fiir uns ist Brafmann' s Darstellung wichtig, fiir 
die friiheren ostlichen Provinzen und die Wirkung der Polen, die einst als Beamte 
und Offiziere daselbst tatig waren. Der Brafmann ist wirklich lesenswert: er macht 
einen auf so manches aufmerksam. D. H. 
** Auch im Privatleben hatte jeder seinen "Hausjuden". D. H. 

12 



VoUmachten, die natiirlich scheinbar als vom ganzen Volke oder Lande 
erteilt sind. Aus diese Weise kontroUieren die "Faktoren" alle 
offentlichen und privaten Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden, 
wichtige und unwichtige, solche, die den (russischen) Gesetzen 
unterliegen, sowie die "jiidische Frage" selbst, die niemals und nirgends 
aufgehort hat. Problem zu sein. Dabei haben sie stets die zuverlassige 
Unterstiitzung seitens des Kahal sowie der anderen "Faktoren" hinter 
sich. Die Waffe, mit der diese treuen Diener ausgeriistet sind, ist iiberall 
und in alien Fallen die gleiche; sie ist fast alien Menschen bekannt: es 
sind Geschenke und Bestechungen. 

Die Verteilung von Geschenken und die Bestechung der Hiiter der 
Ordnung und der Gesetze in Landern, in denen Juden leben, hat sich 
langst zu einer allgemeinen Sitte ausgewachsen und ist, wenn auch nicht 
gerade in der talmudischen Dogmatikii); so doch hauptsachlich in der 
Lebenspraxis begriindet, die unter der Flagge des Talmud segelt. Grofie 
Wunder zaubert die Macht des obenerwahnten Talismans in den 
Handen geschickter "Faktoren" hervor. Mit Hilfe dieser Macht beseitigen 
die Juden alle Hindernisse, durch die die ortlichen Gesetze und 
Gewalten die Bevolkerung vor dem endgiiltigen Zusammenbruch unter 
der Tyrannei des jiidischen Proletariats zu bewahren suchen. Dieser 
Macht und der angespannten Aufmerksamkeit der "Faktorenwache" in 
administrativen, polizeilichen und ahnlichen Einrichtungen verdanken 
die Juden ihre Siege im Kampfe mit nichtjiidischen Gegnern in jeder 
offentlichen und privaten Angelegenheit. Durch die Macht der 
"Faktorenkunst" und des Talismans, den die Faktoren besitzen, befreiten 
die Juden bei ihrer heutigen Organisation, mit der uns dieses Buch 
bekannt macht, die von ihnen bewohnten Stadte und Platze von jeder 
nicht-jiidischen Konkurrenz in Handwerk, Handel und Industrie. Mit 
einem Worte, der besagte Talisman Geld hat den Juden den alten 
Zauberstab ersetzt, unter dessen Schlagen das Meer trocken wurde und 
Felsen, Quellen spendend, barsten. Der Unterschied besteht lediglich 
darin, daG damals den Zauberstab nur der Volksheld allein schwang, 
wahrend den jetzigen zauberhaften Talisman in jeder Stadt jiidischer 
Bevolkerung der Kahal und eine Legion jiidischer "Faktoren" fiihren. 

Hier moge diese kurze Ubersicht iiber das jiidische Faktorentum 
geniigen, das iibrigens in seinen grofien Linien dem Publikum langst 



13 



bekannt ist; denn iiber "Faktor und Bestechungen" haben schon oft 
Zeitungen und Zeitschriften berichtet. Sogar im Theater hat man die 
Mittel und Wege dargestellt, durch die die Juden eine giitige Fiirsprache 
oder das gnadige Schweigen einfluGreicher Leute zu kaufen 
versuchen.i2) 

Jetzt wenden wir uns einer neuen und nur den Juden bekannten 
Seite der vorerwahnten Beeinflussungen zu. Wie oft man auch in der 
Zeitung von jiidischen Faktoren und Bestechungen lesen mag, bisher hat 
noch niemand dargelegt, wie diese Siinde auf jiidischem Boden nicht 
etwa als psychische Veranlagung einzelner Privatpersonen, die mehr 
oder weniger bei alien Kulturvolkern zu finden sind, sondern geradezu 
als MaGstab gesellschaftlicher Wiirde gedeiht. Noch niemand hat 
dargelegt, daG diese Versiindigung*) unter den Juden iiberall iiblich und 
sogar in ein gewisses System gebracht worden ist, und endlich hat noch 
niemand bisher auseinandergesetzt, in welchem Verhaltnis die 
"Faktoren" zum Kahal stehen, in welchen Fallen und in welchem 
Umfang Geschenke verteilt werden, aus welchen Quellen die Mittel fiir 
Geschenke und Bestechungen in Sachen des Kahal stammen, wer deren 
Umfang bestimmt, wer die Ausgaben bemiGt. Endlich die Hauptsache: 
Auf welche Weise werden die Mittel zur Bestechung in Angelegenheiten 
des Gesamtjudentums aufgebracht, und wer schwingt in solchen Fallen 
die Fahne des Talmud, Rabbinertum oder Kahal? Diese interessante Seite 
der Medaille ist genauestens mit alien Einzelheiten in 26 Vorschriften des 
Kahal beleuchtet, die in diesem Buche unter den Nummern 2, 4, 5, 17, 21, 
33, 37, 48, 73, 84, 114, 117, 119, 156, 159, 228, 244, 260, 261, 280-86 
aufgefiihrt sind. 

Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Nummern 280 bis 286. 
Das sind Dokumente, in denen die AUgemeine jiidische Versammlung 
sich iiber die Kommission fiir die Judenfrage in Petersburg unter 
Alexander I. und iiber die Mittel zu ihrer Bekampfung auseinander- 
setzte.**) 



* Dafi diese moralisch-sittliche Gefiihlsanwandlung nicht am Platz ist, braucht nicht 
weiter betont zu werden. Brafmann iibersieht, dafi man das Ghettojudentum als 
kriegfiihrende Macht betrachten mufi. D. H. 

** Auch in Band II finden sich hierauf beziigliche ProtokoUe. Es handelt sich vor allem 
um das Branntwein-Ausschankmonopol der Juden. Dafi sie damit den Bauernstand 
iiberall ruinierten, wird allseitig bestatigt. Noch zu Franzos' Zeiten waren sogar 

14 



Zeitlich zusammenfallend mit dem Bericht von Derschawin iiber 
den Ausgang der Arbeiten der jiidischen Kontmission, deren Mitglied er 
war, erganzen und erklaren sich die Dokumente gegenseitig. 

Nachstehend sagt Derschawini^): "Weiter oben ist ersichtlich, daG 
die Ansichten Derschawins iiber die Juden, die er sich wahrend der Zeit 
seines Aufenthaltes in Polen bildete und unter Zar Paul dem regierenden 
Senat unterbreitete, von einem wahrend der ganzen Zeit seiner 
Ministerschaft tagenden Komitee studiert wurden, welches aus den 
Grafen Tschartoriski, Potocki, Subow und Derschawin selbst bestand. 
Aber durch verschiedene Intrigen fiihrten die Untersuchungen zu 
keinem Endergebnis. Die Angelegenheit verdient grofite Beachtung. 

Zuerst wurde beschlossen, aus einigen Gouvernements einige 
Kahalvorsteher und beriihmte Rabbiner zu berufen, um mit ihnen alle 
die Tatsachen zu besprechen, aus denen sich die Ansichten Derschawins 
griindeten. Diese Ansichten sind wert, aufmerksam gelesen zu werden, 
um so in alle Einzelheiten einzudringen und die guten Absichten des 
Verfassers zum Wohle des Reiches und der Juden selbst kennen zu 
lernen. Die Zusammenkiinfte, Sitzungen und Beratungen setzten sich 
fast den ganzen Winter iiber fort; darauf setzten von ihrer (der Juden) 
Seite verschiedene Machinationen ein, um die begonnenen 
Verhandlungen aufzuhalten. Unter anderem sandte der Gutsbesitzer 
Gurko aus WeiGrufiland einen von ihm in WeiGruGland irgendwo 
aufgefangenen Brief, der von einem Juden an seinen Vertrauensmann in 
Petersburg geschrieben war, an Derschawin. In diesem Brief stand zu 
lesen, daG sie (die Juden) Derschawin als den Verfolger aller Kahale der 
Welt mit dem Cherem (oder Bann) belegt hatten und daG sie fiir 
Geschenke in dieser Angelegenheit 100.000 Rubel gesammelt und nach 
Petersburg gesandt hatten und nunmehr baten, alle Anstrengungen zur 
Beseitigung des General-Procureurs Derschawin zu unternehmen; soUte 
dieses jedoch nicht gelingen, so soUte man einen Anschlag veriiben, fiir 
den eine Frist von drei Jahren gesetzt wird, wahrend der nichts zu 



in Osterreichisch-Polen die Schankwirte n u r Juden. Es ware eine wahre Wohltat fiir 
die Russen und den Staat gewesen, wenn das Monopol abgeschafft worden ware. 
Mit Hilfe der Bestechung und der polnischen Beamten scheiterten alle Versuche, dem 
Krebsschaden Einhalt zu tun. D. H. 



15 



unterlassen sei, was die Amtswaltung Derschawins verkiirzen konnte, 
da wahrend seiner Amtswaltung nichts zu ihren Gunsten entschieden 
werden konne. Sie woUten vor allem erreichen, daG ihnen nicht der 
Verkauf von Spirituosen in den Gastwirtschaften und Dorfern verboten 
wiirde. Von diesem Verkauf kommt eben alles Ubel, da sie dadurch die 
Bauern zu voUigem Ruin und voUiger Verkommenheit bringen. Um aber 
die Angelegenheit mit Erfolg durchfiihren zu konnen, versprachen sie 
ihm, daG aus fremden Landern und aus verschiedenen Stadten 
Vorschlage unterbreitet wiirden, wie die Lage der Juden verbessert 
werden konnte. Kurz danach begannen tatsachlich bald in franzosischer, 
bald in deutscher Sprache Veroffentlichungen, und schliefilich wurden 
durch Befehl des Kaisers Juden ins Komitee berufen, um die Ansichten 
Derschawins durch die Grafen Tschartoriski, Kotschubei, Nowossilzew 
kennen zu lernen. Unterdessen kam der Jude Hotko, der bei Derschawin 
als Sekretar gewissermafien zur Wahrung jiidischer Interessen angestellt 
war und sich mit den Ansichten Derschawins einverstanden erklarte 
sowie verschiedene Eingaben iiber Errichtung von Fabriken usw. 
machte, eines Tages zu Derschawin. Unter dem Deckmantel des 
WohlwoUens wies er Derschawin darauf hin, daG er nicht alle seine 
Freunde, die samtlich auf Seiten der Juden standen, werde besiegen 
konnen, sondern er soUe die Konsequenz Ziehen und wenigstens 100- 
200.000 Rubel annehmen, um dann mit den anderen Mitgliedern des 
Komitees einer Meinung zu sein. Derschawin nahm diesen Vorschlag 
wichtig und iiberlegte, dafi die Annahme des Geldes einem Treubruch 
und Zuwiderhandeln gegen den Willen des Zaren gleich kame; 
gleichf alls iiberlegte er, daG, wenn man die Juden in dem gegenwartigen, 
ungeregelten Zustand leben liefie und ihnen wie bisher den 
Spirituosenverkauf in den Gastwirtschaften gestattete, dieses einer 
Ausbeutung der Bauernschaft und der Entziehung ihrer wichtigsten 
Lebensbedingungen gleich kame; lehne man die Bestechung jedoch ab 
und bliebe man allein im Kampf ohne einen Riickhalt beim Zaren, so sei 
ein Erfolg bei all seinen Bemiihungen und Arbeiten nicht zu erwarten. So 
beschlofi er denn, dem Zaren von dieser Bestechung Mitteilung zu 
machen, die Wahrheit derselben durch den Brief zu bekraftigen und 
hinzuzusetzen, dafi von den durch kaiserlichen Willen in die 
Kommission aufgenommenen Grafen Tschartoriski und Nowossilzew 
bereits Projekte zur Regelung der Judenfrage, - eines in franzosischer 



16 



und eines in deutscher Sprache - vorlagen. So hoffte er, alles dieses dem 
Kaiser vorlegend, ihn von seinen treuen Diensten zu iiberzeugen und zu 
seiner Ansicht zu bekehren. Tatsachlich war der Zar zuerst erschiittert, 
und als nun Derschawin ihn fragte, ob er das Geld annehmen soUe, 
erwiderte er in Verlegenheit "Ich werde Dir nachher sagen, was zu tun", 
nahm inzwischen aber den Brief von Gurko an sich, um alles darin 
Gesagte sich auf anderem Wege bestatigen zu lassen. 

Derschawin glaubte, daG er mit seinem Material auf den Kaiser 
einen grofien Eindruck machen wiirde, und dafi dieser sich 
infolgedessen in Zukunft vor den ihn umgebenden Leuten, die die Juden 
begiinstigten, vorsehen wiirde. Unterdessen besprach er alles often mit 
dem Grafen W. A. Suboff in Unkenntnis dessen, daG dieser in nahen 
Beziehungen zu Herrn S. stand, der damals Direktor im Innen- 
ministerium war und den Minister ganz in Handen hatte. S. war den 
Juden ganz ergeben, was durch Vermittlung eines gewissen Perez 
zustande gekommen war, den er often seinen Freund nannte, und mit 
dem er zusammen lebte. 

Und so kam es, daG, anstatt beim Kaiser einen Ukas gegen die Juden 
zu erwirken, bei der ersten Sitzung des jiidischen Komitees alle 
Mitglieder desselben erklarten, daG der Verkauf von Spirituosen auf dem 
Lande wie bisher in Handen der Juden bleiben soUe; da jedoch 
Derschawin sich hiermit nicht einverstanden erklarte, so blieb die Sache 
vorlaufig unerledigt. Der Kaiser wandte sich immer mehr von 
Derschawin ab, und auf den vorerwahnten Brief von Gurko erfolgte 
nichts. 

Obgleich nach Verlauf mehrerer ahnlicher Vorfalle alien ehrlichen 
Sohnen des Vaterlandes die bosen Absichten der den Kaiser 
umgebenden polnischen Edelleute bekannt waren, so wirft Nach- 
stehendes doch ein besonders grelles Licht auf die niedrige Gesinnung 
der Edelleute zum Schaden RuGlands. Herr Baronew erzahlte 
Derschawin, nach dessen Ausscheiden aus dem Beamtendienst, daG der 
Graf Sch. seinerzeit, als der Bericht Derschawins dem Komitee vorgelegt 
wurde, ihn gelesen und in den Of en geworfen habe, so daG B. ihn nur 
mit Miihe retten konnte. Ein iiber die Lage der Juden vorgelegtes Projekt, 
das den Ansichten D.'s. entsprach, wurde Herrn S. iibergeben, der es 
voUkommen umarbeitete und die Ansichten D.'s nicht im geringsten 
beriicksichtigte oder erwahnte. Als D. dieses horte, sagte er scherzend: 



17 



"Judas verkaufte Christus fiir 30 Silberlinge; und fiir wieviel verkauften 
Sie RuSland?" Er antwortete lachend: "Meinen Bruder fiir 30.000 
Kiipferlinge, da mein Projekt von S. umgearbeitet wurde." Ich glaube 
nicht, dafi russische Edelleute eine solche Gemeinheit begangen hatten 
mit Ausnahme vielleicht von S., dem man allgemein viele schlechte 
Eigenschaften zutraute, besonders dank seiner Verbindungen mit Perez. 



Erlauterung II. Uber die Schlachthauser, iiber 
Koscher und Trefa im allgemeinen; iiber den Einflufi 
des Koscher auf das Leben der Bevolkerung; iiber die 
Abgaben von koscherem Fleisch sowie iiber die Ziele 
des Koscher und die Unterstiitzung des Koscher durch 
die russischen Gesetze. 

In alien Stadten und Platzen mit jiidischer Bevolkerung bauen die 
Juden Schlachthauser auf ihre Rechnung und trachten, den Handel mit 
Fleisch an sich zu reiGen. In einem grofien Teil der Stadte des westlichen 
Gouvernements gibt es keine anderen als jiidische Fleischer, und zum 
Verkauf an die Christen kommt nur das fiir den Koscher untaugliche 
Fleisch. 

Es ist zu bemerken, daG sie hierzu sowohl von dem Wunsch, die 
ortliche Bevolkerung auszubeuten, als auch durch andere Griinde 
getrieben werden. Eine eigene Schlachterei zu haben, ist fiir den Kahal 
zur Durchfiihrung der Abgaben von koscherem Fleisch unerlaGlich, um 
national-jiidische administrative und wirtschaftliche Ziele, mit denen wir 
spater bekannt werden, zu erreichen. Vorher jedoch halten wir es fiir 
notwendig, einige Worte iiber den Koscher selbst zu sagen. 

Es ist bekannt, daG die Juden kein Fleisch essen, welches nicht durch 
einen Schochet (d. h. einen besonderen jiidischen Schachter, der die 
Vorschriften des Talmud iiber das Schachten von Vieh und Vogeln 
kennt) vorbereitet wurde, und ebenso auch kein Fleisch verwerten, 
welches von Tieren stammt, die durch die Vorschriften des Talmud iiber 
Koscher und Trefa als Lebensmittel verboten sind. 

Von den 86 Paragraphen iiber das Schachten und die Trefa, die in 
"Jore dea", dem zweiten Telle des Ritualwerkes Schulchan aruch. 



18 



enthalten sind, halten wir es fiir notwendig, einige hier anzufiihren. 

Nach Nr. 10 und 11 des 18. Paragraphen betr. der Vorschriften iiber 
das Schachten muS das Messer, welches zum Schachten von erlaubtem 
Vieh benutzt wird, frei von der allergeringsten Scharte sein; ist dieses 
nicht der Fall, so wird das mit einem solchen Messer getotete Vieh als 
Trefa, d. h. als eine fiir die Juden ungeeignete Nahrung angesehen. 
Daher darf der Schochet erst dann schachten, wenn das Messer ganz 
glatt geschliffen ist und auch nicht die geringsten, kaum fiihlbaren 
Scharten aufweist. Um jedoch auf diese Weise geschachtetes Vieh fiir 
koscher zu erklaren, ist es noch notwendig, daG das Messer nach der 
Schachtung genau in demselben Zustande, d. h. ganz unverletzt ist. 

Nr. 2 des 6. Paragraphen lautet wie folgt: "Man darf Vieh mit einem 
Zahn, der noch in der von einem Tier stammenden Kinnlade steckt, 
schachten, ebenso mit dem Nagel einer Hand, die vom Rumpf 
abgetrennt ist, sofern beide nur keinerlei Scharte aufweisen." 

Wie komisch auch diese beiden Vorschriften scheinen mogen, so ist 
die nachfolgende Nr. 7 des 18. Paragraphen, die wir in wortlicher 
ijbersetzung wiedergeben, durch ihre fast unglaublichen Vorschriften 
noch interessanter: 

"Wenn die Spitze eines Messers zwar glatt, jedoch nicht scharf ist, so 
darf es zum Schachten benutzt werden, und die so vorgenommene 
Schachtung wird als vorschriftsmaGig angesehen, sie mag dauern, 
wielange sie will, sogar einen ganzen Tag" (infolge Stumpfheit des 
Messers!). 

Wir konnen nicht unterlassen, zu bemerken, daG trotz dieser 
merkwiirdigen Vorschriften des Gesetzes die Schachtung immer mit 
scharfen Messern vorgenommen und mit aufierster Schnelligkeit 
durchgefiihrt wird.*) Was jedoch die Vorbereitung zur Schachtung 
anbelangt, so bietet diese in der Tat ein trauriges Bild. Das Vieh wird 
solange gewendet, bis es so unbeweglich liegt, daG der Schochet die 
Schachtung, nachdem er die Haare an der Stelle des Raises, an der das 
Messer eindringen soil, entfernt hat, so vornehmen kann, daG das Vieh 
nicht durch Bewegung dem Messer Schaden zufiigen kann, wodurch das 
Fleisch zur Trefa werden wiirde. Das ist die eine Seite des Koschers, die 
nur das Gewissen der Juden belastet und in keiner Weise die eine Trefa 



Brafmann ist ganz ehrlich! D. H. 

19 



kaufenden Christen schadigt; denn diesen ist es ganz gleich, ob das Vieh 
mit einem Rasiermesser, Dolche oder ahnlichem Instrument geschlachtet 
wurde, wenn nur das Fleisch gesund ist. Nunmehr woUen wir uns 
jedoch der Seite des Koschers zuwenden, die ausschliefilich fiir die 
Christen schadHch ist. Wenn das Vieh alien Vorschriften iiber die 
Werkzeuge und die Schlachtung gemaG getotet worden ist, geht der 
Schochet zur Besichtigung der inneren Telle des Tieres iiber.*) Dieser 
Prozefi wird vom Schochet vom Standpunkte der talmudischen 
Veterinarkunde durchgefiihrt, und wenn das Vieh sich als nicht gesund 
erweist, so wird das Fleisch fiir Trefa erklart und kommt zum Verkauf 
an die Christen. Die Krankheiten, die Tierfleisch als Nahrung fiir Juden 
unmoglich machen, sind folgende^^): 

1. Derasa, 2. Nekuba, 3. Chasera, 4. Netula, 5. Kerua, 6. Nesula, 7. 
Pesuka, 8. Schebura. 

Derasa, d. h. Vieh, das durch Halshieb getotet wurde. 

Nekuba, d. h. die Offnung, die der Schochet in der Hirnschale oder 
der Gurgel oder in den Lungen oder in der Harnblase oder im Herzen 
usw. findet. 

Chasera, d. h. Vieh mit einem angeborenen Fehler in den Lungen. 

Netula, d. h. Vieh, dem entweder eine Kinnlade oder die Nieren 
fehlen. 

Kerua, d. h. Magenverletzung. 

Nefula, d. h. Vieh, das durch einen Fall eine Verletzung erlitten hat. 

Pesuka ist Vieh mit gebrochenem Riickgrat. 

Schebura nennt man das Vieh, bei dem der grofiere Teil der Wirbel 
gebrochen ist. 

Diese acht Punkte sind die Grundlage fiir die Wissenschaft iiber die 
Trefa. Es ist klar, daG der Grund zur Trefa in ahnlichen Fallen nichts 
anderes als ein krankhafter Zustand des geschlachteten Viehes ist. Hier 
konnen wir nicht unterlassen zu bemerken, daG die Juden nicht grundlos 
eine Abneigung gegen die Nahrung der Christen empfinden; denn die 
Trefa, die diese von den Juden kaufen, ist oft nichts anderes als Fleisch 



Als Schachter heifit der Schlachter Schochet, die Handlung des Schachtens 
Schechitah. Als Beschauer heifit er Bedok, die Handlung des Besichtigens Bedikah. 
Die ganze Einrichtung geht auf den Zauberglauben zuriick: Weissagung aus 
Eingeweiden. Koscher heifit geeignet, Trefa ungeeignet fiir jiidischen Gebrauch. D. 
H. 



20 



von gefallenen Tieren.*) 

Es scheint natiirlich lacherlich, den Koscher, von dieser Seite 
betrachtet, zu den religiosen jiidischen Anschauungen zu zahlen; dank 
der grofien Unkenntnis, die iiberall in Europa unter den Christen iiber 
das Judentum herrscht, konnte der Koscher sich bisher iiberall hinter den 
religiosen Anschauungen der Juden verstecken und sich des Rechtes der 
Glaubensfreiheit erfreuen. Darum wird der Verkauf von Fleisch 
ungesunden Viehes an die Christen den Juden erlaubt, da es ja nach dem 
Gesetze Moses heiGt: "Fleisch von gefallenem Vieh zu essen ist euch 
verboten, dasselbe jedoch einem Fremdling, der unter euch wohnt, zum 
Essen zu geben oder dasselbe einem Unglaubigen zu verkaufen, ist euch 
erlaubt." (2. Buch Mose, Kapitel 14, Vers 21.)**) 

AuGer den Vorschriften iiber das Schachten und die Besichtigung 
der Eingeweide, von denen wir bisher sprachen, gehoren zur 
Verordnung iiber den Koscher noch eine Menge Regeln, wie z. B. iiber 
die Entfernung des Blutes, der Sehnen usw. Die Entfernung der Sehnen 
verlangt wiederum ein besonderes Wissen, und der hiermit Betraute 
heilSt "Menakker".***) 

Zu diesem kurzen Uberblick iiber die verderblichen Einfliisse des 
Koscher auf das Leben der Juden und Christen sei jedoch bemerkt, daG 
das Bestehen des Koscher in diesem gewaltigen AusmaG unter den 
Juden in Rutland nicht auf Fanatismus zuriickzufiihren ist, sondern 
vielmehr in der genauen KontroUe seitens der Agenten des Kahal und in 
anderen Spitzfindigkeiten begriindet liegt. Durch sie unterstellt der 
Kahal jedes Pfund Fleisch, das von den ortsansassigen jiidischen 
Einwohnern verwendet wird, seiner KontroUe und unterwirft jene den 
strengen MaGnahmen, die der Kahal stets gegen die Gegner des Koscher 
anwendet. 

Auf diese Weise wird der Koscher den Massen mehr durch Furcht 
vor Bestrafung als durch Fanatismus ausgezwungen. 



Ganz iiberwiegend handelt es sich augenscheinlich um Verbote, die in tiefstem 
Zauberglauben wurzeln. Ein grofier Tell des Trefafleisches ist also tadellos. Ein Teil 
ist aber ohne Zweifel Trefa, weil das Vieh krank ist - Tuberkulose, Milzbrand u. a. m. 
D. H. 

** Dafi im Talmud auch ganz entgegengesetzte Anschauungen enthalten sind, darf 
man wohl annehmen. D. H. 

*** Gibt es in dem Ort keinen gepriiften Menakker, so werden die Hinterviertel nicht 
gegessen! D. H. 

21 



Der Eifer des Kahal fiir den Koscher ist leicht erklarlich.*) Da der 
Kahal eine Einrichtung oder Macht ist, die im Talmud begriindet liegt, so 
versteht es sich von selbst, dafi die Einhaltung des Koscher, der mehr als 
alle anderen Besonderheiten des jiidischen Lebens die Juden von der 
Welt abschliefit und das beste BoUwerk fiir die Ideen des Talmud bildet, 
fiir ihn eine der wesentlichsten Vorschriften sein muG. Hierdurch wird 
auch die Scharfe der MaGnahmen, die der Kahal zur Durchfiihrung des 
Koscher anwendet, erklarlich. Erfahrungsgemafi weiG der Kahal, dafi 
nicht alle Juden, die die Vorschriften des Koscher bei sich zu Hause 
einhalten, ihnen auch da treu bleiben, wo sie nicht unter der KontroUe 
des Kahal stehen. Mit diesem Charakterzug der Juden bekannt, ist der 
Kahal iiberzeugt, daG, wenn er die Einhaltung des Koscher dem 
Gewissen des Einzelnen iiberlassen wiirde, sich in nicht allzu langer Zeit 
in jeder Gesellschaft solche Juden finden wiirden, die beim Einkauf von 
Fleisch alle Vorschriften vergessen und dasjenige Fleisch erwerben 
wiirden, welches am gesiindesten, schmackhaftesten und billigsten ist.**) 
Da aber die Trefa gerade durch diese Eigenschaften sich vom Koscher 
unterscheidet, so wiirde sie bald iiberhand nehmen, und das Bestehen 
des Koscher ware nicht von langer Dauer mehr. Entsprechend dieser 
ijberzeugung und der grofien Bedeutung des Koscher fiir das Judentum 
kann der Kahal in RuGland, in dem Lande, wo sich das Hauptquartier 
des Talmud befindet, die Einhaltung des Koscher nicht dem Gewissen 
des einzelnen Juden iiberlassen. Sich hierbei auf das Gewissen zu 
verlassen und die Einhaltung des Koscher durch Predigten zu 
unterstiitzen, ware eine sehr hoffnungslose Angelegenheit. Der Koscher 
wiirde dann einem grofien Gebaude, das aus tonernen Fiifien steht, 
gleichen. Jetzt ist es erklarlich, warum der Kahal iiberall auf seine Kosten 
Schachthauser baut, warum er den Fleischhandel durch eine Menge 
seiner Beamten iiberwacht. Daher die merkwiirdigen Riten beim 
Fleischhandel, die in 46 Vorschriften des Kahal beschrieben und in 
diesem Buche unter nachstehenden Nummern aufgefiihrt sind: 5, 8, 9, 



* Dieser Lichtstrahl auf die Hinterseite des Mondes ist iiberaus wichtig. Vorderseite 
ist die religiose Erklarung, Hinterseite die Finanzierung des Kahals. D. H. 
** Hierin liegt scheinbar ein Widerspruch zu dem oben Gesagten (S. 20 f). Nur ein Teil 
des Trefafleisches ist schlecht, ein grofier Teil an sich tadellos. Trotzdem wird es 
billiger verkauft als das koschere, mit Abgaben an den Kahal belegte Fleisch. D. H. 

22 



10, 11, 13, 14, 32, 36, 60, 61, 80, 88, 89, 90, 91, 93, 94, 95, 96, 114, 122, 142, 
152, 157, 160, 161, 164, 173, 176, 178, 184, 217, 226, 249, 251, 257-59, 265, 
269-72, 275, 278. 

Das Hauptziel der Koschervorschriften ist also, wie wir sahen, die 
Hauptstiitze des Kahal aufrecht zu erhalten. Wenn wir hier jedoch noch 
hinzufiigen, dafi auch die Abgaben vom Koscher in den Handen des 
Kahal ein Kapital darstellen, das nicht nur zur Erhaltung der fiir den 
Koscher tatigen Beamten, sondern auch fiir andere Zwecke des Kahal 
verwendet wird, so ist es nicht schwer, zu ermessen, wie sehr der 
Koscher nicht nur fiir die Juden, sondern auch fiir die unter den Juden 
wohnenden Christen schadlich ist. 

Nach dem Gesagten entsteht von selbst die Frage, wie die russische 
Regierung iiber den Koscher denkt, und was die biirgerlichen Gesetze 
dazu sagen. Die Antwort auf diese Frage aber lautet: Der Koscher ist 
kraft der russischen Gesetze erlaubt und wird durch genaue 
Beobachtung seitens des Kahal und Einhaltung durch die jiidische 
Bevolkerung gehandhabt. Seinen eigenen Kraften, das grofie Werk 
durchzufiihren und den Koscher im Hauptlager der Talmudisten zu 
erhalten, vertraut der Kahal nicht. Auch muG er sich vor Fallen, in denen 
vom Kahal Bestrafte bei den biirgerlichen Gesetzen Schutz suchen 
konnten, in acht nehmen. Das sind aber Dinge, von denen man 
keinesfalls giinstige Folgen fiir die Synagoge erwarten kann. Daher 
bemiihte sich der Kahal, die Verordnung iiber den Koscher unter den 
Schutz der (russischen) Gesetze zu bringen und ihn ihrer Leitung zu 
unterstellen. Die Erreichung dieses Zieles kostete, wie man sich denken 
kann, nicht allzuviel Miihe. Es handelte sich ja nur darum, der Regierung 
klar zu machen, daG die Abgaben vom koscheren Fleisch recht gut als 
Mittel zur Eintreibung der Steuern bei der jiidischen Bevolkerung dienen 
konnten. Diese kleine Spitzfindigkeif) seitens der talmudischen Politik 
verschaffte dem Koscher einen Platz in den Gesetzbiichern RuGlands. 

Der Kahal veranlaGte die russischen Gesetze, sich folgendermaGen 
iiber ihn zu auGern: 



* Kleine Spitzfindigkeit?! Nein, es ist ein genialer Schachzug des doch lediglich mit 
Waffen der Denkkraft kampfen konnenden Ghettojudentums. Es ware ganz 
unwissenschaftlich, ja ungerecht, soUte man sich dariiber entriisten. D. H. 

23 



"Die seit jeher in der jiidischen Gesellschaft gehandhabte geldliche 
Abgabe unter dem Namen der Kreisabgabe wird zur Verwendung fiir 
jiidische Interessen bestimmt, als da sind: zur Erleichterung der 
Abzahlung von Steuern und Abgaben seitens der Juden an die 
Regierung usw.; auch zur Erhaltung und Griindung jiidischer Schulen 
sind diese Betrage zu verwenden. 

Der "Kreisabgabe" unterliegen: Schlachtung von Vieh fiir den 
Koscher (von jedem Tier); Totung von Gefliigel (von jedem Vogel); 
Verkauf von koscherem Fleisch (von jedem Pfund); Geld- und andere 
Strafen, die wegen Nichteinhaltung der Vorschriften iiber die 
Kreisabgabe verhangt worden sind. 

Beim Schachten diirfen nur die Utensilien benutzt werden, die vom 
Schachter mit einer Bestatigung des Rabbiners als fiir den Koscher 
geeignet bezeichnet werden. Die stadtische und die Landpolizei sind 
verpflichtet, jedem Schachter die von ihm gewiinschte gesetzliche Hilfe 
zu erteilen und ihn zur reibungslosen Eintreibung der Kreisabgaben 
seitens der Juden in jeder Weise zu unterstiitzen." - 

Und so kommt es, daG der Koscher in Rutland fiir den Juden nicht 
nur dem Talmud, sondern auch den biirgerlichen Gesetzen nach 
obligatorisch wurde, und daG sich mit seiner Durchfiihrung nicht nur 
der Kahal, sondern auch die ortliche Polizei befaGt. Infolgedessen hat der 
Koscher - das BoUwerk des Talmud - sich weder vor einem aufieren, 
noch vor einem inneren Feinde zu fiirchten. Auf die Frage jedoch, 
wieweit die Unterstiitzung des Koscher der Regierung in finanzieller 
Hinsicht niitzlich gewesen ist, empfehlen wir die Antwort in 
nachstehenden Zahlen zu suchen, die die seitens der Juden an die Steuer 
geschuldeten Betrage im Wilna'schen Gouvernement darstellen. Die 
Schulden betrugen hier 293.868,36 Rbl. und im Gouvernement Minsk 
341.097,15 Rbl.15) 

Fragen wir uns nun, welche Ansicht uns die vorstehenden 
Auseinandersetzungen aufzwingen, so ist die Antwort hieraus wohl 
nicht schwer: Die russischen Gesetze machen es der ortlichen Polizei zur 
Pflicht, auf die genaue Einhaltung der talmudischen Vorschriften zu 
achten, den Koscher, der die Juden mehr als alle anderen Besonderheiten 
von der iibrigen Welt trennt, durchfiihren und die Eintreibung der 
Abgaben zugunsten der Kassen des Kahal zu iiberwachen. Und dabei 
werden die Kassen doch nur zur Bekampfung der russischen Gesetze 



24 



und Regierung verwandt, was dokumentarisch durch unseren ersten 
Abschnitt und die Vorschriften des Kahal bewiesen ist. 



Erlauterung III. Von den jiidischen Briiderschaften, 
von deren Verhaltnis zum Kahal und von dem Einflufi 
der jiidischen Briiderschaften auf die Sitten der Juden 
und Christen. 

Es gibt keine jiidische Vereinigung, weder in den Grenzen unseres 
Reiches noch jenseits der Grenze, in der nicht einige Briiderschaftsleute 
sind, und es gibt auch beinahe keinen Juden, der nicht als Glied einer 
Briiderschaft anzusehen ware. 

Der Einflul? dieser Briiderschaften auf die gesellschaftlichen und 
individuellen Sitten der Juden in moralischer und materieller Beziehung 
und infolgedessen auch auf das soziale Leben der Lander, in denen die 
jiidische Bevolkerung zahlreich ist, ist sehr groQ. Die Briiderschaften der 
Juden sind sozusagen die Arterien, wahrend das Herz der Kahal ware. 
Der kiirzeste Uberblick hieriiber fiihrte uns zur Zusammenstellung eines 
recht umfangreichen Buches, das unter diesen Abschnitten keinen Platz 
finden konnte und von uns gesondert herausgegeben werden muGte.i^) 

Hier woUen wir nur beilaufig bemerken, daG die ortlichen 
Briiderschaften wie folgt eingeteilt werden: 1. die talmudisch gelehrten, 
2. die wohltatigen, 3. die handwerklichen und 4. die religiosen. Die 
einzelnen Ziele der Briiderschaften stehen stets in engem Zusammen- 
hang und in voUster Harmonie mit den Ideen des Talmud, dem sie alle 
dienen, und ordnen sich den Ansichten des Kahal, von dem ihr Bestehen 
abhangt, unter. 

Jede Briiderschaft hat ihre Reprasentanten, ihre Lehrer, und oft auch 
ihre Gebetshauser. Mit einem Wort, eine jede Briiderschaft ist ein eigener 
kleiner Kahal, und die Vertreter aller Briiderschaften, die meist den 
gebildeten Kreisen entstammen, formen die Legion der getreuen Streiter 
unter der national-talmudischen Flagge, die stets zur Hilfe des Kahal 
bereit steht.*) 



* Es ist sehr bedauerlich, dafi Brafmann sich hier so kurz fafit. Sein Buch ist nirgends 
aufzutreiben. Man mufi aus seinen Bemerkungen scMiefien, dafi die Chebra oder 
Chevra (Briiderschaft) unter anderem dazu dient, den internationalen Zusammen- 

25 



Die Beziehungen unter den Briiderschaften sind in den 
nachstehenden Akten verdeutlicht: Nr. 5, 7, 14, 38, 48, 59, 79, 80, 82, 85, 
161, 178, 194, 211, 242, 243, 254, 274, 275 und 277. 



Erlauterung IV. Von der Zeremonie der "Aliyah" 
(Lesen der fiinf Biicher Moses wahrend gemeinsamen 
Gebetes), bei der die Juden sich in Patrizier und 
Plebejer teilen. 

Diese Zeremonie, die von Esra eingefiihrt worden ist^^, ja, nach 
Meinung anderer sogar von Moses selbst,i^) besteht im Lesen der fiinf 
Biicher Moses und der Propheten zur Zeit gemeinsamen Betens.i^) 

Das Vorlesen findet nicht taglich, sondern an Donnerstagen und 
Sonnabenden statt. Eine Verletzung der Zeiten des Vorlesens bedroht 
Esra mit folgenden Worten: "Wer sich innerhalb von fiinf Tagen nicht 
mit dem Lesen der Gesetze beschaftigt, den iiberf alien die Feinde."20) 
Aufierdem wurde das Lesen der Biicher Moses und der Propheten auch 
an Feiertagen, zur Zeit des Neumondes und wahrend der Fastenzeit 
iiblich. Die Einhaltung dieses Branches wird von der Synagoge alien 
Juden ohne Ausnahme auferlegt. Sie ist sowohl fiir den Cohen (Priester) 
als fiir den Levi (seinen Gehilfen), wie auch fiir den Israel (Laien) 
obligatorisch.2i) Das Vorlesen geschieht aus einer Tora- (Fiinf Biicher 
Mosis-) RoUe, die, auf Pergament nach gewissen Vorschriften des 
Talmud geschrieben, ein Heiligtum der Synagoge ist. 

Der Ablauf dieser Zeremonie ist folgender: Nach Beendigung des 
Gebetes "Schemone Esre" nimmt jemand aus dem Schrank die 
PergamentroUe und iibergibt diese dem Kantor. 



halt der jiidischen Gemeinden herzustellen (Hinterseite). Dazu stimmt die Angabe 
der Jiidischen Enzyklopadie, dafi aus den Chebras die heutigen jiidischen 
Gesellschaften (B'ne Brith usw.) hervorgegangen seien. Fiir das Hinterseitendasein 
waren sie also iiberaus bedeutsam. Auch wirtschaftlich sind sie wichtig, da die 
Ziinfte durch engen Zusammenhalt - z. T. durch Unterbietung - Konkurrenten 
vernichten und sich das Monopol sichern konnen. Sie erst geben der Chasaka 
praktische Bedeutung. D. H. 



26 



Nachdem dieser die "Tora" mit ehrfurchtsvoUer Verbeugung 
entgegengenommen hat, spricht er ein kurzes Gebet und begibt sich auf 
die Estrade, wobei ihn das Volk umringt und sich an die ToraroUe 
drangt. Auf der Estrade treten ihm der "Segan" oder "Habbai"/) d. h. der 
Alteste, und der "Schammasch" (Diener) entgegen. Nachdem er die 
ToraroUe auf den Tisch der Estrade gelegt hat, ruft der Kantor auf Befehl 
des Habbai denjenigen laut bei Namen, der fiir wiirdig befunden wurde, 
zuerst zu lesen. 

Auf diesen Ruf hin erhebt sich der Gerufene und begibt sich auf die 
Estrade. Sich iiber die Tora beugend, spricht der Geladene laut folgendes 
Gebet: "Segnet den gebenedeiten Jahwe! Gebenedeiet sei Jahwe von 
Ewigkeit zu Ewigkeit! Gebenedeiet seiest Du, Jahwe, Herrscher der 
Welten, der Du uns von alien Volkern erwahltest und uns unsere 
Gesetze gabst. Gebenedeiet seiest Du, Jahwe, der Gesetzgeber." Das Volk 
antwortet "Amen", und die Lesung beginnt.**) Nach Beendigung der 
Vorlesung spricht der Geladene wiederum laut: "Gebenedeiet seiest Du, 
Jahwe, unser Gott, Herrscher der Welten, der uns wahre Gesetze gab. 
Gelobt seiest Du, Jahwe, der Du uns Gesetze gabst." 

Darin besteht nun also die Zeremonie der "Aliyah". Der zum 
Vorlesen Geladene erhielt also die "Aliyah", d. h. er war wiirdig, den 
Berg des Sinai zu besteigen, den die Estrade im Gebetshause 
versinnbildlicht, und durfte das Gesetz, das Geschenk Gottes, lesen. 

ijber die Rechte der Zuerkennung der "Aliyah". 

Die erste Aliyah gehort dem Cohen (Nachkommen des Aaron), die 
zweite fallt dem Leviten und die iibrigen dem Volke zu. In Abwesenheit 
des Cohen nimmt der Levit die erste Aliyah, bei Abwesenheit des 
Leviten dagegen nimmt der Cohen die ersten beiden Aliyahs. Dieses 
Recht driickt die Vorherrschaft des Priesterstandes aus. In Abwesenheit 
des Cohen und des Leviten aber werden deren Aliyahs von 
nichtgeistlichen Personen iibernommen, die beim Gebet anwesend sind. 



Habbai = der Alteste - auch Starost genannt - im Bethaus, in einer 
Wohlfahrtseinrichtung oder in einer Briiderschaft. D. H. 

** Der Text wird gewohnlich von einem gelehrten Leser - Baal-Kore - vorgelesen, das 
Gebet spricht der zur Aliyah Bestimmte. D. H. 

27 



Bei Verteilung der Aliyahs an das Volk gilt die Ordnung: 1. Nasi (Fiirst), 
2. Talmid Chacham (Gelehrter), 3. Parnes (Reprasentant der Gemeinde); 
diese nehmen die hochsten Aliyahs, zu denen die "Schelischt und 
"Schischschim" (die dritten und sechsten) gehoren, die iibrigen bleiben 
zur Verteilung.22) Auf diese Weise fiihrt die Aliyah, indem sie die 
Betenden in Hohere und Niedere scheidet, nicht selten zu 
Zusammenstofien. Der eine halt es fiir eine personliche Beleidigung, daG 
man ihn nicht zur Tora einladt, der andere dagegen will haben, daG man 
ihn nicht als dritten, sondern als vierten einladet, und bei der heiligsten 
Zeremonie macht die Synagoge den Eindruck eines offentlichen 
StraGenplatzes. Es ist unerlaGlich, hier zu bemerken, dafi die Synagoge 
die von uns beschriebene Zeremonie in Stiicke fiir Hohere und Niedere 
eingeteilt hat: "mipne darke schalom", d. h. zur Beruhigung aller Klassen; 
das praktische Ergebnis ist jedoch das Gegenteil.^^) 



Erlauterung V. Von der Macht des Kahal in seinem 
Bereich; iiber seine Regeln bei Erteilung von 
Ansiedlungserlaubnis in demselben; von dem Verkauf 
von "Chasaka" und "Maaruphia" an jiidische 
Privatleute, d. h. Verkauf des Rechtes auf den Besitz 
von unbeweglichem Eigentum der Nichtjuden und der 
Ausbeutung dieses Besitzes und ihrer Besitzer; von 
dem Cherem und dem Eid bei den Juden. 

Der Ausspruch Schillers "Die Juden bilden einen Staat im Staate", 
mit dem er ein Bild jiidischen Lebens in Agypten vor 3600 Jahren geben 
woUte, wird von Vielen auch auf die Gegenwart angewandt; da jedoch 
ein Staat ohne Land undenkbar ist, so wurde der Ausspruch bisher mehr 
fiir einen poetischen Ausdruck als fiir eine historische Wahrheit 
gehalten.*) Mit diesem Buch jedoch, das zum ersten Male das 
Territorium des jiidischen Kahal aufdeckt, das er sich unterwarf und 
immer noch unterwirft, erhalt der Ausspruch grofiere Bedeutung und 
wird vom Problem zum Axiom. Mit dem Territorium des jiidischen 



* Irrtum! Schon Fichte hat die Sachlage ganz genau erkannt und dringend gewarnt. 
D. H. 



28 



Reiches machen uns die Rechte des Kahal iiber den "Cheskat Jischub", d. 
h. die Macht des Kahal iiber sein Territorium und dessen Bevolkerung in 
seinem Bereiche, bekannt. 

Nach den Regeln des "Cheskat Jischub"*) reicht die Macht des Kahal 
weit iiber die Grenzen jeder privaten Gesellschaft hinaus. Land und 
Besitz der nichtjiidischen Einwohner des Bereiches erscheinen hier als 
eine Art freies Territorium,24) die gleichsam einen fiskalischen Besitz des 
Kahal bilden, den er teilweise seinen jiidischen Einwohnern verkauft, 
oder richtiger, sie sind gleichsam ein freier See, in dem nur der Jude 
seine Netze stellen darf, der sich hierzu ein besonderes Recht erwarb. 
Auf Grund des Cheskat Jischub wird jeder Jude, mag er einen Handel 
eroffnen oder ein Handwerk ausiiben woUen, sich vergeblich auf die 
biirgerlichen Rechte berufen. Unter der Herrschaft des Kahal sind diese 
unniitz oder nur der Form halber von Bedeutung, niemals aber besitzen 
sie die Kraft, um in Fallen wie den oben angefiihrten die Umgehung 
einer vorherigen Anfrage beim Kahal zu ermoglichen. 

Eine Erlauterung zum Schulchan aruch, Choschen ha-Mischpat, 
auGert sich hierzu, nachdem ein Fiir und Wider erwogen worden ist, wie 
folgt: "Besonders in der heutigen Zeit, in der wir unter der Herrschaft 
fremder Volker leben, und in der mit dem Anwachsen der jiidischen 
Bevolkerung eine Einmischung jener moglich ist, macht sich jeder Jude, 
der sich ansiedeln will, zum Verfolger der ansassigen Stammes- 
genossen." Auf Grund dieser Tatsache ist es dem Kahal erlaubt, neuen 
Ansiedlern die Tiiren zu schlielSen. Zur Durchfiihrung solcher 
MaGnahmen sind ihm alle Mittel recht, sogar die Unterstiitzung seitens 
der ortlichen Behorden. In einigen Orten wurde es iiblich, dieses Recht 
des Kahal durch den Cherem zu legalisieren, und in diesen Platzen 
erfolgt die Ansiedlungsverweigerung auf Grund des Cherem (Bannes, s. 
u.) und nicht auf Grund von Gesetzen. 



* Offiziell (Vorderseite!) ist Cheskat Jischub die Gesamtheit des Grundbesitzes der 
jiidischen Gemeinde. Die "Hinterseite" des Mondes beleuchtet Brafmann im 
Nachfolgenden. Die Richtigkeit von Brafmann' s Angaben wird selbstverstandhch 
von Rabbinern usw. bestritten, die Macht der Tatsachen, d. h. die wirtschaftHche 
Wirkung dieser genialen Organisation auf die Nichtjuden spricht indes fiir 
Brafmann. Auf die Bedeutung der Briiderschaften fiir die Wirksammachung des 
theoretischen Besitzrechtes der Chasaka wurde schon hingewiesen. D. H. 

29 



Reisenden Kaufleuten konnen die Ortseinwohner nicht verbieten, in 
ihrer Stadt zu handeln; einen standigen Platz zum Handeltreiben aber 
darf sich niemand ohne die Erlaubnis des Kahal aussuchen, mit 
Ausnahme des Talmid Chacham (Gelehrten), der sich niederlassen und 
Handel treiben darf, wo es ihn gutdiinkt. 

Die nichtjiidische Bevolkerung seines Bereiches gleichsam als Fische 
des Sees ansehend, verkauft der Kahal den Juden Telle dieses 
merkwiirdigen Besitzes zu sehr verwunderlichen Bedingungen. 

Dem in die Geheimnisse des Kahal Nichteingeweihten mag der 
Verkauf, von dem hier die Rede ist, unverstandlich erscheinen. Hier 
folgendes Beispiel: Auf Grund seiner Rechte verkauft der Kahal dem 
Juden N. das Haus, welches nach biirgerlichen Gesetzen unbestrittenes 
Eigentum des Nichtjuden M. ist, ohne Wissen und Einverstandnis des 
letzteren. Welchen Vorteil hat N. hierbei? Was kaufte er fiir das dem 
Kahal bezahlte Geld? 

Durch Legalisierung des Kaufvertrages mit dem Kahal erhielt der 
Jude N. die "Chasaka" (Besitzrecht) iiber das Eigentum des Christen M., 
kraft dessen er als einziger das Recht erwarb, konkurrenzlos versuchen 
zu konnen, sich dieses Hauses zu bemachtigen, wie im Kaufvertrage 
ausdriicklich erwahnt: "mit welchen Mitteln denn auch immer''.^^) Bis 
zur endgiiltigen Besitzergreifung hat ausschliefilich N. das Recht, das 
Haus zu mieten, dort einen Laden auf zumachen oder dem Hauswirt und 
anderen Bewohnern dieses Hauses Geld zu leihen usw. 

Es kommt jedoch auch vor, daG der Kahal einem Juden zur 
Ausbeutung einen Menschen ohne unbewegliches Eigentum verkauft. 
Hier die Worte des Gesetzes iiber das merkwiirdige Recht der 
"Maaruphia" (Schulchan aruch, Choschen ha-Mischpat § 156, 5)*): "Wenn 
ein Mensch (d. h. Jude)**) einen Nichtjuden zur Ausbeutung besitzt, so 
wird an einigen Platzen den anderen Juden verboten, mit dieser Person 
in Verbindung zu treten und den Ausbeutenden zu storen. An anderen 
Orten ist es jedem erlaubt, mit der betr. Person in Beziehungen zu 



Vgl. auch S. 48: Von den Pflichten der Mitglieder des Kahal und des Bet Din. 
Abschnitt d. 

Die Juden allein sind wirklich Menschen, die Nichtjuden nur scheinbar. Gerade 
hinsichtlich dieses Punktes gibt der Talmud die denkbar verschiedensten 
Auffassungen wieder. D. H. 

30 



stehen, ihm Geld zu leihen, mit ihm zu handeln, ihn sich giinstig zu 
stimmen und ihn von jenem (dem ersten Juden) abspenstig zu machen; 
denn das Eigentum des Nichtjuden ist wie herrenloses Gut, und wer sich 
seiner zuerst bemachtigt, hat ein Anrecht darauf." 

Das sind die Ansichten der talmudischen Gesetzgebung iiber das 
Recht des "Cheskat Jischub", auf Grund deren die in diesem Buche unter 
nachfolgenden Nummern ausgefiihrten Dokumente zusammengestellt 
sind: 22, 23, 26, (27), (40), 50, 51, 77, 78, 87, 98 bis 103, 105, 109, 110, 115, 
177, 186, 189, 195, 196, 202, 205, 216, 261, 266, 267. 

Wir empfehlen dem aufmerksamen Leser das Studium dieser 
interessanten Dokumente. Zweifellos wird die Macht des Kahal dem 
Leser dieser Dokumente nunmehr so gewaltig erscheinen, wie sie es in 
der Tat ist. Der Kahal hat eine mehr als achtzehn Jahrhunderte zahlende 
Erfahrung hinter sich; seine Erfolge sind infolgedessen nicht 
verwunderlich. Der Kahal richtet seine Angriffe stets nur gegen eine 
christliche Person. Die Erfolge dieses Systems zeigen u. a. Zahlen, nach 
denen z. B. in den Stadten des nord-westlichen Bezirks bereits 73% alles 
unbeweglichen Eigentums Juden gehort. Bei den Angriffen auf einzelne 
Personen ist die Aussicht auf Erfolg grofi und das Risiko sehr gering. 
Nehmen wir selbst an, dafi ein Jude bei Ausiibung der Maaruphia oder 
Chasaka unvorsichtig zu Werke ginge und sich vor Gericht zu 
verteidigen habe, so bestehen fiir ihn trotzdem keine Gefahren, da der 
Kahal aufier dem vielbesprochenen Talisman Geld auch jiidische Zeugen 
oder Richter stellen kann, von denen im zweiten Telle unseres Buches 
noch die Rede sein wird. 

So wird es dem Leser verstandlich sein, daG der Kahal keinen 
allzugrofien Schwierigkeiten bei der Ausbeutung seines Bereiches 
begegnet und sich dabei nur genau an die Vorschriften iiber Cheskat 
Jischub zu halten braucht. 

Es ware jedoch verfehlt, anzunehmen, daG der Kahal bei 
Auferlegung von Abgaben und Sammlungen sich lediglich auf die ihm 
durch die biirgerlichen Gesetze gewahrleisteten Rechte beschrankt. Am 
Schlusse der Akte Nr. ^7 , in der von der Einfiihrung einer Abgabe 
seitens des Handels in Minsk die Rede ist, "auf der Grundlage, auf der 
eine gleiche Abgabe in Schklow eingefiihrt wurde," beschliefit der Kahal 
die Ausfiihrungen wie folgt: "Hiernach beschliefien wir, die besprochene 



31 



Abgabe auch gegen den Willen des Gouverneurs einzufiihren." Die 
Macht des Kahal kennt also keine Grenzen.26) 

Wir halten es fiir geraten, den Leser an dieser Stelle mit der Form 
des "Cherem" (Bannes) bekannt zu machen und vom jiidischen Eide zu 
sprechen, die beide bei den Juden stets Hand in Hand gehen.*) 

AuSer dem Cherem gibt es noch den "Nidui" oder die "Schammata", 
d. h. einen kleineren Cherem. Uber den Unterschied zwischen diesen 
beiden lesen wir in den jiidischen Gesetzen folgendes: 

"Frage: Sind der Cherem und die Schammata ein und dasselbe? - 
Antwort: Schammata nennt man die AusstolBung aus einer Gesellschaft 
durch Abstimmung. Wenn sich der Ausgestol^ene innerhalb von dreiGig 
Tagen nicht unterwirft, so wird ihm ein Cherem geschrieben, und er gilt 
als verbannt aus dem Judentum iiberhaupt." Fine Cherem-Frklarung 
wird wie folgt geschrieben: 

Von N. N. (Gliedern des Kahal), den Weisen den Vertretern der 
Jeschibot (hoherer Lehranstalten des Talmud) und den Altesten ein 
Grufi! Wir teilen Fuch mit, daS N. Geld besitzt, das M. gehort; N. aber 
erfiillt nicht unseren Befehl zur Riickgabe dieses Geldes, oder N. 
unterwirft sich nicht der von uns festgesetzten Strafe fiir dieses 
Vergehen, und die ihm hierfiir auferlegte Verbannung von dreiGig Tagen 
hat ihn nicht bekehrt. Darum haben wir den Cherem auf ihn geworfen 
und bitten Fuch: beleget auch Ihr ihn mit dem Cherem taglich und 
erklaret offentlich: daG sein Brot das Brot eines Nichtjuden ist, sein Wein 
sei unrein, sein Gemiise sei verdorben, seine Biicher seien Zauberbiicher; 
schneidet ihm die Zizit**) ab. FntreiGt ihm die Mesusa;***) Ihr diirft weder 



* Der Leser moge zuvor noch einmal die Darstellung von Franzos iiber den Cherem 
lesen!! D. H. 

** Die Zizit sind Fransen aus weiGen Baumwollfaden, die sich sowohl an dem Mantel 
- Arba Canphot - als an dem Gebettuch - Tallit -, das den Kopf bedeckt und iiber 
beide Schultern fallt, finden. Die Zahl der Zizis an jedem Kleidungsstiick ist vier. D. 
H. 

*** Mesusa ist ein Pergamentstreif, der in einer Biichse oder einem Rohr steckt und an 
der rechten Pfoste des Hauses beim Eingang befestigt oder in einem Loch in der 
Mauer verwahrt ist. Auf dem Pergament steht der Spruch V. Mos. 6, 4-9 und 11, 13- 
20. ("Und schreibe sie an die Pfosten deines Hauses"). Jahwe schiitzt das Haus - das 
ist die Kraft dieses Zauberamulettes. Es handelt sich um ganz primitiven 
Fetischdienst. D. H. 



32 



mit ihm essen, noch trinken; seinen Sohn diirft Ihr nicht beschneiden, 
seine Kinder nicht die Gesetze lehren, seine Toten nicht begraben, ihn 
nicht in Briiderschaften aufnehmen, weder in wohltatige noch in andere. 
Das GefaG, aus dem er trinkt, miiSt Ihr saubern und Euch iiberhaupt zu 
ihm wie zu einem "Nochri" (einem Nichtjuden) stellen." 



Form des Cherem. 

Kraft Gottes und seines heiUgen Wortes vernichten, verfluchen, 
verwiinschen und merzen wir aus im Namen Gottes, des Kahal und des 
heihgen Bundes, im Namen der 613 Gesetze Gottes, in der heiHgen Lehre 
ausgelegt, mit dem Cherem, mit dem Josua ben Nun die Stadt Jericho 
verfluchte; mit dem Fluche, mit dem EHsa die ihn verhohnenden Knaben 
bannte und seinem Diener Gehasi entgegentrat, mit der Schammata, die 
die grofie Versammlung der Rabbiner Juda, der Sohn Hesekiels, 
anwandten mit alien Cheremen, Verwiinschungen, Verfluchungen, 
Ausstofiungen und Vernichtungen, die seit Mose's Zeiten bis auf den 
heutigen Tag je benutzt worden sind, im Namen Gottes Akatriel, Gott 
Zebaoth, im Namen des Erzengels Michael, des grofien Fiihrers, im 
Namen Metatrons, der die Benennung seines Gottes fiihrt, im Namen 
Sandalphons, der die Kranze fiir seinen Gott flicht, im Gottesnamen, der 
aus 42 Buchstaben besteht usw.: Verflucht sei er durch den Gott Israels. 
Verbannt sei er durch den heiligen und machtigen Namen Gottes, der 
vom Priester am Versohnungstage gesprochen wurde. Er sei verflucht 
durch hohere Macht. Verflucht sei er durch den grofien Michael, durch 
Metatron, durch den Gott Zebaoth. 1st er im Monat des Nisan geboren, 
so sei er durch den Erzengel Uriel, den Beherrscher dieses Monats, 
verflucht, usw. Er sei verflucht durch alle sieben Himmel. Verflucht sei 
er durch den Mund des grofien und machtigen Gottes. Der Schopfer 
vernichte und verbanne ihn - Gott, der Erloser. Der Zorn Gottes ergiefie 
sich iiber ihn. Die Teufel soUen ihn willkommen heiGen. Sein Weg sei 
voU Gefahren. Ungliick und Trauer soUen ihn schrecken. Gott wird ihm 
nicht verzeihen. Im Gegenteil, der Zorn Gottes wird iiber ihm sein, und 
alle Verwiinschungen des Gesetzes werden an ihm in Erfiillung gehen. - 
Ihr aber, die Ihr Euren Gott ehret, lebet alle!" 



33 



Gebet nach Erklarung des Cherem. 

"Der, der unsere Vater segnete: Abraham, Isaak, Jacob, Moses, 
Aaron, David, Salomo und die Propheten - Er moge uns seinen Segen 
senden, auf uns alle mit Ausnahme dessen, der diesen Cherem 
miSachtet. Gott moge sie durch seine Gnade vor Unheil behiiten und 
bewahren, er moge das Werk ihrer Hande segnen und moge sie mit alien 
israelitischen Briidern dereinst erlosen; Sein Wille geschehe, Amen."^^) 

Vom Eide der Juden. 

Der Talmud teilt die Eide wie folgt ein: 1. Schebua-deoraita, d. h. der 
Eid auf Grund mosaischer Gesetze; 2. Schebua-Heset, d. h. Eid auf 
Grund talmudischer Vorschriften; 3. Stam-Cherem, d. h. Verhor des 
Angeklagten unter dem Cherem (Androhung des Bannes bei einer 
unwahren Aussage). 

Es sei bemerkt, daG die Juden einen ihnen von einem jiidischen 
Richter auferlegten Eid sehr hoch achten; besonders vor Eiden der ersten 
beiden Kategorien ist ihre Achtung und Furcht fast unbegrenzt. 

Die allgemeine Furcht der Juden vor dem Eide ist eine so grofie, daG 
eine Person, die einmal*) vereidigt wurde, in den Augen der Gesellschaft 
tief fallt; nach einem solchen Akt verliert er meistens das Vertrauen und 
wird als ein Verlorener betrachtet. Auf diese Weise ist es erklarlich, daG 
der Jude lieber Verluste erleidet, als einen vom Bet Din auferlegten Eid 
ablegt. Die hohe Achtung, die der Eid bei den Juden geniefit, beschrankt 
sich jedoch lediglich auf die von jiidischen Richtern auferlegten Eide. 
Der Talmud erachtet nichtjiidische Gesetze und Gebrauche nicht fiir den 
Juden bindend; daher verhalten sich die Juden bei biirgerlichen 
Gerichtsverhandlungen auGerst lassig, und ein dort abzulegender Eid 
gilt als leere Formalitat. 

Folgender ungekiirzter Auszug aus dem Maimonides schildert die 
auGeren Umstande bei einer Eidesleistung**). 

"Wir horten, daG sich in Eurer Stadt Personen befinden, die Jedem 



Es kann das nur fiir gerichtliche Eide gelten; denn als Beamte, Wahler, kurz im 
Gemeindeleben - das zeigen die Protokolle - mufi der Jude oft genug Eide leisten. D. 
H. 

** Es handelt sich um einen sich innerhalb der jiidischen Gemeinde abspielenden Eid, 
daher die Schwere der Veranstaltung. D. H. 

34 



einen Eid auferlegen, und daG Ihr auch Menschen unter Euch habt, die 
einen Eid ablegen und behaupten, es ehrlich getan zu haben. Diese Leute 
tun nicht gut daran; denn sie bereiten sich ihren eigenen Untergang. Die 
Strafe fiir einen liigenhaften Eid ist sehr streng. Wenn Ihr Jemand 
vereidigen woUt, so weist ihn auf die Verwiinschungen der Tora hin und 
bringet eine Tragbahre herbei, die man fiir Leichen zu benutzen pflegt, 
bedecket sie mit einer Decke, bringet Horner herbei, wie sie zu Neujahr 
gebraucht und geblasen werden, fiihret die kleinen Kinder aus den 
Schulen her, bringet ausgeblasene Blasen herbei und werft sie vor die 
Bahre; und der Bet Din muG ihm sagen, dafi man ihn morgen ebenso 
wegwerfen werde, wie diese Blasen; bringet Hahne herbei, ziindet 
Kerzen an, legt Erdreich auf den Boden und stellt ihn darauf, blaset in 
die Horner und teilet ihm mit: 'Hore N., wenn Du einen liigenhaften Eid 
ablegst, so werden Dich alle Verfluchungen des Gesetzes treffen!' 
Danach leset ihm die Formel des Cherem vor, und wenn man in die 
Horner blast, so sagen alle Anwesenden und die Kinder: Amen." 



Erlauterung VI. Von dem Feiertage Rosch Haschana 
(Neujahr)*) und der Sitte des Hornblasens. 

"Rosch Haschana" oder Neujahr feiern die Juden bis heute an dem 
im vierten Buche Moses festgesetzten ersten Tage des Monates Tischri 
(im Herbst in den Tagen des Septembers) .^s) 



* Die jiidischen Monate sind: 








Beginn zwischen 










Tischri 6. DC. 


- 5.x. 


Nisan 


13. III. 


- 11. IV. 


Marcheschwan 6. X. 


- 4. XI. 


Ijjar 


12. IV. 


- 11. V. 


Kislew 5. XI. 


- 2. XII. 


Siwan 


12. V. 


- 9. VI. 


Tebet 4. XII. 


- 2.1. 


Tammuz 


10. VI. 


- 9. VI. 


Schebat 3. 1. 


- 31.1. 


Ab 


10. VII. 


- 7.vin, 


Adar 1. II. 


- 2. III. 


Elul 


8. VIII. 


- 5. IX. 


We-Ador 3. III. 


- 13. III. 









(Schaltmonat) 

Die Bestimmung der Monate und Feste, kurz des jahrlichen Kalenders, war 
Geheimnis der Priester in Jerusalem. Das religiose Jahr begann mit dem 1. Nisan, das 
biirgerliche mit dem 1. Tischri. Rosch Haschana ist also der biirgerliche jiidische 
Neujahrstag. D. H. 



35 



Obgleich dieser Feiertag seit der Zerstorung Jerusalems seinen 
urspriinglichen auGeren und inneren Charakter voUstandig verandert 
hat, so blieb sein EinfluS auf das Leben des Volkes und seine Bedeutung 
fiir die Juden doch dieselbe, ja, nahm sogar an Umfang noch zu. Zur Zeit 
des Bestehens des Tempels in Jerusalem war der Tag des Rosch 
Haschana ein Tag grol^er Freude fiir ganz Israel. 

Beim Beginn eines neuen Jahres hofften die Juden immer wieder auf 
das Wort des unsichtbaren und offenbar doch unter ihnen weilenden 
Jahwe, und in dieser Erwartung verabschiedete sich der Hohepriester 
mit dem Volk wahrend des Opfers vom alten Jahre mit seinen Miihen 
und Enttauschungen und begriiSte das neue. Bei dieser Bedeutung ist es 
verstandlich, daG das Neujahr fiir die Juden ein Tag innerlichen 
Frohlockens und geistiger Erhebung war. Jetzt aber ist der Tag Rosch 
Haschana ein Tag der Trauer und des Weinens. Die Ursachen hierzu 
sind offensichtlich. Ein Volk, das die Selbstandigkeit verloren hat, ist 
einem kranken Menschen vergleichbar. 

Es ist natiirlich, dafi in solcher Lage ein Mensch oder Volk sich ganz 
der ihn beseelenden Hoffnung hingibt. Die Hoffnung sagt ihm, daG noch 
nicht alles verloren sei; mag auch die ganze Welt sich scheinbar gegen 
ihn verschworen haben, die Hilfe sei von dort zu erwarten, wohin sich 
seine verzweifelten Blicke richten. In diesem exaltierten Zustande 
vermengt sich das religiose Gefiihl eines Volkes mit seinem Patriotismus. 
In diesem Augenblick tritt die Idee der Wiederaufrichtung des 
verfallenen Reiches und der Wiedergewinnung der Freiheit innerhalb 
der religiosen Weltanschauung des Volkes an die erste Stelle. In solchen 
Zeiten entsteht haufig eine umfangreiche Literatur patriotischen 
Inhaltes, und eine Menge Volkslieder und Erzahlungen suchen die Idee 
zu unterstiitzen. Die Gebete jedoch zu kanonisieren und einen 
Volksgottesdienst einzufiihren, das ist allein den Juden gelungen. Nach 
dem Gesetze Moses darf ein Jahwe-Dienst auGerhalb der Mauern des 
Tempels und Jerusalems nicht stattfinden. Hieraus erklart es sich, daG 
nach der Tempelzerstorung der Volksgottesdienst verfiel und eine grofie 
Liicke im religiosen Leben Israels entstand. Diesen Umstand machten 
sich die damaligen Fiihrer des jiidischen Volkes geschickt zunutze. An 
die Stelle der feiertaglichen Opfer, ohne die ein Feiertag seinen Sinn 
verliert, setzten sie zeitweilig den sog. Musaf ein, der in dem Absingen 
patriotischer Lieder bestand, die in herzzerreiGenden Bildern die 



36 



Vernichtung des Reiches schilderten. Durch diese geschickte Taktik ging 
das Wort des Propheten in Erfiillung: "Und deine Feiertage werde ich 
verwandeln in Trauertage". Jetzt aber wird der Musaf des Rosch 
Haschana, d. h. das Gebet, das dem Tag die Bedeutung verleiht und 
selbst auch patriotischen, aufmunternden Charakter besitzt, noch durch 
den talmudischen Gebrauch des Tekiat Schofar - des Hornblasens - 
unterstiitzt.*) 

Entgegen den Meinungen der Kabbalisten und Talmudisten, die 
diese Sitte, sei es aus Worten Moses ableiten oder auf den Talmud 
basieren woUen, ist die Sitte nichts weiter, als der Ausklang eines 
patriotischen Liedes, mit dem die Juden nach ihrem System den 
Neujahrstag und den Beginn der zehntagigen allgemeinen BuGe und 
Reinigung bekannt geben woUen. 

Hiernach wird es dem Leser verstandHch sein, warum der Talmud 
sich bemiihte, diese Sitte zu einer fiir alle Juden verbindlichen zu 
machen, und warum der Kahal mit seiner Vorschrift Nr. 30 sich 
bemiihte, seine KontroUe iiber die Gebetshauser vom Neujahrstage ab 
wahrend der zehn BuGtage (bis zum Versohnungstage) zu verscharfen. 



Erlauterung VII. Vom Hof der Synagoge oder 
"Schule" und von den offentlichen Einrichtungen und 
Gebauden, aus denen er sich zusammensetzt. 

Jede jiidische Gemeinde besitzt eine offentliche Anstalt, die vom 
Kahal aus den Mitteln der Gemeinschaft gebaut und unterhalten wird. 
Ein solches Gebaude ist stets von grofiem Umfange und befindet sich in 
der Nahe der Synagoge oder richtiger auf dem Hofe derselben. Unter 
einem "Hof der Synagoge" oder "Schule" ist ein nicht sehr grofier Platz in 
einem Dorfe oder einer Stadt mit jiidischer Bevolkerung, in dem 
sogenannten jiidischen Viertel gelegen, zu verstehen, auf dem folgende 
Gebaude stehen. 



Rabbi Moses Ben Maimon (Traktat von dem jiidischen Fasten) erklart das 
Hornblasen als aufierliches Zeichen der Bufie, entsprechend IV. Mos. 10, 9. Freilich 
an dieser Stelle bedeutet das Blasen das Zeichen zum Kampf (nach Kirchner). 
Vielleicht hat Brafmann recht! D. H. 



37 



1. Bet Hakneset (Hauptsynagoge), 2. Bet Hammidrasch (Bethaus 
und Schule), 3. Bet Hamikwa (gemeinsame Badestube mit Kuppel), 4. 
Cheder Hakahal (Haus des Kahal), 5. Bet Din (Gerichtssaal des Talmud), 
6. Hekdesch (Haus fiir Bettler), usw. 

Obgleich die Synagoge den ersten Platz einzunehmen scheint, so 
dient sie den Juden doch nur an den ganz grofien Feiertagen als 
Gebetshaus. In der iibrigen Zeit aber wird in der Hauptsache der Bet 
Hammidrasch in Benutzung genommen; dieser hat jedoch auch noch 
andere Bedeutungen. Er bildet den Mittelpunkt zur Ausarbeitung und 
zum Studium der talmudischen Wissenschaften. Morgens und abends 
versammeln sich dort verschiedene Briiderschaften, um aus dem Munde 
ihres Lehrers die Weisheit des Talmud zu vernehmen. AuGerdem aber 
werden in diesem Gebaude die wichtigsten Fragen des offentlichen 
Lebens diskutiert; in ihm befinden sich auch die Bibliotheken.*) 

Um dieses Zentrum der Gebaude gruppieren sich haufig noch eine 
Menge kleinerer Bauten, die eine Anzahl verschiedener Schulen in sich 
bergen, in denen Juden jeden Alters und zu jeder Zeit die Weisheiten des 
Talmud studieren, und wo jeder Bettler oder Landstreicher auf 
unbeschrankte Zeit ein Heim findet. Aufierdem befindet sich auf dem 
Schulhof stets ein Haus des Kahal, mit dessen Geist und Arbeit uns 
dieses Buch bekannt machen wird. Der ganze Gebaudekomplex bildet 
die jiidische Republik mit alien ihren Einrichtungen, den 
administrativen, gerichtlichen, erzieherischen usw. 



* Von einem chassidischen Bet Hammidrasch, das also verglichen mit den Bethausern 
der Nicht-Chassiden tief steht, entwirft Franzos ("Die Gezwungenen" in "Vom Don 
zur Donau") folgende Schilderung: 

"Ein grofier, verwahrloster Raum, in welchem auf den Tischen schmutzige Folianten 
liegen und auf den Banken Knaben, Manner und Greise sitzen, denen gleichfalls 
grofiere Sauberkeit nicht schaden konnte. Die verehrliche Gesellschaft schaukelt sich 
entweder, halblaut in den Folianten lesend, mit der Regelmafiigkeit eines 
Perpendikels hin und her, oder sie erortert in gellender Diskussion die Dinge von 
jener Welt, oder sie widmet sich, wozu die Gelegenheit sich oft genug bietet, einem 
Ding von dieser Welt, dem Branntwein. Brutstatten des Miifiigganges, in welchem 
ein wirklich gelehrter Mann sich so haufig findet wie ein weifier Rabe, wie denn 
iiberhaupt die jiidischen Gelehrten nicht unter den Chassidim zu finden sind." 
Aber dreiviertel aller Ostjuden sind Chassidim, und fiir die Zeit um 1800, in der die 
Sitzungs-ProtokoUe entstanden, diirfte Franzos' Schilderung (wie auch noch heute!) 
passen. D. H. 

38 



Erlauterung VIII. Vom "Bet Din" (jiidischen 
Gerichtshofe). 

Ein Bet Din existiert in jeder jiidischen Gemeinde ohne Ausnahme, 
und indem er alien Anforderungen des jiidischen Lebens und Treibens 
entspricht, ersetzt er ihnen alle iibrigen biirgerlichen Gerichte und 
nimmt den Platz des alten jiidischen Synhedrions (Zivil- und 
Strafgerichtshofes) ein. 

Es sei jedoch bemerkt, daG der Bet Din nicht zur Befriedigung des 
jiidischen Ehrgeizes in den Gemeinden entstanden ist; seine eigene Justiz 
zu haben, ist eine Notwendigkeit, die auf den Lehren des Talmud 
beruht.*) 

Zur Bekraftigung dieses woUen wir einige Paragraphen aus dem 
Choschen ha Mischpat des Schulchan aruch anfiihren. 

"Es ist dem Juden verboten, sich von nichtjiidischen Gerichten 
richten zu lassen. Dieses Verbot verliert seine Giiltigkeit auch dann nicht, 
wenn es sich um Fragen handelt, bei denen die talmudische 
Gerichtsbarkeit mit der biirgerlichen iibereinstimmt, und wenn etwa 
beide Parteien ihre Sache einem nichtjiidischen Richter vorzutragen 
wiinschen soUten. Ein Bosewicht, wer dieses Verbot iibertritt! Einen 
solchen ist der Bet Din berechtigt, mit dem kleinen oder grofien Banne zu 
belegen und ihn davon erst dann zu befreien, wenn er seinen Gegner 
von einem nichtjiidischen Gericht befreit hat.^^) Dieser Strafe verfallt 
auch derjenige, der die Partei des Abtriinnigen ergreift, und auch der, 
der eine nichtjiidische Macht dazu benutzen soUte, um einen Juden unter 
die Gewalt des Bet Din zu bringen, es sei denn, dafi dieses im 
Einverstandnis mit dem Bet Din geschieht." 

Der Geltungsbereich des Bet Din wird fiir die Gegenwart wie folgt 
bestimmt: 

"In der Gegenwart unterstehen dem Bet Din die Fragen des Leihens 
und Schuldens, der Briiderschaften, der Testamente und Schenkungen, 



Beriihrt diese objektive gerechte Auffassung nicht iiberaus sympathisch? Ein 
rachsiichtiger Falscher hatte die Gelegenheit benutzt zu hetzen. B. erklart aber ganz 
sachlich die Verhaltnisse. Ein orthodoxes Judentum ohne Bet Din ist undenkbar - 
und ist ebenso undenkbar ohne Kahal, ohne Gemeindeorganisation, d. h. ohne 
selbstandig verwaltete Raterepublik. Die Kritiker B.'s hatten solche Tatsachen 
beriicksichtigen sollen. Streben sie aber iiberhaupt nach Klarstellung? D. H. 

39 



die Klagen iiber erlittene Unbill oder Verluste usw. Ebenso unterstehen 
ihm Verletzungen fremden Viehs, Diebstahle und Beraubungen, wobei 
der Bet Din von den Dieben nur den Wert der gestohlenen Gegenstande 
zu ermitteln hat (d. h. ohne eine Strafe zu verhangen). Dafiir kann der 
Bet Din jedoch den Nidui verhangen, solange der Angeklagte nicht 
unterwiirfig ist.^^o) 

Wie ist ein Angeklagter vor Gericht zu laden? Der Bet Din erklart 
dem Angeklagten durch einen Boten, daG er sich zu einer bestimmten 
Stunde vor Gericht einzufinden habe. Kommt der Gerufene nicht, so 
wird die Vorladung dreimal wiederholt, und erscheint er auch dann 
nicht, so tut man ihn in den kleinen Bann. Dies geschieht jedoch nur 
dann, wenn der Beklagte nicht in derselben Stadt wohnt. Ist dieses der 
Fall, so wird er nur einmal vorgeladen. Wird der Bote beleidigt, so wird 
er auf seinen Antrag hin damit beauftragt, den Beleidiger mit dem 
einfachen oder gar grofien Bann zu belegen." 

Hiernach, hoffen wir, werden dem Leser die Bestimmungen des Bet 
Din voUkommen verstandlich sein, und er wird keine Miihe haben, das 
unter den folgenden Nummern Aufgefiihrte zu verstehen: Nr. 23, 24, 26, 
51, 78, 102, 118, 120, 123, 132, 143, 144, 145, 146, 147, 148, 149, 155, usw. 

Es ware indes nicht richtig, anzunehmen, daG alle Angelegenheiten 
der Juden untereinander vom Bet Din geschlichtet werden. In den 
juristischen Fallen, in denen die Vorschriften des Bet Din jeder 
praktischen Vernunft zuwiderlaufen, wird die Entscheidung auf dem 
Wege eines Kompromisses getroffen, an dem manchmal jedoch auch 
Diener des Bet Din teilnehmen. Das ist jedoch selten der Fall; denn 
meistens nimmt man in solchen Fallen Leute mit Erfahrung im 
offentlichen Leben und nicht die in den Talmud versunkenen Glieder 
eines Bet Din. 

Die Streitfalle zwischen den Juden, besonders aber die Fahndung 
nach Wechseln, Schuldbriefen oder versteckten Schriftstiicken sind 
grofitenteils nichts anderes als Mittel zur Beseitigung der Widersacher 
des Bet Din oder des Kahal. Auf Grund dessen, daG es nach dem Talmud 
erlaubt ist, sich zu seinen Zwecken auch der biirgerlichen Gerichte zu 
bedienen, werden diese nicht selten zu willenlosen Werkzeugen der 
Talmudisten. Fiir den Fall namlich, daG der vom Bet Din Verurteilte mit 
der Entscheidung nicht zufrieden sein soUte, verlangt der Bet Din oder 
Kahal vor der Verhandlung eine Blankounterschrift jeder der Parteien. 
Nach der Entscheidung (durch das russische Gericht) ist dem Bet Din 



40 



iiberlassen, in die Blankoformulare einzutragen, was ihm beliebt. 

Um zu beweisen, daG die Macht des Bet Din auch heute noch 
besteht, bringen wir nachstehend eine Ubersetzung aus dem 
Hebraischen, die, von 1869 stantmend, durch den Wilnaer Rabbiner 
iibersetzt worden ist. 

"Hiermit wird bescheinigt, daG Urasch Diment den Jossel Paz 
benachrichtigt hat, daG er zwecks einer Aufklarung zu erscheinen habe, 
und dafi die Kosten, die Diment dafiir bezahlt hat, auch von ihm 
eingezogen werden soUen; ebenso hat D. ihn benachrichtigt, daG er 
hieriiber eine Rechnung erhalten werde, und daG er sich mit Diment 
nicht einem weltHchen Gericht stellen soUe. Dieses zeigten uns zwei 
Boten. 

Wilna, Mittwoch, 29. Jan. 1869. 

(gez. vier Unterschriften.)" 

Dieses kleine Dokument beweist, daG der Bet Din immer noch seine 
Macht in der unerbittHchen Weise ausiibt, an die er sich gemaG den 
Vorschriften des Talmud zu halten hat. 



Erlauterung IX. Von der Kabbalat Kinjan oder Seder 
bei den Juden, d. h. iiber die Art des Kaufes und 
Verkaufes nach den Regeln des Talmud. 

Im Altertum hatten die Juden den Branch, dafi bei Geschaften der 
Kaufer seinen Schuh loste und ihn dem Verkaufer gab. Der Talmud hat 
etwas sehr Ahnliches eingefiihrt. Bei jedem Verkauf hat die Kabbalat 
Kinjan stattzufinden, d. h. der Kaufer iibergibt dem Verkaufer sein 
Taschentuch und sagt: "Nimm diesen Gegenstand zum Tausch gegen 
das Land oder Haus, das du mir verkauf st, geschenkt hast und dergl." 
Nimmt der Verkaufer das Tuch an oder gibt er dem Kaufer die Hand, so 
gilt der Kauf als abgeschlossen, und der Gegenstand als in jenes Besitz 
iibergegangen, obgleich er noch nicht bezahlt hat. Daher hat die 
Kabbalat Kinjan gemafi dem Talmud juristische Bedeutung. 

So tritt die Kabbalat Kinjan bei jedem Abschlufi zwischen 
Privatpersonen in Tatigkeit, nicht jedoch bei Abschliissen zwischen dem 
Kahal und Privatpersonen. Hiernach nehmen wir an, daG die 
Dokumente Nr. 51, 58, 59, 87, 92, 95, 102 und 262 dem Leser voUkommen 
verstandlich sein werden. 



41 



Erlauterung X. Von den Hochzeiten der Juden. 

Das Hochzeitsfest beginnt bei den Juden meist vor dem Tage der 
Heirat. Es beginnt mit dem Sonnabend, der der Heirat selbst vorausgeht. 
Wenn der sechste Tag der Arbeit und Sorgen sich dem Ende zuneigt und 
Ruhe in den Hausern herrscht, begeben sich in das Haus des Brautigams 
und nachher auch in das der Braut die Stadtmusikanten unter dem 
Klange der nationalen Melodien des Sabbathempfangs. (In jeder 
jiidischen Gemeinde besteht ein vom Kahal organisierter Stadt- 
musikanten-Chor.) Am Sonnabend friih erwartet die Synagoge den 
Brautigam und seinen Vater. Wahrend des Lesens des vorgeschriebenen 
Teiles der Biicher Mose wird der Brautigam zur Lesung einer wichtigen 
Aliyah ausersehen, und der Kantor erhebt seine Stimme zu Gebeten fiir 
ihn. In diesem Augenblick wird der Brautigam vom weiblichen 
Zuschauerraum aus mit Niissen, Mandeln usw. beworfen, Gaben, von 
denen das niedere Volk sich seinen Teil zu sichern sucht. 

Feierlich wird der Brautigam dann nach Hause geleitet, wo er eine 
leichte Mahlzeit einnimmt. Abends spielen wieder die Musikanten in 
seinem und der Braut Hause. Bei letzterem werden sie durch Tanz der 
Anwesenden begleitet. Obgleich hier nur Frauen tanzen, so setzt sich das 
Fest doch meistens bis Mitternacht fort. Damit nimmt die 
Hochzeitswoche erst ihren Anfang. In beiden Hausern werden die 
Vorbereitungen zum Feste selbst getroffen. Nur die Vater beschaftigen 
sich mit ernsthafteren Dingen. Ihnen dreht sich der Kopf vor den 
Schwierigkeiten, wie wohl die Mitgift am besten unterzubringen sei. 
Hierauf aber ist die schwere Frage des Schadchen zu erledigen, dessen 
Anspriiche zu befriedigen sind, da er sonst den Bet Din anruft oder gar 
die Hochzeit verbietet. Sodann ist noch Rachasch zu bezahlen, d. h. die 
Abgabe zugunsten des Rabbiners. Dann endlich fiillen sich die Zimmer 
des Brautigams und der Braut mit den Gasten. Hieraus wird dem 
Brautigam von der Braut ein Talit oder der Mantel gebracht, den 
verheiratete Juden bei Gebetsiibungen anziehen, und in dem sie auch 
beerdigt werden. Diesen iibergibt ihm der Batchan (SpaGmacher), wobei 
er die grofie Bedeutung der Kleidungsstiicke hervorhebt. Nachdem der 
Brautigam sich bei den Klangen der Batchan-Verse ausgeweint hat, 
begibt sich der Batchan zur Braut, wo sich dasselbe abspielt. Plotzlich 
jedoch offnen sich die Tiiren, der Schammesch erscheint und ruft: 



42 



"Kabbalat panim lehachatan (BegriiSt den Brautigam)!" Der Brautigam 
geht mit den ihn begleitenden Mannern auf die verweinte Braut zu und 
bedeckt ihr Antlitz mit dem hierzu bestimmten Tuche, wobei er von den 
anderen Frauen mit Hafer beworfen wird.*) An der Spitze der Musik 
eroffnen die Schofars (Horner) den Festzug zur Chuppa (Baldachin). Die 
Eltern und Verwandten werden aufgefordert, die Kinder unter dem 
Baldachin zu segnen, was ein jeder unter Handauflegung auf die 
Haupter der Verlobten tut. Hieraus beginnt die Trauung, die durch ein 
Gebet des ersten der anwesenden Talmudisten eingeleitet wird. Er wird 
hierzu laut aufgefordert. Aus dem Kelch, iiber dem gebetet wurde, 
trinken hierauf die Verlobten, wonach der Schammesch ein aramaisch 
geschriebenes Heiratsdokument (Ketuba) verliest. Danach gibt der 
Brautigam der Braut einen Ring oder eine Miinze aus Silber und spricht: 
"Durch diesen Ring sei du mir nach dem Gesetze Moses und Israels 
angetraut". In diesem Augenblick hat er ein Glas zu zertreten, um 
dadurch an den Fall Jerusalems erinnert zu werden. Hierauf wird ein 
zweites Gebet iiber dem Kelch gesprochen, worauf die Getrauten 
nochmals trinken, um dann von den Angehorigen nach Hause geleitet 
zu werden. Den ganzen Tag haben die jungen Leute gefastet, um sich 
jetzt an einer Hiihnersuppe, die "goldenes Ohr" benannt wird, zu laben. 
Darauf beginnt das Festessen. Sobald das Essen angerichtet ist, begeben 
sich die Gaste jeder mit einer Wasserschale zu Tisch, um vor dem Essen 
die Sitte der Handwaschung auszufiihren. Nachdem man sich nach Amt 
und Wiirden gesetzt hat, bringen die "Servierer" einem jeden das ihm 
seiner Wiirde nach Zustehende an Speisen und Getranken. Darin besteht 
die Aufgabe der Servierer. Die Speisen werden durch geistreiche 
Improvisationen des Batchans gewiirzt. Nachher verwandelt er sich in 
einen Komiker und unterhalt die Gaste den Abend iiber. Am Schlusse 
des Essens nimmt der Batchan die Geschenke entgegen, wobei er die 
Namen der Geber laut ausruft. Danach folgt der Koscher-Tanz; ein jeder 
fafit die Hand der Braut mit seinem Taschentuche an und bewegt sich 
einmal unter den Klangen der Musik mit ihr. Als letzter tritt ihr Mann 
auf sie zu und entschwindet mit ihr. 

Die sklavische Abhangigkeit des Juden vom Kahal sogar bei 
hauslichen Festen belegen die Akten 53, 64, 130 und 158. 



Zweifellos ein Fruchtbarkeitszauber. D. H. 

43 



Erlauterung XI. Von der Sitte des Beschneidens. 

Sofort nach der Geburt besteht die vornehmste Aufgabe des Vaters 
darin, das Kind und die Mutter vor dem Eindringen des satanischen 
Geistes zu bewahren, der dann gerade um sie kreist und in jeder Weise 
sich bei ihnen einzunisten sucht. Das beste Mittel hierzu ist der Schir 
Hamaalot. Dieser machtige Talisman besteht aus dem 121. Psalm, der, 
auf Papier geschrieben, von Namen des Himmels und Gottes umgeben 
sein muG, die der Talmud die Juden lehrt. Dieser Talisman wird auf alle 
Offnungen geklebt, durch die der unreine Geist zu seinem Opfer dringen 
konnte. Gleich nach der Geburt eines Kindes mannlichen Geschlechts 
erscheinen die Lehrer aus der Synagoge mit ihren Kindern und lesen fiir 
ihn Gebete. Nach dem Beten werden die Kinder alle mit Leckereien 
gefiittert. Das Lesen eines Gebetes durch den Lehrer mit seinen Kindern 
erfolgt nunmehr taglich bis zum Tage der Beschneidung. Am ersten 
Freitag nach der Geburt versammeln sich abends auch die erwachsenen 
Juden und lesen dasselbe Gebet vor dem Neugeborenen. Am Sonnabend 
morgen begibt sich der Vater in die Synagoge, wo der Kantor zu seinen 
Ehren den "Mi-schebberech" liest und singt. Daraus begeben sich die 
geladenen Angehorigen (Gevattern) mit dem Vater zum Kinde zuriick. 
Hier werden die Gaste bewirtet. Am Vorabend der Beschneidung ist die 
"Wachnacht". Hierzu versammeln sich die Gevattern, um die Nacht mit 
Gebeten und Lesen des Talmud an der Wiege des Kindes zu verbringen. 
Hierfiir erhalten die Gevattern auGer dem Essen auch noch Geld. Am 
achten Tage nach der Geburt also findet die Beschneidung statt. Etwa 
um zehn Uhr nach Beendigung der Synagoge versammelt sich die 
Verwandtschaft im Hause des Neugeborenen. Bei einer Beschneidung 
miissen stets zehn Personen anwesend sein. 

Nachdem alle Vorbereitungen getroffen sind, hebt die Gevatterin 
das Kind auf und erwartet den Ruf des Schammasch "Quater", wobei sie 
das Kind ihrem Manne iibergibt. Dieser bringt das Kind dem Mohel 
(Beschneider), der es annimmt und laut sagt: "Und nach den Worten 
Gottes an unseren Vater Abraham, wandle vor mir und sei getreu". 
Darauf begibt er sich zum Stuhle des unsichtbaren Elia, der jeder 
Beschneidung beiwohnt.*) Darauf umringen das Kind die Beschneider, 



* Bei der Beschneidung werden zwei Stuhle in die Nahe des heiligen Schreins der 
Synagoge gestellt. Der eine ist der Gevatterstuhl, auf dem der Gevatter sitzt, der das 
zu beschneidende Kind halt. Der andere Stuhl ist fiir Elias aufgestellt worden. Man 

44 



einer mit einem scharfen Messer, der andere mit besonders langen 
Fingernageln und der Dritte stellt seinen Mund zur Verfiigung. Der erste 
von ihnen spricht ein Gebet, und mit einem Ruck die Vorheit 
durchschneidend, iiberlafit er seinen Platz dem Nachsten; dieser reiGt die 
Vorhaut ab, worauf der dritte das Blut aus der Wunde saugt. Wahrend 
dieser Zeit liest der Vater ein langes Gebet. Ubersteht der Neugeborene 
die Operation gut, so wird iiber dem Kelch ein Gebet gelesen und drei 
Tropfen des Weines dem Kinde auf die Lippen getraufelt. Das ganze 
Drama wird durch ein Lied des Kantors beschlossen. (Der Beschneider 
heiGt Mohel. - Oft fiihrt auch nur ein Mohel die Beschneidung aus.) 

1st die Operation gut gelungen, d. h. hat der Erste nicht zu tief 
geschnitten, der Zweite nicht zu viel abgerissen und ist es vom Dritten 
nicht mit einer Krankheit angesteckt worden, so hat das Kind auf 
Lebenszeit den Namen eines Juden erhalten.*) 



Erlauterung XII. Von der Morenu,**) d. h. den 

Bezeichnungen, die mit Pflichten im Kahal und Bet Din 

verkniipft sind, und von den Stufen dieser Hierarchien 
iiberhaupt. 

Um den Leser hiermit bekannt zu machen, werden wir hier zum 
ersten Male ein bisher nur hebraisch bekanntes Dokument veroffent- 
lichen, das dem Kahal der Stadt Wilna angehort und auf merkwiirdige 
Weise in die Sammlung historischer Schriften des Kurij Nesman kam. 



hofft, dafi er unsichtbar auf ihm Platz nimmt. Kisse Elijahu heifit der Stuhl. Elias wird 
wahrend der Zeremonie ausdriicklich eingeladen, auf ihm Platz zu nehmen. Der 
Stuhl bleibt drei Tage nach der Beschneidung stehen, damit sich der Prophet von 
seiner langen Reise ordentlich ausruhen kann. - Urspriinglich Zauberglaube in 
Reinkultur! D. H. 

* In dieser Darstellung der Beschneidung wie auch in der Beschreibung der Mikwa 
(Erlauterung XVI) liegt der Protest des modernen Gebildeten gegen die im hohen 
Grade unhygienische, Krankheiten iibertragende, aus dem Reich des 
Zauberglaubens stammende "religiose" Vorschrift. Auch hier sind Form und Ton 
mustergiiltig objektiv. Dafi Rabbiner und andere orthodoxe luden, bes. Chassidim, 
trotzdem schaumen, ist klar. D. H. 
** Nach der liidischen Enzyklopadie ist die richtige Bezeichnung Morenu. Das 

45 



Uber die Pflichten der Rabbiner und Vertreter der 
Stadt. 

An der Spitze der Stadt stehen: der Rabbiner, der Vorsitzende des 
Bet Din, die Mitglieder des Bet Din, 12 an der Zahl, und die Vertreter der 
Stadt. Der Rabbiner wird durch die AUgemeine Versammlung auf drei 
Jahre gewahlt. Die Pflicht des Rabbiners besteht in f olgendem: 

a) Auf Einladung der Mitglieder des Kahal oder der AUgemeinen 
Versammlung hat der Rabbiner unverziiglich zu erscheinen. Ebenso hat 
er nicht das Recht, sich einer Mitarbeit an gerichtlichen Behandlungen zu 
entziehen. Er hat darauf zu achten, daG die Bevolkerung nicht gegen den 
Kahal sich auflehnt. Er hat alle wichtigen Fragen mit dem Kahal in 
weiser Uberlegung zu beraten. 

b) Der Rabbiner hat kein Recht, sich in die Angelegenheiten des 
Kahal einzumischen. 

c) Wenn der Kahal etwas Neues einzufiihren wiinscht und ein died 
der AUgemeinen Versammlung dagegen stimmt, so hat der Rabbiner die 
Partei des Kahal zu ergreifen und die Angelegenheit weise zu 
vermitteln. 

d) Bei Erledigung von Geldangelegenheiten durch den Bet Din ist 
der Rabbiner von einer Mitwirkung befreit. Verlangt jedoch eine der 
Parteien seine Mitwirkung, so darf er dieselbe nicht abschlagen. 

e) Die Stimme des Rabbiners hat an sich kein Ubergewicht; bei 
Gleichstimmigkeit jedoch gibt sie den Ausschlag. Die Aufhebung einer 
Vorschrift wird durch Stimmenmehrheit beschlossen. Der Rabbiner darf 
sich dem nicht widersetzen, es sei denn, daG durch den BeschluG die 
Regeln des ganzen Kreises gestort werden. 

f) Entschliefiungen oder Erklarungen iiber besondere Fragen darf 
der Rabbiner nicht geben. In solchen Fallen gesellen sich zwei der 
Gesetzgeber, zwei Vertreter der AUgemeinen Versammlung und zwei 
Dajjanim (Richter) zu ihm. 



Wort bedeutet "Unser Lehrer". Der Titel ist seit dem 14. Jahrhundert bekannt und 
wird an Rabbiner und Talmudisten verliehen. Er kam zuerst in Deutschland auf. Nur 
wer den Titel besitzt, gilt als richtiger Rabbi, darf predigen, Ehen schliefien, Ehen 
scheiden, rechtsprechen. Bei der Anrede stand der Titel voraus, also z. B. Morenu ha- 
Rabbi R. Meier. D. H. 



46 



g) Der Rabbiner darf sich nicht in die Angelegenheiten der Bannung 
oder in die Rabbinerwahl einmischen noch ein schlechtes Wort iiber 
Wahler oder Gewahlte auGern. 

h) Bei der AUgemeinen Versammlung darf der Rabbiner kein 
Dokument unterschreiben, das etwa gegen den Kahal gerichtet sein 
konnte. 

i) Den Titel "Morenu" erteilt der Rabbiner zusammen mit dem 
Altesten des Kahal und dem Vorsitzenden des Bet Din. Bei der 
Verleihung wird nach den Regeln des Kreises verfahren, wonach der 
Titel nur dann zuerkannt werden kann, wenn der Betreffende nicht 
allein den Talmud und die Gesetze kennt, sondern auch mit dem 
Choschen ha-Mischpat genau vertraut ist. 

k) Zu Mitgliedern der Asifa (der AUgemeinen Versammlung) 
werden Vertreter der Stadt gewahlt. In dieser Versammlung wirken nur 
die mit, die bereits das Morenu erlangt haben. 

1) Die Stufen der Gemeindeamter sind folgende: a) Abgeordneter 
zur Vertretung der Stadt; b) Dajjan = Richter einer Briiderschaft; e) 
Habbai = Altester einer Wohltatigkeitsanstalt oder Mitglied des Bet Din; 
d) Ikkurim = alte Mitglieder der Gemeinde; e) Rosch Medina = Vertreter 
des ganzen Kreises oder des Kahal. 

Nach diesen Stufen werden die Glieder der AUgemeinen 
Versammlung allmahlich zu Dienern des Kahal erhoht. 



Von der Ordnung bei Wahlen. 

Die Fiihrer des Kahal und die Richter des Bet Din werden alljahrlich 
nach den Regeln des Wahlgesetzes von 1747 gewahlt. Vor dem Monat 
Kislew*) (Oktober) werden 5 Borerim (Wahler) ernannt, die die Mit- 
glieder der Gesetzgeberversammlung ernennen, die fiir die Neuwahlen 
bestimmt ist. Die Wahler ihrerseits ernennen: 4 Vertreter des Kahal, 2 
Vertreter des Kreises, 4 Vertreter der Gemeinde, 3 Delegierte, 4 
KontroUeure, 2 Vertreter der AUgemeinen Versammlung. AuGerdem 
ernennen sie 4 Alteste der Wohltatigkeitsanstalten und 12 Richter des Bet 
Din. 



* Der Kislew beginnt in der Zeit v. 4. XI. - 3. XII., die Wahl findet daher im Oktober 
oder November statt. D. H. 



47 



Von den Pflichten der Mitglieder des Kahal und des 
Bet Din. 

a) Die Hauptarbeit besteht in der Festsetzung und Eintreibung der 
Abgaben und in der Uberwachung der Bevolkerung betr. deren 
Richtigkeit. Den Abgaben unterliegt jede Art des Handels. Die 
Vertrauensmanner der Stadt ernennen zur Festsetzung der Abgaben 
Beamte, denen strengste Gerechtigkeit anbefohlen wird.*) Gleich nach 
der Wahl haben sie sich in ein Zimmer zu begeben und diirfen dieses mit 
Ausnahme von Sonnabenden und Feiertagen nicht verlassen. An 
Werktagen diirfen sie es nur zum Essen verlassen. Jeder Jude hat der 
Kommission sein Gesamteinkommen anzugeben. 

b) Alle Vierteljahre miissen die Glieder der AUgemeinen 
Versammlung zu einer Beratung iiber die aktuellen Fragen, welche die 
Gemeinde betreffen, zusammentreten. 

c) Alle drei Jahre findet die Versammlung des ganzen Kreises statt, 
zu der die folgenden Stadte ihre Vertreter entsenden: Brest-Litowsk, 
Grodno, Wilna, Pinsk und Sluzk. 

d) Den Dajjanim (Gliedern des Bet Din) zusammen mit ihrem 
Vorsitzenden unterliegt die Verteilung der Maaruphia.**) Sie haben auch 
alle Kontrakte, die unter Juden abgeschlossen werden, zu bestatigen. 
Aufierdem liegt ihnen, zusammen mit dem Kahal, die KontroUe dariiber 
ob, daS die Juden (gegen Juden) stets richtige Gewichte und Mafie in 
Anwendung bringen. - 

Auch dieses Dokument beweist wieder, daG der Kahal iiberall aus 
denselben Einnahmequellen schopft, daG seine Macht iiberall die gleiche 
ist, und daG er iiberall den Juden die merkwiirdigen Rechte der Chasaka 
und Maaruphia verkauft. 



D. h. innerhalb der Gemeinde, nicht gegeniiber den Nichtjuden, wenngleich der 
Talmud auch hierfiir Urteile enthalt. D. H. 

** Diese Feststellung ist wichtig. In den Sitzungs-Protokollen spielt die Maaruphia 
kaum eine Rolle, augenscheinlich deshalb, weil es sich um Kahalprotokolle handelt, 
die Maaruphia dagegen von dem Bet Din behandelt wurde. Ware Brafmann ein 
Falscher, er hatte sich die Gelegenheit sicher nicht entgehen lassen, die im 
Daseinskampf so entscheidende Waffe der Maaruphia in einigen Bet Din-Protokollen 
in wirksamster Weise der russischen Regierung vorzufiihren - Ehrlichkeit von seiten 
Brafmanns, wo immer man anpackt! D. H. 

48 



Hierzu stimmt der auf dem beriihrnten Rabbiner-Kongrefi in 
Breslau 1869 von den Delegierten gefaGte Beschlufi. 

"Wir stehen auf dem Boden eines aktiven Judentums, und unser Ziel 
ist, dessen Macht mit alien Mitteln auszudehnen. Wir woUen die Freiheit 
aller jiidischen Gemeinden. AUe Gemeinden Deutschlands werden 
aufgefordert, die Regierung zu ersuchen, in alien hoheren Lehranstalten 
Lehrer des jiidischen Gesetzes anzustellen. AUe Mitglieder schreiben sich 
als Glieder des 'Internationalen jiidischen Verbandes' ein und stellen alle 
ihre Krafte in den Dienst desselben." - - 

Zum Schlufi woUen wir noch einige Worte iiber die Erfolge dieser 
neuen Organisation in RuGland sagen. Bevor sie in RuGland auftrat, war 
in den meisten Stadten eine grofie Anzahl jiidischer Schulen entstanden. 
Die Regierung, eine Verbesserung der Lage der Juden erstrebend, erhob 
von den Juden eine neue Steuer, die ca. 327.000 Rbl. einbrachte. Das zu 
Erziehungszwecken bestimmte Kapital belief sich nach 30 Jahren auf 
etwa 30 Millionen. Die Friichte desselben werden von den Rabbinern 
jedoch als sehr mangelhaft bezeichnet, wobei sie die Schuld nicht etwa 
sich selbst, sondern den staatlichen Institutionen zuschrieben. Man habe 
christliche Aufsichtspersonen fiir die Schulen bestellt, die Rabbiner selbst 
seien von Wahlen abhangig, und endlich wurde auch die 
Ungewohntheit der Einrichtung als Grund fiir den MiGerfolg angegeben. 

Hier sei erwahnt, daG die Rabbiner-Schulen allmahlich ihren 
religiosen Charakter verloren und zu national-jiidischen Gymnasien 
wurden. Gleich nach Absolvierung derselben gingen die Schiller auf die 
Universitaten. Auf diese Weise erreichte man einen Nachwuchs national- 
jiidisch erzogener Menschen. Stets haben die Juden es verstanden, aus 
alien Lebenslagen Nutzen fiir sich zu Ziehen! 



Erlauterung XIII. Von den Melammedim, d. h. den 
jiidischen Lehrern, und der jiidischen Erziehung im 
allgemeinen. 

Der erste Wunsch, mit dem die Juden ein Neugeborenes begriiSen, 
ist, es als "Talmid chacham", d. h. voU talmudischer Weisheit, zu sehen. 
Entsprechend diesem Wunsche bringt jeder Vater, das fiinfjahrige Alter 
des Kindes mit Ungeduld erwartend, das Kind und evtl. auch das Letzte 



49 



seiner Ersparnisse in den Cheder (Schule). Da dieses ganz allgemein ist, 
nintmt es nicht wunder, daG es eine Menge solcher Chedarim 
(Elementarschulen) gibt und viel Geld auf ihre Unterhaltung verwendet 
wird. 

Die gelehrten Juden behaupten, daG die starke Anziehungskraft der 
Schule auf religioser Basis beruhe. Nach unserer Meinung jedoch kann 
von fanatischer Religiositat hierbei nicht die Rede sein. Die Sache steht 
vielmehr folgendermaGen: 

Der Talmud hat die Juden von alters her in Patrizier und Plebejer 
geteilt, und das Verhaltnis dieser zueinander wie folgt festgesetzt: 

1. Dem Plebejer kann niemand als Zeuge dienen. 

2. Auch er kann niemandem als Zeuge dienen. 

3. Der Plebejer wird in keine Geheimnisse eingeweiht.*) 

4. Er kann nicht zum Vormund ernannt werden. 

5. Er kann nicht in Wohltatigkeits-Angelegenheiten mitarbeiten. 

6. Man kann mit ihm nicht eines Weges gehen. 

"Einige setzen hinzu", sagt der Talmud, "daG ein Gegenstand, von 
einem Plebejer verloren, dem Finder gehoren soil." Diese Regeln haben 
sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Unser ganzes Buch zeigt, daG der 
Plebejer (Am haarez) ein in jeder Beziehung niederes, rechtloses Wesen 
isf*). 

Deshalb also suchen die Plebejer eine Befreiung fiir die unter dem 
Joch der Patrizier Schmachtenden in der Erziehung ihrer Kinder in der 
Schule, denn nur der Cheder kann einen Plebejer zum Morenu stempeln. 

Die Erziehung der Juden unterliegt keinerlei Zwang oder Regeln 
und untersteht weder dem Kahal noch sonstigen Institutionen. Sie ist 
sozusagen Sache des ganzen Volkes. Jeder Jude kann, mit dem 
Elementarlehrer-Wissen ausgestattet, als Erzieher auftreten. Ebenso steht 
es jedem Juden frei, seine Kinder selbst zu unterrichten, sofern er nur 
eine entsprechende Summe an den Cheder zahlt.***) Die Melammedim 
haben untereinander keinerlei Verbindung und nicht etwa gleiche 
Programme oder Methoden. Daher auch die grofie Konkurrenz unter 



Der Geheimbundcharakter des Judentums ist damit eindeutig zum Ausdruck 
gebracht. D. H. 

** Die Kenntnis dieser Tatsache ist, wie wir noch sehen werden, fiir die Beurteilung 
des jiidischen Problems der Gegenwart von entscheidender Bedeutung. D. H. 
*** Wohin man sieht, Zwangsmafinahmen. D. H. 

50 



ihnen und das geringe Ansehen dieses Berufes iiberhaupt. Der Jude 
ergreift ihn nur, wenn er sich dazu absolut gezwungen sieht. Es gibt ein 
Sprichwort "zum Sterben oder Melammed (Elementarlehrer) zu werden, 
ist es immer noch Zeit". 

Das Schuljahr ist in zwei Semester geteilt, zwischen denen die 
Monate April und September liegen. In dieser Zeit bemiiht sich jeder 
Melammed, fiir sich Propaganda zu machen und neue Schiller 
anzuwerben. Der Melammed arbeitet von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr 
abends. Seine Schiller in Klassen einzuteilen, ist auGerst schwierig; man 
konnte etwa folgende Einteilung vornehmen: 1. Lesen lernen; 2. Beginn 
des Unterrichts in den 5 Bilchern Mose; 3. Lehren der Mischna nebst 
Kommentaren; 4. Der Talmud selbst mit vielen Kommentaren und die 
Gesetzbilcher (Codices: Schulchan aruch usw.)*) 



* Die Zustande in dem Cheder waren, wie auch die Jiidische Enzyklopadie zugibt, 
ganz unbefriedigend. Der Cheder bestand aus einem einzigen Raum, in dem 
samtliche Lehrgange gleichzeitig unterrichtet wurden. Alle mufiten laut und gellend 
schreien. Der Raum war eng, ungesund, die Behandlung der Kinder schlecht, 
Priigelstrafen wurden ausgiebig ausgeteilt. Damals (um 1800) waren die 
Schulverhaltnisse ganz allgemein recht riickstandig, nicht nur in dem Cheder. Auch 
bei den Juden kam spater der Fortschritt mit der Griindung der Haskala: der 
fortgeschrittenen Schule, die in der Richtung auf das freiere Reformjudentum 
eingestellt war. Einen noch weiteren Fortschritt stellt das von Brafmann erwahnte 
Gymnasium vor. Die eigentlichen religiosen Studien fanden nach Absolvierung des 
Cheder in der Betschul - Bet ha-Midrasch - statt. 

Welche Zustande noch in der Jugendzeit von Dr. Fromer, die in die siebziger Jahre 
fallt, in den Chederschulen bestanden, zeigt die Schilderung seiner Aufnahme in 
einer solchen Schule in Lodz. 

"Mit fiinf Jahren kam ich ins Cheder (Judenschule). Als mich die Mutter das erste 
Mai dahin brachte, hatte ich das Gefiihl eines zur Schlachtbank gefiihrten Rindes. 
Schon in der Feme horte ich das Geheul und das Gewinsel der im Cheder 
mifihandelten Kinder. Wir traten in ein halbdunkles Zimmer. Die muffige Luft und 
das Schreien und Larmen betaubte in den ersten Augenblicken meine Sinne. Auf 
dem nackten Fufiboden hockten die Kinder dicht nebeneinander, schwatzend oder 
weinend. Vor einem langen Tische stand eine Reihe von Kindern. Vor jedem lag ein 
hebraisches Alphabet, aus dem sie der Reihe nach vorlasen. Um den Tisch herum 
ging der Melammed (Lehrer) und bearbeitete fortwahrend die entblofiten Hinterteile 
der Kinder mit einem dicken Riemen. Diese Exekution begleitete er mit einem so 
lauten Schwall von Schimpfworten, dafi durch sie das Jammergeschrei der Kinder 
fast iibertont wurde. Sein schmutziges Gesicht war von einem wilden, struppigen, 
roten Bart umrahmt. Aus den Augen 

51 



Die Waisen und Kinder ganz Unbemittelter werden auf 
Gemeindekosten erzogen, und die dafiir angestellten Melammedim 
erhalten ihr Gehalt vom Kahal. Diesen Kindern wird jedoch nicht 
Schreiben und Rechnen, wie den anderen Kindern, beigebracht.*) 



Erlauterung XIV. Von dem "Jom Kippur" 
(Versohnungstag) und dem "Kol nidre" zur Befreiung 
von Geliibden, die der Jude tat oder tun wird. 

Der letzte Tag des Rosch Haschana, von dem wir bereits sprachen, 
ist der "Jom Kippur", der Versohnungstag. In dem alten Tempel offnete 
sich an diesem hochbedeutsamen Tage dem Hohenpriester der Vorhang 
des AUerheiligsten. Dorthin begab er sich mit dem Siihnegerat und 
erwirkte dem Volk Vergebung. Jetzt jedoch ist dieser Tag den Juden ein 
Tag der Trauer und der Tranen geworden. Ein jeder hat an diesem Tage 
zu fasten, und mit Jom Kippur endet die Frist, wahrend der zehntagigen 
BuGe sich zu reinigen oder zu rechtfertigen. Entsprechend diesem 
Glauben befallen jeden Juden an diesem Tage traurige Gedanken. 

Wenn die Synagoge sich mit Betenden gefiillt hat und ein jeder in 
feiertaglicher Kleidung, ein Wachslicht in den Handen, betet, nehmen 
die Vornehmsten die Tora zur Hand, und feierlich beginnt der Kantor 
das beriihmte "Kol nidre",^!) alsbald von der Gemeinde begleitet. Die 
Bedeutung des Kol nidre ist die, daG jeder sich dadurch von der Schuld 
der im vergangenen Jahre gegebenen und im kommenden Jahre zu 
gebenden Geliibde, Besprechungen und Verfluchungen befreit. Durch 



flackerte ein unheimliches, fieberhaftes Feuer. Am Herde stand die Frau des 
Melammed und braute ein iibelriechendes Gericht. Sie biles fortwahrend in das von 
schlecht brennendem Holze unterhaltenen Feuer und hustete, so oft der Rauchqualm 
ihr entgegenschlug. Ihr mageres, schwindsiichtiges Gesicht war voll Rufi. Dicht 
neben ihr lag ein Saugllng und schrle, mit Handen und Fiifien zappelnd, aus 
Lelbeskraften." D. H. 

* Die Waisen und Kinder Unbemittelter wurden damals also noch schlechter als die 
Madchen behandelt, die doch wenlgstens aufier Lesen auch Rechnen lernten, sowelt 
es In der Wlrtschaft gebraucht wurde. Heutzutage slnd die Armenschulen - Talmud 
Tora - wesentllch besser als damals. Es handelt sich um vergangene Zustande. D. H. 

52 



diese offentliche Lossagung bricht in der Tat das ganze Moralgebaude 
der Juden zusammen. Diese Tatsache ist so erschiitternd, daG gegen sie 
selbst Talmudisten Einspruch erhoben haben. Das Kol nidre hat sich 
jedoch bis auf heute gehalten. Von dem EinfluS dieses Branches werden 
wir im zweiten Teile dieses Buches ausfiihrHch sprechen.*) 



Erlanterung XV. Von der Kapporet (Versohnung 
durch das Hahnen-Opfer). 

Diese Sitte ist rein heidnischer Art und besteht im folgenden: Am 
Morgen des Jom Kippur ergreift der Jude einen Hahn bei den FiiSen, 



* Kaum eine andere Erscheinung zeigt so klar, in welche unlosbaren Konflikte die 
Mondnatur einer Organisation ihre Anhanger verwickelt wie die Kol nidre-Formel. 
Innerhalb der Juden gibt es genau so wie in jeder anderen irgendwie geeinten 
Menschengruppe ausgezeichnete, ethisch hochstehende charaktervolle Manner. So 
ist es geradezu selbstverstandlich, dafi dieses "Gebet" der Gegenstand umfangreicher 
Erorterungen geworden ist. Vor allem haben die anstandig Denkenden ihm einen 
einschrankenden Sinn gegeben. Die Befreiung von der Verantwortlichkeit aller 
Geliibde, Versprechungen, Abmachungen soUte sich ledigHch auf solche Dinge 
beziehen, die mit dem eigenen Gewissen zu tun haben und keinen anderen 
schadigen. Das Kol nidre-Gebet soUe den Juden wegen vergessener 
Versprechungen und Geliibde vor Gottes Strafe schiitzen. In der Praxis haben 
schlaue und gewissenlose Juden das Gebet ganz anders aufgefafit. Demgemafi haben 
denn auch bedeutende Rabbiner wie Judah ben Barzillai (Spanier aus dem 12. Jahrh.) 
und Jeroham ben Hagin (aus der Provence) gegen solche Toren gewettert und sie fiir 
zeugnisunfahig erklart. Auch im 19. Jahrhundert wurde auf Versammlungen viel 
dariiber diskutiert. In Wirklichkeit ist das Kol nidre-Gebet eine Notwendigkeit. 
Eine religiose Organisation, deren Mitglieder durch eine solche verwirrende Fiille 
von Verboten und Geboten geangstigt und in dauernder Aufregung gehalten werden 
- und zwar unter Androhung der schlimmsten Fliiche und Strafen im Diesseits und 
Jenseits - mufi einen Rettungsanker schaffen, eine Moglichkeit bieten, sich von 
unverschuldeten, well unabsichtlich begangenen, Vergehen zu bewahren. Die 
Schuld, Versprechungen, Geliibde, Abmachungen nicht eingehalten zu haben, wird 
ganz besonders hoch eingeschatzt - deshalb also - nicht aber wegen der schonen 
hinreifienden Melodie, wie einige meinen - hat sich das Kol nidre gehalten und ist 
mindestens fiir die orthodoxen Juden, insbesondere fiir die gewissenhaftesten und 
anstandigsten Elemente unter ihnen, geradezu eine Erlosung. D. H. 

53 



schwingt ihn iiber seinem Haupt und spricht folgendes Gebet: "Dieser 
Hahn geht zum Tode - ich aber zum ewigen Leben." Hiernach nimmt er 
den Hahn beim Kopf und wirft ihn von sich. Dasselbe tut das weibHche 
Geschlecht mit einem Huhn. Bedeutung: Der das Tier Schwingende gibt 
dem Tier seine Siinden; die Tiere werden nachher geschachtet. Der Kahal 
erhalt hiervon eine besondere Abgabe. Siehe Nr. 89. 



Erlauterung XVI. Von der Mikwa (Einrichtung der 
Reinigung fiir die Frauen nach Geburten und 
Perioden) . 

Mikwa ist ein Bad, in dem die Jiidinnen eine Waschung nach 
Geburten oder Perioden vornehmen. Das Wasser muG fliefien, "lebendig" 
sein; da dieses aber sehr kalt zu sein pflegt, so gibt es eine Vorrichtung 
zum Erwarmen desselben, bezw. es wird nur ein wenig lebendes Wasser 
zu bereits Erwarmtem hinzugefiigt. Zuerst biirstet die Jiidin ihr Haar 
und beschneidet die Nagel an Handen und FiiSen, wobei infolge des 
Eifers der helfenden Nagelschneiderin oft Blut fliefit. Darauf begibt sie 
sich in die Mikwa, spricht ein Gebet und taucht so tief unter, daG die 
Enden ihrer Haare*) nicht an der Oberflache sichtbar sind. Sie bleibt 
solange unter Wasser, bis die Stimme von oben "Koscher" ruft. Zwei-, 
dreimal wird untergetaucht. Darauf wird der Mund mit dem Mikwa- 
Wasser gespiilt und der Platz der Nachsten abgetreten. 

An einem Abend steigen oft einige Hundert Frauen in dieselbe 
Mikwa. DaG die Mikwa daher haufig als Krankheitserregerin wirkt, kann 
nicht wunder nehmen. AuGerdem geht die Sache stets in Kellern vor 
sich, so daG der diistere, feuchte Ort die Opfer erschauern lafit. - Arme, 
arme jiidische Frauen! 



* Die verheirateten Frauen miissen sich das Haar abschneiden, weil sich der Teufel 
mit Vorhebe in den Haaren festsetzt. In Ostpreufien ist die Sage sehr lebendig, dafi 
die lautlos herumhuschenden Fledermause sich den Frauen ins Haar setzen. Ob ein 
innerer Gedankengang - Teufel-Fledermaus - vorliegt? Offenes Haar ist Damonen 
ausgesetzt. D. H. 

54 



Erlauterung XVII. Von Kiddusch und Habdala 
(Gebet iiber dem Kelch zu Hause und in der Synagoge). 

Dieses ist die altjiidische Sitte, wobei das Gebet abends in der 
Synagoge oder im Gebetshause nach dem Abendgottesdienst vor dem 
Sonnabend oder einem Feiertage und nach dem Sonnabend oder einem 
Feiertage gesprochen wird. Aus einem Kelch mit Wein, iiber dem der 
Kantor ein Gebet gesprochen hat, wird den Kindern zu trinken 
gegeben.*) Dasselbe tut jeder Jude auch zu Hause nach der Riickkehr aus 
der Synagoge. Wenn kein Wein vorhanden ist, so wird der Kiddusch 
iiber Festbroten und die Habdala iiber Wein oder Schnaps ausgefiihrt. 
Wein fiir die Synagoge zu spenden, gilt als hohe Ehre.**) Der Kiddusch 
lobt Jahwe dafiir, daG er die Juden auserwahlte - die Habdala lobt ihn 
dafiir, daG er die Feiertage von den Werktagen trennte, das Licht von der 
Finsternis schied und Israel von den anderen Volkern trennte. 



Nachbemerkung 

Die Ursachen fiir die Verfolgungen der Juden, die sie in 
verschiedenen Landern und zu verschiedenen Epochen trafen, 
ebenso wie die merkwiirdige Tatsache, daG die biirgerlichen Rechte, die 
sie sich irgendwo einmal erwarben, ihnen nur zeitweilig erhalten blieben 
und, wie Napoleon I. sagt, erschlichen waren, sind in dem Judentum 
selbst, in seinen Institutionen und im Bestehen des Kahal zu suchen. 
Ebenso deutlich wird dem Leser dieser 17 Erlauterungen geworden sein, 
daG, solange die offizielle Macht des Juden iiber seinen Glaubensbruder 



* Diese Weingabe wird an arme Kinder ausgeteilt. In wohlhabenden Familien wird 
die Zeremonie im Hause abgehalten. Dafi die ganze Einrichtung nicht gerade 
gesundheitsfordernd ist, liegt auf der Hand. D. H. 

Es ist ein interessantes Zeichen fiir die grofiartige Disziplin und den religiosen 
Geist innerhalb der Ghettogemeinden, dafi die Ehre, Wein, Kerzen und andere fiir 
gewisse Zeremonien gebrauchte Gegenstande liefern zu diirfen, in offentlicher 
Auktion versteigert wurde. Also man bezahlte nicht nur die Waren, sondern auch 
das Vorrecht der Lieferung. Warum? Weil solch' fromme Handlung - bestimmt im 
Jenseits, vielleicht aber auch schon im Diesseits - mit reichlichen Zinsen vergolten 
wurde. D. H. 



55 



besteht, solange der Kahal, der Bet Din und das ganze talmudische Recht 
nicht abgeschafft sind, die gegenwartig bestehenden Ordnungen und 
Institutionen der Juden erhalten bleiben werden, welche Form auch 
immer die aulSere administrative gesetzliche Macht annehmen moge. 
Gleichfalls konnen wir getrost sagen, daG, solange nicht die 
Einrichtungen der Juden zur Erziehung ihrer Kinder vernichtet wenden, 
der Wunsch der Regierung, aus den Juden brauchbare Burger des 
Staates zu machen, erfolglos bleiben muG. 

Dieser Uberzeugung huldigte auch die Verwaltung des 
nordwestlichen Kreises, und den ersten Schritt zur Befreiung des Landes 
von dem eingewurzelten Ubel tat der Generalgouverneur Graf E. T. 
Baranow mit dem Zirkular, das wir am Ende dieses Buches 
wiedergeben. 



56 



Die Akten des Kahal 



bl 



58 



Nr. 1. iJber die Einfiihrung einer neuen Ordnung fiir 

die Ausgaben des Kahal. 

Sabbat, Lesestiick Vereschit der Fiinf Biicher Mose (d. h. in der ersten 
Woche des neuen jiidischen Jahres)^^^) im Jahre 5555 (1794). 

Die Vertreter des Kahal verordnen in Gegenwart der friiheren 
Raschim (Haupter) und der Tuwim "Vertreter der Stadt": Die bisherige 
wochentliche Abgabe des Einzelnen zur Bestreitung der Ausgaben des 
Kahal ist durch Eintreibung der Abgabe in Hohe von einem halben 
Kopeken fiir das Pfund Rindfleisch zu ersetzen. Der Verwaltung des 
Kahal wird aufgetragen, eine ausfiihrliche Verordnung hierfiir 
zusammenzustellen, desgleichen auch jemanden zur Uberwachung der 
Angelegenheiten der Stadt zu ernennen mit der MaGgabe, ihn nach 
Gutdiinken zu entlohnen. 

Nr. 2. Von der Vergiitung fiir die Polizeirevier- 

Aufseher (Faktoren). 

Sabbat, Lesestiick Noah, 5555 (1794). 

a) Von den Vertretern des Kahal wird verordnet: Drei Polizeirevier- 
Aufsehern fiir die vergangene Zeit je 8 Sloty (Rbl. 1,30) auszuzahlen. Das 
Geld soil ihnen durch Vertrauensleute des Kahal zu Lasten der 
Schlachtgelder ausgehandigt werden. 

b) Auf dieser Sitzung wurden zu KontroUeuren zwecks Revision der 
Kasse der Abgaben des Kahal, die von dessen Vertrauensmann verwahrt 
wird, die schon friiher als solche fungierenden Reb*) Eli, Sohn des U, und 
Reb Morduchai, Sohn des U, ernannt. 

Zur KontroUe der Summe jedoch, die sich bei dem Vertrauensmann 
David Schatz (Kantor) und bei dem Soldaten Jacob befinden, sind zu 
Aufsehern gewahlt: Reb Moses, Sohn des J, Reb Moses, Sohn des A, der 
oben erwahnte Reb Morduchai und Reb Pesach, Sohn des J. 



Reb bedeutet nicht Rabbi, sondern einen angesehenen Mann. Die Jiidische 
Enzyklopadie sagt: "ein guter Jiid". D. H. 

59 



Die KontroUe der Kasse kann auch bei nicht voUzahliger 
Anwesenheit der Aufseher erfolgen. 

Nr. 3 (= Band II. 40). Von der Ernennung eines 
Aufsehers fiir die jiidischen Angelegenheiten bei der 

Polizei. 

Montag, Lesestiick Wa-jare des Pentateuchs 5555 (23. Okt. 1794). 

Die Vertreter des Kahal verordnen: 

Dem Vertreter der Stadt, dem Rabbi Inda Leib, Sohn des Rabbi 
Jacob, ist aufzutragen, sich von heute ab sechs Wochen lang in der 
Polizei aufzuhalten und sich um die sowohl privaten als Gemeinde- 
Angelegenheiten zu bekiimmern, mit der Bedingung, daG er in 
Angelegenheiten des Kahal, (der Gemeinde) nicht ohne vorherige 
Genehmigung seitens des Parnes Hodem, des Monats-Vorsitzenden des 
Kahal, und eines anderen Vertreters der Stadt Geschenke, an wen auch 
immer, versprechen darf. Fiir seine Tatigkeit wird ihm ein Gehalt von 
zwei Rubel fiir die Woche gewahrt. 

Nr. 4 (= II. 41). iJber die Begriifiung der Obrigkeit an 

Feiertagen.*) 

Dienstag, den 2. Ijjar 5555 (10. April 1795). 

Von den Vertretern des Kahal wird verordnet: 

a) Bei dem reichen Isaak aus Ljachowka (Vorstadt von Minsk) ist 
eine Anleihe in Hohe der fiir die Woloschebna notigen Summe 
aufzunehmen.**) Fiir diese Begriifiung sind gewahlt der reiche Reb Zevi, 
Sohn des Sch. und der oben erwahnte reiche Isaak - zu ihnen gesellen 
sich noch vier allgemeine Raschim (Haupter) - und alle zusammen gehen 
sie mit der Woloschebna zur Obrigkeit. 

b) (= II. 42) In dieser Sitzung iibernahm die Verwaltung des 
Kahal die Pflicht, alles das aufzufiihren, was auf der vorhergegangenen 
Zusammenkunft betr. der stadtischen Schlachterei beschlossen wurde, 
und alle Angelegenheiten dieser Art endgiiltig zu regeln. 



* Es sei an die Hinweise in der Einfiihrung (S. LI) erinnert. D. H. 

** Woloschebna sind die Geldsummen zur Begriifiung der - nichtjiidischen - Obrigkeit 

an Feiertagen. 

60 



Nr. 5 (= II. 43). Die Angelegenheit der Schachthauser. 
Freitag, Lesestiick Tasria des Pentateuchs 5555 (13. April 1795). 

a) Im Hause des Kahal wurde in Anwesenheit der Vertreter des 
Kahal und der Mischehaja Raschim, d. h. der Haupter, die Frage einer 
Instruktion in Sachen der Schachthauser aufgeworfen, die auf 
Anordnung des Kahal durch sechs gewahlte Burger ausgearbeitet 
werden soUe. Die AUgemeine Versammlung beschlofi, die durch jene 
sechs erlassenen Instruktionen zu bestatigen und ihnen in alien Teilen 
Gesetzeskraft zu verleihen. 

Am selben Tage wurde f olgendes verordnet: 

SoUten die Briiderschaften nicht alle Anweisungen der erwahnten 
Gewahlten befolgen, so iibergibt die AUgemeine Versammlung die 
Angelegenheit des Schachtens dem Vorstande des Kahal, und jede 
Verordnung dieses Vorstandes soil die Kraft eines Beschlusses der 
AUgemeinen Versammlung besitzen. 

b) ( = II. 44). In dieser Sitzung wurde auch die den Kahal 
driickende Last der Plebaner (rom.-kath. Geistlichen) besprochen. Zu 
Bittstellern in dieser Sache wurden gewahlt: Judel, Sohn des Jacob, Elia, 
Sohn des Zevi, R. Zevi-Hirsch (Sohn des R) und Isaak Eisig, Neffe des A. 

In der Angelegenheit mit dem Beamten Komar wird die Bittstellerei 
dem Kahal iibertragen.*) 

Hierbei wird festgesetzt: Die beiden erwahnten Angelegenheiten 
sind auf gerichtlichem Wege zu erledigen, und niemandem ist es erlaubt, 
mit der Gegenseite in irgend welche "Friedensverhandlungen" zu treten. 

Nr. 6 (= II. 45). iJber die Anstellung eines Advokaten 

in Sachen des Kahal. 

Sabbat, Lesestiick Tasria des Pentateuchs, 6. Ijjar 5555 (14. April 1795). 

a) Der Vorstand des Kahal verordnet: Den Herrn Lopatna**) zum 
bevoUmachtigten Advokaten des Kahal anzunehmen. Vier Hauptern der 



* Der Fall ist nicht mehr zu verstehen. D. H. 

** Lopatna ist augenscheinlich ein christlicher, vermutlich polnischer Advokat - kein 

Jude -, der die Gemeinde beim russischen Gericht vertrat. D. H. 

61 



Stadt wird die VoUmacht erteilt, einen schriftlichen Vertrag mit ihm iiber 
die Bezahlung seiner Arbeit abzuschliefien; und alles das, was durch ihn 
in dieser Angelegenheit angeordnet wird, ist einer Verordnung des 
Kahal gleich zu achten. 

b) Auf dieser Sitzung wurden auch zu Aufsehern des 
Rekrutensystems*) gewahlt: Reb Jaschar Beer, Sohn des J, und Reb 
Mardochai, Sohn des M. 

c) Auch wurde verordnet, dem Reb Wolf, Sohn des Schelomo, 
lebenslangHches Stimmrecht in alien Gemeinde-Angelegenheiten zu 
verleihen. Fiir ein solches Recht hat der Reb Wolf in die Kasse des Kahal 
fiinf Tscherwonetz zu zahlen und alien Mitgliedern des Kahal ein 
Festmahl zu geben. Diese Verordnung tritt nur dann in Kraft, wenn Reb 
Isaak aus Ljachowka mit derselben einverstanden ist. 

Bemerkung: Der erwahnte reiche Isaak ist mit der letzten 
Verordnung nicht einverstanden. 

Nr. 7 (= 11.46). iJber die Aufstellung genauer Listen der 
Einwohner der Stadt nach Standen. 

Mittwoch, Lesestiick Achare Moth des Pentateuchs, 10. Ijjar 5555 (18. 

April 1795) zu Minsk. 

Der Vorstand des Kahal verordnet: Den Gabaim (Vertretern) aller 
Briiderschaften^^) wird befohlen, dem Kahal genaue Listen ihrer 
Mitglieder, auch der Untermeister und Lehrlinge, die bei den Meistern 
arbeiten, ohne Unterschied, ob sie Einheimische oder Fremde sind, 
zuzustellen. Ebenso wurde alien Hausbesitzern durch Soldaten oder 
Boten befohlen. Listen der Bewohner ihres Hauses, ob Einheimische oder 
Fremde, dem Kahal einzureichen. 



Die Juden mufiten Rekruten stellen. Auf die Bedeutung dieser Tatsache fiir die 
Ghettojuden ist bereits in der Einfiihrung hingewiesen worden. Militardienst und 
orthodoxes Judentum mit Koscheressen und all den Hunderten von Vorschriften 
sind einfach unvereinbar. Die Tragik hat Franzos ergreifend geschildert. Wer irgend 
das Geld aufbringen konnte, kaufte sich los. Dafi die ganze Angelegenheit zu 
schlimmsten Bestechungen einerseits, Erpressungen andererseits Veranlassung 
geben mufite, ist klar. D. H. 

62 



Nr. 8. (= II. 47). Die Ernennung von Vertrauensleuten 
zur Erledigung der Schachtungs-Angelegenheiten mit 

einigen Briiderschaften. 

Sabbat, Lesestiick Kedoschim, 13. Ijjar (21. April). 

a) Entsprechend einer Verordnung des Vorstandes des Kahal 
wurden vier Haupter und Rabbi Samuel zu einer endgiiltigen Regelung 
der Schachtungs-Angelegenheiten mit Chewra Kadischa (Briiderschaft 
der Totenbestatter) und Chewra Schibea Keruim gewahlt. 

b) Auf derselben Sitzung wurde beschlossen: dem Samuel, Sohn des 
R. G., ein Zeugnis dariiber auszustellen, daG er bereits einige Dekrete^^^) 
des Bet Din ins Russische iibersetzt hat. Wenn der Rabbiner und der Bet 
Din hiermit einverstanden sind, so miissen die Schammaschim (Notare) 
des Kahal dieses Zeugnis unterschreiben. 

Bemerkung: Hierzu wurde das Einverstandnis des Rabbiners und 
des Bet Din gegeben. 

Nr. 9. (= II. 48). Von der Abgabe bei Schachtung von 

Vieh. 

Mittwoch, 24. Ijjar 5555 (2. Mai 1795) - Minsk. 

Von der auGerordentlichen AUgemeinen Versammlung und dem 
Vorstande des Kahal wird bestimmt, eine Abgabe fiir die Schachtung 
von Vieh festzusetzen, die zur Deckung gewisser allgemeinbekannter 
Schulden,*) die der Kahal den Klostern gegeniiber hat, dienen soil. Hier 
die Vorschriften dieser Abgabe: 

Fiir das Schachten eines Ochsen sind 4 poln. Sloty (60 Kopeken) zu 
entrichten - was vor dem Schachten zu erfolgen hat. Fiir das Schachten 
einer Kuh 3 poln. Sloty (45 Kopeken) - und fiir das eines Schafes, einer 
Ziege oder eines Kalbes je 6 Groschen (3 Kopeken) - fiir ein Kalb von 1-2 
Jahren 1 Sloty (15 Kopeken). Die Abgabe ist in Silbergeld zu entrichten. 

Es wird bestimmt: Es ist am morgigen Tage in alien Bethausern 
unter dem gewaltigsten Bann laut zu verkiinden, daG jeder, der Vieh 
schachten will, verpflichtet ist, die nach Obigem festgesetzte Abgabe, 
unabhangig von der Taxe fiir den Schachter und fiir den Schlachthof, zu 
entrichten. Unter Androhung des Banns ist es den Schachtern verboten, 
das Messer aus der Scheide zu ziehen, bevor die Abgabe voUgiiltig an 



Die anderen Sitzungs-Protokolle bringen keine Erklarung. D. H. 

63 



den Vertrauensmann bezahlt ist. Gleichfalls wird bestimmt, unter dem 
Bann und den "Schamtos gedolot" (Verfluchungen zu ewiger 
Verdammnis) zu erklaren, daG kein Mensch auf der Welt die 
obenerwahnte Schachtabgabe in Pacht nehmen diirfe - niemals und 
unter keinerlei Bedingungen. Dem Bann werden aber auch die verfallen, 
die diese Abgabe in Pacht geben woUen, - wem und wann es auch sei - 
einem Juden oder Nichtjuden.*) Diese Abgabe mufi stets zur Verfiigung 
des Kahal, zwecks Ablosung der oben erwahnten Schulden, stehen. 
Wenn jedoch jemand diese Bestimmung nicht einhalt und unter 
irgendeinem Vorwand die Abgabe doch in Pacht nimmt, so soil in dem 
Falle der von alters her bestehende Bann, der auf dem von auswarts 
eingefiihrten Fleisch ruht, aufgehoben werden, und es wird zum 
Schaden des Pachters jedem erlaubt, sein Fleisch einzufiihren. Am 25. 
Ijjar 5555 (3. Mai 1795) wurde alles oben Erwahnte buchstablich in alien 
Bethausern verkiindet. 

Nr. 10. (= II. 49). Von der Wahl eines 
Vertrauensmannes fiir neue Steuern. 

Sabbat, Lesestiick Be-Har Sinai des Pentateuchs, 27. Ijjar 5555 (5. Mai 

1795). 

Durch Verfiigung des Kahal wird mit dem heutigen Tage der 
Leima, Sohn des Juda, Levit, zum Vertrauensmann des Kahal in Sachen 
einer neuen Steuer ernannt. Der erwahnte Leima ist eidlich verpflichtet, 
die Ausfiihrung aller Verordnungen zu iibernehmen, die durch 
Bestimmung des Kahal mit besagter Steuer verkniipft sein werden. 

Nr. 11 (= II. 50). Von der Wahl eines Vertrauensmannes 
fiir die Abgaben von der Vieh- und Gefliigel- 

Schlachtung. 

Sabbat, Lesestiick Be-Har Sinai des Pentateuchs, 27. Ijjar 5555 (5. Mai 

1795). 

Von dem Vorstande des Kahal wird Hosea, Sohn des Abraham, zum 
Vertrauensmann in Sachen der Abgaben von Vieh- und Gefliigel- 



* Die Koscherabgaben sollten zur Bezahlung der Staatsabgaben dienen, sie wurden 
aber zu anderen Zwecken benutzt. D. H. 



64 



Schachtung ernannt. Dieses Amt iibernimint er sofort nach den ersten 50 
Tagen dieses (5555) Jahres, nachdem er vorher die Pflicht der 
Ausfiihrung einer jeden Bestimmung des Kahal in dieser Angelegenheit 
beschworen hat. 

Nr. 12 (= II. 51). iJber das Darlehen von 50 Rbl. an 

Jiidel (Sohn des Jacob). 

Sabbat, Be-Har Sinai des Pentateuchs, 27. Ijjar 5555 (5. Mai 1795). 

Es wird bestimmt: Aus der Kasse des Kahal sind Rbl. 50.- in Silber 
dem Rabbi Jiidel (Sohn des Jacob) als Darlehn zu geben. Dieses Darlehn 
ist nach und nach innerhalb eines Jahres zu 1 Rbl. pro Woche 
auszuzahlen. Zur Sicherung dieses Darlehns hat der erwahnte Rabbi 
Jiidel dem Kahal einen Schuldschein auszustellen mit der Verpflichtung, 
die bei ihm angesammelten 50 Rbl. am 1. des Ijjar 5556 (1796) 
zuriickzuzahlen. Der Schuldschein ist vom Notar des Kahal in 
Verwahrung zu nehmen. 

Nr. 13 (= II. 52). Von der Anweisung eines Platzes zum 

Schachten von Gefliigel und von der Ernennung 

besonderer Schachter hierzu. 

Sabbat, Lesestiick Behaalotcha, 5555 (26. Mai 1795). 

Vom Vorstande des Kahal wird bestimmt: Gefliigel*) ist auf dem 
Hofe der Synagoge zu schachten. Zu Schachtern hierfiir werden bestellt 
Mardochai und sein Sohn Jacob, und zwar hat einer von ihnen sich mit 
dem Schachten, der andere mit der Einhaltung aller durch das Gesetz, d. 
h. den Talmud, vorgeschriebenen Regeln zu befassen. AuGer diesen 
Beiden ist es keinem Schachter in der Stadt erlaubt, sei es am Tage oder 
in der Nacht, Gefliigel zu schachten. Das Gehalt fiir beide Schachter 
entspricht dem, welches im allgemeinen ein Schachter erhalt. Der 
erwahnte Mardochai hat den Eid, der fiir die Vertrauensmanner der 
Schacht-Abgabe vorgeschrieben ist, zu leisten und hat jedem Freitag 
dem BevoUmachtigten des Kahal das im Laufe der Woche bei ihm 
angesammelte Geld zu iibergeben. Wenn der Vorstand des Kahal es fiir 



* Die Gefliigelschachter waren eine andere, welt weniger angesehene Klasse als die 
Viehschachter. D. H. 



65 



notig erachten soUte, die Abgabe von der Gefliigelschachtung zu 
verpachten, so hat der Mardochai hierauf das Vorrecht. Wenn die 
Abgabe jedoch von einer anderen Person gepachtet wird, so bleibt 
Mardochai Schachter, und niemand hat das Recht, ihn seines Postens zu 
entheben. 

Nr. 14 (= II. 53). Vom Bau eines Schachthauses. 

Sabbat, Stiick Behaalotcha des Pentateuchs, 5555 (26. Mai 1795). 

Es wird bestimmt, der Chewra Kadischa*) (Briiderschaft der 
Totenbestatter) und den Schibea Keruim (Briiderschaft der sieben 
Auserwahlten) den Bau eines Schachthauses auf ihre Kosten zu 
iibertragen; da jedoch die Briiderschaft Schibea Keruim dieses ablehnte - 
wodurch der Bau aufgehalten wiirde - so wurden von der Versammlung 
des Kahal der Rabbi Zevi, Sohn des R., der Rabbi Nota, Sohn des J., und 
der Rabbi Samuel, Sohn des D., dazu ernannt, sich mit besagter 
Briiderschaft auseinanderzusetzen und von ihr eine formelle, d. h. den 
jiidischen Gesetzen entsprechende, Quittung iiber alle von ihr fiir den 
Bau getragenen Ausgaben zu erlangen. Wenn nach Ordnung dieser 
Angelegenheit und nach Erhalt einer solchen formellen Quittung die 
Chewra Kadischa selbst vom Kahal das Recht zum Bau des 
Schachthauses zu erwerben wiinschen soUte, so werden seitens des 
Kahal hiergegen keine Bedenken bestehen. Den obenerwahnten drei 
Gewahlten wird in Sachen der Briiderschaft Schibea Keruim und zur 
Festsetzung der Bedingungen fiir die Briiderschaft Chewra Kadischa 
dieselbe Macht verliehen, wie sie nach jiidischen Gesetzen den 
Vertretern der Stadt zusteht. Die Briiderschaft der Totenbestatter mul? 
sich verpflichten, alle Bedingungen, die in dieser Sache mit den Schibea 
Keruim abgemacht werden, zu erfiillen. Wenn sie jedoch den Teil des 
Rechtes, der den Schibea Keruim gegeben ist, nicht zu erhalten wiinscht, 
so verbleibt dieser Teil dem Kahal. 



* Die Chewra (oder Chabura) Kadischa, d. h. die Briiderschaft der Totenbestatter, ist 
wohl die alteste der Briiderschaften und schon in Talmudzeiten nachweisbar. Es 
scheint, dafi sie auf die Sekte der Essener zuriickgeht. Die Ch. K. hatte Erlaubnis, zu 
arbeiten, wenn sonst jeder ruhen mufite. Sobald ein Leichnam in der Hand der Ch. K. 
war, waren die Verwandten aller Pflichten los und ledig. 

Die Frauen hatten eigene Chewras. Die Mitgheder der Ch. K. hatten wichtige 
Privilegien und standen unter der Leitung gewahlter Beamter. D. H. 

66 



Nr. 15 (= II. 54). Von der Begleichung der Schuld an 

den Pleban (kath. Pfarrer) und von der Einfiihrung 

einer neuen Abgabe von Waren, die von auswartigen 

Kaufleuten eingefiihrt werden. 

Sabbat, Abschnitt Schelach lecha, 5555 (2. Juni 1795). 

a) Da die Einnahmen der neu eingefiihrten Abgaben zur Deckung 
der Schuld an den Pleban nicht ausreichen, wird vom Vorstande des 
Kahal bestimmt: Von der Briiderschaft der Totenbestatter sind 90 Rbl. 
aufzunehmen a Konto der Summe, die sie fiir die Rekrutierung schuldig 
ist, um mit ihr den monatlichen, dem Pleban auszuzahlenden Betrag zu 
bestreiten. 

b) An demselben Tag wurde bestimmt: Es ist eine Abgabe auf alle 
Waren einzufiihren, die von auswartigen Kaufleuten nach Minsk 
gebracht werden, und solange diese Abgabe nicht verpachtet ist, hat 
jeder Kaufmann, der Waren nach Minsk bringt, sich beim Parnes 
Chodesch, d. h. Ortsvorsteher, zu melden, um einen Zettel mit der 
Unterschrift des Vorstehers und eines Vertreters des Kahal zu erhalten. 
Der Zettel muG ausweisen, daG der Vorzeiger desselben die Abgabe fiir 
die von ihm eingefiihrten Waren voU bezahlt hat. 

c) Am gleichen Tage wurde noch bestimmt: Von der Schule ist ein 
Raum als Biiro fiir die Steuern zu mieten, und fiir dasselbe sind VVi 
Kopeken die Woche zu zahlen, zu Lasten der Kasse des Kahal.^^^) 

d) Denselben Tag wurde ferner festgesetzt: Aus der Kasse des Kahal 
ist dem Steuereinnehmer Reb Isaak ein Hochzeitsgeschenk von 2V2 Rbl. 
zu machen. Das Geld ist dem Vertrauensmann Reb Herschen gegen 
Quittung auszuhandigen. 

Nr. 16. Regeln fiir die Einwohner der Stadt beziiglich 
der Einladungen von Mitbiirgern zu Festen, gegeben 

vom Kahal. 

Zum Feste der Beschneidung diirfen folgende Personen eingeladen 
werden: 

1. Alle Glieder der Seitenlinie der Eltern bis zum zweiten Grade. 
Wenn das Fest nicht vom Vater des Neugeborenen, sondern von einer 
anderen Person gegeben wird, so unterliegt es beziiglich der 
Einladungen denselben Bestimmungen. 



67 



2. Verschwagerte Personen, d. h. die Eltern der neuen 
Schwiegertochter, vor und bis zur Heirat derselben, diirfen zum Fest 
geladen werden. 

3. Der Gevatter (der das Kind wahrend der Beschneidung halt) oder 
Sandeke und die drei Beschneider, sowie der Sprecher der Gebete iiber 
dem Kelch nach der Beschneidung. 

4. Fiinf gute Freunde und der Melammed des Hausherrn. 

5. Je zwei Nachbarn von beiden Seiten und drei von der 
gegeniiberhegenden Seite. Diese Kegel gilt auch fiir Ladeninhaber. 

6. Der Pachter eines Ladens kann vom Besitzer desselben eingeladen 
werden und umgekehrt; dasselbe gilt fiir Hausbesitzer und ihre Mieter. 

7. Die Geschaftsfreunde und Lieferanten: Schlachter und Schneider. 

8. Die jiidischen Vertreter der Stadt und Beamte. 

9. Das Mitglied einer Briiderschaft kann deren Vorstand einladen. 

10. Diener der Synagoge, die zu diesem Zweck einen Ausweis vom 
Kahal besitzen. 

Zu einem Hochzeitsmahl diirfen alle Verwandten zweiten Grades 
(inkl. Schwager), Nachbarn und iiberhaupt alle, die nach Obigem zum 
Feste der Beschneidung zugelassen sind, eingeladen werden. AuGerdem 
konnen gebeten werden zehn gute Freunde und Freundinnen. Feste der 
Armen, die auf gemeinsame Kosten der Geladenen stattfinden, 
unterliegen nicht diesen Vorschriften. 

Unter Androhung des gesetzlichen Bannes ist es verboten, 
Tanzabende an den auf eine Hochzeit folgenden Sonnabenden zu geben, 
sowohl fiir Manner als fiir Frauen. Es ist jedoch erlaubt, Jugend beiderlei 
Geschlechtes an dem Sonnabend, an dem der Brautigam zur Tora 
aufgefordert wird, zu bewirten. Wer jedoch bei Heirat seines Sohnes 
oder seiner Tochter die Hochzeit auGerhalb der Stadt gibt, dem ist es 
verboten, zu dem Feste einzuladen, und alien Einwohnern der Stadt ist 
es in solchen Fallen verboten, den Heiratenden Geschenke zu senden. 
Unter Androhung des gesetzlichen Bannes ist es den Schammaschim 
(Dienern der Synagoge) verboten, zum Feste der Beschneidung oder 
Heirat nach dem Kegister einzuladen, bevor es nicht vom Notar 
durchgesehen und durch seine Unterschrift legalisiert, d. h. als nach 
obigen Kegeln ausgestellt bekraftigt ist. Unter dem Banne ist es auch 
dem Festgeber verboten, jemanden einzuladen, der nicht in dem Kegister 
vermerkt ist, und niemand darf zum Feste erscheinen, wenn er nicht 
durch den Schammasch, dem das Kegister iibergeben wurde. 



68 



eingeladen worden ist. Die Verletzung dieser Vorschriften ist einer 
Verletzung des Bannes gleichzusetzen. Einer solchen Person werden 
schwere Strafen auferlegt werden, wobei weder die personliche noch die 
Familien-Ehre des Ungehorsamen geschont und keinerlei Ausfliichte 
oder Entschuldigungen angenommen werden diirfen.*) Den 
Gehorsamen aber wird Gutes widerfahren, auf sie wird Segen 
herabstromen, und sie werden auf den Festen ihrer Kinder neues Leben 
geniefien. Die Welt gehore Israel. Amen. Dein Wille, Herr, geschehe. - 

Nr. 17 (= II. 55). Von der Wahl von elf 
Vertrauensleuten zur Beaufsichtigung der Revisionen 

und der Pachtvertrage. 

AnlaGlich einer neuen Revision und Verpflichtung, die zu gunsten 
des Kahal eingefiihrt werden miissen, wird unter Einverstandnis der 
AUgemeinen Versammlung bestimmt: Die nachfolgenden elf Personen 
sind zu wahlen/*) und zwar: 1. Rabbi Leib, 2. Rabbi Hirsch, 3. R. Salomo, 
4. R. Isaak, 5. R. Abel, 6. Chaima, 7. R. Jehiel, 8. R. Ilia, 9. R. Aisig, 10. R. 
Samuel, 11. R. Jacob. Diese elf Gewahlten miissen die besagten 
Angelegenheiten iiberwachen, und ihre Tatigkeit ist der der Exekutive 
der AUgemeinen Versammlung gleich zu achten. Aus ihre Tatigkeit 
miissen sie alien FleiG anwenden und alle notwendigen Ausgaben 
machen. 

Fiir diese Ausgaben bleibt es ihnen iiberlassen, eine geeignete 
Quelle zu finden, jedoch darf deswegen der Stadt keine neue Abgabe 
auferlegt werden. 

Nr. 18 (= II. 56). Bestimmung der AUgemeinen 

Versammlung iiber die Wahl der Beamten fiir alle 

Amter der Verwaltung fiir das Jahr 5556 (1796). 

Mittwoch, den 16. Siwan (11. Juni 1796). 

Vom Vorstande der AUgemeinen Versammlung wird bestimmt: Auf 
Grund der jiidischen Gesetze ist eine Wahl der Fiihrer unserer Stadt zu 
veranstalten. Die Wahler haben neun Vorsteher des Kahal in folgender 



Man vergleiche die Darstellung von K. E. Franzos, die in der Einfiihrung 
wiedergegeben worden ist. D. H. 
** Das klingt ganz nach einer Anordnung, wer zu wahlen ist. D. H. 

69 



Ordnung zu wahlen: vier Raschim, drei Tubim, zwei Ikurim. Zum Amte 
der Raschim diirfen nur solche gewahlt werden, welche bereits einmal 
dieses Amt bekleidet haben. Die Wahler haben unter Eid zu versichern, 
daG sie die Wahl im Namen Gottes und zum Wohle der Stadt 
veranstalten werden. Die Vorsteher jedoch haben zu schworen, dafi sie 
ihr Amt gewissenhaft und zum Nutzen der Stadt ausiiben werden. Diese 
Wahl bestellt die Vorsteher nur bis zu dem Ende der kommenden 
Passahtage (10 Monate). Gleichfalls wird bestimmt, daG die Vorsteher 
wahrend der Zeit ihrer Funktion als solche keinerlei Amt in der 
Briiderschaft der Totenbestatter bekleiden diirfen.^^) 

(= II. 57 .) Zur gliicklichen Stunde! Liste fiir die Wahler im Jahre 
5556, aufgestellt am 16. Siwan 5556: 

1. Reb Uri, Sohn des David. 

2. Reb Schalom, Sohn des Meera. 

3. Reb Jechiel, Sohn des David. 

4. Reb Aaron, Sohn des Baruch. 

5. Reb Isaak, Sohn des Zevi Hirsch. 

Diese wurden von der AUgemeinen Versammlung als Wahler der 
Vorsteher bestatigt am 16. Siwan 5555 in Minsk. Sie haben folgenden Eid 
abgelegt: 

(= II. 58). Form des Eides fiir die Wahler: 
Ich verpflichte mich durch Eid und Schwur ohne jeden Betrug oder 
Spitzfindigkeit, daG die Wahl der Vorsteher durch mich ausschliefilich 
zum Wohle der Stadt geschehen wird. Der Herr helfe mir in allem 
ebenso, wie ich jetzt die Wahrheit spreche.^^) 

Nr. 19 (= II. 59). Von einigen Anderungen der 
Bestimmungen der AUgemeinen Versammlung. (Vgl. 

Akte Nr. 18.) 

Sabbat, Lesestiick Behaalotcha des Pentateuchs. (14. Juni 1796.) 

Da die oben aufgefiihrten fiinf Wahler der AUgemeinen 
Versammlung von der Unmoglichkeit einer Durchfiihrung der Wahlen, 
wie unter Nr. 18 bestimmt, berichten, wird ihnen das Recht zur Wahl 
von elf, anstatt von neun Vorstehern der Stadt zuerkannt. Gleichzeitig 
wird bestimmt, daG die Wahl bis morgen 12 Uhr beendet sein muG, 
widrigenfalls sie fiir ungiiltig erklart werden wiirde. Ebenfalls wird 
festgesetzt, daG zu Vorstehern nur stimmberechtigte Mitglieder der 



70 



AUgemeinen Versammlung gewahlt werden soUen. 

Nr. 20 (= II. 60). Zur gliicklichen Stunde! Wahlliste fiir 

die Vorsteher unserer Stadt fiir das Jahr 5556, 
zusammengestellt am Montag, den 21. Siwan. (16. Junio 

1796.) 

I. Raschim. - 

1. Rabbi38) Leib, Sohn des Moses. 

2. Rabbi Jechiel, Sohn des David. 

3. Rabbi Eleasar, Sohn des Meir. 

4. Rabbi Moses, Sohn des Josef. 

5. Rabbi Herschsohn, Sohn des Uri. 

6. Rabbi Aaron, Sohn des Baruch. 

II. Tubim. - 

1. Rabbi Hosea, Sohn des Eljiakum. 

2. Rabbi Pefiach, Sohn des Israel. 

3. Rabbi Isaak, Sohn des Zevi Hirsch. 

III. Ikurim. - 

1. Rabbi David, Sohn des Eleasar. 

2. Rabbi David, Sohn des Jeruchim. 

3. Rabbi Moses, Sohn des Herschsohn. 

4. Rabbi Samuel, Sohn des Eljiakum. 

IV. Habaim zedoka Gedola (Alteste des Grofien Wohltatigkeits- 
kreises). 

1. Rabbi Herz, Sohn des David. 

2. Rabbi Uri, Sohn des David. 

3. Rabbi Israel, Sohn des David. 

4. Rabbi Ilia, Sohn des Zevi Hirsch. 

5. Rabbi Haschel, Sohn des Moses. 

6. Rabbi Isaak, Sohn des Zevi Hirsch. 

V. Dajjanim Keruim (Richter des Bet Din). 

1. Rabbi Samuel, Sohn des Jechiel Michael. 

2. Rabbi Eleasar, Sohn des Efraim. 

3. Herschsohn, Sohn des Elia. 

4. Rabbi Josef, Sohn des Jechiel Michael. 

VI. Dajjanim Scheenam Keruim (zeitweilige Richter). 

1. Rabbi Sef Wolf, Sohn des Z. 

2. Rabbi Jacob, Sohn des Saul. 



71 



3. Rabbi Juda, Sohn des Aaron. 

4. Rabbi Chajjim, Sohn des Sef Wolf. 

5. Rabbi Simon, Sohn des Juda Leib. 

6. Rabbi Joel Feitel, Sohn des Aaron. 

VII. Roe cheschbonot (KontroUeure). 

1. Reb Eleasar, Sohn des Josef. 

2. Reb Herz, Sohn des Isaak. 

3. Reb Israel, Sohn des Isaschar. 

VIII. Alteste der Briiderschaft der Vorsanger. 

1. Reb Uri, Sohn des David. 

2. Reb Elia, Sohn des Zevi Hirsch. 

(= II. 61). Form des Eides fiir die Vorsteher unserer 
Stadt, bestatigt von der AUgemeinen Versammlung. 

Unter Eid und Schwur, ohne Betrug oder Spitzfindigkeit, verpflichte 
ich mich im Namen Gottes, wahrend meiner Amtszeit meine Pflichten 
zum Nutzen der Stadt zu erfiillen; Gott moge mir in AUem ebenso 
helfen, wie ich ehrlich alles von mir Gesagte auf mich nehme. - 

Nr. 21 (= II. 62). iJber Geschenke an Vorgesetzte. 

Dienstag, Abschnitt Schelach lecha des Pentateuchs, 5556 (17. Juni 1796). 

Von den Vertretern der Gemeindeverwaltung wird bestimmt: Von 
den Schachtern sind die von ihnen fiir die letzte Zeit falligen Betrage 
einzutreiben, und die erzielte Summe ist zur Verteilung von Geschenken 
an stadtische Beamte und Vorsteher zu verwenden. Die von den 
Schachtern eingetriebene Summe ist dem Schammasch (Notar) zu 
iibergeben, der liber die Ausgaben zu bestimmen hat.^^^) - 

Nr. 22 (= II. 63). Streit zwischen dem Kahal und einer 
Privatperson iiber einen Platz. 

a) In Sachen des Besitzes des Platzes des unbeschnittenen 
(christlichen) Hutmachers Swanski: 

Infolge eines beim Kahal erhobenen Protestes gegen den Reb 
Eleasar, Sohn des Ephraim, in Sachen seines Rechtes auf den Besitz des 
Platzes des oben erwahnten Swanski, wurde von den Vorstehern des 
Kahal bestimmt: Es sind zwei Tobim (Advokaten) zu ernennen, welche 



72 



diese Angelegenheit vor dem Bet Din unserer Stadt zu verteidigen 
haben. Hierzu wurden ernannt: David, Sohn des Eleasar, und Rabbi 
Isaak, Sohn des Zevi Hirsch. - Dieses wurde unter allgemeiner 
Zustimmung am Mittwoch, Abschnitt Korach des Pentateuch, 
festgesetzt. 

Bemerkung: Diese Bestimmung wurde nicht ausgefiihrt. 

b) Hiernach wurden am Freitag derselben Woche von den 
Vorstehern des Kahal in der gleichen Angelegenheit zwei neue 
Advokaten ernannt: Rabbi Isaschar Beer und Rabbi Pesach. Diese beiden 
erschienen mit der Gegenpartei vor dem Bet Din, und dieses, nach 
Anhorung beider Parteien, erHefi in der Angelegenheit folgendes Dekret: 

Nr. 23 (= II. 64). Kopie des Dekretes des Bet Din in 
Sachen des Streites zwischen dem Kahal und dem Reb 

Eleasar. 

In Sachen des Rechtes auf Besitz eines Hauses und aller 
Nebengebaude sowie des Hofes dazu, belegen in der Troitzki StraSe, 
friiher den Briidern Reb Schalom, Reb Segal und Reb Chajjim gehorig: 

Die Advokaten des Kahal erklarten hierzu folgendes: 

Vorm Gerichtshof des Kahal wurde verhandelt in Sachen des 
Rechtes, auf Grund dessen Isaschar Beer gegenwartig einen Teil des 
oben bezeichneten Platzes besitzt, wozu der Hof von 12 Saschen gehort, 
wahrend Eleasar die iibrigen (Neben-) Gebaude besitzt, woriiber er ein 
Dokument von den Vorstehern des Kahal Dienstag, 28. Siwan 5518 
(1758) folgenden Inhaltes besitzt: 

Da unter den Unterschriften der sieben Ortsvorsteher auf dem 
Kaufkontrakt auch die des Meier steht, so erhebt der Kahal gegen diesen 
Kontrakt, auf Grund dessen Eleasar jetzt einen Teil der Gebaude und des 
Hofes besitzt. Protest. Als erstes fordern die Advokaten des Vorstandes 
des Kahal, daG besagter Eleasar die Richtigkeit aller Unterschriften des 
Dokumentes beweise. - Da auGerdem das Dokument von Meier 
unterschrieben ist, der mit einigen der Unterschriebenen in 
verwandtschaftlicher Beziehung stand - und zwar mit Abraham Abel 
und Nathan Nota - so ist der Kaufkontrakt, nach Behauptung der 
Advokaten, schon durch diesen letzten Umstand rechtswidrig, da er von 
einer unvoUstandigen Anzahl Unterschriften, d. h. nicht von sieben. 



73 



sondern nur von sechs rechtsgiiltigen, bestatigt wurde. Die Gegenpartei, 
d. h. Eleasar, erklarte hiergegen, daG die Unterschrift des Meier durchaus 
nicht die desjenigen Meier zu sein brauche, der mit oben erwahnten 
Abraham Abel und Nathan Nota in verwandtschaftHcher Beziehung 
stand, der ebenfalls den Kaufkontrakt seines Vaters unterschrieben habe, 
und daG zu damaUger Zeit Verwandtschaft in solchen Fallen nicht etwas 
Besonderes bedang; dafi aber, wenn auch der Kontrakt von ungiiltigen 
Unterschriften bestatigt sein soUte, das ProtokoU iiber den Verkauf des 
Hauses an seinen Vater doch immerhin von sieben gesetzlichen 
Mitgliedern der Verwaltung bestatigt worden sei und seine Rechte auf 
den Besitz des Objektes voUkommen rechtsgiiltig seien. 

Der Bet Din beschlofi nach Verhor beider Parteien: 

Wenn Eleasar alles das, was er zur Bekraftigung seines Rechtes 
angefiihrt hat, voU beweisen kann, so hat der Besitz ihm zu verbleiben; 
im anderen Falle geht er an den Kahal iiber. Wenn Eleasar beweisen 
kann, dafi das ProtokoU von sieben gesetzlichen Vertretern aufgestellt 
wurde, so kann in diesem Falle selbst die Ungiiltigkeit des 
Kaufkontraktes ihn des Besitzrechtes nicht berauben; das Haus bleibt 
gleichfalls im Besitze des Eleasar, wenn er beweist, daG die Unterschrift 
des Meier auf dem Kontrakt von einem Meier stammt, der nicht in 
verwandtschaftHcher Beziehung zu den anderen Unterzeichnern stand - 
oder wenn er beweist, daG zu damaliger Zeit ein Kontrakt durch 
Verwandte bestatigt werden konnte. Vorlaufig jedoch geht das Haus des 
Eleasar in den Besitz des Kahal iiber, und dieser hat das Recht, es weiter 
zu verkauf en. (!) Der Kaufer wird alle Rechte des Kahals auf dieses Haus 
geniefien. 

Dienstag, 6. Tammus 5556 (2. Juli 1796). 

gez. Unterschriften der Mitglieder des Bet Din. 

Nr. 24 (= II. 65). Uber die Ladung vor Gericht. 

Mittwoch, Abschnitt Chukkat d. Pentateuchs 5556 (2. JuH 1796). 

Die Vorsteher des Kahal verordnen: 

Der Reb Leib aus Wituki ist aufzufordern, in unserer Stadt vor dem 
Bet Din wegen des Streitfalles mit seinem Schwager zu erscheinen. 



74 



Nr. 25 (= II. 66). Uber den Prozefi des Kahal mit der 
christlichen Priesterschaft beim Magistral. 

Sabbat, Abschnitt Chukkat d. Pentateuchs, 5556 (5. Juli 1796). 

Die Vorsteher des Kahal verordnen: 

Rabbi David, Sohn des Eleasar, ist zum Gehilfen des 
Monatsvorsitzenden des Kahals zu ernennen, und es ist ihm 
aufzutragen, fleiGig beim Magistral den Verlauf der Angelegenheit zu 
verfolgen, die zufolge des Ersuchens der christlichen Priesterschaft an 
den Kahal, aus der Verbindlichkeit eines in ihrem Besitze befindlichen 
Wechsels heranzuziehen, anhangig gemacht wurde. Dem Vorsitzenden 
und seinem Gehilfen ist es erlaubt, die notwendigen Ausgaben aus der 
Kasse des Kahal zu bestreiten.^o) 

Nr. 26 (= II. 67). Uber den Verkauf der 
Eigentumsrechte des Eleasar (s. Akte Nr. 23). 

Da durch Dekret des Bet Din im Streite zwischen dem Kahal und 
Eleasar der Platz des unbeschnittenen Hutmachers Swanski in den Besitz 
des Kahal iiberging, trat Isaschar Beer mit den Ortsvorstehern in 
Unterhandlung zwecks Abtretung des Platzes an ihn und zahlte die 
geforderte Summe in die Kasse des Kahal voU ein. Infolgedessen geht 
von heute ab der Besitz dieses Platzes an den erwahnten Isaschar Beer 
iiber, und kein Kahal kann auch nur den geringsten Widerspruch 
hiergegen erheben. Im Gegenteil, jeder Kahal ist verpflichtet, die Rechte 
des Isaschar Beer oder dessen Rechtsnachfolgers auf diesen Platz zu 
bestatigen. Die Anspriiche des friiheren Besitzers Eleasar sind vom 
Kahal zu befriedigen. 

Oben Erwahntes wurde unter allgemeiner Zustimmung im Hof e des 
Kahal verordnet am Montag, Abschnitt Balak des Pentateuchs 5556 (7. 
JuH 1796). 

Nr. 27 (= II. 68). Erklarung des Kahal beziiglich des 
Hauses einer Privatperson. 

Der Vorstand des Kahal gibt bekannt, daG der zwischen dem Hause 
des Glasers Eleasar und dem des Melammed (Lehrers) Reb Beer 
gelegene Platz ihm gehore. 



lb 



Nr. 28 (= II. 69). Uber die Generalversammlung des 

Kreises. 

Mittwoch, der Woche des Abschnittes Pinchas, 5556 (16. Juli 1796). 

Da aus einigen Teilen des Kreises Gesuche beim Vorstande unserer 
Stadt eingegangen sind, mit der Bitte, einige Gemeinden bei der 
kommenden Versammlung des ganzen Kreises zu vertreten, so wurde 
von den Herren Vorstehern des Kahal festgesetzt, daG sich zu den fiinf 
Vertretern unserer Stadt der Rabbi Josua zu gesellen habe; sie werden 
dann gemeinsam sowohl von seiten unserer Stadt als auch von seiten der 
besagten Gemeinden als BevoUmachtigte gelten. 

Nr. 29 (= II. 70). Abschrift der Kahalbestimmung iiber 
das Wohnrecht des Musikers und Rabbi Isaak in der 

Stadt Minsk. 

Von der Generalversammlung des Kahal der Gouvernementsstadt 
Minsk wurde unter Einverstandnis aller anwesenden Mitglieder 
beschlossen: Dem Musikanten Isaak ist das Wohnrecht in der Stadt 
Minsk erteilt worden - ihm und seinen Nachkommen sowie das voile 
Recht zum Betreiben aller Geschafte, gleich alien anderen Einwohnern 
der Stadt, ohne den geringsten Unterschied und ohne Ausnahme. Da 
aber der erwahnte Isaak behauptet, daG er bereits einmal dieses Recht 
erwarb, was in der Tat dadurch bewiesen wird, daG er bereits lange 
ungehindert in unserer Stadt wohnt, so wird ihm dieses Dokument 
unentgeltlich ausgestellt - nur zur Bekraftigung seiner friiheren Rechte. 

Donnerstag, 27. Schebat 5557 (12. Februar 1797). 

Nr. 30 (= II. 71). iJber das zeitweilige Verbot der 

Verrichtung von gemeinsamen Gebeten in privaten 

Gebetshausern der Stadt. 

Sabbat, Abschnitt Ki tabo d. Pentateuchs, 5557 (26. Aug. 1797) Minsk. 

Vom Vorstande des Kahal wird bestimmt: Am Montag ist in alien 
Gebetshausern zu verkiinden: Vom ersten Tage Selichot bis zum Jom 
Kippur ist alien Einwohnern der Stadt verboten, sich zu gemeinsamem 
Beten in Privathausern zu versammeln; die Gebete sind vielmehr unbe- 



76 



dingt in einem der Bethauser der Synagoge zu sprechen. 

Die Chasanim (Kantoren) und Baale Tekiot (Blaser) werden mit dem 
gesetzlichen Bann belegt, wenn sie in einem Privathause Dienste tun; 
jedes Gebet oder sonstige gottesdienstliche Haltung auSerhalb der 
Synagoge gilt als Gott feindlich. Wenn diese Bestimmung aber dennoch 
von irgendeinem Hausvater verletzt werden soUte, so wird derselbe der 
Strafe ausgesetzt sein, der gewohnlich ein den jiidischen Gesetzen 
Abtriinniger unterworfen wird. 

Nr. 31 ( = 11. 72). Belohnung des Buchbinders Hillel. 

Am gleichen Tage bestimmen wir, daG der Buchbinder Hillel dafiir 
zu belohnen ist, daG er dem Kahal ohne jede Aufforderung einen 
Schuldbrief des Kahal iiber 50 Tscherwonetz, den er gefunden hatte, 
wiedergab. Als Belohnung fiir diese Tat wird unter allgemeiner 
Zustimmung beschlossen, den erwahnten Hillel fiir die Zeit des 
Bestehens der gegenwartigen Kahalverfassung*) von alien Abgaben, 
sowohl von denen an den Staat, als auch von den stadtischen Lasten zu 
befreien. (II. 72 fiigt hinzu: "AuGerdem erhalt er das Recht, als erster 
Kandidat fiir die freie Stelle eines Vorlesers zu fungieren.") 

Nr. 32 (= II. 73). Verpachtung der Gebiihren fiir 

Gefliigelschachtung. 

Montag, Abschnitt Nizzabim des Pentateuchs, 5557 (28. August 

1797) Minsk. 

Unter allgemeiner Zustimmung der Vertreter der Stadt wird die 
Abgabe von der Gefliigelschlachtung dem Jacob, Sohn des Mardochai, 
auf ein Jahr^i) verpachtet. Die Abgabe wird ihm zum vereinbarten Preise 
von Rbl. 55 per Jahr verpachtet, die er dem Kahal in Silber zu entrichten 
hat. Die anderen Bestimmungen bleiben dieselben wie die mit seinem 
Vater im vorigen Jahre festgesetzten. Der erwahnte Jacob verpflichtet 
sich, wie iiblich, auf seine Kosten einen KontroUeur anzustellen, der auf 
die Einhaltung aller Gesetze iiber das Schachten zu achten hat, und der 
hierzu ein Attest vom Oberrabbiner unserer Stadt besitzt. 



* Es ist unklar, ob fiir die Zeit des gerade regierenden Kahal, d. h. auf ein Jahr, oder 
bis zur Anderung der bestehenden Kahalverfassung. D. H. 

77 



AUes dieses wurde im Hofe des Kahal unter allgemeinem 
Einverstandnis, ohne den geringsten Widerspruch, beschlossen. 

Nr. 33 (= II. 74). Ankauf von Roggen fiir bestimmte 
Zwecke und Belohnung des Sekretars des Gouverneurs. 

Donnerstag, Abschnitt Noah des Pentateuchs 5558 (8. Okt. 1797). 

Die Vorsteher des Kahal bestimmen: von den Abgaben sind Rbl. 
100.- zum Ankauf von Roggen und anderem Getreide fiir den 
bestimmten Zweck zu verwenden, und Rbl. 50 dem Sekretar des 
Gouverneurs fiir geleistete Dienste auszuzahlen.*) 

Nr. 34 ( = 11. 75). Von der Tilgung der Schuld an dem 
Rabbi Mardochai, Sohn des Rabbi Moses, Vorsitzenden 

des Bet Din. 

Montag, Lesestiick Lech lecha des Pentateuchs, 5558 (12. Okt. 1797), 

Minsk. 

Beziiglich der Schuld an den Rabbiner Mardochai, Sohn des 
verstorbenen Rabbi Moses, die durch den vom Kahal an seinen Vater 
ausgestellten Schuldbrief, von dem er auf ihn iiberging, bezeugt ist, wird 
bestimmt: Aus der Kasse des Kahal ist der ganze Betrag ratenweise 
innerhalb von zwei Jahren zu bezahlen, d. h. wochentlich 2 Rbl. Silber. 
Rabbi Mardochai ist verpflichtet, den in seinem Besitz befindlichen 
Schuldbrief nebst alien Dokumenten, die sein Recht auf diese Schuld 
belegen, einem Vertrauensmann auszuliefern, bei dem sie bis zur 
endgiiltigen Begleichung der Schuld verbleiben. Nach Ablauf von zwei 
Jahren aber, nachdem die Schuld voU getilgt sein wird, hat der 
Vertrauensmann alle Dokumente dem Kahal auszuliefern. Vorher wird 
der Kahal dem Magistrat**) einen Bericht zustellen, und sobald von 
diesem ein Ukas erlassen worden sein wird, beginnt die Abzahlung der 
Schuld nach obiger Norm. 

Nr. 35 ( = 11. 76). Prozentuale Abgabe. 
Sabbat, Abschnitt Chajje Sara des Pentateuchs, 5558 (31. Okt. 1797). 



* Augenscheinlich Bestechungsfall. D. H. 

** Rabbi M. hatte sich augenscheinlich an das russische Gericht gewandt. D. H. 

78 



Vom Vorstande des Kahal und der AUgemeinen Versammlung wird 
bestimmt: der Stadt ist eine prozentuale Steuer aufzuerlegen, und zwar 
1% vom Kapital und ¥2% vom unbeweglichen Eigentum. Die erzielte 
Summe ist fiir dieses Jahr zum Freikaufen von Rekruten aus 
unvermogendem Hause zu verwenden. Fiir die Zukunft jedoch wird 
eine Abgabe/^) gleich der in der Stadt Schklow erhobenen, durchgefiihrt, 
deren Erlos zur Begleichung aller Staatsabgaben verwandt werden wird 
und nicht zu anderen Zwecken verbraucht werden darf . 

Nr. 36 (= II. 77). Bestimmung iiber die Abgabe nach 
dem Muster der Stadt Schklow. 

Mittwoch, Abschn. Wajjeze des Pentateuchs, 5558 (11. Nov. 1797). 

Die Vorsteher der Stadt verordnen: In unserer Stadt ist bei Strafe des 
Cherem (Bannes) eine Abgabe zur Ablosung der Reichssteuern nach 
dem Muster der Stadt Schklow einzufiihren. Da jedoch diese Abgabe bei 
uns in Minsk mehr abwerfen wird als in Schklow, so muG sie unter 
leichteren Bedingungen eingefiihrt werden. Diese Erleichterungen 
werden ganz vom Kahal abhangen. Gesetzt den Fall, dafi es in Schklow 
gebrauchlich ist, mit den Einwohnern (d. h. Juden) einen Vergleich 
abzuschliefien, nach dem sie freiwillig, durch jahrliche Zahlung, sich von 
der Abgabe von jedem einzelnen Pfunde Fleisch befreien, so muG dieses 
auch bei uns als iiblich gelten, unter der Bedingung, dafi der Kahal eine 
Norm fiir alle festsetzt, die jeden von der Abgabe befreien kann. SoUte 
dieses in Schklow jedoch nicht der Fall sein, so soil es auch bei uns nicht 
eingefiihrt werden. 

Nr. 37 (= II. 78). Von dem Prozefi der jiidischen 
Handwerker beim Magistrat. 

Mittwoch, Abschnitt Wajjeze des Pentateuchs 5558 (1797). 

Von den Vorstehern der Stadt ist bestimmt, daG der 
Vertrauensmann des Kahal aus der Kasse des Kahal die notwendigen 
Mittel zur Bewirtung der Richter im Rathause, die sich mit der bewuGten 
Gerichtssache betr. jiidischer Handwerker befassen, zur Verfiigung zu 
stellen hat.*) 



Das sieht stark nach Bestechung aus! D. H. 

79 



Nr. 38 (= II. 79). Von dem Fest fiir die Diener der 
heiligen Briiderschaft der Totenbestatter. 

Sabbat, Lesestiick Wajjischlach des Pentateuchs, 5558 (21. Nov. 1797). 

Die Vorsteher der Stadt verordnen: Dem Vertrauensmann fiir die 
Abgaben43) von der Viehschachtung, dem Rabbi Moses, Sohn des 
Abraham, ist befohlen, den altesten Dienern der Briiderschaft je 40 Sloty 
(6 Rbl. Silber) fiir ein Fest zu geben, das am 15. Tage des kommenden 
Monats Kislew stattfinden wird. 

Nr. 39 (= II. 80). Von dem Vergleich mit dem 
Archidiakon beziigl. einer Schuld an ihn. 

Sabbat, Lesestiick Wajjischlach des Pentateuchs, 5558 (21. Nov. 1797). 

a) Infolge auGerster Notwendigkeit, den Streit mit dem hiesigen 
Archidiakon zu beendigen, der durch eine Schuld des Kahal an ihn 
entstand, wird unter allgemeiner Zustimmung beschlossen: 

Rabbi Hirsch, Sohn des Rabbi Ruchim, ist als Vertreter des Kahal in 
dieser Angelegenheit zu ernennen. Zur Belohnung fiir seine Miihen 
befreit ihn der Kahal von der Rekrutenabgabe fiirs laufende Jahr. Hierbei 
hat besagter Hirsch einen Eid abzulegen, indem er schwort, die ihm 
anvertraute Sache zum Nutzen des Kahal zu fiihren, ohne fiir sich selbst 
auch nur den geringsten Nutzen daraus zu Ziehen. 

b) ( = II. 81). In derselben Sitzung wurde beschlossen: Aus der 
Kasse des Kahal sind 8 Rbl. dem Reb Abraham, Sohn des Schuan, fiir die 
dem Kahal geleisteten schriftlichen Arbeiten zu geben. 

Nr. 40 (= II. 82). Von der Erlaubnis, die einer 

Privatperson zum Bau einer Pforte erteilt worden ist, 

die zum Synagogenhof e fiihrt. 

Die Vorsteher verordnen: 

Das durch die heilige Briiderschaft der Totenbestatter dem Jacob, 
Sohn des Schuan, verkaufte Recht zum Bau einer Pforte an der dem 
Durchgang zum Hofe der Synagoge dienenden Stelle, die zwischen 
seinem und der Witwe Juda's Hause liegt, ist zu bestatigen. Hierbei wird 



80 



festgesetzt: Einem der Vorsteher der Stadt ist zusammen mit den 
Altesten der Briiderschaft aufzutragen, die Regeln fiir einen 
ungehinderten Durchgang zur Synagoge aufzustellen; von da an darf 
der freie Durchgang nicht gehindert werden. Die Regeln werden 
Gesetzeskraft haben. Wichtiger jedoch ist noch, daG die unabanderliche 
Bedingung erfiillt wird, zufolge deren die heilige Briiderschaft dem 
Kahal die Erlaubnis erteilt, auf ihrem Platz einen offentlichen Abort zu 
bauen, wozu der Kahal bereits Vorbereitungen trifft - ohne hierfiir 
Entgelt zu fordern. 

SoUte dieses nicht erfolgen, so wird der Kahal die Bekraftigung des 
Verkaufes vorerwahnten Rechtes durch die Briiderschaft verweigern 
und dasselbe somit die Gesetzeskraft verlieren. 

Sabbat, Lesestiick Wajjischlach des Pentateuchs, 5558 (21. Nov. 1797). 

Nr. 41 (= II. 83). Von der Erlaubnis fiir den Kantor, am 
Tage der Channuka (des Lichterfestes) Geschenke 

einsammeln zu diirfen. 

Am Morgen des Montags, Abschnitt Mikkez, 5558 (30. Nov. 1797). 

Die Vorsteher der Stadt verordnen: Dem Kantor des Bet 
Hamidrasch, Rabbi Eleasar, ist zu erlauben, am Tage des Lichterfestes 
(Channuka) in die Hauser zur Einsammlung von Geschenken zu gehen 
(bei den Juden als Channuka-Geld bekannt). 

Nr. 42 (= II. 84). Von der Zahlung des Gehaltes an den 
Bevollmachtigten des Kahal fiir das vergangene Jahr. 

Dienstag, Abschnitt Mikkez des Pentateuchs, 5558 (1. Dez. 1797). 

Unter Einverstandnis aller Vorsteher der Stadt wird verordnet: 
Salomon Schuan, Schammesch des Bet Hamidrasch, sind aus der Kasse 
des Kahal fiir das vergangene Jahr 10 Sloty die Woche (1.50 Rbl.) zu 
zahlen dafiir, daG er in dem Jahre das Amt eines Bevollmachtigten des 
Kahal in Steuerangelegenheiten ausgeiibt hat. 



81 



Nr. 43 (= II. 85). Von der Einfiihrung einer Verordnung 

in der Vorstadt Komarowka. 

Dienstag, Abschnitt Mikkez des Pentateuchs, 5558 (1797). 

Die Vorsteher der Stadt verordnen, daG von heute ab in der 
Vorstadt Komarowka keine besonderen Vorsteher mehr amtieren soUen, 
mit Ausnahme von einem, namlich dem Altesten der Synagoge, der 
wahrend des Lesens des Pentateuchs auf der Empore zu stehen hat. AUe 
Abgaben und Steuern werden in genannter Vorstadt von unseren 
Beamten eingenommen. 

Nr. 44 (= II. 86). Von der Bezahlung der Steuern und 
des Rekrutengeldes fiir die Familie des Reb Hirsch, 

Sohn des Simon. 

Am Morgen des Donnerstages, Abschnitt Mikkez des Pentateuchs, 5558 

(3. Dez. 1797). 

a) Unter allgemeiner Zustimmung der Vorsteher der Stadt wird 
bestimmt: Aus der Kasse des Kahal sind nach christlicher Berechnung 
die Rekrutengelder und die Kopfsteuer fiir das Jahr 1797 fiir die Familie 
des Reb Hirsch zu bezahlen und ihm von seinem Gehalt abzuziehen. 

b) In derselben Sitzung wurde beschlossen: Aus der Kasse des Kahal 
sind der Frau des Reb Hirsch 30 Rbl. Silber auszuzahlen, die gleichfalls 
zu Lasten des Gehaltes von Hirsch gehen. 

Nr. 45 (= II. 87). Von der Landpost. 
Mittwoch, Lesestiick Wajjechi des Pentateuchs, 5558, (16. Dez. 1797). 

a) Die Vorsteher der Stadt verordnen: Es ist ein Gesuch an die 
Stadtverordnetenversammlung*) zu richten, in dem sie gebeten wird, fiir 
den Kahal die Eintreibung von Steuern fiir die Landpost zu iibernehmen. 
Um diese Sache zum Erfolge zu fiihren, wird beschlossen, einige Rubel 
aus der Kasse des Kahal zur Verfiigung zu stellen. 

b) Auf derselben Sitzung wurde beschlossen: Fiir eine gewisse 
Person ist Fisch zu kaufen, und hierfiir sind bis zu 10 Rbl. aus der Kasse 
des Kahal zu verwenden. (!) 



* Diese Sache bleibt unklar. Die Kahale hatten augenscheinlich zur Unterhaltung der 
Landpost beizusteuern. D. H. 

82 



c) Ebenfalls wurde beschlossen: Es ist eine Berufung in Sachen des 
Prozesses mit den Schneidern einzulegen44), und dazu sind bis zu 5 Rbl. 
und 20 Sloty poln. Silbergeldes aus der Kasse des Kahal zu verwenden. 

Nr. 46 (= II. 88). Von der Ehrbezeugung fiir das 
Monatsoberhaupt des Kahal. 

Sabbat, Abschnitt Wajjechi des Pentateuchs, 5558 (19. Dez. 1797). 

Von den Vorstehern der Stadt wird folgendes verordnet und 
bekraftigt: Wahrend des Lesens der Tora im hiesigen Bet Hamidrasch am 
Sabbat gebiihrt die grofite der Ehren - die Berufung an dritter Stelle zum 
Lesen der Tora - dem Monatsoberhaupt, auGer an Sabbaten, auf die das 
Neujahr oder ein BuGtag fallen. Hierfiir hat der Kahal dem Bet 
Hamidrasch wochentlich 22V2 Kopeken zu zahlen. Diese Ehre darf auf 
niemanden iibertragen werden, aufier auf den Vorsteher des Kahal, seine 
Sohne und Schwager, auf die sie iibertragbar ist. 

Nr. 47 (= II. 89). Von der Aufnahme einer Schuld zur 
Bezahlung der Staatssteuern. 

Dienstag, 21. Tebet 5558 (22. Dez. 1797). 

Infolge Mangels an Geld zur Bezahlung der Steuern, die der hiesige 
Magistrat mit seinem letzten Ukas nachdriicklichst fordert, wird von der 
AUgemeinen Versammlung bestimmt: bei den reichsten Hausbesitzern 
unserer Stadt ist eine Schuld zur Begleichung der Steuern aufzunehmen. 
Diese Anleihe wird durch die einkommenden Abgaben und Steuern 
getilgt werden. Die Pflicht der Tilgung der Schuld wird den 
Vertrauensmannern des Kahal auferlegt. Die Schammaschim des Kahal 
haben jedem Glaubiger eine Bescheinigung mit ihrer Unterschrift zu 
geben, die den Paragraphen des Gesetzes^^) enthalten muG, nach 
welchem diese Bescheinigung ihren Wert erst nach ZerreiGen derselben 
oder einer entsprechenden Bemerkung darauf verliert. Dem Vorzeiger 
einer solchen Bescheinigung miissen die Vertreter des Kahal die ganze 
ihm geschuldete Summe aus den Einnahmen des Kahal auszahlen. 



83 



Nr. 48 (= II. 90). Von der Gratulation bei den Behorden 

an Feiertagen. 

Donnerstag, Abschnitt Waera, 5558 (24. Dez. 1797). 

Die Vorsteher der Stadt verordnen: Am Tage Wasilij des Grofien, (d. 
h. Christl. Neujahr 1798) ist zu denjenigen Behorden zwecks einer 
Gratulation zu gehen, deren WohlwoUen der Kahal fiir niitzlich halt, 
und die fiir diesen Zweck erforderliche Summe ist nach dem Ermessen 
derjenigen, die die Gratulation ausfiihren, zu verwenden. 

Nr. 49 (= II. 91). Von der Biirgschaft fiir einen 

verhafteten Juden. 

Montag, Abschnitt Bo des Pentateuchs, 5558 (28. Dez. 1797). 

Die Vorsteher der Stadt bestimmen: fiir den Reb N. aus Sluzk ist 
eine Biirgschaft zu stellen, damit er nach Hause entlassen wird. Zu 
Biirgen werden ernannt Reb Inda Leib und noch einer, den er sich 
erwahlen darf. Diese Biirgschaft ist einer solchen, die von den sieben 
Vorstehern der Stadt gestellt wird, gleich zu achten. 

Nr. 50 (= II. 102). Von dem Prozefi zwischen Jacob 
Kopelen und dem Kahal wegen unbeweglichen 

Eigentums.*) 

Da der Reb Jacob Kopelen, Sohn des Meier, gegen das Besitzrecht 
des Kahals auf die neuen Steinladen, die auf dem Hohen Platze neben 
dem Steinhofe des Pan Trebert gebaut sind. Protest erhoben hat und 
dieser Protest auf einem in seinen Handen befindlichen Dokument 
beruht, wonach der Besitz der steinernen Laden ihm zukame, so wahlten 
die Vorsteher der Stadt zu Advokaten fiir den Kahal, zwecks Einleitung 
eines Prozesses beim Bet Din, den Rabbi Josef und Rabbi Eleasar. 

(= II. 103). Urteil des Bet Din in dieser Angelegenheit: 
Mittwoch, 17. Elul 5558 (29. August 1798). 



* Dieser ganze Abschnitt zeigt die talmudische Spitzfindigkeit und die innerhalb der 
scheinbar so geschlossen dastehenden jiidischen Gemeinden vorhandenen Intrigen. J. 
Kopelen wird hier hineingelegt, oder er hat zu betriigen versucht. D. H. 

84 



Das von Jacob Kopelen vorgezeigte Dokument aus dem Jahre 5514 
(1754), welches das Besitzrecht auf oben erwahnte Laden seinem Vater 
bestatigt, ist von den sieben Vorstehern der Stadt unterschrieben. Gegen 
dieses Dokument erklarten die Advokaten des Kahals: 

1. Das Dokument verleiht Besitzrecht nur auf das friiher an besagter 
Stelle gestandene Holzhaus des Sapeschka; da von dem Hause jetzt jede 
Spur fehlt, ist das Dokument bedeutungslos geworden; infolgedessen 
kann Jacob Kopelen jetzt kein Anrecht auf die dort neu gebauten 
Gebaude geltend machen. 

2. Selbst, wenn das Dokument seine Bedeutung behalten hatte, so 
konnte es nur fiir die in ihm angegebenen Grenzen Geltung haben. In 
dem Dokument ist die fiir Kaufkontrakte iibliche Formel nicht enthalten: 
"vom Zentrum der Erde bis zum Himmel", infolgedessen kann er auf die 
Keller und die Raume iiber dem zweiten Stockwerk keinerlei Anrecht 
haben. 

3. In dem vorgelegten Dokument ist nur von einem Haus die Rede, 
der Hof dagegen ist nicht erwahnt; infolgedessen umfaGt das Besitzrecht 
nicht den Hofplatz des Hauses. 

Nach Anhorung beider Parteien verhorte der Bet Din die Zeugen, 
die folgendes aussagten: 

1. Das alte Holzhaus nahm einen Raum von ca. zehn Saschen ein. 

2. Die Hauptfassade des Hauses stand dem Hohen Platz gegeniiber, 
und die Hinterwand stand an der Stelle der friiheren Steinwand des 
Hauses von Pan Trebert. 

3. Das Haus hatte eine Breite von ca. sieben Saschen. 

4. Die jetzt gebauten Laden nehmen die fiinf Saschen des 
Grundstiickes, friiher Sapeschka gehorend, ein. 

Auf Grund dieser Tatsachen beschliefit der Bet Din, vertreten durch 
die Endesunterzeichneten (Vorsitzenden und Richter), dafi das ganze 
friiher dem Sapeschka gehorige Grundstiick nunmehr dem Jacob 
Kopelen zu gehoren habe, wobei sein Besitzrecht "vom Zentrum der 
Erde bis zum Himmel" gelten soil. Dieses von uns hier bestatigte Recht 
soil dem Jacob Kopelen von heute bis in Ewigkeit unverbriichlich 
zugesprochen sein. Der Besitzer des erwahnten Eigentumes hat das voile 
Recht, mit dem Besitz nach Gutdiinken zu verfahren. - 



85 



Diese Bestimmung ist entsprechend den talmudischen Gesetzen und 
den Regeln unserer Weisen*) ausgefertigt. Zur Bescheinigung dieses 
unterschreiben wir eigenhandig. 

Rabbiner Michael, Vorsitzender des Bet Din. 

(Folgen Unterschriften.) 

Fiir die Richtigkeit: Advokat des Kahal und Notar: Eleasar, Sohn des 
Rabbi Simon. 

Nr. 51 (= II. 104). Von dem Vergleich zwischen Jacob 

Kopelen und dem Kahal beziigl. der Laden, erbaut auf 

dem Grundstiick des ersteren. 

Durch BeschluG des Bet Din vom 17. Elul 5558 gehen die Laden, die 
auf dem friiher dem Sapeschka gehorigen Grundstiick erbaut sind, in 
den Besitz des Jacob Kopelen iiber. 

Das Grundstiick miSt 10 Saschen in der Lange und 6 Saschen und 2 
Arschin in der Breite. Demnach gehort das ganze Grundstiick ostlich von 
dem Besitz des Jacob K. dem Kahal. Da infolgedessen der Jacob K. 
standig mit dem Besitze des Kahal in Beriihrung kommen muG, so 
schlossen beide Parteien freiwillig folgenden Vergleich: 

Beide dem Hirsch gehorigen Laden und das neben diesen belegene, 
noch unbebaute Grundstiick gehen in den uneingeschrankten Besitz des 
Jacob K. iiber; dafiir tritt dieser dem Kahal das Recht auf alle iibrigen 
Telle des Grundstiickes ab. 

Dieser Vergleich ist auf Grund des Gesetzes und der Gewohnheiten 
geschlossen und basiert auf dem besonderen Gesetz, demzufolge 
dergleichen Angelegenheiten keines formalen "Kinjan" bediirfen. Zur 
voUen Giiltigkeit jedoch entrichtete der Jacob Kopelen den von unseren 
Weisen festgesetzten Kaboles-Seder (siehe Erlauterung IX). 

Montag, 22. Elul 5558, Minsk. 

Folgen Unterschriften. 

Nr. 52 (= II. 92). Von der Landpost. 
Dienstag, Abschnitt Bo 5558 (29. Dez. 1797). 



* Man beachte den Hinweis auf den Talmud, wo besonders im Traktate Baba batra 
(28 ff.) die Chasaka ausfiihrlichst behandelt ist. Damit ist das hohe Alter der 
Einrichtung der Chasaka bewiesen. D. H. 

86 



Die Vorsteher des Kahal verordnen: Aus der Kasse des Kahal ist das 
Defizit der Steuereinnahmen fiir die Landpost zu decken und die hierzu 
benotigte Summe auf die Einwohner der Stadt durch Umlage zu 
verteilen. 

Nr. 53 (= II. 93). Von dem Hochzeitsgeschenk fiir die 

Tochter des Rabbiners. 

Sabbat, Lesestiick Mischpatim des Pentateuchs, 5558 (30. Jan. 1798). 

Die Vorsteher des Kahal beschliefien: Dem grofien Weisen, dem 
Rabbiner Michael, sind aus der Kasse des Kahal als Hochzeitsgeschenk 
fiir seine Tochter 10 Rbl. auszuzahlen. AuGerdem wurde in dieser 
Sitzung beschlossen, dem Advokaten des Kahal zwecks Ankauf von 
Getreidebrot 22 Rbl. auszuzahlen. 

Nr. 54 (= II. 94). Von dem Loskauf jiidischer 

Arrestanten. 

Dienstag, Abschnitt Teruma des Pentateuchs, 5558 (2. Febr. 1798). 

Da die freiwilligen Gaben zur Deckung der enormen Unkosten, die 
mit dem Loskauf en jiidischer Arrestanten verbunden sind, nicht reichen, 
wird, zwecks Schaffung standiger Geldquellen hierzu, verordnet: 

1. Von jedem Vater ist fiir die Geburt eines Knaben beim Akte der 
Beschneidung eine Steuer von 18 Groschen zu erheben; der gleiche 
Betrag ist bei jeder Hochzeit zu entrichten. Die Schammaschim diirfen 
ihre Genehmigung fiir die Liste der zu ladenden Gaste nicht vor 
Entrichtung dieser Abgabe geben. 

2. Auf Beschneidungsfesten und bei Hochzeiten ist ein Teller fiir 
Geldgeschenke der Gaste aufzustellen. 

3. Am Tage jedes Neumondes ist mit einer Sammelbiichse von Haus 
zu Haus zu gehen. 

Nr. 55 (= II. 95). Von den Arrestanten. 

Montag, Abschnitt Tezawwe des Pentateuchs, 5558 (8. Febr. 1798). 

Von den Vorstehern der Stadt wird bestimmt, daG der Anwalt des 
Kahal aus dessen Kasse 50 Rbl. Silber zum Loskaufen jiidischer 
Arrestanten zahlen soUe. 



87 



Nr. 56 (= II. 96). Von den Arrestanten. 

Sabbat, Lesestiick Wajjakhel des Pentateuchs, 5558 (27. Febr. 1798). 

Die Vorsteher der Stadt bestimmen: Aus der Kasse des Kahal sind 
zum Loskaufen vorerwahnter Gefangener 22 Reichstaler auszuzahlen. 

Nr. 57 (= II. 97). Von der Handelssteuer. 
Donnerstag, 5. Tag der Passahwoche, 5558 (25. Marz 1798). 

Da die im einzelnen nicht spezifizierten (!) Ausgaben des Kahal sehr 
hoch sind, es besonders aber an Mitteln zur Bezahlung der Steuern fiir 
unbemittelte Mitglieder unserer Gemeinde fehlt, so wird von der 
AUgemeinen Versammlung, in Abwesenheit (!) der Vertreter der Stadt, 
bestimmt: In unserer Stadt ist der Handel nach dem Muster der Stadt 
Schklow zu besteuern, ohne die geringste Abweichung von den dortigen 
Gepflogenheiten. Diese Steuer ist ab 1. Jan.^^) zu erheben. 

Was jedoch die 1200 Rbl. anlangt, die wir jetzt der Staatskasse 
abzufiihren haben, so wird bestimmt, daG sofort, nach Genehmigung 
dieser Steuer durch den Gouverneur, fiinf Mitglieder aller 
Volksschichten zu wahlen sind, denen es obliegt, diese Summe und 
weitere 800 Rbl., die schon friiher vom Kahal verausgabt wurden, (!) auf 
die Einwohner zu verteilen. 

Hierauf wurde beschlossen: Es ist ein Vorschlag fiir die Verteilung 
zu machen und die erwahnte Steuer notigenfalls auch schon ohne 
Genehmigung des Gouverneurs einzufiihren.*) 

Nr. 58 (= II. 98). Von der einer Briiderschaft erteilten 
Erlaubnis, sich aus dem Hofe der Synagoge ein Zimmer 

zubauen. 

Donnerstag, 16. Siwan 5558 (20. Mai 1798). 

Die Vorsteher der Stadt verordnen: Der hiesigen Briiderschaft 
"Gemilnt Chasadim" (prozentlose Darlehnskasse) ist die Erlaubnis zu 



* Diese Stelle zeigt einmal die Mondnatur des Judentums. Wohl war der Kahal eine 
amtlich genehmigte Einrichtung, aber sie wurde aufier zu offiziellen auch zu 
inoffiziellen Mafinahmen benutzt. Man vergesse nie: das Ghetto judentum ist 
ein kriegfiihrender Staat im Staat, Vorwiirfe sind daher nicht am Platz. 
D. H. 



88 



erteilen, sich ein Zimmer im Hofe der Synagoge, an der Wand neben 
dem Turm, zu bauen. Das Zimmer muS aus Ziegeln gebaut werden und 
darf nicht mehr als sechs Saschen in der Breite und Lange einnehmen. 
Das Zimmer ist zur Aufbewahrung von Gegenstanden und Pfandern 
bestimmt. Es ist erlaubt, Tiiren und Fenster zu bauen und im Zimmer 
Schranke zur Aufbewahrung von Gegenstanden aufzustellen. 

Der Briiderschaft ist es unter keinen Umstanden erlaubt, in dem 
Zimmer Gebete abzuhalten; ebenso ist es verboten, das Zimmer zu 
vermieten oder zu verkaufen. 

Mit dem Bau des Zimmers kann sofort begonnen werden. Dieses 
Recht ist der Briiderschaft auf gesetzHcher Basis von den Vertretern der 
Stadt erteilt und gilt als unantastbar. 

AUes dieses wurde von uns ohne jeden Widerstreit von irgendeiner 
Seite festgesetzt. 

Folgen Unterschriften. 

Nr. 59 (= II. 99). Vorerwahnte Angelegenheit 

betreffend. 

Wahrend des Baues des Zimmers verletzte die Briiderschaft die 
Bedingungen, unter denen ihr das Baurecht erteilt worden war, indem 
sie vier Fenster ohne Genehmigung der Stadt baute. Obgleich hierdurch 
das Baurecht verfallen war, erklarten sich die Vertreter der Stadt mit 
Aufrechterhaltung desselben einverstanden, sofern die Briiderschaft 
zwei Fenster zumauert; andernfalls verliert das Dokument seine 
Giiltigkeit. 

Dieser BeschluG wurde der Briiderschaft durch den Kahal 
bekanntgegeben. Da sie jedoch diese Warnung unbeachtet liefi, so wurde 
verordnet: 

Das Recht zum Bau des Zimmers im Hofe der Synagoge gilt als 
erloschen. 

Obiges wurde verordnet im Hofe des Kahal unter allgemeiner 
Zustimmung und ohne jeden Widerspruch. 

Nr. 60 (= II. 100). Von den Schachtern und den von 
ihnen benutzten Messern. 

Sabbat, Abschnitt Korach 5558 (5. Juni 1798). 

Von der aufierordentlichen AUgemeinen Versammlung und vom 



89 



Vorstand des Kahal wurde beschlossen: Unterm biblischen Bann ist den 
Schachtern, die nicht im Dienste unseres Kahal stehen, zu verbieten, in 
unserer Stadt Gefliigel und Vieh zu schachten. Unter demselben Cherem 
verpflichten sich unsere Schachter, bei einer Schachtung kein zum 
zweiten Male gescharftes Messer zu benutzen.*) SoUte ein Schachter 
dieses Gebot verletzen, so wird das von ihm geschachtete Tier als Aas 
(Trefa) gelten. 

Nr. 61 (= I. 101). Von dem Geschirr, in dem man 
Fleisch von unbekannter Schachtung kocht. 

Zur Beratung der Frage iiber das Geschirr des Rabbi Moses, in dem 
man Fleisch kochte, das von einem Schochet, der nicht im Dienste 
unserer Stadt stand, geschachtet worden war, wird ein Bet Din 
angerufen, bestehend aus dem Rabbiner Zevi Hirsch und Rabbi Eleasar, 
- damit er auf Grund talmudischer Gesetze feststelle, ob das Geschirr als 
koscher, d. h. gut fiir Benutzung durch Juden, - oder als trefa, d. h. rituell 
unbrauchbar, zu gelten habe. 

Nr. 62 (= II. 105). Uber die Wahl von sieben Personen 
zur Ordnung aller Angelegenheiten des Kahal. 

Sabbat, Abschnitt Wajjelech des Pentateuchs, 5559 (4. Sept. 1799). 

Heute, am fiinften Tage des Monats Tischri, wurde unter 
Anwesenheit aller friiheren Vorsteher und Vertreter des Kahal sowie der 
prominenten Einwohner der Stadt beschlossen: Es sind sieben Personen 
zur Ordnung aller Angelegenheiten des Kahal zu wahlen. Einstimmig 
wurden sogleich gewahlt Rabbi Zevi Hirsch und Rabbi Isaak. Die 
restlichen fiinf werden von den fiinf Wahlern ernannt werden, die durch 
Ballotierung bestimmt werden.**) Unter diesen fiinf miissen drei 
Oberhaupter der vorigen Monate sein. 

Die sieben Ernannten haben alle Angelegenheiten des Kahal zu 
ordnen, wobei die fiinf durch Ballotierung Erwahlten dieses Amt auch 
auf sich nehmen soUen, sofern sie es im Interesse der Stadt fiir notig 
halten. 



Der Zauberglaube - um solchen handelt es sich hier - spielt im orthodoxen 
Judentum eine entscheidende Rolle. D. H. 
** Vgl. die Wahl zum Kahal in der Einfiihmng. (S. XXIX.) D. H. 

90 



Nr. 63 (= II. 106). Ubersetzung eines Dokumentes iiber 
die Allgemeine Versammlung des Kreises. 

Donnerstag, 25. Schebat 5559 (20. Jan. 1799). 

Von der auGerordentlichen AUgemeinen Versammlung sind zwei 
Einwohner unserer Stadt zu Mitgliedern des Komitees fiir den gesamten 
Kreis gewahlt worden, und zwar: Rabbi Isaak und Rabbi Sef Wolf. Diese 
beiden Mitglieder miissen mit den iibrigen BevoUmachtigten des 
Gouvernements an der Versammlung des gesamten Kreises teilnehmen, 
die sich mit Schicksalsfragen unseres Volkes beschaftigen wird. Jede 
Meinung, die diese beiden Mitglieder auGern werden zu einer Frage, 
welche die Juden des Kreises betrifft, ist der Meinung der sieben 
Vorsteher unserer Stadt gleich zu achten. 

Dieses wurde auf Grund unserer Gesetze und Regeln durch die 
Allgemeine Versammlung beschlossen - was wir, die Notare, durch 
unsere Unterschrift bestatigen. 

Minsk. Folgen Unterschriften. 

Nr. 64 (= II. 129 und 130). Von den Regeln fiir 

Festgeber.47) 

Am Montag, am Vorabend des 1. Siwan 5559 (23. Mai 1799), wurde 
in alien Bethausern folgendes verkiindet: 

Hore, heiliges Volk! Die Herren Vorsteher unserer Stadt teilen Dir, 
zusammen mit dem Vorsitzenden des Bet Din, mit, daG von heute ab 
niemand auf Hochzeiten oder Beschneidungsfesten siiGen Kuchen und 
Schnaps geben darf, sondern unbedingt bei Festen Fleisch verabreichen 
muG,*) mit Ausnahme der Armen, welche im Notfalle vom Kahal die 
Erlaubnis einholen miissen, zum Feste Kuchen und Schnaps zu geben. 
Die wohlhabenden Leute sind bei Strafe des biblischen Bannes 
verpflichtet keinen Kuchen und keinen Schnaps zu geben, sondern 
Fleischgerichte zu verabfolgen, wobei die nachstehenden Regeln genau 
einzuhalten sind: 

1. Bei Strafe des biblischen Bannes ist es Mannern und zumal Frauen 
verboten, bei Gratulationen zur Geburt eines Sohnes Schnaps, Kuchen, 
Saft und andere SiiGigkeiten zu sich zu nehmen. 



Der Kahal braucht Geld und zwingt daher seine Gemeindemitglieder zu hohen 
Ausgaben durch Einkauf abgabepflichtigen Fleisches. D. H. 

91 



2. Unter demselben Cherem ist es Frauen bei Gratulationen zur 
Geburt einer Tochter, nicht nur an Sonnabenden, sondern auch an den 
Werktagen verboten, SiiGigkeiten zu kosten, mit Ausnahme der nachsten 
Verwandten. Dieses Verbot erstreckt sich auch auf die Eltern der 
Neugeborenen, und keiner darf seinen entfernteren Verwandten 
SiiGigkeiten anbieten oder ins Haus senden. 

3. Ebenso ist es verboten, nach dem Feste die Gaste mit Friichten 
oder Konfekt zu bewirten; den Gasten ist es verboten, diese 
anzunehmen. 

4. Es ist verboten, Feste in der Woche vor und nach der 
Beschneidung zu geben, mit Ausnahme der Bewirtung von Bettlern am 
Morgen der Beschneidung.*) Die nicht hierzu gehorigen Leute diirfen 
keinerlei Speise beriihren. 

5. Es ist verboten, am Tage der Beschneidung ein Essen zu geben, 
mit Ausnahme fiir die Gevatterin, die Hebamme, die Mutter und die 
Xante der Mutter. 

6. Es ist verboten, ein besonderes Essen am Tage der Entlassung der 
Hebamme zu veranstalten. Dieses Mahl muG mit dem Feste der 
Beschneidung vereinigt werden. 

7. Zum Feste der Beschneidung diirfen nur Verwandte bis zum 
dritten GHede einschHelSHch eingeladen werden, ebenso Verlobte, 
Vettern, die drei Beschneider, ein Vorsteher der Stadt, drei Bediener, je 
zwei Nachbarn von jeder Seite und drei Nachbarn der 
gegeniiberHegenden Seite, ebenso Geschaftsnachbarn, Geschaftsfreunde 
und der Lehrer der Kinder, der seinerseits auch die Eltern seiner Schiiler 
zu einem gleichen Feste bei sich einladen darf. 

8. Zu einer Hochzeit konnen gleichfalls die oben erwahnten 
Personen eingeladen werden - sowie Freunde, Freundinnen und vier 
Bediener. 

9. Ein Vorsteher der Stadt kann zu einem Feste alle anderen 
Vorsteher derselben Stadt einladen. 

10. Briider der Gemeinschaft der Totenbestatter diirfen die Altesten 
der Briiderschaft zu einem Feste einladen. 

11. Ein Brautigam aus einer fremden Stadt darf seinen Quartierwirt 
einladen, mit dem auch dessen nachste Verwandte, die in seinem Hause 



* Die Kahale waren stets bemiiht, sich auf das Proletariat zu stiitzen, daher die soziale 
Fiirsorge. D. H. 

92 



wohnen, erscheinen diirfen. Aufier dem Hausbesitzer geniefit keiner das 
Recht, auf dem Feste mit seinen Verwandten zu erscheinen. 

12. Von den Beamten der Synagoge diirfen zu Hochzeiten und 
Festen der Beschneidung eingeladen werden der Rabbiner der Stadt, der 
Kantor nebst Sangern, zwei Diener des Kahal, der Vorsanger und der 
"Schulklopper" (Ausrufer, der an Feiertagen mit dem Rufe "in-Schul- 
herein" die Leute zur Synagoge ruft), und der Vorsteher der heiligen 
Briiderschaft der Totenbestatter. Den iibrigen Dienern der Synagoge ist 
ein Trinkgeld zu geben - sie einzuladen ist dagegen verboten. 

13. Die Mitglieder der Briiderschaft der Totenbestatter und der 
sieben Keruim diirfen ihre Diener einladen. 

14. Unter dem biblischen Banne ist es den Einwohnern verboten, 
eine Hochzeit auGerhalb der Stadt zu feiern, sei es fiir eine Jungfrau, 
Witwe oder geschiedene Frau. Die jedoch eine besondere Erlaubnis 
hierzu erhalten haben, diirfen nicht wegfahren, bevor sie nicht die 
Abgabe bezahlt haben, gleich denen, die innerhalb der Stadt Hochzeit 
feiern. 

15. Zu nach den Hochzeiten stattfindenden Essen diirfen von den 
Eltern der Braut oder des Brautigams die nachsten Verwandten, 
Nachbarn, Freunde, der Hausbesitzer und der Kantor mit den Sangern 
eingeladen werden. 

16. Jede der beiden Familien darf nicht mehr als ein Fest vor und 
nach der Hochzeit geben. 

17. Auf einer Hochzeit diirfen auGer dem Batchan (Humoristen) und 
seinen Helfern nicht mehr als drei Musikanten mitwirken. 

18. Den Musikanten ist es verboten, auf Hochzeiten mehr als 
dreimal zu essen. 

19. Zum Essen wahrend des Ankleidens der Braut darf Jugend 
beiderlei Geschlechtes, selbst wenn sie nicht verwandt sind, eingeladen 
werden. 

20. Es ist verboten, aus Hochzeiten Torten mit Verzierung oder 
Fiillung aus Marmelade zu geben. 

Nr. 65 (= II. 107). Von der Tilgung der Schuld an 

Bulgavowitsch. 

Sonntag, Abschnitt Tasria 5559 (20. Marz 1799). 



93 



Von den Vorstehern der AUgemeinen Versammlung wird befohlen: 

1. alien Schuldnern des Pan Bulgavowitsch mitzuteilen, dafi sie alle 
ihm laut Schuldschein schuldigen Gelder voU ausbezahlen, und 

2. bei den Schuldnern, die sich auGer Stande erweisen, ihren 
Verpflichtungen nachzukommen, genannten Bulgavowitsch aus der 
Kasse des Kahal zu befriedigen. 

Die Vorsteher des Kahal sind verpflichtet, die Gelder, die zu diesem 
Zwecke ausgegeben sind, aus den Abgaben aufzufiillen, die ihnen von 
den Schachtern entsprechend der Dreigroschensteuer auf jedes Pfund 
Rindfleisch zustehen. SoUte aber diese Quelle sich als ungeniigend 
erweisen, so soUen zur endgiiltigen Begleichung genannter Schuld alle 
moglichen Einkiinfte des Kahal verwendet werden.^^) 

Nr. 66 (= II. 108). Von der Ernennung zeitweiliger 

Stadtvorsteher. 

Sonntag, Abschnitt Tasria, 5559 (1799). 

Die AUgemeine Versammlung wahlte zu Stadtvorstehern bis zur 
Neuwahl Rabbi Moses, Sohn des Josef Jechiel, Rabbi Zewi Hirsch, Sohn 
des Ruben, und Rabbi Elia, Sohn des Schalom, und auGer ihnen den 
bekannten reichen Rabbi Isaak, Sohn des Akiba. Diesen vier Erwahlten 
wird die zeitweilige Leitung der Stadt iibertragen vom heutigen Tage bis 
zum kommenden Passahfest, und ihre Bestimmungen soUen die 
VoUzugskraft der sieben Erwahlten haben. 

Nr. 67 (= II. 109). Von der Erhebung des Samuel, Sohn 
des David, in die Oberklasse - Morenu. 

Mittwoch, am vierten Tage des Passah 5559 (13. April 1799). 

Die Stadtvorsteher haben dem Samuel, Sohn des David, die 
Bezeichnung Morenu verliehen. 

Bei der Tora (der heiligen GesetzesroUe) muG er in der Synagoge 
folgendermaGen angeredet werden: Morenu Parnes Rabbi Samuel Ben 
Ha chaber Reb David, das heiGt, er wird bei Lesung der Tora angeredet 
als hochwohlgeborener Herr Rabbi Samuel, Sohn des Chaber Reb 
Davide.49) 

Nr. 68 (= II. 110). Von der Ernennung des Kahal- 

Vorstehers. 



94 



Donnerstag, den 20. Nisan 5559 (14. April 1799) 

Von der Generalversammlung wird befohlen, den bekannten 
reichen Rabbi Isaak, Sohn des Rabbi Akiba, zum Vorsitzenden im Rate 
der Stadtvorsteher zu ernennen. Zu diesem Amt wird der erwahnte 
Rabbi Isaak fiir ein ganzes Jahr ernannt, gerechnet vom heutigen Tage 
bis zu dem Feste des kommenden Passah des Jahres 5560 (1800). Diese 
Wahl geschah im Einverstandnis aller Anwesenden ohne den geringsten 
Widerspruch von irgend welcher Seite. Zur Bekraftigung dieses 
unterschreiben wir hier, wir die Notare und Vertrauenspersonen der 
Stadt. 

Nr. 69 (= II. 111). Von der Wahl der Wahler der neuen 

Mitglieder des Kahal. 

Am vierten Festtage des Passah 5559 (1799). 

Der allgemeinen Versammlung wird befohlen: die sofortige Wahl 
der neuen Mitglieder des Kahal nach folgenden Regeln vorzunehmen:*) 

1. Aus der Zahl der Mitglieder sind durch Ballotage fiinf Wahler 
auszusondern. 

2. Die fiinf durch Ballotage ausgesonderten Wahler soUen sechs 
Stadtverordnete ernennen fiir ein Jahr, gerechnet vom heutigen 
Passahfest bis zum kommenden des Jahres 5560 (1800). 

3. Die Verordneten diirfen nicht untereinander verwandt sein. 

4. Der Leiter der Verordneten soil fiir ein Jahr der erwahnte reiche 
Rabbi Isaak sein (vgl. Nr. 68). Fiir die Ausfiihrung der Ballotage wird 
alien und jedem verboten, mit den Wahlern zu sprechen, bis sie die 
Stadtverordneten ernannt haben, und bis zur Unterschrift der Liste der 
von ihnen ernannten Personen. 

5. Ebenso wird den Schammaschim verboten, mit den Wahlern in 
Beriihrung zu kommen, bis sie die Verordneten ernannt haben. 

6. Ein Wahler, der noch nie irgend wann Stadtverordneter war, darf 
zu diesem Amt nicht ernannt werden. 

7. Wenn bis zur Unterschrift der Liste einer der Wahler mit irgend 
jemandem spricht, wird die Ballotage fiir ungiiltig erklart. AUes dieses 



Vergl. die Einfiihrung! D. H. 

95 



wurde im Einverstandnis mit alien Gliedern der AUgemeinen 
Versammlung festgestellt. 

Nr. 70 (= II. 112). Von der Zulassung einzelner 
Personen zu den Wahlen. 

Am vierten Festtage des Passah ist der AUgemeinen Versammlung 
befohlen, dieses Mai zu den Wahlen zuzulassen den nicht zu der Zahl 
der Mitglieder der Versammlung*) gehorigen Rabbi Sacharja Mendel, 
Sohn des Rabbi Arjeh Leib, den Rabbi Wolf, Sohn des Rabbi Abraham, 
und den Rabbi Awigdar, Sohn des Menachem Nachum. 

Nr. 71 (= II. 113). Liste der ballotierten Wahler, 

zusammengestellt am Donnerstag, dem 6. Tage des 

Passahfestes 5559 (14. April 1799). 

1. Rabbi Eliakim Genz, Sohn des Rabbi David. 

2. Rabbi Elia, Sohn des Rabbi Zewi Hirsch. 

3. Rabbi Jechiel Michael, Sohn des Rabbi Aaron. 

4. Rabbi Schalom, Sohn des Rabbi Moses, Segall (Levit). 

5. Rabbi Elia, Sohn des Rabbi Awigdar. 

Dieses sind die fiinf Personen, die durch Ballotage zu Wahlern 
ernannt sind, und zwar auf Grund und unter Wahrnehmung der auf 
diesen Gegenstand beziiglichen Regeln der Akte Nr. 69. 

Nr. 72 ( = 11. 114). Zur guten Stunde! 

Dieses ist die Liste der Vorsteher der Stadt, ernannt am Donnerstag, 
dem 6. Festtag des Passah. 

1. President (Vorsitzender) Rabbi Isaak, Sohn des Rabbi Akiba. 

2. Rabbi Josua, Sohn des Rabbi Eliakum Genz. 

3. Rabbi Zewi Hirsch, Sohn des Rabbi Wolf. 

4. Rabbi Jechiel Michael, Sohn des Rabbi Aaron. 

5. Rabbi Chajjim, Sohn des Rabbi Isaak, Levit. 

6. Rabbi Sew Wolf, Sohn des Rabbi Zewi Hirsch. 

7. Rabbi Samuel, Sohn des Rabbi David. 



* Man setzt sich also zuweilen iiber alle Vorschriften hinweg. Oben labil, unten stabil. 
D. H. 



96 



Liste der Altesten der Wohltatigkeits-Sammelbiichse.*) 

1. Rabbi Eliakim Genz, Sohn des Rabbi David, 1. Altester. 

2. Rabbi Uria, Sohn des Rabbi David, 2. Altester. 

3. Rabbi Elia, Sohn des Rabbi Zewi Hirsch, 3. Altester. 

4. Rabbi Josua Herschel, Sohn des Rabbi Moses, 4. Altester. 

5. Rabbi Isaak, Sohn des Rabbi Zewi Hirsch, 5. Altester. 

AUe hierdurch ernannten Vorsteher der Stadt und fiinf Altesten der 
Wohltatigkeits-Sammelbiichse sind von oben genannten Wahlern 
gewahlt auf Grund unserer Gesetze und Brauche am 6. Festtage des 
Passah auf ein ganzes Jahr, d. h. bis zum Passahfest des kommenden 
Jahres 5560 (1800). 

Nr. 73 (= II. 115). Von dem Begliickwiinschen der 
Vorgesetzten**) an Festtagen (Auslagen fiir 

Bestechung). 

Mittwoch, am 26. Nisan, Bibelabschnitt Achare Moth, 5559 (20. April 

1799). 

Den Vorstehern der Stadt wird befohlen, zu alien Vorgesetzten und 
Beamten mit Geschenken (Bestechung!) zu gehen und aus der Kasse des 
Kahal die fiir diesen Zweck notigen Auslagen zu entnehmen. 

Nr. 74 (= II. 116). Von der Genehmigung einer 
Unterstiitzung fiir den Rabbi des Fleckens Birscha. 

Mittwoch, 26. Nifan, Abschn. Achare Moth 5559 (20. April 1799). 

Den Vorstehern der Stadt wird befohlen, aus der Kasse des Kahal 
dem beriihmten Rabbi des Fleckens Birscha als einmalige Unterstiitzung 
fiinf Rubel in Papiergeld auszuhandigen, auGer der ihm durch die 
Altesten gewahrten Unterstiitzung.***) 



* Proletariat, soziale Fiirsorge und Kahaldespotismus! Der Kahal stiitzt sich auch aufs 

Proletariat. D. H. 

** Russische Behorden. D. H. 

Dieser Abschnitt weist uns auf die innere Struktur des Ghettos hin. Unter der 
Herrschaft der geschaftstiichtigen und reichen, diinnen Oberschicht arbeitet in 
bitterer Armut eine Unterschicht, in der es an edlen, ideal denkenden und menschen- 
freundlich empfindenden Gelehrten nicht fehlt. Solchen Kreisen entstammt ein Hillel 
und Fromer. Sie bilden die wichtigste Schicht, das ethische Riickgrat des den Nicht- 

97 



Nr. 7b (= II. 117). Bestimmung iiber die auswartigen 

Melammedim. 

Sabbat, Abschnitt Achare Moth, 5559 (23. April 1799). 

Von den Vorstehern der Stadt wird befohlen: den Melammedim, die 
aus anderen Stadten hierher nach Minsk kommen, zu verbieten, in ihre 
Chedarim (Privatschulen) mehr als fiinf Schiller aufzunehmen. Was die 
auswartigen Melammedim betrifft, die hier schon lange ihre Profession 
ausiiben, und bei denen die Zahl der Schiller filnf ilbersteigt, muS die 
Gesamtsumme, die von den Melammedim von ihren Schillern erhoben 
wird, in so viel Telle geteilt werden, als sie Schiller haben^o); filnf Telle 
davon soUen dem Melammed gehoren, die ilbrigen aber milssen an den 
Kahal abgeliefert werden zur Bezahlung der unterhaltslosen 
Melammedim von Minsk. Diese Bestimmung befreit die auswartigen 
Melammedim nicht im entferntesten von der schon lange ihnen 
auferlegten Steuer zugunsten der Talmud Tora*).^!) 

Nr. 76 (= II. 118). Von dem Loskauf jildischer 

Arrestanten. 

Sabbat, Abteilung Achare Moth, 5559 (1799). 

Den Vorstehern der Stadt wird befohlen, vier Alteste zu Aufsehern 
der Sammlungen filr den Loskauf jildischer Gefangener zu wahlen, 
bekannt unter dem Namen Pidjon-Schebuim, und zwar den bekannten 
Rabbi Sew Wolf, Sohn des Rabbi Josua Herschel, Sohnes des Moses; den 
bekannten Rabbi Samuel, Sohn des Rabbi David, und den bekannten 
Rabbi Abraham, Sohn des Rabbi Arje Leib. 

Zwei von ihnen. Rabbi Josua Herschel und Rabbi Abraham, werden 
gleichzeitig zu KontroUeuren der befohlenen Sammlung ernannt. Zu 
ihnen soUen alle Gelder dieser Sammlung gebracht werden, und unter 
ihrer Aufsicht soUen alle Ausgaben filr den Loskauf jildischer 
Arrestanten gemacht werden. 



juden so unmoralisch erscheinenden Judentums. Erst die Kenntnis dieser armen, 
ethisch hochstehenden, iiberaus widerstandsfahigen Unterschicht fiihrt zu einem 
richtigen Verstandnis des Judentms. Die geschaftskundigen Faktoren, die reichen 
Hausjuden, die die Sklavenpeitsche schwingenden Rabbiner sind nicht das Riickgrat 
des Judentums. D. H. 
* Besteuerung nach jeder nur moglichen Richtung. D. H. 

98 



Nr. 77 (= II. 119). Von dem Verkauf des 
Eigentumsrechtes auf die steinernen Ladengebaude des 

Baikow an Jechiel Michael. 

Sabbat, Abschnitt Emor 5559 (7. Mai 1799). 

Im Einverstandnis mit den Vorstehern der Stadt ist das 
Eigentumsrecht auf zwei steinerne Ladengebaude des Baikow, erbaut 
auf dem Hohen Platz, dem bekannten reichen Rabbi Jechiel Michael 
verkauft worden.*) AuGer iiber die zwei Laden erstreckt sich dieses 
Recht auf die angrenzenden Pforten, auf die unter ihnen befindlichen 
Keller wie auf die oberen Stockwerke iiber genannten Laden, mit einem 
Wort auf alles, was sich vom Zentrum der Erde bis zur Hohe des 
Himmels befindet. 

ijber diese Rechte muG an den Jechiel Michael ein Dokument 
ausgefertigt werden mit alien Beglaubigungen des heiligen Bet Din. 
Alles dieses soil ohne vorlaufige Bekanntmachung geschehen. 
Fiir diese Rechte soil Rabbi Jechiel Michael 200 Rubel in Papiergeld der 
Kasse des Kahal bezahlen. 

Nr. 78 (= II. 120). Von dem Rechtsstreit einer 
Privatperson mit dem Kahal. 

Sabbat, Bibelabschnitt Emor, 5559 (7. Mai 1799). 

Infolge der Eingabe des Zewi Hirsch, Sohnes des Lipman, iiber seine 
Anspriiche auf das Recht der Verwaltung des Hauses von Zewi Hirsch, 
Sohn des Jakob, befindlich auf der Jurjewskaja-StraGe, und seines 
Wunsches, diesen Streit mit dem Kahal vor den Bet Din zu bringen, wird 
von den Vorstehern der Stadt bef ohlen, zwei Advokaten zu wahlen, und 
zwar den Haupt-Rabbi Hosea, Sohn des Eliakim Genz, und den 
bekannten reichen Jechiel Michael, Sohn des Aaron. Diesen beiden 
Personen wird aufgetragen, den Prozefi beim Bet Din zu fiihren mit 
genanntem Zewi Hirsch, Sohn des Lipman. 



Sombart weist in seinem Buche: "Die Juden und das Wirtschaftsleben" auf die 
iibermafiige Wertschatzung des Reichtumes hin, die sich bei den Juden findet. Auch 
die SitzungsprotokoUe zeigen das, indem mit besonderer Hochachtung auf den 
Reichtum hingewiesen wird. D. H. 

99 



Nr. 79 (= II. 121). Von dem Rechtsstreit des Kahal mit 

den Ziinften. 

Sabbat, Abschnitt Behar Sinai, 5559 (14. Mai 1799). 

Von den Vorstehern der Stadt wird befohlen, friedlich den Streit mit 
den Ziinften*) zu beenden und ihnen fiir alle ihre Anspriiche aus der 
Kasse des Kahal 200 Silber-Rubel auszuzahlen. 

Nr. 80 (= II. 122). Von der Ubereinkunft des Kahal mit 

Chewra Kadischa und Scheba Keruim, betreffend die 

Einkiinfte aus der Vieh-Schachterei. 

Sabbat, Abschnitt Behar Sinai, 5559 (14. Mai 1799). 

GemaG ihren Regeln haben die Vorsteher der Stadt an die 
Briiderschaften Chewra Kadischa (Bestatter) und Scheba Keruim (sieben 
Berufene) den dem Kahal gehorenden Anteil an den Einkiinften aus der 
Viehschachtung gekauft. Bisher gehorte die eine Halfte der Einkiinfte 
dem Kahal und die andere den genannten beiden Briiderschaften. Vom 
heutigen Tage ab geht die erste Halfte infolge voUstandigen Ankaufs in 
den immerwahrenden Besitz der Briiderschaften iiber, und der Kahal 
darf niemals auch nur die geringsten Anspriiche darauf erheben. Dieses 
Recht wird besagten Briiderschaften fiir 200 Rubel iibertragen, welche 
beim Kahal als Bezahlung der Zunftgebiihr entrichtet werden, wofiir den 
genannten Briiderschaften ein geschriebenes Dokument mit den 
Unterschriften der Vorsteher der Stadt und den Gliedern der 
AUgemeinen Versammlung ausgehandigt werden soil. 

Nr. 81 (= II. 123). Von den Geldern, die von den 
Dorfschulzengehilf en einkommen. 

Sabbat, Abschnitt Behar Sinai 5559 (14. Mai 1799). 

Von den Vorstehern der Stadt wird befohlen, die von den 
Dorfschulzengehilfen^^) erhaltenen 80 Rubel Papiergeld fiir stadtische 
Ausgaben zu verwenden. 



Der Fall ist unklar. Augenscheinlich handelt es sich um eine staatliche 
Gewerbesteuer, die der Kahal nicht zahlen kann. Wie die 200 Rbl. aufgebracht 
werden, zeigt Protokoll Nr. 80. D. H. 

100 



Nr. 82 (= II. 124). Von den Rechten der Altesten der 
heiligen Briiderschaft der Totenbestatter. 

Sabbat, Abschnitt Behar Sinai, 5559 (14. Mai 1799). 

Den jetzigen Altesten der heiligen Briiderschaft der Totenbestatter 
werden im voraus bis zu den Neuwahlen der Altesten die Rechte der 
sieben Vorsteher der Stadt iibertragen und zwar in alien Dingen, die 
diese Briiderschaft angehen, und alle ihre Bestimmungen soUen den 
Bestimmungen der sieben Vorsteher der Stadt gleichgeachtet werden. 

Nr. 83 (= II. 125). Von der Ehrenbezeugung, die man 
dem Monatsaltesten erweisen soil. 

Sabbat, Abschnitt Behar Sinai, 5559 (14. Mai 1799). 

Auf Grund der Verordnungen des Kahal, vom Sabbat, 
Bibelabschnitt Behar Sinai, 5559 (14. Mai 1798), (ausgelegt in der Akte 
Nr. 46), wird befohlen, den Monatsaltesten mit den dritten 
Ehrenbezeugungen beim Vorlesen der Tora an jedem Sabbat in unserem 
Bet Hammidrasch (Bethause) zu ehren.^^) 

Nr. 84 (= II. 126). Von den Geschenken an die 
Mitglieder des Magistrates. 

Sabbat, Abschnitt Behar Sinai, 5559 (14. Mai 1799). 

Der Vorstand des Kahal befiehlt, aus der Kasse des Kahal fiir 
Geschenke an die Mitglieder des Magistrates folgende Gelder 
auszuwerfen: 20 Rubel in Papier als Belohnung fiir Arzimowitsch zur 
Erstattung seiner Ausgaben wahrend der Fiihrung der Angelegenheit 
des David, Sohn des J., und 5 Rubel in Papier dem Jankuschka 
auszuzahlen, die iibrigen Mitglieder des Magistrates aber nach dem 
Gutdiinken des reichen Rabbi Isaak, Sohn des Akiba, zu belohnen. 

Nr. 85 (= II. 127). Von dem Befehl des Kahal an alle 

Briiderschaften. 

Sabbat, Abteilung des Pentateuchs Bechukkotai, 5559 (11. Juni 1799). 

Von den Vorstehern der Stadt wird beschlossen, alien 
Briiderschaften den Befehl zu erteilen, vom heutigen Tage an bis zum 
achtzehnten des Monats Ijjar des folgenden Jahres 5560 (1800), d. h. fiir 



101 



die Dauer eines ganzen Jahres, keine neuen Mitglieder aufzunehmen, 
mit Ausnahme von Kindern und noch nicht heiratsfahigen jungen 
Leuten. Es wird dem monatlichen Altesten jeder Briiderschaft verboten, 
iiber den Eintritt in die Briiderschaft abstimmen zu lassen. Dasselbe wird 
auch den Schammaschim jeder Briiderschaft verboten. 

Hierbei wurde festgestellt und bekanntgegeben: genanntes Verbot 
nicht auf die Briiderschaft der Gemilot-Chasadim (zinslose 
Darlehnskasse) und der Handwerker auszudehnen. 

Nr. 86 (= II. 128). Von der Bestimmung iiber die 

Hebammen. 

Sabbat, Abschnitt Bechukkotai, 5559 (1799). 

Zur Erganzung der Anzahl der in der Stadt dienenden Hebammen 
wird befohlen, noch zwei zu ernennen, und zwar: Mariascha, Frau des 
verstorbenen Asriel, und die Frau des Rabbi Leiser aus Tschaschnik. 

Nr. 87 (= II. 131). Von dem Verkauf des Rechtes auf 
einen eigenen Laden an Rabbi Chajjim, Sohn des Isaak, 

den Leviten.54) 

In der AUgemeinen Versammlung, der alle Vorsteher der Stadt 
sowie die Vorsitzenden des Kahal beiwohnten, ist mit dem 
Einverstandnis aller folgendes beschlossen worden: 

An den Leiter, den Rabbi Chajjim, Sohn des Isaak, den Leviten, das 
Recht auf den Besitz des von ihm erbauten steinernen Ladens zu 
verkaufen, und zwar: das Recht auf die Fiihrung eines der zwei Laden 
mit Kellern und Obergeschofi, den er, der Rabbi Chajjim, zusammen mit 
seinem Bruder, dem reichen Jakob, auf dem Hohen Platz erbaut hat. 
Diese Laden werden begrenzt einerseits von der Treppe, die in das 
zweite Stockwerk fiihrt und den beiden Briidern sowie dem Leiter Rabbi 
Samuel, Sohn des Dan zusammen gehort, und andererseits von den 
Laden, die dem Russen Baikow gehoren. Die Fassade dieser Laden liegt 
nach dem Hohen Platz, die Riickseite aber nach dem Platz des Pan Kister 
hinaus. Von diesen zwei Laden gehort dem Rabbi Chajjim derjenige, 
welcher nach der Seite der genannten Treppe liegt. AuGer dem Recht auf 
den Laden wird an den Rabbi Chajjim das Recht auf die oberen Etagen 
und Keller in den oben genannten Grenzen vom Mittelpunkt der Erde 



102 



bis zur Hohe des Himmels verkauft. Dieses ganze Besitztum ist 
endgiiltig und sicher dem Chajjim, seinen Nachfolgern und 
BevoUmachtigten zum immerwahrenden Besitz iibertragen worden. 
Ebenso ist ihm das Recht auf den Besitz der Treppe, die in den Keller 
fiihrt, iibertragen worden, sowie auf den der AuSentreppe vor den 
Laden. Das Recht auf den Besitz dieses ganzen unbeweglichen 
Eigentumes iibertragt und verkauft der Kahal an Rabbi Chajjim 
voUstandig, ohne jeden Vorbehalt, und Rabbi Chajjim hat die hierfiir 
schuldigen Gelder an den Kahal schon langst bezahlt. 

Auf diese Weise geht das genannte Besitztum mit dem heutigen 
Tage in seinen unbestreitbaren Besitz iiber, und er kann darin nach 
seinem Gutdiinken schalten und walten, d. h.: bauen, umbauen, 
abreiGen, verkaufen, vererben, verleihen, tauschen, kurz, schalten wie 
mit seinem Eigentum*), und niemand auf der Welt darf ihn daran von 
heute bis in Ewigkeit hindern. SoUte aber gegen diesen Verkauf oder 
einen Teil desselben von einer Person oder einem Verein Protest erhoben 
werden, so verpflichten sich der Kahal und Bet Din in jedem Falle dem 
Chajjim und dessen Nachfolgern gegeniiber fiir die ihnen iibertragenen 
Rechte einzutreten, es sei denn, daG die Rechte des Protestierenden vom 
Kahal anerkannt werden.**) So soil er schalten konnen in Ruhe ohne die 
geringste Gefahr. AUe Ausgaben und Verluste, die dem Rabbi Chajjim 
aus dem Protest einer Person oder mehrerer gegen den Verkauf des 
ganzen Besitztumes oder eines Teiles entstehen soUten, konnen von ihm 
vom Kahal auf Grund unserer talmudischen Bestimmungen***) von 
dessen Einkiinften, soweit es moglich ist, erhoben werden. 

Unser gegenwartiges Dokument iiber den Ausgleich der Schaden 
hat die Rechtskraft eines Schuldscheines vom Bet Din, auf Grund der 
talmudischen Gesetze ausgefertigt, sogar die Rechtskraft eines Wechsels, 
ausgestellt nach Norm der herrschenden kaiserlichen Gerichte. In 
Zukunft soUen die Kahale nicht nur die Eintreibung der aus diesen 
Fallen entstandenen Ausgaben vornehmen, sondern es wird ihnen auch 
auferlegt, in starkster Form Hilfe zu leisten und bis ins kleinste die in 



Es ist eben kein Eigentum. D. H. 

* Dieser Vorbehalt stellt den Wert der ganzen Zusicherung in Frage. D. H. 
** Wichtig fiir das Alter der Einrichtung! D. H. 



103 



diesem Dokumente festgelegten Bedingungen zu erfiillen. Dieses alles ist 
unumstofilich beschlossen in der Prasenzstarke der Mitglieder der 
AUgemeinen Versammlung im Ratszimmer des Kahal auf Grund der 
heiligen Gesetze und Bestimmungen des Kahal, und bekraftigt auf 
Grund jener Regeln und der Grundsatze, nach denen die Tatigkeit des 
Kahal keiner formalen Bestatigung des Kinjan bedarf.^^) Zur 
Bekraftigung dieses wird dem Chajjim dieses Dokument mit unseren 
Unterschriften am 21. Siwan 5559 (3. Juni 1799) zu Minsk ausgehandigt. 

Obgleich dieses Dokument von den Vorstehern der Stadt in dieser 
ihrer Stadt beglaubigt ist und es nicht der KontroUe und wiederholten 
Beglaubigung nach unseren Gesetzen bedarf, beglaubigten wir, der Bet 
Din, mit alien unseren Rechten dieses Dokument zur Erteilung noch 
grofierer Rechtskraft. Und so geht vom heutigen Tage der Laden wie 
auch alle iibrigen Gebaude, die in diesem Dokument aufgefiihrt sind, in 
den immerwahrenden Besitz des Rabbi Chajjim, Sohn des Isaak, und 
seiner Nachfolger iiber. Zu dieser Beglaubigung geben wir unsere 
Unterschriften. 

Dasselbe Dokument ist ebenso seinem Bruder, dem reichen Jakob, 
Leviten, auf seinen Laden, der sich bei den Laden des Baikow befindet, 
wie auf die Halfte aller Gebaude und Keller, die ihm selbst gehort, 
ausgestellt worden. Das Dokument, das dem Rabbi Jakob ausgefertigt 
ist, unterscheidet sich in keiner Weise von dem oben angefiihrten 
Dokument des Rabbi Chajjim und ist ebenso von der Macht des Bet Din 
geschiitzt. 

Nr. 88 (= II. 181). Von den Abgaben aus der 

Viehschachtung. 

Folgende Punkte sind von den endesunterzeichneten Mitgliedern, 
die von dem Kahal und der AUgemeinen Versammlung gewahlt sind, 
ausgestellt worden als Regeln iiber die wahre Benutzung und KontroUe 
der Einkiinfte aus oben genannten Abgaben und zur Vermeidung von 
MiGbrauch derselben. 

1. Den Schocheten (Schachtern) wird unter dem strengsten Cherem 
verboten, die Bedikat Harea (gesetzliche Besichtigung) irgendeines 
geschachteten Viehes vorzunehmen,^^) ohne die Anwesenheit des 
BevoUmachtigten (der Abgaben) oder dessen Genehmigung; dieses wird 



104 



deshalb befohlen, damit der BevoUmachtigte seine Pflicht sofort nach der 
Schachtung ausfiihren, d. h. feststellen kann, wieviel als Koscher 
bezeichnet werden darf (d. h. fiir die Juden geniefibar ist), und sogar den 
Besitzer und Schachter zu bestintmen, dem das koscher geschlachtete 
Vieh gehort. 

2. Der Hausvater, dem das koscher geschlachtete Vieh, sei es zum 
eigenen Gebrauch oder Verkauf, gehort, kann dasselbe zwecks 
Abhautung nach Hause nehmen, wenn er dem BevoUmachtigten iiber 
die faUige Abgabe eine Kaution stellt; der BevoUmachtigte soil 
dortselbst, ehe das Vieh aus der Schachterei fortgetragen wird, auf 
dessen Vorderteil ein Zeichen machen, damit es nicht spater vertauscht 
werden kann. Das Vorderteil, die Innenteile, der Kopf und die Beine des 
geschlachteten Tieres miissen vom Besitzer zum Wagen durch den 
BevoUmachtigten bereitgestellt werden, und sofort nach dem Wagen 
mufi der Besitzer den Wagern drei Groschen pro Pfund in klingender 
Miinze bezahlen, das Fleisch gerechnet bis 120 Pfund fiir 100.*) Fiir den 
Kopf, die Innenteile und die Beine wird die Abgabe nach Punkt 9 dieser 
Aufstellung entrichtet. Vor Ausstellung einer Quittung durch die 
BevoUmachtigten ist der Verkauf des Fleisches verboten, nach Erlangung 
dieser Quittung darf er das Fleisch nur bei sich zu Hause verkaufen, 
nicht im Laden.**) 

3. Hochzeits- und Beschneidungsfeste, die in der Stadt gegeben 
werden, sind von der Pfund-Steuer frei, und der Festgeber kann das 
Fleisch ohne Steuer erhalten nach den iiber die Einladung zu Festen 
aufgestellten Regeln. Dem Kahal und der AUgemeinen Versammlung ist 
die Verpflichtung auferlegt, die Regeln iiber die Einladung zu Festen 
zusammenzustellen. Bei Veroffentlichung solcher neuen Regeln fiir 
rituelle Feste miissen die althergebrachten Gesetze beriicksichtigt 
werden, ohne die kleinste Ubertretung derselben. Die BevoUmachtigten 
diirfen das Fleisch nicht steuerfrei herausgeben, bevor die Liste der 
geladenen Personen nach dem Gesetz und den Regeln zusammengestellt 



* Wenn das Fleisch 120 Pfund wiegt, sollen nur 100 gerechnet werden. 
** Man vergleiche mit all diesen verwickelten Bestimmungen Brafmann's Darstellung 
der psychischen Einstellung der Juden gegeniiber dem Koscher und seiner 
Zwangsjacke; Ubertretungen scheinen recht haufig gewesen zu sein. D. H. 

105 



und vom stadtischen Schammasch unterschrieben worden ist. 

4. Frei von der Steuer ist das koschere Fleisch fiir das Fest der 
heiligen Briiderschaft der Totenbestatter am 15. Tage des Monats 
Kislew57) und fiir das Fest der Briiderschaft Meschunna, das bei 
Gelegenheit der Vorlesung ihres gesamten Etats gegeben wird. Im Falle 
eines solchen Festes hat der Gabbai der Briiderschaft der Fleischer dem 
Bevollmachtigten der Abgaben eine Liste der fiir das briiderHche Fest 
Geladenen vorzulegen zwecks Befreiung von der Steuer iiber genannte 
zwei Pfund pro Person. Eine solche Liste mul? unbedingt mit der 
eigenhandigen Unterschrift des monatlichen Gabbai der Briiderschaft 
versehen sein. 

5. Diese Abgaben sind zur Deckung der kaiserlichen Steuern fiir alle 
Bewohner unserer Stadt bestimmt. Den Bevollmachtigten dieser 
Abgaben wird unter dem strengsten Cherem verboten, selbst die kleinste 
Summe, sei es auch nur einen halben Kopeken, fiir andere Zwecke zu 
verwenden, auch wenn es die Interessen der ganzen Judenschaft des 
Kreises angehen soUte. Die ganze Abgabe soil eben nur fiir die 
kaiserlichen Steuern verwandt werden/) weder der monatliche Gabbai 
noch die AUgemeine Versammlung konnen irgend jemand von diesen 
Abgaben befreien, noch diese Gelder ausgeben. 

Damit diesen Regeln, die von dem Kahal oder der AUgemeinen 
Versammlung aufgestellt worden sind, von Seiten des BevoUmachtigen 
Gehorsam geleistet wird, wird unter dem strengsten Cherem geboten: 
Die Bevollmachtigten haben zu schworen, daG ihnen diese Regeln heilig 
sind. Die Schammaschim (Diener und Notare) haben ebensowenig das 
Recht, bei Ubertretungen dieser Regeln irgend jemandem Vorschub 
leisten. 

6. Die Juden vom Lande, die sich zu Festen in der Stadt versammeln 
(Neujahr: Rosch haschana; Versohnungstag: Jom Kippur^^) miissen die 
genannten Abgaben fiir das Fleisch, das sie mitbringen, bezahlen. 

Anmerkung: Die Hausvater, bei denen die Juden vom Lande 
logieren, haben sofort das mitgefiihrte Fleisch dem BevoUmachtigen der 
Abgaben zur Bestimmung der Steuer zu iiberbringen. Die Bevoll- 
machtigten wiederum haben darauf zu sehen, daG die Hauswirte diese 



* Ein Falscher hatte diesen Satz nicht aufgenommen! D. H. 
106 



Bestimmungen erfiillen. Wenn sich aber einer weigert, die Abgabe zu 
leisten, so wird das mitgefiihrte Fleisch kraft unserer Bestimmungen fiir 
untauglich zur Nahrung der Juden erklart, gleich dem Schweinefleisch. 
ijber diese Bestimmung hat der BevoUmachtigte alle Hausvater zu 
informieren. 

7. Von dieser Abgabe wird aber das Fleisch befreit, das der Kahal 
unter die Armen zu irgendeinem Feiertag zu verteilen wiinscht, aber der 
Kahal darf dieses Fleisch nicht mit den eingegangenen Abgabegeldern 
kaufen. 

8. Im Falle einer Meinungsverschiedenheit iiber irgendwelche 
Punkte genannter Regeln miissen dieselben uns vorgelegt werden, und 
der BevoUmachtigte hat nicht das Recht, nach eigenem Ermessen zu 
entscheiden. 

9. Fiir den Kopf, die Zunge, die Lungen, die Leber und die 
Eingeweide eines Ochsen sind 6 Pjatoki (9 Kopeken), aber bei Kiihen 4 
Pjatoki (6 Kopeken) zu entrichten, wie dieses durch Magistratsukas*) 
festgelegt ist. 

10. Allen Mannern, Frauen, Dienern, Dienerinnen, Grofien und 
Kleinen wird bei strengstem Cherem verboten, das von ihnen gekaufte 
Fleisch aus den Fleischerladen hinauszutragen, ehe sie die Steuer von IV2 
Kopeken fiir das Pfund an den BevoUmachtigten der Abgaben entrichtet 
haben. 

Die Zahlung der Steuer hat im Zimmer des BevoUmachtigten zu 
geschehen. Zur KontroUe der Kaufer betr. der richtigen Bezahlung der 
Abgaben miissen sich in den Fleischerladen Aufseher befinden, deren 
Amt es ist, darauf zu achten, daG der Kaufer sofort nach dem Kauf das 
Fleisch in das Zimmer des BevoUmachtigten tragt, um es wiegen zu 
lassen. ) 

11. Dem Fleischer wird bei strengstem Cherem verboten, ohne 
Beisein des BevoUmachtigten und der beiden Aufseher irgendwem - 
Hiesigen oder Fremden - Fleisch zu verkaufen. Ebenso wird den 
Fleischern und ihren Familienmitgliedern strengstens verboten, fiir ihren 
eigenen Gebrauch Fleisch zu verwenden, ehe sie die Abgaben entrichtet 
haben. Der Verkauf koscheren Fleisches, selbst wenn es aus der Stadt 



* Befehl der russischen Behorde. D. H. 

** Ein schones Zeichen des Vertrauens zu der Ehrlichkeit der Gemeindemitglieder! 

Sarten kennen freilich kein Ehrenwort. D. H. 



107 



ausgefiihrt wird, darf nur in dem Fleischerladen geschehen, wenn es 
nicht von den Abgaben befreit ist. Den Fleischern wird verboten, fiir das 
ganze Vorderteil die Steuer auf einmal zu entrichten, um spater im 
Detailverkauf die Steuer von IV2 Kop. pro Pfund zu erheben. Sie sind 
verpflichtet, den Verkauf in den Fleischerladen taglich auszufiihren, 12 
Stunden an Werktagen von morgens bis abends und an den Tagen vor 
Feiertagen und Sonntagen fiir die Dauer des ganzen Tages. 

12. Die Fleischer diirfen koscheres Fleisch nur um zwei Groschen 
teurer verkaufen als der (russische) Magistral die Preise fiir trefes Fleisch 
vorschreibt. 

Die BevoUmachtigten und Aufseher haben die genaue Ausfiihrung 
dieser Bestimmung zu kontroUieren. Im Falle einer Ubertretung dieser 
Regeln miissen die BevoUmachtigten die Fleischer beim Magistral 
verklagen.*) 

13. Was das Gericht anbetrifft, so darf der BevoUmachtigte nicht 
nach Gutdiinken taxieren, sondern muG jedes Stiick wiegen, um die 
genaue Steuer von IV2 Kop. pro Pfund einzutreiben. Beim Verkauf des 
Fleisches wird das Wagen nicht berechnet. 

14. Im Kontor eines jeden BevoUmachtigten hat sich ein 
verschlossener Kasten zu befinden mit einer Offnung im Deckel. Da 
hinein hat der BevoUmachtigte das entrichtete Geld zu werfen, und es ist 
ihm zwecks Vermeidung miSbrauchlicher Verwendung, bei Gefahr des 
strengsten Cherem verboten, diese Gelder in seine Tasche zu stecken. 

Jeden Abend hat der BevoUmachtigte die Gelder zu zahlen und in 
ein Buch einzutragen, worauf er sie in den allgemeinen Tresor, der sich 
beim reichen Rabbi Chajjim Segall befindet, abzufiihren hat. Bis zu dem 
Augenblick, wo die Summe dem Chajjim iibergeben ist, hat der 
BevoUmachtigte die Verantwortung dafiir. Die Gelder miissen 
mindestens zweimal wochentlich in den allgemeinen Tresor iiberfiihrt 
werden, an Montagen und Donnerstagen. 

Zur Aufbewahrung dieser Gelder bis zu ihrer Uberfiihrung mufi 
sich beim BevoUmachtigten ein Kasten mit zwei Schliisseln befinden. 



Ein iiberaus interessanter Fall. Der Kahal wendet sich ohne weiteres an das 
russische Gericht, um Ungehorsame zu zwingen. Wenn aber das russische Gericht 
von einer Privatperson angerufen wird gegen den Kahal, erfolgt Bestrafung durch 
Bannfluch. D. H. 



108 



deren Schliissel je einer von dem BevoUmachtigten und von einem 
Aufseher aufzubewahren sind. 

15. Der Tresor, der sich beim Chajjim Segall befindet, mufi auch mit 
zwei Schlossern versehen sein, deren Schliissel je bei den BevoU- 
machtigten der Abgaben und bei einem Mitglied der Hundertschaft, der 
allmonatlich zu diesem Zweck aus den Hundert gewahlt wird, 
aufbewahrt werden. 

Der Schammasch hat allmonatlich einen von den friiheren 
Vorstehern der Stadt und einen Kaufmann zu ernennen zwecks 
monatlicher KontroUe der Kasse, die sich bei den BevoUmachtigten 
befindet. 

16. Der Schammasch hat in alien Synagogen und Bet Hamidraschim 
(Bethausern) bekanntzumachen: a) daG der Kahal, die AUgemeine 
Versammlung und der Bet Din alien Mannern, Frauen, Bediensteten 
sowie minderjahrigen Kindern, kurz, alien hiesigen und auswartigen 
Juden befiehlt, das Fleisch, das sie benotigen, in oder auGerhalb der 
Stadt, in den Fleischerladen nur dann zu kaufen, wenn der 
BevoUmachtigte und die Aufseher anwesend sind, und b) dafi es 
verboten ist, gekauftes Fleisch aus dem Laden zu tragen, bevor es auf der 
Waage der BevoUmachtigten gewogen und die Abgabe von 3 Groschen 
je Pfund entrichtet ist. Dieser Befehl wird alien Juden bei Strafe aller auf 
der Welt moglichen Chereme gegeben. Im Falle eines Kaufes von Fleisch 
bei einer Privatperson hat der Verkaufer die Quittung vorzuweisen, daG 
die Abgabe entrichtet ist. 

17. Die Gehalter des Schachters sowie des BevoUmachtigten und die 
anderen Ausgaben sind fiir gewohnlich aus den Abgaben fiir das 
Jungvieh zu bestreiten.^^) Der Rest dieser Summe soil zur Deckung von 
Ausgaben des Kahal dienen. 

Die iJbergabe der Gelder aus den Abgaben an den Kahal hat 
jedesmal von beiden BevoUmachtigten zu geschehen, die keinen halben 
Kopeken*) ohne die Unterschrift von fiinf Kahalmitgliedern herausgeben 
diirfen. Die Gehalter der anderen BevoUmachtigten und der Aufseher 
soUen jeden Freitag aus den inneren Einkiinften gezahlt werden. 

18. Mit einem Wort: Jedes koschere Fleisch, fiir das die Abgaben 
nicht bezahlt sind, ist als Trefa anzusehen - wie Schweinefleisch. 



Keinen halben Kopeken, d. h. gar nichts. D. H. 

109 



19. Zwei Wochen vor dem Termin, an dem die kaiserlichen Steuern 
beim Rentamt zu bezahlen sind, verteilt der Kahal die ganze schuldige 
Summe prozentual auf die Einwohner der Stadt - auf je 100 Einwohner 
ein Teil*). SoUte aber die vom Kahal gesammelte Summe nicht fiir die 
Steuern reichen, so erhebt der Kahal von jeder Hundertschaft eine neue 
Steuer, und das Geld ist von den Einnehmern der Hundertschaften zu 
erheben. Bei der Erhebung dieser Aushilfsgelder hat ein Mitglied, das 
aus der Hundertschaft gewahlt wird, den Einnehmer zu unterstiitzen. 
Ebenso diirfen die BevoUmachtigten der Abgaben den Hundertschaften 
keine Gelder in Abwesenheit dieser gewahlten Glieder aushandigen. Bei 
der Ausgabe der Gelder an die Hundertschaften iibergeben diese den 
BevoUmachtigten die Mitgliederlisten. 

20. Die BevoUmachtigten und Aufseher miissen beeiden, daG sie die 
von uns hierfiir getroffenen Bestimmungen genauestens erfiillen 
werden. Diesen Eid diirfen sie nicht spater leisten, als am Tage des 
kommenden Monates Tebet. Dieser Eid muG in die Biicher des Kahal 
und der BevoUmachtigten eingetragen werden. 

21. Die Aufseher miissen a) kontroUieren, daG jeder Kaufer von 
Fleisch sich in das Zimmer der BevoUmachtigten zwecks Feststellung des 
Gewichtes und Entrichtung der Abgabe begibt; b) sich bei den 
BevoUmachtigten erkundigen, ob der Kaufer die Abgabe bezahlt hat 
oder nicht, und c) dem Kaufer klar machen, daG Fleisch, fiir das keine 
Abgabe bezahlt ist, dem Schweinefleisch gleich (d. h. Trefa) ist. 

22. Beide BevoUmachtigte miissen nach der Schachter-Ordnung stets 
anwesend sein: der Eine in der Schachterei, der Andere bei der Waage 
und der Kasse. 

Zu BevoUmachtigten werden ernannt: Rabbi Gerschom, Sohn des 
Elia, und Rabbi Naphtali Herz, Sohn des Isaak. Letzterer hat sich 
wahrend des ersten Monats bei der Wage zu befinden. Das Gehalt fiir 
beide wird mit je 2 Rubel Silber pro Woche angesetzt. 

Biirgen fiir genannte BevoUmachtigte sind: Rabbi Isaak, Sohn des 
Akiba fiir Herz, und Rabbi Aisik, Sohn des Rabbi Juda, fiir Rabbi 
Gerschom. 



Die jiidischen Gemeinden waren in Zehnerschaften und in Hundertschaften 
eingeteilt, an deren Spitze ein Obmann stand. D. H. 

110 



23. Zu Aufsehern sind ernannt: Gerschom, Sohn des J., Isaak, Sohn 
des J., und Selig, Sohn des M. 

Das Gehalt fiir diese Aufseher ist mit je einem Rubel wochentlich 
berechnet. Ihren Dienst miissen sie der Reihe nach erfiillen. 

24. Der Rabbiner der Stadt hat fiir sich und seine ganze Familie nur 
bis zu 28 Pfund Fleisch die Woche zu versteuern; was dariiber hinaus 
von ihm gebraucht wird, ist steuerfrei.*) Die von der RabbinerfamiHe 
verbrauchte Fleischmenge muG in den wochentHchen Aufstellungen des 
BevoUmachtigten vermerkt sein. 

25. Die VeroffentHchung dieser Bestimmungen ist beim Cherem 
(Bann) in alien Synagogen und Bet Hammidraschim viermal im Jahr zu 
verlesen. 

26. Personen, die unserer Gemeinde zugezahlt sind, aber friiher in 
anderen Stadten gelebt haben, sind verpflichtet, eine Aufstellung der 
kaiserlichen Steuern dem BevoUmachtigten der Hundertschaft, der sie 
zugeteilt sind, vorzulegen. Im anderen Falle hat der BevoUmachtigte die 
saumigen Zahler bei der Behorde zu verklagen.**) 

27. Die BevoUmachtigten und Aufseher haben darauf zu achten, daG 
die Fleischer das Fleisch nicht teurer verkaufen, als um 2 Groschen mehr, 
als die vom Magistrat festgesetzten Preise betragen.^o) Zuwider- 
handelnde sind zu verklagen. 

28. Kauft jemand, von wem auch immer, koscheres Fleisch (ehe 
diese Bestimmungen in Kraft treten), so hat der Kaufer dem 
BevoUmachtigten die Halfte der Abgaben, die noch nicht bezahlt sind, zu 
entrichten, d. h. IV2 Groschen; im anderen Falle ist sein Fleisch gleich 
dem Schweinefleisch (d. h. Trefa). 

29. Wir, die Endesunterzeichneten, haben die KontroUe iiber die 
genaue Entrichtung der Abgaben nach oben genannten Regeln bis zur 
Neuwahl iibernommen. Bei der Neuwahl aber wird die Versammlung 
sechs neue Mitglieder wahlen - KontroUeure, die sich verpflichten, keine 
Vorsteher zu sein, und vorlaufig Aufseher sein werden. AUe diese oben 
genannten 29 Regeln sind von uns bedacht und festgelegt worden zur 
Befestigung der oben genannten Abgaben. Zur Beglaubigung alles dieses 
unterzeichnen wir, die diese Regeln aufstellen, und die von der 



Bevorzugung der meist reichen und einflufireichen Rabbiner. D. H. 
* Der Kahal lauft sofort zum christlichen Gericht! D. H. 



Ill 



AUgemeinen Versammlung am 14. Kislew 5562 von der Erschaffung der 
Welt (17. Nov. 1801) gewahlt sind. 

R. Isaak, Sohn des Akiba, 

R. Wolf, Sohn des Zewi Hirsch, 

R. Chajjim, Sohn des Isaak Segal, 

R. Jehuda Leib, Sohn des Jacob, 

R. Isaak Aisik, Sohn des Jehuda. 

(= II. 182.) Regeln fiir die Bevollmachtigten und 

Schachter. 

Die Bevollmachtigten und Aufseher haben sich taglich in dem 
Kontor der ersteren, spatestens um 12 Uhr zu versammeln, mit 
Ausnahme der Feiertage, an denen kein koscheres Fleisch verkauft 
werden darf . 

Die Ausgaben fiir Wagen und Sackchen, in denen das Geld 
befordert wird, sind aus den Steuergeldern zu bestreiten. 

Die Schachter und Bevollmachtigten haben sich dorthin zu begeben, 
auch am Sonntag von 10 Uhr morgens bis 6 Uhr abends, im Sommer bis 
8 Uhr abends. Zur Bekraftigung und Beglaubigung alles dieses 
unterzeichnen wir: 

R. Isaak, Sohn des Akiba, 

R. Wolf, Sohn des Zewi Hirsch, 

R. Jehuda Leib, Sohn des Jacob, 

R. Isaak Aisik, Sohn des Jehuda, 

R. Chajjim, Sohn des Isaak Segal. 

Nr. 89. Bestimmungen iiber die Schachtung von 

Gefliigel, erlassen von der Generalversammlung am 

Vorabend der Chanukka (des Feiertags der Makkabaer) 

im Jahre 5553 (1792). 

1. Niemand darf sein Gefliigel an einem andern Ort schachten, 
auGer an dem, der dafiir bestimmt ist. 

2. Der Schochet darf kein Gefliigel schachten, ehe der 
BevoUmachtige dafiir die Abgabe erhalten hat. 

3. Der BevoUmachtigte, der aus sechs Personen, die von der 
AUgemeinen Versammlung bestimmt sind, erwahlt wird, hat sich eidlich 
zu verpflichten, die Abgabe immer vor dem Schachten zu erheben. 



112 



4. Fiir jeden Truthahn ist vor dem Schachten die Summe von 10 
Groschen zu entrichten, auGer der dem Schochet fiir die Schachtung 
schuldigen Summe; fiir eine Gans ebenso 10 Groschen, fiir eine 
Truthenne 6 Groschen, fiir Enten und Kiicken 1 Groschen, fiir junge 
Ziegenbocke 10 Groschen, auGer der Bezahlung an den Schochet. 

5. Wenn jemand fiir ein rituelles Fest oder fiir ein Fest der helHgen 
Briiderschaft der Totenbestatter Gefliigel schlachten will, so hat er dem 
BevoUmachtigten der grofien Abgaben ein vom Schammasch (Notar) 
beglaubigtes Verzeichnis aller Festteilnehmer vorzulegen, damit er auf 
Grund der drei Punkte*) obengenannter Aufstellung von den 
BevoUmachtigten die schriftliche Genehmigung zur Schachtung des 
Gefliigels erhalten kann. Bei dieser Gelegenheit vermindert sich die 
steuerpflichtige Pfundzahl des Fleisches proportional der Vergrofierung 
der Anzahl des zu schlachtenden Gefliigels. 

6. Wenn jemand Fett zum Verkauf in die Stadt fiihrt, so hat er dem 
BevoUmachtigten 3 Groschen pro Pfund zu entrichten und darf es nicht 
eher verkaufen, als bis er die Quittung fiir die Bezahlung erhalten hat. 

Allen Besitzern von Ausspannungen ist bei strengstem Cherem 
befohlen, den BevoUmachtigten sofort von der eingefiihrten Fettmenge 
zu unterrichten. 

7. Unter dem strengsten Cherem ist es dem Schochet verboten, in 
Abwesenheit des BevoUmachtigten irgend welches Gefliigel zu 
schachten, auGer fiir Kranke und Verwandte; im letzteren Falle erhebt 
der Schochet selbst die Abgabe und iibergibt sie dem BevoUmachtigten. 

8. Der BevoUmachtigte hat die eingegangenen Abgaben fiir 
geschachtetes Gefliigel sofort in sein Buch einzutragen und das Geld 
spatestens am folgenden Tage dem fiir die Abgaben der Viehschachtung 
BevoUmachtigten zu iibergeben, der wiederum die erhaltenen Gelder in 
seine Biicher einzutragen hat. 

9. Erweist sich geschachtetes Gefliigel als Trefa, so hat der Schachter 
dem Besitzer die erhobenen Abgaben zuriickzuerstatten. 

10. Die Steuergelder fiir die Kapporet haben die Schocheten zu 
erheben.61) In diesem Falle ist es ihnen erlaubt, die Schachtung ohne 
Beisein der BevoUmachtigten vorzunehmen und ihm die erhobenen 
Gelder spater zu iibergeben. 



Augenscheinlich ist Abschnitt 4 gemeint. D. H. 

113 



11. Gefliigel fiir Kranke, die sich im Krankenhause befinden, ist auf 
Grund einer von dessen Letter erlassenen Verordnung steuerfrei. 

12. Die so erhobenen Gelder werden zur Deckung der kaiserlichen 
Steuern verwendet; nur den sechsten Tell verwenden die BevoU- 
machtigten zu Gehaltern der Schocheten und fiir Ausgaben, wie sie in 
der vorhergehenden Akte im Punkte 17 erwahnt werden; darum soil der 
BevoUmachtigte bei der taglichen Ubernahme in den grofien Sammel- 
kasten den sechsten Teil abteilen und im kleinen Sammelkasten fiir die 
Ausgaben zuriickbehalten. 

Anmerkung: Diese 12 Punkte sind von niemandem unterzeichnet. 
Sie sind nur eigenhandig von dem reichen Wolf, Sohn des Hirsch, 
aufgeschrieben. 

Nr. 90. iJber die neuen Bestimmungen von der 
Sammlung von Abgaben von Gefliigel. 

Montag, den 15. Ijjar 5569 (1809). 

Von den Vorstehern des Kahal wird befohlen, daG die 
Gefliigelschachter ihren Eid wiederholen, daG sie alle Regeln, die in der 
vorhergehenden Akte aufgestellt und im Folgenden vervoUstandig 
werden, erfiillen werden.^^^ 

1. Einer der drei Schachter hat ein genaues Register iiber die Zahl 
des geschachteten Gefliigels und seine Besitzer zu fiihren. 

Beide Schachter diirfen keine Schachtung ohne die Anwesenheit des 
dritten vornehmen, der sich mit dem Zahlen genannter Abgaben bei der 
Schachtung von Gefliigel abzugeben hat. 

2. Die Schachter diirfen nicht die geringste Saumigkeit in der 
Erfiillung ihrer Pflichten walten lassen. 

3. Wird dem Schachter Gefliigel von einem Kranken oder dessen 
Mutter gebracht, so hat er ohne Ausreden sofort seine Pflicht zu erfiillen. 
SoUte der Schachter aus irgend einem Grunde daran verhindert sein, so 
hat er sich sofort zu seinem KoUegen zu begeben, um ihn um sofortige 
Erfiillung der Bitte zu ersuchen. 

Nr. 91. iJber den Eid der Gefliigel-Schachter. 

Durch den Eid, der auf der nachsten Seite in der Akte 93 festgelegt 
wird, nehmen wir die Verpflichtung auf uns, alle MaGnahmen und 
neuen Regeln iiber die Gefliigelschachtung zu beachten mit Ausnahme 



114 



des Punktes 1*) jenes Eides, der direkt den Rechten widerspricht, die wir 
seit langem ausiiben, namlich verschiedene Arten von Gefliigel fiir den 
Zweck ritueller Feste an jedem Ort und zu jeder Zeit zu schachten. 

Ebensowenig nehmen wir die Pflichten der Beaufsichtigung auf uns, 
von der in jenem Eide die Rede ist, weil wir seit einigen Jahren von 
diesen Verpflichtungen frei sind. 

Zur Beglaubigung alles dieses unterzeichnen wir. 

Dienstag, den 22. Sivan 5569 (1809) in der Stadt Minsk. 

Jakob, Sohn des Mardochai, 

Simon, Sohn des Salomon, 

Samuel, Sohn des Juda Leib. 

Anmerkung: Der auf uns genommene Eid besteht drei Jahre lang zu 
Recht, gerechnet vom oben genannten Tage. 

Nr. 178.**) iJber die zweite Vorladung des Rabbi 
Schalom vor den Bet Din. 

Heute, am Vorabend des Sabbats, des 18. Sebat 5565 (19. Januar 
1805) ist an den reichen Rabbi Schalom, Sohn des Samuel, den Leviten, 
der Ruf ergangen, bei Strafe des Cherem vor dem Bet Din zu erscheinen 
in seiner Angelegenheit mit dem Rabbi Zewi Hirsch, Sohn des Rabbi 
Ruben und Sohnes des letzteren Rabbi Salman, und vorher die 
Rechnung des Bet Din in seiner Angelegenheit mit dem Rabbi Schalom, 
dem Leviten, der trotz verhangten Cherems bei seinem Ungehorsam 
blieb, zu ordnen. 

Nr. 179. Von dem Ungehorsam des Rabbi Gerschom. 

Am Dienstag, den 13. des ersten Adar 5565 (3. Februar 1805) ist iiber 
den Rabbi Gerschom, Sohn des Rabbi A. W., der Cherem verhangt 
worden, weil er die Rechnung des Bet Din mit Rabbi Chajjim, Sohn des 
Zewi Hirsch, nicht in Ordnung brachte. Rabbi Gerschom verblieb in 
hartnackigem Ungehorsam. 

Dem Bet Din zur Kenntnis: Der Rabbi Gerschom, Sohn des R. J. A., 
hat seine Angelegenheit geordnet und ist in alle seine friiheren Rechte 
eingesetzt worden. 



Vergl. Nr. 89. D H. 

* Dieser und der folgende Abschnitt sind auch im Original falsch numeriert. D. H. 



115 



Nr. 92. iJber die Schuld des Kahal an den verstorbenen 
Arje Leib, Sohn des Chajjim, nach den Dokumenten.^s) 

Hierdurch bezeugen wir Endesunterzeichnete mit unserer eigen- 
handigen Unterschrift, daG wir die Gelder, betreffend die Schuld des 
Kahal an den Arje Leib, Sohn des Chajjim, nach den Schuldbriefen, die, 
wie in ihrem Dokument verzeichnet, von den Kahalmitgliedern 
unterschrieben worden sind, namlich die Schuld an den Schulklopper 
(Synagogendiener), erhalten haben und somit den Minsker Kahal von 
dieser seiner Schuld an unserem Vater, dem Schulklopper, durch diese 
Quittung befreien. Aufierdem erklaren wir, daG alle sonstigen 
Anspriiche null und nichtig sind, tonerne Phrasen, und von keinem 
Gerichtshof ernst zu nehmen; wir haben die betreffenden Gelder voU 
und ganz erhalten und unterzeichnen. 

Minsk, Montag, den 14. Tammus 5566 (1806). 

Gissa, Tochter des Rabbi Elia, Witwe des oben genannten 
verstorbenen Arje Leib, und Abraham, Sohn des Arje Leib. 

Hierdurch beglaubigen wir, daG die Gissa, Tochter des Elia und ihr 
Sohn Elia alles dieses unterzeichneten. Erstere als Analphabetin hat die 
Feder zur Unterschrift letzterem gegeben. Abraham unterschrieb selbst - 
und daG sie die ganze, oben genannte Angelegenheit nach dem heiligen 
Gesetz unter die Kabbalat Sedar64) erledigten - und unterzeichnen. 

Minsk, Montag, den 14. Tammus 5567 (1807). 

Eleasar, Sohn des Ch.; Schammasch Benjamin (Notar und 
BevoUmachtigter des Kahal). 

Nr. 93. Eidesformel fiir die Schachter von Vieh. 

Im Namen Gottes, des Kahal, Bet Din und des Nasi des 
israelitischen Landes, d. h. des Fiirsten oder Patriarchen, schwore ich 
ohne jede Schlauheit und Hinterlist, nicht an Ubertreibung oder 
Abschwachung denkend, ohne Falschheit der Lippen und des Herzens, 
daG ich Schechita und Bedika (Schachtung und Beschauung) nach den 
Regeln, die der Kahal und die Erwahlten der AUgemeinen 
Versammlung, wie es im Buche Nr. 88 steht, aufgestellt haben, 
vornehmen werde, in keiner Weise davon abweichend. Ebenso 
verpflichte ich mich, meine Pflichten nie zum Schaden irgendeines 
Hausvaters oder Fleischverkaufers zu versaumen. Ebenso darf ich 
keinem Hausvater oder Fleischer in Erfiillung meiner Pflichten nach- 



116 



geben, sondern muS die Schachtung und Beschauung bis ins kleinste 
genau vornehmen. Ebenso darf ich von heute ab drei Jahre lang von 
keinem Kahal oder von der AUgemeinen Versammlung irgendwelche 
Vergiinstigungen wie auch Gehaltserhohung erbitten, sondern muS die 
Schachtung und Beschauung wahrend dieser Zeit fiir das Gehalt 
vornehmen, das mir heute vom Vorsteher des Kahal bewiUigt wird. 
Sogar nach Ablauf dieser drei Jahre werde ich, wenn ich mich noch mit 
Schachtung abgebe, diese Regeln nicht iibertreten, sondern heiHg halten. 
Ebensowenig werde ich wahrend dieser Zeit die geringste Summe, und 
sei es ein halber Kopek, dem Kahal von den Abgaben unterschlagen oder 
fiir mich verwenden, sei es bei grofiem oder kleinem Vieh, innerhalb 
oder auGerhalb der Stadt, sondern alles dem BevoUmachtigten 
iibergeben. 

Ebensowenig werde ich jemals mit Gefahrten, Schachtern, gegen 
den Kahal Heimlichkeiten, sei es durch Eid oder Handschlag treiben, 
was ich ehrlich beschwore, so wahr mir Gott, Er sei gelobt, helfe in alien 
meinen Angelegenheiten. 

In dieser Form habe ich am Sonntag, den 27. Tammus 5566 (1806) 
geschworen, was ich zur Beglaubigung unterzeichne. 

Dasselbe schwor ich Endesunterzeichneter am selben Tage und 
unterzeichne zur Beglaubigung. 

Ebenso habe auch ich Endesunterzeichneter geschworen und 
unterzeichne zur Beglaubigung." 

Nach Verlauf von sechs Jahren, nach Zusammenstellung dieser 
Dokumente, und zwar im Jahre 5572 (1812) ist noch folgendes zugefiigt 
worden: 

"Ebenso beuge ich mich vor Gott usw. und schwore, daG ich immer 
dem Kahal gehorchen werde; wenn er mir irgendeine gemeinniitzige 
MaGnahme (Verpflichtung) auferlegt, so habe ich sie mit grofiter 
Pflichttreue zu erfiillen zum Nutzen des Kahal, ohne dabei 
irgendwelchen privaten Nutzen im Auge zu haben. Ebenso verpflichte 
ich mich auch, mich den zukiinftigen MaGnahmen der Vorsteher des 
Kahal in Bezug auf Schachtung von Vieh und Gefliigel zu unterwerfen. 
Und so schwore ich ehrlich, so wahr mir Gott helfe in alien meinen 
Angelegenheiten. 

Nach dieser Formel schwor ich am Montag, den 11. Awa 5572 (1812) 
und verpflichte mich, ohne geringste Ubertretung diesen Eid zu halten, 
was ich zur Bekraftigung unterzeichne. 

Bezaleel, Sohn des Isaak. 



117 



Ebenso schwor ich am selben Tage nach dieser Formel und 
verpflichte mich, den Eid zu halten. 

Aaron, Sohn des Isaak Aisik. 

Ebenso schwor ich am selben Tage und halte den Eid. 

Jankel, Sohn des Leib. 

Ebenso schwor ich am selben Tage und halte den Eid. 

Scholem, Schachna." 

Anmerkung: Das Gehalt fiir die vier Schocheten wird aus den 
Einkiinften des Kahal bewilligt und zwar je 5 Rubel und 20 Groschen pro 
Woche fiir drei Jahre, beginnend mit dem heutigen Tage, dem 15. Ab 
5572 (1812). 

Nr. 94. Eidesformel fiir die Gefliigel-Schachter. 

Also schwore ich im Namen Gottes, des Bet Din und Kahal, ohne 
irgendwelche Falschheit oder Hinterlist auf den Lippen und im Herzen, 
ohne dabei an irgendwelche Abschwachung oder Ubertreibung zu 
denken, die Pflichten des Schachters und Beschauers voU und ganz zu 
erfiillen, die mir durch das Gesetz auferlegt sind. Aus den Einkiinften 
der Schachtung von Gefliigel und Kleinvieh darf ich nicht einen halben 
Kopeken beiseite bringen. Ebenso verpflichte ich mich, alle Regeln zu 
erfiillen, die bis jetzt fiir den Schocheten aufgestellt worden sind. Und 
solange ich Schachter bin, darf ich nicht die geringsten Einkiinfte haben, 
weder von Hausvatern noch Fleischverkaufern, noch aus den Kahal- 
Einkiinften der Abgaben. Ebenso werde ich den Hausvatern oder 
Fleischern niemals auch nur die geringste Hilfe leisten zum Schaden der 
Abgaben - mit einem Wort, ich werde mir nie auch nur die kleinste 
ijbertretung erlauben.*) 

Ebensowenig werde ich im Verlauf dieser drei Jahre eine 
Gehaltserhohung erbitten; ebenso werde ich nie mit Schachtern in eine 
gegen den Kahal gerichtete Verbindung eintreten, weder durch 
Handschlag, noch durch Kinjan^s) oder Unterschrift, nicht einmal mit 
solchen, die nach Ablauf dieser drei Jahre dem Kahal dienen, und so 
wahr ich ehrlich schwore, moge mir Gott (Lob sei Ihm), in alien meinen 
Angelegenheiten beistehen. 



* Man erinnere sich angesichts solcher Geliibde und Versprechungen, mit denen die 
Ghettojuden gequalt werden, an die Notwendigkeit des Kol Nidre, der Befeiung von 
den Geliibden. D. H. 



118 



Nach dieser Formel schwor ich am Sonntag, den 27. Tammus 5566 
(1806) in Minsk und unterzeichne zur Beglaubigung. 

Nr. 95. Eidesformel der Beschauer und Aufseher. 

Also schwore ich, im Namen Gottes, des Bet Din und Kahal ohne 
jede Schlauigkeit und Hinterlist auf den Lippen und im Herzen, ohne 
Abschwachung und Ubertreibung, meine Pflichten ehrHch zu erfiillen 
und nach MogHchkeit die Kahal- Abgaben vor MiGbrauch zu schiitzen, 
so dafi auch die kleinste Hinterziehung dieser Steuern unmoglich sei. 
Von diesen Steuern werde ich nicht einen halben Kopeken hinterziehen 
oder fiir mich verwenden, oder Hausvatern und Fleischern erlassen. AUe 
die iibernommenen Pflichten sind mir heilig, und solange ich dieses Amt 
verwalte, unterstehe ich meinem Eid. Das schwore ich ehrlich, so wahr 
mir Gott (er sei gelobt) helfe in alien meinen Angelegenheiten. 

Nach dieser Formel schwor ich am 27. Tammus 5566 (1806) und 
unterzeichne zur Beglaubigung. 

Nr. 96. Eidesformel der Schriftfiihrer der Korbsteuer.*) 

a) Also schwore ich bei Gott und dem Kahal, ohne jede Schlauheit 
und Hinterlist auf den Lippen und im Herzen, ohne Abschwachung und 
Ubertreibung, aus den Steuern des Kahal, der Dreigroschensteuer, der 
Abgabe fiir die Schachtung oder der Steuer des Innenregimes, nicht 
einen halben Kopeken zu entwenden oder fiir mich zu behalten. 

Mit derselben Pflichttreue habe ich mich auch immer mit meinen 
Arbeiten als Schriftfiihrer der Sammelkasse abzugeben. Mit einem Wort, 
ich werde von alien Geldern, die zur stadtischen Steuer gehoren und 
durch meine Hande gehen, nicht einen halben Kopeken entwenden oder 
den Hausvatern und Fleischern Erleichterungen bei Steuerangelegen- 
heiten wegen Schachtung gewahren. Das schwore ich, so wahr mir Gott 
(Ihm sei Lob) in alien meinen Angelegenheiten helfe. 

Nach dieser Formel schwor ich am Sonntag, den 27. Tammuz 5566 
(1806) und unterzeichne zur Beglaubigung. 



* Die Korobka (russ. = Korb) war eine spezifisch jiidische Steuer, die die russische 
Regierung den jiidischen Gemeinden auferlegt hatte. D. H. 

119 



b) Eidesformel der Chassidim-Schachter. 

Im Namen Gottes, des Bet Din, des Kahal und des Nasi (des 
Fiirsten) von Palastina schwore ich ohne jede Schlauheit und 
Hintergedanken auf den Lippen und im Herzen, daG ich die Schachtung 
und Beschauung von Vieh ehrlich vornehmen und alles erfiillen werde, 
was von mir verlangt wird. Ebensowenig werde ich mit Hausvatern oder 
Fleischern in bezug auf die genannten Pflichten paktieren; ebensowenig 
werde ich Hausvatern oder Fleischern irgendwelche ErmaGigungen 
gewahren, sondern meine Pflichten nach bestem Wissen und Gewissen 
erfiillen, wie es vorgeschrieben ist; ebensowenig werde ich wahrend 
meiner Amtstatigkeit auch nur einen halben Kopeken von den Abgaben 
veruntreuen, die fiir die Schachtung von Grofi- und Kleinvieh und 
Gefliigel entrichtet werden, wie auch von den anderen Steuern des 
Kahal, sei es inner- oder aufierhalb der Stadt, sondern alles dem Kahal- 
Vorsteher ehrlich aushandigen. Ebenso werde ich nie den Hausvatern 
oder Fleischern ErmaGigungen auf diese Steuern gewahren oder mir die 
geringste Abanderung obengenannter Steuern erlauben. Ebenso werde 
ich Gefliigel nur in dem Raume schachten, wo sich der BevoUmachtigte 
befindet; in dem Raume werde ich Viehschachtungen nur vornehmen, 
wenn ich die beglaubigte Erlaubnis dazu von den BevoUmachtigen habe, 
oder wenn von ihnen die Abgaben erhoben sein werden, oder in den 
Ausnahmefallen fiir Kranke und Miitter, und schliefilich an Vorabenden 
von Sabbaten und Festtagen; in alien diesen Fallen darf ich auch an nicht 
von den BevoUmachtigten vorgeschriebenen Platzen die Schachtungen 
vornehmen, werde aber die Abgaben (fiir von mir geschlachtetes Vieh 
und Gefliigel) den BevoUmachtigten iibergeben. Das schwore ich, so 
wahr mir Gott (Lob sei Ihm) in alien meinen Angelegenheiten helfe. 

Nach dieser Formel schwor ich am Dienstag, den 9. Marcheschwon, 
zu Minsk und unterzeichne: 

Zewi Hirsch, Sohn des Jechiel Michael, Segal. 

Nr. 97 (= II. 132). Von der Wahl der Mitglieder der 

Gemeindeverwaltung. 

Zur guten Stunde! Liste der Mitglieder der Stadtverwaltung 
(Gemeinde-Kahal) vom 3. Tage des Passah 5560 (2. April 1800) bis zu 
demselben Tage des kommenden Passah 5561 (1801). 
a) Raschim (Haupter): 



120 



1. R. Isaak, Sohn des R. Akiba, 

2. R. Moses, Sohn des R. Jakob, 

3. R. Isaschar Beer, Sohn des R. Isai, 

4. R. Schmul, Sohn des R. Dan. 

b) Ikkarim (wirkHche MitgHeder): 

c) Dajjanim-Kewum (bestandige Richter, mit der Berechtigung, 
Beschliisse zu unterzeichnen): 

1. R. Eleasar, Sohn des R. A., Segal, 

2. R. Schmul, Sohn des Jechiel Michael, 

3. R. Salman, Sohn des R. Schalom Susman, 

4. R. Gerschom, Sohn des R. Elia, 

5. R. Joseph, Sohn des R. Jechiel Michael, 

6. R. Schmul, Sohn des R. Aaron, 

7. R. SiiGel, Sohn des R. Schalom Salman, 

8. R. Abraham, Sohn des R. Sch. 

d) Dajjanim Belipsak (zeitweilige Richter ohne Urteilsrecht): 

1. R. Josua, Sohn des R. A., 

2. R. Jakob, Sohn des R. L., 

3. R. Israel, Sohn des R. Gerschom, 

4. R. Baruch, Sohn des R. Samuel, 

5. R. Isaak, Sohn des R. Herz, 

6. R. Herz, Sohn des R. Faiwusch, 

7. R. Eisik, Sohn des R. Simon. 

AUes dieses ist von uns endesunterzeichneten Wahlern, nach 
reiflicher Erwagung, mit allgemeinem Einverstandnis, nach MaGgabe 
der Gesetze und Bestimmungen, geschehen, was wir zur Beglaubigung 
hiermit unterschreiben. 

Stadt Minsk. 

R. Mardochai, Sohn des R. Gedalja, 

R. Schalom Salman, Sohn des R. Simcha Susman, 

R. Joseph, Sohn des R. Joseph Segal, 

R. MeschuUam Faiwusch, Sohn des Isaak Segal. 

e) Haupter und Verwalter des Hauptwohlfahrtsausschusses: 

1. R. Elia, Sohn des R. Zewi Hirsch, 

2. R. Jehoschna Gischel, Sohn des R. Moses, 

3. R. Isaak, Sohn des R. Zewi Hirsch, 

4. R. Chajjim, Sohn des R. Isaak Aisik, 

5. R. Isaak, Sohn des R. Gerschom. 



121 



Diese fiinf Verwalter sind von uns, den endesunterzeichneten 
Wahlern, auf Grund allgemeinen Einverstandnisses, der Gesetze und 
Bestimmungen ernannt worden in der Stadt Minsk. 

1. R. Mardochai, Sohn des R. Gedalja, 

2. R. Schalom Salman, Sohn des R. Simcha Susman, 

3. R. Schachna Gerschom, Sohn des R. Schalom, 

4. R. Joseph, Sohn des R. Joseph Segal, 

5. R. MeschuUam Faiwusch, Sohn des R. Isaak Segal. 

Nr. 98 (= II. 133). Von dem Verkauf des Ladens von Pan 
Kister an den Abraham Abel, Sohn des R. Meyer. 

Heute, am Vorabend des Montag, am 6. Nisan 5560 (9. April 1800) 
ist im Einverstandnis mit alien Herren Vertretern und BevoUmachtigten 
unserer Stadt verfiigt und bestimmt worden: Das Besitzrecht auf den 
steinernen Laden des Pan Kister an den ihn schon benutzenden Herrn, 
den Vorsteher, den reichen Rabbi Abraham Abel, Sohn des Rabbi Meyer, 
zu verkaufen; ebenso das Recht auf den Balkon und die Treppe 
gegeniiber dem genannten Laden; ebenso das Recht auf den Durchgang 
zum Laden in dem Hause des Pan Kister. AUes dieses, vom Zentrum der 
Erde bis zur Hohe des Himmels ist zur immerwahrenden Verfiigung des 
Abel, seiner Nachkommen und Vertreter verkauft worden, wofiir er an 
die Kahalkasse 7b Rubel Silber*) zu bezahlen hat, wofiir ihm sofort nach 
Bezahlung des Geldes eine von den Vorstehern des Kahal 
unterschriebene und vom Bet Din der hiesigen Stadt beglaubigte 
Kaufurkunde ausgehandigt werden soil. 

Nr. 99 (= II. 134). Von dem Verkauf eines Ladens von 

demselben Kister an Rabbi Jechiel Michael, Sohn des 

Rabbi Aaron, durch den Kahal. 

Auf derselben Sitzung haben die Haupter und Herren, die 
Vorsteher des Kahal, beschlossen: das Besitzrecht auf einen steinernen 
Laden des Pan Kister an den ihn schon benutzenden Herrn, den Vor- 



* Diese winzige Kaufsumme zeigt deutlich, dafi es sich nicht um den rechtmafiigen 
Kauf des Ladens, sondern um eine Chasaka-Abgabe an den Kahal handelt. D. H. 

122 



steher, den reichen Rabbi Jechiel Michael, Sohn des Rabbi Aaron, zu 
verkaufen; ebenso das Recht auf den Balkon und die Treppe dem Laden 
gegeniiber; ebenso das Recht auf den Durchgang zum Laden in dem 
Hause des Pan Kister. AUes dieses vom Mittelpunkt der Erde bis zur 
Hohe des Himmels ist zur immerwahrenden Verfiigung des Jechiel 
Michael, seiner Nachkommen und Vertreter verkauft worden. Fiir diesen 
Verkauf hat besagter Jechiel Michael 15 Rubel Silber an die Kasse des 
Kahal zu entrichten, wofiir ihm sofort nach Bezahlung dieser Summe 
eine von den Vorstehern des Kahal unterschriebene und vom Bet Din 
dieser Stadt beglaubigte Kaufurkunde auszuhandigen ist. 

Nr. 100 (= II. 135). Die an die oben genannten reichen 
Abel und Michael ausgestellten Kaufurkunden. 

Im Einverstandnis aller Vorsteher und Vertreter unserer Stadt ist 
aus der AUgemeinen Versammlung verfiigt worden, an den Herrn und 
Vorsteher, den reichen Rabbi Abraham Abel, Sohn des Rabbi Meyer, das 
Besitzrecht auf den, dem Pan Kister gehorigen, steinernen Laden zu 
verkaufen: und zwar auf einen der auf dem Hohen Markt von ihm 
erbauten neuen Laden. Der Laden grenzt auf der einen Seite an den 
steinernen Laden desselben Pan Kister, der momentan vom reichen Zewi 
Hirsch, Sohn des Rabbi Sew Wolf beniitzt wird und auf der anderen 
Seite an einen Laden desselben Pans, der momentan vom Rabbi Michael, 
Sohn des Aaron, gefiihrt wird. Die Fassade des Ladens liegt in der 
Richtung des oben genannten Marktes, die Riickseite nach dem Hof des 
Pan Kister. Das Recht auf den so begrenzten Laden, wie auch auf den 
Keller unter ihm, die iiber ihm erbauten Zimmer, den Balkon, die Treppe 
- das Recht auf alles dieses vom Mittelpunkt der Erde bis zur Hohe des 
Himmels, verkauften wir voU und ganz dem Rabbi Abel, seinen 
Nachkommen und Rechtsnachfolgern fiir immer und ewig. Ebenso 
verkauften wir dem Rabbi Abel, seinen Nachkommen und 
Rechtsnachfolgern den Durchgang durch den Hof des Kister, der zu 
diesem Laden fiihrt, den Keller und die dariiber liegenden Zimmer in 
oben genannten Grenzen, ohne uns das geringste Recht auf dieses 
Besitztum vorzubehalten. 



123 



Oben genannter Rabbi Abel hat schon lange alle schuldigen Gelder 
in die allgemeine Kasse eingezahlt. Aus diesem Grunde gehoren ihm, 
seinen Nachkommen und Rechtsnachfolgern von diesem Zeitpunkt an 
alle Rechte auf dieses Besitztum, in dem er daher nach seinem 
Gutdiinken schalten, d. h. verkaufen, vermieten, verleihen, iiberhaupt 
damit umgehen kann, wie jeder Mensch ungestort mit seinem Eigentum 
umgehen darf . Selbst wenn der Pan Kister das Gebaude niederreiGt und 
dafiir ein neues aufbaut/) verbleiben dem Rabbi Abel die oben 
genannten Rechte auf die oben begrenzten Grundstiicke und Gebaude, 
wie auch seinen Nachkommen und Rechtsnachfolgern. SoUte aber Rabbi 
Abel oder seine Nachkommen und Rechtsnachfolger das oben genannte 
Gebaude von Pan Kister kaufen, so steht ihnen das voile Recht auf 
NiederreiGung und Umbau zu, ohne dafi irgend jemand sich einmischen 
darf. SoUte aber irgend jemand, ein Mensch (d. h. Jude, d. H.) oder 
mehrere, Einspruch gegen diese Rechte erheben, so ist der Kahal und Bet 
Din voU und ganz verpflichtet, fiir die Rechte des R. Abel, seiner 
Nachkommen und Rechtsnachfolger einzustehen. Ebenso ist der Kahal 
verpflichtet, nichts unversucht zu lassen, die protestierende Partei zu 
beruhigen, am besten auf friedlichem Wege, dieses von uns dem R. Abel 
verkaufte Recht unangetastet zu lassen. Alle Ausgaben und EinbuGen, 
die dem R. Abel und seinen Nachkommen usw. aus solchem Protest 
entstehen soUten, hat der Kahal aus alien ihm moglichen Quellen zu 
decken auf Grund der dem R. Abel usw. verliehenen Rechte, und 
derselbe hat das Recht, sich auf dieses Dokument als einen auf 
talmudischen Gesetzen basierenden Schuldschein beruhend, von alien 
stadtischen Einkiinften des Kahal die Deckung seiner rechtmaGigen 
Forderungen zu verlangen, als hatte er einen kaiserlichen Wechsel; und 
ein jeder Kahal ist verpflichtet, ihm zu helfen, und darf ihn nicht 
hindern, bis zum aufiersten die Erfiillung dieser oben genannten Rechte 
durchzusetzen. AUes dieses wurde im Einverstandnis aller Mitglieder im 
Zimmer des Kahal beschlossen und f ormuliert nach den Rechten, die der 
Kahal nach dem formellen Kinjan^^) hat. 

Zur Beglaubigung alles dieses unterzeichnen wir: die Vorsteher, 



* Demnach ist Pan Kister der tatsachliche Besitzer. Es handelt sich also nur um die 
Chasaka. D. H. 



124 



Haupter und Vertreter unserer Stadt. Am Vor abend des Montag, des 26. 
Nisan 5560 (9. April 1800) in der Stadt Minsk. 

P. S. Dieses Dokument wurde von sechs Vorstehern der Stadt 
unterzeichnet. 

Der reiche R. Isaak, Sohn des R. Akiba, und R. Beer, Sohn des R. M., 
sind eingetreten fiir die friiheren Haupter: den reichen R. Zewi Balser 
und den reichen R. Chajjim, Sohn des R. J. Segal und R. Zewi Hirsch. 

Nr. 101 (= II. 135). Beglaubigung der obigen Akte 

durch die Schammaschim Weneemnim (stadtischen 

Notare und Bevollmachtigten). 

Wir, die endesunterzeichneten Notare und Bevollmachtigten 
beglaubigen mit unserer eigenhandigen Unterschrift, daG der 
Kaufkontrakt, der vom Kahal dem Herrn und Vertreter, dem reichen 
Rabbi Abraham Abel, Sohn des Meyer, seinen Nachkommen und 
Rechtsnachfolgern ausgestellt worden ist, in alien seinen Einzelheiten zu 
Recht bestehend, von den sechs Mitgliedern der Vorsteher tatsachlich im 
Einverstandnis mit den Schibea Tobim ha-Ir (sieben Vorstehern der 
Stadt) in AUgemeiner Versammlung im Zimmer des Kahal unter 
Befolgung der Gebrauche und nach den heiligen Gesetzen, ungeachtet, 
daG der Kahal bei Ubertragung von Eigentumsrechten keines formellen 
Kinjan benotigt, unterschrieben ist. 

Montag, den 26. Nisan 5560 (9. April 1800) zu Minsk. 

Nr. 102 (= II. 135). Beglaubigung derselben Akte durch 

den Bet Din. 

Aus der vorhergehenden Akte ist ersichtlich, dafi alle in der Akte 
Nr. 100 angefiihrten Punkte und Regeln, dem Vertreter, dem reichen 
Rabbi Abraham Leib, (seinen Nachkommen wie Rechtsnachfolgern) 
ausgestellt, mit den Unterschriften von sechs Mitgliedern der Vorsteher 
und zwei Notaren der Stadt im Einverstandnis der sieben Stadtvorsteher 
im Rate des Kahal-Zimmers versehen sind, gemaG den heiligen Gesetzen 
der Tora und den Gebrauchen der Stadt. Obgleich eine Bestimmung des 
Kahal im allgemeinen keiner Bestatigung bedarf^^), um so weniger, wenn 
sie von Notaren beglaubigt ist, so haben wir mit unserer ganzen 



125 



MachtvoUkommenheit zur grofieren Bekraftigung die aus den genannten 
Rabbi Abraham Abel, seine Nachkommen und Rechtsnachfolger 
iibertragenen eben genannten Rechte beglaubigt und bekraftigt, auf dafi 
sie fiir ewige Zeiten um kein Jota verkleinert werden mogen, weswegen 
wir eigenhandig unterzeichnen. 

Montag, den 26. Nisan 5560 (9. April 1800) zu Minsk. 

Es haben der Rabbi Gaon und die vier gesetzlichen Richter 
unterschrieben. 

Nr. 103 (= II. 136). Von der Verleihung desselben 
Rechtes an Rabbi Michael, Sohn des Aaron. 

Genau dasselbe Dokument, wie das des R. Abraham Abel wurde 
dem Vertreter, dem reichen Rabbi Michael, Sohn des Aaron, ausgestellt 
auf das Besitzrecht eines anderen Ladens desselben Pan Kister, schon 
jetzt von Michel beniitzt und an den Laden des Abel angrenzend. Das 
Dokument ist, wie aus der anderen Urkunde, von sechs Vorstehern und 
Notaren unterschrieben und beglaubigt; ebenso ist es vom Rabbi Gaon 
und dem Bet Din beglaubigt, genau so wie das Dokument des Rabbi 
Abel ohne die leiseste Abanderung. 

Nr. 104 (= II. 137). Regeln iiber die Zusammenberufung 

der Kahalmitglieder. 

Mittwoch, den 28. Nisan 5560 (11. April 1800). 

Von den Vorstehern des Kahal wird folgendes befohlen: Wenn zu 
irgendeiner Sitzung des Kahal auf Grund der Einladung durch dessen 
Diener nicht alle Vorsteher der Stadt erscheinen, so haben auch drei von 
ihnen, seien es Haupter oder Vertreter, BeschluGrecht wie die sieben 
Vorsteher, in wichtigen wie unwichtigen Dingen, bis auf die Falle, in 
denen es notwendig ist, irgendeinen Menschen (Juden) zur korperlichen 
Ziichtigung oder Geldstrafe oder zum Verlust der Ehre zu verurteilen. In 
diesen Fallen miissen mindestens fiinf Mitglieder anwesend sein, die 
dann das VoUzugsrecht der sieben Vorsteher haben. 



126 



Nr. 105 (= II. 138). Von dem Verkauf des Besitzrechtes 
auf ein Kloster an Rabbi Eleasar, Sohn des R. Joseph, 

Segal. 

Sabbat, Abteilung Bemidbar, am Vorabend des 1. Siwan 5560 (12. Mai 

1800). 

Von den Vorstehern des Kahal wird befohlen, das Recht auf den 
Besitz eines Klosters (!) auf der Jurjewskajastrafie, das friiher den 
Karmelitern gehorte und jetzt im Besitz der Franziskaner ist, zu 
verkaufen. Seine Grenzen sind folgende: auf der einen Seite die 
JurjewskajastraGe, beginnend mit dem Holzhause des Rabbi Moses, Sohn 
des R. Israel, bis zur Tatarskajastrafie, von der anderen Seite letztere 
StraGe: von der Ecke der Krewski-QuerstraGe bis zum Hause des 
unbeschnittenen (Christen) Matwi Ehrenowitsch inbegriffen. 

Dieses Recht auf obengenanntes Kloster mit alien seinen Hausern 
und Gebauden, wie sie in dem Bereich der obengenannten Grenzen 
aufgefiihrt sind, auf alle steinernen und holzernen Gebaude, Keller, 
Zimmer, wie auf das Haus, das in diesem Bereich von dem Christen 
Schmied Seleisi erbaut wurde, mit alien Gebauden und Raumen, die ihm 
gehoren, wie auch die Branntweinbrennerei des Klosters, die sich in 
seinem Grundstiick befindet, den Hof und freien Platz in demselben 
Bereich - wie auch die Gemiisegarten und Heuschlage des Klosters, die 
sich bis zu den Gemiisegarten erstrecken - wie die Heuschlage, die zu 
den Hausern der Jatkowajastrafie gehoren^^) - das Recht auf alles 
Aufgefiihrte vom Mittelpunkt der Erde bis zur Hohe des Himmels haben 
die Vorsteher des Kahal dem Vorsteher Rabbi Eleasar, Sohn des R. 
Joseph Segal, seinen Nachkommen wie Rechtsnachfolgern zu 
immerwahrendem Besitz verkauft. Die fiir diesen Verkauf schuldigen 
Gelder hat genannter Rabbi Eleasar schon langst bezahlt bis zum halben 
Kopeken, wofiir ihm von den Kahal-Vorstehern eine Kaufurkunde 
ausgestellt wird. Wort fiir Wort wie das Dokument Nr. 100, das dem 
Rabbi Abel, Sohn des R. Meyer, ausgestellt wurde. Diese Urkunde ist 
von sechs Vorstehern mit Ausnahme des reichen Rabbi Isaak, den 
Notaren und BevoUmachtigten unterschrieben am Mittwoch, den 4. 
Siwan 5560 (16. Mai 1800). 



127 



Nr. 106 (= II. 139). Von der Erteilung des Wohnrechtes 

in der Stadt Minsk an den Rabbi Samuel, Sohn des 

Rabbi Benjamin, Segal, und seine Familie. 

In der Versammlung der Haupter, Vorsteher und Vertreter unserer 
Stadt wurde die begliickende Nachricht verbreitet, dafi der Rabbi Gaon, 
der beriihmte Gelehrte der Tora und Gottesfurcht, die Zierde der Tora 
und heiligen Weisheit, der Vorsteher und reiche Rabbi Samuel, Sohn des 
Rabbi Benjamin Segal (Levit) und seine Sohne, ausgezeichnete Gelehrte, 
Beriihmtheiten, bekannt durch ihre Gottesfurcht, die Reichen und 
Machtigen, die in sich die Tora und Macht vereinen, unsere Stadt zu 
ihrem standigen Wohnort erwahlt haben. Ihr Herz hat sie zu dem 
BeschluG bestimmt, alle diirstenden Seelen mit ihrer Weisheit zu 
begliicken. Ihre Tiiren sind immer often, und sie sind stets bereit, die 
Weisheit in Israel zu verbreiten. So haben wir gerufen, sie in ihrem 
gottgefalligen Werk segnend: "Diese Leute seien mit uns im Frieden, 
erteilt den Leviten Aufenthalt und Nachfolge unter uns." Dieses wurde 
von alien einstimmig beschlossen und ihnen das bestandige Wohnrecht 
in unserer Stadt erteilt, namlich dem beriihmten Rabbi Gaon Samuel 
Lewin und seinen drei Sohnen, den beriihmten Rabbinern Hesekiel, Inda 
und Meyer. Auf Grund unserer Erteilung des Wohnrechtes konnen sie in 
unserer Stadt frei leben, jeder mit seiner Familie, sich mit jeder Art 
Handel nach ihren Wiinschen abgeben, ebenso wie alle Einwohner der 
Stadt, und in alien Dingen, wichtigen und unwichtigen, sind sie den 
Einwohnern unserer Stadt gleichmachten, ohne die geringsten 
Unterschiede und Ausnahmen. Ebenso wird ihm, dem Rabbi Gaon 
(Grofirabbiner), das Recht erteilt, einen Minjan (besonderes Bethaus) bei 
sich zu eroffnen wie des Morgens so an Sabbaten und Festtagen ohne 
Vorbehalt und Hinderung bis auf die Feiertage: das Neujahr und den 
Gerichtstag, an welchem er mit einem der Beter des Synagogenhofes 
beten muG. Die Gelder fiir diese Rechte haben der Rabbi Gaon und seine 
Sohne bis zum halben Kopeken in die AUgemeine Kasse eingebracht.^^) 
Dem Kahal und Bet Din ist es befohlen, alle diese Rechte ohne jeden 
Vorbehalt zu iibertragen. AUes dieses wurde beschlossen im 
Einverstandnis und im Beisein aller Haupter, Vorsteher und Vertreter, 
der voUen Anzahl der Mitglieder im Ratszimmer nach alien Gesetzen 
und Rechten und mit aller Macht des Kahal nach den heiligen Gesetzen. 



128 



Zur Beglaubigung dieser an den Rabbi Gaon und seine Sohne 
erteilten Rechte unterzeichnen wir, die Vorsteher und Vertreter, 
eigenhandig. 

Donnerstag, den 12. Sivan 5560 (24. Mai 1800) zu Minsk. 

Nr. 107 (= II. 140). Von dem Weinopfer fiir den Kelch 

bei Gelegenheit der Beschneidung durch den Rabbi 

Samuel, Sohn des R. Dan. 

Das Haupt, der reiche Rabbi Samuel, Sohn des R. Dan, brachte ein 
gottgefalliges Opfer dar, indem er versprach, daG er bei alien 
Beschneidungen, ob sie in der grofien Synagoge, dem grofien Bet- 
Hamidrasch, in der Synagoge der heiligen Briiderschaft der 
Totenbestatter oder in irgendeiner besonderen Institution unserer Stadt 
vorgenommen wird, den Wein fiir den Kelch stiften wird, sogar wenn 
die Zeremonie im Hause des Vaters des Neugeborenen stattfinden soUte. 
Dieses Weinopfer zu oben genanntem Zweck nahm der Rabbi Samuel 
fiir sein ganzes Leben auf sich; ebenso versprach er, jedesmal wirklichen 
Traubenwein zu stiften, keinen Rosinenwein, damit niemand, sei es auch 
der Vater des Neugeborenen, zu diesem heiligen Zweck etwas anderes 
nehmen muG, welches Getrank es auch sei. Auf Grund dieses seines 
Vorschlages und Versprechens ist von uns, den Hauptern, Vorstehern 
und Vertretern der Stadt beschlossen worden, den Rabbi Samuel fiir sein 
gottgefalliges Besprechen zu ehren, ihm zu helfen, ihn zu stiitzen und 
alle Leute davon in Kenntnis zu setzen. Wir belegen uns und alle 
Kantoren mit dem strengsten Cherem, wenn wir an alien Orten, wo der 
Rabbi Samuel seinen Wein zu diesem gottgefalligen Ritus stiftet, andere 
Getranke geben oder anriihren, seien sie auch vom Vater des 
Neugeborenen dargebracht. Der von Rabbi Samuel gegebene Wein mufi 
Traubenwein und darf kein Rosinenwein sein, und iiberall in unserer 
Stadt, wo eine Beschneidung stattfindet, hat er ihn zu stiften. Allen 
denen, welche die Beschneidung iiber dem Kelch*) ausfiihren, ist es 
strengstens verboten, den R. Samuel von dieser Anordnung zu 
entbinden. Fiir dieses Privileg hat der R. Samuel jedes Jahr ein Pud 



* Nach einem friiheren Ritus vollzog man die Beschneidung iiber einem mit Wein 
gefiillten Kelch, in den auch der Beschneider das mit seinem Munde aufgesaugte 
Blut spie. D. H. 

129 



Wachs fiir die Wohltatigkeitskasse fiir Kerzen in der hiesigen groQen 
Synagoge zu stiften. Ebenso soil er bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, 
sich bei den Behorden fiir die Juden unserer Stadt wie fiir die ganze 
Judenschaft verwenden. Diese Verwendung soil von ihm jedesmal in 
gutem Glauben geschehen. AUes dieses nahm der Rabbi Samuel auf sich 
in Gottesfurcht und reinen Herzens, nur well die Vorsteher des Kahal 
ihm die Erlaubnis erteilten, fiir den Kelch bei Beschneidungen den Wein 
zu spenden. AUes dies wurde ohne Widerspruch im Einverstandnis aller 
Haupter, Vorsteher und Vertreter im Ratszimmer des Kahal festgestellt 
auf Grund unserer heiligen Gesetze und Bestimmungen, und jedem 
Kahal liegt die Pflicht ob, den Rabbi Samuel in der Erfiillung seines 
Wunsches zu unterstiitzen und nicht zu storen. 

Zur Bekraftigung dieses unterzeichnen wir, die Haupter, Vorsteher 
und Vertreter des Kahal, eigenhandig. 

Freitag, am Vorabend des heiligen Sabbat, den 20. Sivan 5560 (1. 
Juni 1800). 

Anmerkung. Dieses Dokument wurde dem Rabbi Samuel in 
Gegenwart der erforderlichen Anzahl von Mitgliedern auf Grund der 
heiligen Gesetze in dem Hause des Kahal ausgestellt. 

Nr. 108 (= II. 141). iJber die Entsendung eines 
Abgesandten nach Witebsk, um die Steuereinrichtungen 

daselbst kennenzulernen. 

Mittwoch, den 24. Marcheschwan 5560 (31. Oktober 1800). 

Die Vorsteher des Kahal haben zusammen mit den Hauptern 
beschlossen, einen Abgesandten nach Witebsk zwecks Studiums der 
ZoUgebiihren und ZoUeinrichtungen zu entsenden, und haben dafiir 60 
Rubel in Papier aus den prozentualen Einkiinften des Kahal bewilligt. 
Zu diesem Zweck ward beschlossen, den Schammasch (Notar) Rabbi 
Chajjim zu entsenden, wofiir ihm 2 Tscherwonetz (6 Rubel Silber) 
wochentlich genehmigt sind. 

Nr. 109 (= II. 142). Uber den Verkauf eines Hauses an 
Rabbi Isaak, Sohn des Akiba. 

In der Versammlung der Vorsteher und Vertreter unserer Stadt ist 
einstimmig beschlossen worden, das Recht auf den Besitz des 



130 



Holzhauses des Rabbi Aaron, Sohnes des Aaron Kauz, (befindlich an der 
Ecke des Neuen Marktes), an das beriihmte Haupt, den reichen Rabbi 
Isaak, Sohn des Akiba, zu verkaufen, mit alien Gebauden, die zu diesem 
Hause gehoren, Hof und Kellerraumen, mit einem Worte: auf alles, was 
in dem Kaufkontrakt des Rabbi Samuel Kauz aufgefiihrt ist. Die Rechte 
des Kahal verkauften wir an obengenannten Isaak, auf alles, vom 
Mittelpunkt der Erde bis zur Hohe des Himmels, fiir immer und ewig 
und iibertrugen sie Isaak, seinen Rechtnachfolgern und Nachkommen, 
ohne uns das geringste vorzubehalten. Die hierfiir falligen Gelder hat 
der beriihmte reiche Isaak schon langst in die Kasse des Kahal 
eingezahlt, und die Rechte auf dieses Besitztum haben von heute voU 
und ganz genannter Rabbi Isaak, seine Nachkommen und Vertreter - 
und zwar konnen sie damit schalten und walten, verkaufen, vernichten, 
verpfanden usw. nach ihrem Gutdiinken, und niemand hat ihnen 
dreinzureden. 

SoUte aber einer oder mehrere gegen dieses Besitzrecht Einspruch 
erheben, so sind der Kahal und Bet Din verpflichtet, es fiir obigen Rabbi 
Isaak, seine Nachkommen und Rechtsnachfolger zu verfechten und 
aufrecht zu erhalten ohne Einschrankung. In solchen Fallen sind die 
Vorsteher des Kahal verpflichtet, diese Protestanspriiche mit alien 
Mitteln zu bekampfen, wie zu versuchen, aus friedlichem Wege die 
Rechte des Isaak zu sichern. AUe Ausgaben und EinbuGen, die den 
Inhabern dieses Besitzrechtes aus dem Protest einer oder mehrerer 
erwachsen soUten, sei es aus einem Protest auf das ganze Besitzrecht 
oder auf einen Teil, sind von den Vorstehern des Kahal zu erheben von 
alien moglichen Einkiinften und Einnahmen, und kein Kahal darf es 
wagen, dieses Recht in irgendeiner Weise anzufechten. 

Alles dieses wurde ohne jeden Einspruch einstimmig von der voUen 
Anzahl der Mitglieder im Ratszimmer des Kahal beschlossen nach dem 
Recht, nach dem ein Kahal-BeschluG keines Kinjan bedarf. Zur 
Beglaubigung dieser Rechte des Rabbi Isaak, seiner Nachkommen und 
Nachfolger unterzeichnen wir. 

Sabbat, am Vorabend des Passah 5561 (1801). 

Anmerkung. Dieses Recht wurde dem beriihmten Rabbi Samuel, 
Sohn des Rabbi Aaron Kauz, erteilt und nicht oben genanntem Isaak. ^o) 



131 



Nr. 110 (= II. 143). Von der Erteilung desselben Rechtes 

an zwei andere Juden. 

Dem reichen Rabbi MeschuUam Faiwusch ist der oben erwahnte 
Kaufkontrakt, wie er dem R. J. ausgestellt wurde, gegeben worden auf 
das Besitzrecht eines Holzhauses gegeniiber dem Gefangnis, gekauft von 
den Frauen des Mardochai, Sohnes des Joseph, und seines Sohnes 
Fischel, wie aus ihren Dokumenten ersichtlich. Unsere Rechte auf das in 
oben genanntem Kaufkontrakt angefiihrte Besitztum mit alien 
Gebauden, die auch von den ortlichen Behorden^i) erteilt sind. - AUe 
diese Rechte haben die Vorsteher des Kahal an genannten R. J. und an 
seinen Sohn verkauft, worauf ihm, dem J., eine Kaufurkunde am 
heutigen Tage ausgehandigt wurde. Ebenso werden dem J. die Rechte 
auf das Haus der Bank mit Platz und alien Gebauden iibertragen, bis 
zum Gebaude des Architekten Kramer und andererseits bis zum 
erzbischoflichen Garten in der Breite und in der Lange bis zur 
Branntweinbrennerei der Basilianer bis zur halben StraGe auf 30 Faden. 

Nr. Ill (= II. 144). Von der Schuld des Kahal an Isaak, 

Sohn des Gerschom. 

Sonntag, am ersten Festtage des Passah 5561 (17. Marz 1801). 

Betreffend die Summe von 50 Rubeln Silber, die der Rabbi Isaak, 
Sohn des Gerschom, fiir die Interessen der Stadt aus seiner eigenen 
Tasche bezahlt hat, ist von den Hauptern und Vorstehern des Kahal 
beschlossen worden, dem Rabbi Isaak, die vom Haupt und reichen Rabbi 
Michael, Sohn des R. A., fiir einen Kaufkontrakt geschuldete Summe von 
50 Rubel zu iibertragen. SoUte der Rabbi Michael sich nicht 
einverstanden erklaren, die dem Kahal schuldige Summe zu bezahlen, so 
soil der Rabbi Isaak die von ersterem schon bezahlten 7b Rubel ihm 
zuriickerstatten und das von Rabbi Michael erworbene Recht auf sich fiir 
immer und ewig iibertragen lassen fiir die Schuld, die der Kahal an ihn 
personlich hat. AUes dieses wurde von den Vorstehern des Kahal 
einmiitig ohne Einschrankung beschlossen. 

Nr. 112 (= II. 145). Von der Ubertragung des 
Wahlrechtes an Rabbi MeschuUam Faiwusch, Sohn des 

R. Isaak. 



132 



Heute, am Vorabend des Donnerstag, den 19. Nisan 5561 (21. Marz 
1801), ist von den Hauptern, Vorstehern und Vertretern der Stadt 
beschlossen, dem reichen Rabbi MeschuUam Faiwusch, Sohn des Rabbi 
Isaak, das dauernde Wahlrecht zu verleihen. Vom heutigen Tage an hat 
er das Recht, in alien, kleinen und grofien, Dingen mit zu wahlen, und 
geniefit das Recht der anderen Mitglieder voU und ganz. Aufierdem 
werden ihm alle Rechte der Ex-Vorsteher iibertragen, giiltig fiir zwei 
Jahre. Die hierfiir falligen Gelder hat Faiwusch schon bis zum halben 
Kopeken bezahlt. Zur Beglaubigung haben auf Befehl des Kahal die 
Notare unterzeichnet. 

Nr. 113 (= II. 146). Von der Erteilung desselben Rechtes 

an andere Juden. 

Auf derselben Versammlung wurde von den Hauptern, Vorstehern 
und Vertretern beschlossen, dieselben Rechte dem R. David, Sohn des R. 
Beer, zu iibertragen. Vom heutigen Tage an gehort er in alien Dingen, 
grofien und kleinen, zur Wahlversammlung und geniefit die Rechte von 
deren Mitgliedern. Die hierfiir falligen Gelder hat er bis zum halben 
Kopeken in die allgemeine Kasse eingezahlt.*) 

Dasselbe Recht der Wahl ist am selben Tage dem Rabbi Jakob, Sohn 
des Rabbi Samuel, iibertragen worden. 

Am selben Tage ist zum Ex-Vorsteher der Rabbi Moses, Sohn des R. 
Model, ernannt. 

Am selben Tage ist zum Ex-Vorsteher der Rabbi Joseph, Sohn des 
Isaak Segal ernannt. 

Am selben Tage ist zum Ex-Vorsteher der Rabbi Isaak, Sohn des R. 
Isaak, ernannt. 

Nr. 114 (= II. 147). Von der Zahlung von 100 Sloty (15 
Rubel) aus der Wohltatigkeits-Kasse an den Kahal. 

Heute am Vorabend des Donnerstag, den 19. Nisan 5561 (21. Marz 
1801), ist verordnet, dem Peretz, BevoUmachtigten der Viehschlachtung, 
zu befehlen, aus den Geldern der Wohltatigkeits-Sammlung 100 Sloty (15 



* Die ewige Geldnot des Kahal wird durch diese Verkaufe des Wahlrechtes deutlich 
vor Augen gefiihrt. D. H. 

133 



Rubel) an den Kahal auszuzahlen, die fiir Kaffee und Zucker zum 
Geschenk an den Chef der Behorden zu Ostern ausgegeben find.*) 

Nr. 115 (= II. 148). Von der Erteilung einer 
Kaufurkunde an Rabbi Michael. 

An demselben Tage ist befohlen, dem Rabbi Michael, Sohn des R. 
Isaak, das Besitzrecht auf den Platz und die Gebaude des deutschen 
Christen, des Tischlers Johann, die er auf der neuen Strafie gegeniiber 
dem Hause des Architekten Kramer erbaute, zu verkaufen. 

Nr. 116 (= II. 149). Zur guten Stunde! 

Liste der Kahalmitglieder, gewahlt am Donnerstag, dem dritten 
Passah-Tage 5561 (1801), bis zum selben Tage des kommenden Jahres 
5562 (1802). 

Haupter: 

1. Rabbi Moses, Sohn des Rabbi Jakob, 

2. Rabbi Leiser, Sohn des Rabbi Jakob Segal, 

3. Rabbi Samuel, Sohn des Rabbi David, 

4. Rabbi Isaak, Sohn des Rabbi J. 
Vorsteher (Tuwim): 

1. Rabbi Model, Sohn des Rabbi L. P., 

2. Rabbi Beitel, Sohn des Rabbi J., 

3. Rabbi Joseph, Sohn des Rabbi J. Segal, 

4. Rabbi Schalom, Sohn des Rabbi Sch. Segal. 
Ikkarim: 

1. Rabbi Sef, Sohn des Rabbi J., 

2. Rabbi Moses, Sohn des Rabbi Z. H., 

3. Rabbi Chajjim, Sohn des Rabbi J. A. 
Kandidaten: 

1. Isaak, Sohn des Rabbi A. J., 

2. Rabbi Schachna, Schachter, 

3. Rabbi Samuel, Sohn des Rabbi D., 

4. Rabbi Elia, Sohn des Rabbi Awigdor. 



* Bei alien solchen Geschenken vergesse man nicht, dafi man von einer einseitigen 
Sciiuid der Juden niciit spreciien darf. Es ist iiberhaupt unzweckmafiig, moraiische 
Betrachtungen aufzusteiien. D. H. 

134 



Permanente Richter: 

1. Rabbi Samuel, Sohn des Rabbi J. M., 

2. Ritiner Mendel, 

3. Rabbi Joseph, Sohn des Rabbi J. M., 

4. Rabbi Salman, Sohn des Rabbi Sch. M., 

5. Rabbi SiiSel, Sohn des Rabbi Sch. G., 

6. Rabbi Samuel Abt, 

7. Rabbi Gerschom, Sohn des Rabbi Elia, 

8. Rabbi Abraham, Schwiegersohn des J. Sch., 

9. Rabbi David, Sohn des R. G., 

10. Rabbi Jakob, Schwiegersohn des D., Sohn des R. L. P., 

11. Rabbi Jakob, Sohn des Rabbi J., 

12. Rabbi Moses Leschkes, 

13. Der Prediger der Briiderschaft der Totenbestatter, 

14. Rabbi Moses, Sohn des Rabbi Schalom. 
Richter ohne Urteilsrecht: 

Rabbi Meher, Sohn des Rabbi Eleasar. 
Gabain: 

1. Rabbi Isaak, Sohn des Rabbi A. J., 

2. Rabbi Salman, Schwiegersohn des M., 

3. Rabbi Isaak, Sohn des G., 

4. Rabbi Eleasar, Sohn des J. 

AUes dieses ist von uns, den Wahlern, auf Grund der Gesetze und 
Bestimmungen unserer Stadt aufgefiihrt, bedacht und aufgeschrieben, 
zur Beglaubigung wovon wir unterzeichnen: 

Donnerstag, den 3. Passahtag 5561 (21. Marz 1801), zu Minsk. 

1. Rabbi Samuel, Sohn des Rabbi Dan, 

2. Rabbi Isaak, Sohn des Rabbi Uri, 

3. Rabbi Samuel, Sohn des Rabbi David, 

4. Rabbi Schalom Schochna, Sohn des Rabbi Jehuda Leib, 

5. Rabbi Elia, Sohn des Rabbi Awigdor. 

Nr. 117 (= II. 150). iJber die Anleihe des Kahal fiir 
Geschenke an die Behorden zu Ostern. 

Sonntag, am letzten Tage des Passah 5561 (27. Marz 1801). 

Hinsichtlich der Bestechungsgeschenke haben die Vorsteher des 
Kahal beschlossen: AUe Leiter haben an den Kahal je 10 Rubel Silber zu 



135 



entrichten. Zur Sicherheit fiir diese Schuld dienen alle Einkiinfte des 
Kahal, die jetzt und in Zukunft zu erwarten sind. Alle diese Einkiinfte 
soUen zwischen genannten Leitern solange verteilt werden, bis die 
Schuld getilgt ist. 

Nr. 118 (= II. 151). Von der Wahl der Mitglieder zur 
Ermittlung der Moglichkeiten der Verstarkung der 

Rechte des Bet Din. 

Mittwoch, den 25. Nisan. 

Den Vorstehern des Kahal wird befohlen: drei Vorsteher zu wahlen, 
und zwar: einen aus den Hauptern, einen aus den Vertretern und den 
dritten aus den Ikkarim, damit sie zusammen mit dem Rabbi Gaon und 
den Rechtsgelehrten des Bet Din die Punkte und Regeln ermitteln, nach 
denen das jiidische Gesetz bekraftigt werden kann zur Bandigung jener 
Personen, die sich dem Bet Din widersetzen. AUes, was sie bestimmen, 
hat die VoUzugskraft der Beschliisse der sieben Vorsteher der Stadt.*) 

Nr. 119 ( = 11. 152). Von der Bestimmung einer Summe 
zu Geschenken fiir den Kreischef. 

Sabbat, Abteilung Schemini, den 20. Nisan (30. Marz 1801). 

Von den Vertretern des Kahal ist beschlossen, aus ihren Reihen drei 
Haupter zu wahlen und zum Kreischef zu entsenden, um ihn zu 
iiberreden, daG er den Juden sein WohlwoUen erhalt, und ihm dafiir eine 
Summe zu versprechen, die ihm zum Gebrauch ausgehandigt werden 
soil. Die Summe, die sich auf Grund der Verabredung als notwendig 
erweist, ist aus der allgemeinen Kasse von den Einkiinften der 
Schachtung von Klein- und Grofivieh zu entnehmen.**) 

Nr. 120 (= II. 153). Von der Wahl zweier Haupter, um 
den Rabbi Israel vor den Bet Din zu laden. 

Sabbat, Abteilung Schemini, den 28. Nisan 5561 (30. Marz 1801). 



* Dieser und mancher andere Beschlufi weist auf die starke Unzufriedenheit hin, die 
damals in der jiidischen Gemeinde gegen Kahal und Bet Din geherrscht haben mufi. 
D. H. 

** Die Behauptung Brafmann's, dafi der Kahal die Koschervorschriften zur eigenen 
Finanzierung benutzt, wird damit bestatigt. D. H. 

136 



Von den Vorstehern des Kahal ist beschlossen und befohlen, zwei 
Haupter, den Rabbi Samuel, Sohn des R. D., und den Rabbi Isaak, Sohn 
des R. J., zur Ladung des Rabbi Israel, Sohn des R. J., vor den Bet Din in 
Sachen mit dem Rabbi Leiser, Sohn des R. M., zu wahlen. Ausgestattet 
mit der Macht der sieben Vorsteher, diirfen diese drei die Angelegenheit 
nicht eher beenden, als bis genannter R. Leiser an den Kahal die 
Bescheinigung aushandigt, daG er den Protest aufgeben will, den er beim 
(russischen) Magistrat zusammen mit dem R. Salman in Sachen des 
Bruders des Letzteren, des R. Hirsch, gegen den Kahal erhoben hat; - bis 
er also nach alien gesetzlichen Regeln diesen Protest auf gegeben hat. 

Nr. 121 (= II. 154). Von der Verleihung des ewigen 
Wahlrechtes an Rabbi Aaron, Sohn des Zewi Hirsch. 

Am selben Tage ist befohlen, dem Rabbi Aaron, Sohn des Zewi 
Hirsch, das Wahlrecht zu verleihen, wofiir er 2 Tscherwonetz (6 Rubel 
Silber) an den Kahal zu entrichten und den Schuldschein mit der 
Unterschrift des R. Moses, Sohn des A., auf 15 Rubel zuriickzuerstatten 
hat. 

Nr. 122 (= II. 157). Von der neuen Besteuerung des 

Fleisches. 

Am Vorabend des Freitages, den 4. Ijjar (5. April 1801), ist von den 
Herren Vorstehern des Kahal und von der Grofien AUgemeinen 
Versammlung beschlossen worden, das koschere Fleisch mit einer neuen 
Steuer von 3 Groschen pro Pfund zu belegen. Die Einkiinfte aus dieser 
Abgabe werden zur Deckung der kaiserlichen Steuern dienen, wahrend 
die bisherige Schachtsteuer fiir die Ausgaben der Kahal- Verwaltung 
verwendet wird. Die Vorsteher des Kahal werden sich fiir die 
Durchfiihrung dieser Steuer selbst einsetzen. SoUte ihnen dieses aber 
nicht gliicken, so hat der BevoUmachtigte der Abgaben die bekannte 
Erhebung von 3 Rubeln wochentlich fiir ein Jahr zu bewilligen und sie 
dem, der dafiir in Frage kommt, durch jemand, der von den Vorstehern 
gewahlt werden wird, auszuhandigen.*) 

Die Generalversammlung erklarte sich einstimmig fiir diese 3 
Rubel- Abgabe und beschlofi, sie der Kahal-Kasse zu entnehmen. 



Diese etwas mysteriose Darstellung diirfte auf eine Bestechung hinweisen. D. H. 

137 



Nr. 123 (= II. 158). Von der Zusammenstellung der 
Regeln zur Befestigung des Bet Din. 

Am Vorabend des Freitag, den 4. Ijjar, ist von der General- 
versammlung endgiiltig beschlossen worden, das jiidische Gericht zu 
stiitzen und zu festigen und hierfiir die notigen MaGnahmen zu 
ermitteln; ebenso die Rechte der Richter aufzustellen, wie sie sich zu 
fiihren haben, und wie sie handeln soUen. Es diirfen nicht mehr als sechs 
Richter sein. Zu alien Regeln und Bestimmungen, die der Kahal zur 
Festigung des heiligen Bet Din aufstellen wird, gibt die Grofie 
Versammlung ihre voile Zustimmung, und alle Bestimmungen des 
Kahal in dieser Hinsicht sind denen der Grofien Versammlung 
gleichzuachten. 

Nr. 124 (= II. 159). Von der Eintreibung der seit langem 
bestimmten prozentualen Steuer. 

Am Vorabend des Freitag, den 4. Ijjar 5561 (1801). 

Zur Eintreibung der seit langem bestimmten prozentualen Steuer ist 
von den Vorstehern des Kahal beschlossen, daG jeder, der bisher die 
Gelder, die er gemaG dieser Steuer zu zahlen hat, noch nicht bezahlt hat, 
sie sofort einzubringen habe, und den Vorstehern des Kahal wird das 
voile Recht erteilt, einen jeden zur Zahlung dieser Gelder zu zwingen. 

Nr. 125 (= II. 160). Von den Bestimmungen der 
Sammlungen fiir arme Braute. 

Sabbat, Abteilung Tasria-Mezora, den 5. Ijjar 5561 (6. April 1801). 

Von den Vertretern der Stadt ist beschlossen, zur Unterstiitzung 
armer Braute eine Prozentsteuer auf alle Geschenke und Mitgiften zu 
legen. Zur Ausfiihrung dieses Beschlusses sind drei Haupter gewahlt: R. 
Moses, Sohn des R. J. R., R. Samuel, Sohn des R. D., und R. Isaak, Sohn 
des R. J., sowie R. Faiwisch, Sohn des R. J., zur Aufstellung eines Planes 
und der Regeln dieser Angelegenheit. Die Beschliisse dieser Herren 
haben die VoUzugskraft der sieben Stadtvertreter. Nach alien moglichen 
Richtungen konnen sie die Quellen fiir diese Sammlung ermitteln.*) 



* Unterstiitzung des Proletariats! D. H. 
138 



Nr. 126 (= II. 161). Von der Wahl zweier Vorsteher zur 
Eintreibung der Riickstande der prozentualen 

Sammlungen. 

Sabbat, Abschnitt Tasria-Mezora, den 5. Ijjar 5561 (1801). 

ijber die Eintreibung der Riickstande der prozentualen Sammlung 
ist beschlossen, taglich zwei Vertreter durch Ballotage zu wahlen, auch 
wenn sie sich unter den Steuereinnehmern befinden, und sie bestandig 
mit der Eintreibung der Riickstande zu beschaftigen. 

Nr. 127 (= II. 162). Von der Verleihung des Wahlrechtes 

an den Rabbi Zewi Hirsch. 

Montag, Abschnitt Achare, den 7. Ijjar 5561 (8. April 1801). 

Von den Vorstehern des Kahal ist beschlossen, das immerwahrende 
Wahlrecht dem R. Zewi Hirsch, Sohn des B. Z. zu verleihen, wofiir er 3 
Tscherwonetz (9 Rubel Silber) zu bezahlen hat. 

Nr. 128 (= II. 163). Von Bestimmungen fiir 
Beschneidungsfeste. 

Sabbat, Abschnitt Achare Kedoschim, den 12. Ijjar (13. April 1801). 

Von den Vorstehern des Kahal ist befohlen, daG von nun an 
niemand es wagen darf, bei dem Fest der Beschneidung Schnaps und 
Kuchen zu reichen, sondern unbedingt Fleischgerichte, woriiber ein 
BeschluG der sieben Stadtvorsteher vorliegt, der zu veroffentlichen ist.*) 

Nr. 129 (= II. 164). Von der Ernennung von drei 
Rabbinern zur Bestimmung der Erbschaft des Rabbi 

Jechiel. 

Am Vorabend des Dienstag, des 14. Siwan (14. Mai 1801). 

Auf Veranlassung der Wahl dreier Richter, und zwar des Rabbiners 
aus dem Orte Rakow, des beriihmten Rabbi Samuel, Sohnes des M. J. G., 



* Man vergleiche hiermit Nr. 64 und 131. Die jiidischen Gemeindemitglieder werden 
unter schwerstem Bannfluch zu Luxusausgaben gezwungen, well der Kahal Geld 
braucht. D. H. 



139 



und des Rabbi Joseph, Sohnes des R. J. M., wird zur endgiiltigen 
Regelung der Erbschaft des entschlafenen R. Jechiel, Sohn des D. und 
seiner Nachkontmen, wie auch zur Regelung der Schulden des 
genannten R. Jechiel und seiner Nachkommen den Vorstehern des Kahal 
empfohlen, diesen genannten drei Richtern (Dajjanim) VoUmacht zu 
erteilen zur endgiiltigen Regelung der Erbschafts- und Schuldenfrage 
des genannten Rabbi Jechiel und seiner Nachkommen. Wahrend der 
Erledigungszeit dieser Angelegenheit wird dem Rakowschen Rabbiner 
das Recht eines Richters unserer Stadt verliehen. AUe Beschliisse der drei 
Dajjanim in diesem Prozefi haben die Rechtsgiiltigkeit, sei es in grofien 
oder kleinen Angelegenheiten, wie die der bestandigen Richter unserer 
Stadt, obwohl sie an dem Platz unseres Bet Din tagen. 

Nr. 130 (= II. 165). Uber die Entsetzung des R. Isaak 
von seiner Stellung als Batchan.^^^ 

Sabbat, den 18. Siwan. 

Von den Vorstehern des Kahal ist beschlossen, den Musikanten R. 
Isaak, Sohn des R. Schalom, auf keiner Hochzeit, iiberhaupt nie mehr als 
Batchan zu dulden. SoUte er diese Bestimmung iibertreten, so verliert er 
auch das Musikantenrecht. 

Nr. 131 (= II. 166). Von Bestimmungen iiber das Fest 

der Beschneidung. 

Sabbat, den 18. Siwan. 

Es ist beschlossen, daG von heute ab niemand beim Fest der 
Beschneidung Kuchen und Schnaps verabreichen darf, sondern 
Fleischgerichte. SoUte der Festgeber unbemittelt sein, so hat er 
mindestens fiir zehn Personen Fleisch zu geben, unter denen der Kantor 
sein muG und ein Synagogendiener. SoUte einer diese Bestimmung 
iibertreten, so hat der Kantor am Page der Beschneidung das 
gewohnliche Gebet "Harachman" nicht zu rezitieren. Ebenso darf der 
Festgeber von Kuchen nicht bei der Pora aufgerufen werden, wie es 
sonst fiir alle mannlichen Verwandten iiblich ist. 



140 



Nr. 132 (= II. 167). Von der Entziehung der Rechte des 
R. Joseph wegen Ungehorsam gegen den Bet Din. 

Donnerstag, den 23. Siwan (23. Mai 1801). 

Weil der Rabbi Joseph, Sohn des R. Arje, den Bestimmungen des Bet 
Din zuwidergehandelt und sie iibertreten hat, wird von den Vertretern 
der Stadt beschlossen, ihn fiir immer aus der Zahl der Mitglieder der 
Briiderschaft "Ner-Tamid" auszuschliefien und jeglicher Wahlrechte in 
dieser Briiderschaft zu entkleiden, wie auch des Titels Morenu von heute 
ab fiir immer! 

Nr. 133 (= II. 168). Von der Verurteilung des R. Joseph 
wegen seiner Denunziationen des Kahal. 

Sabbat, den 25. Siwan (25. Mai 1801). 

Weil der Rabbi Joseph, Sohn des R. Arje, dem Kahal grofien Schaden 
und grofie Verluste zugefiigt hat durch seine schrecklichen 
Denunziationen des Kahal bei christlichen Gerichten, indem er 
gegeniiber dem Rabbi Gaon und den Schammaschim (Notaren) fast den 
Grund unserer heiligen Gesetze unterwiihlt hat, ist von den Vorstehern 
des Kahal beschlossen worden, ihm die Halfte seines Platzes in der 
grofien Synagoge zu nehmen, der ihm und seinem Bruder gehort, und 
sie dem Kahal zur Tilgung dieser Unkosten zu iibergeben. Weil aber 
dieser Platz nicht ein Zehntel der Ausgaben deckt, so hat der Kahal das 
Recht, von Fall zu Fall, wo es moglich ist, sie aus dem Besitz des Joseph 
zu decken. AUes dieses ist in Gegenwart aller Vorsteher bei der 
Anwesenheit der iiblichen Zahl der Mitglieder auf Grund aller Regeln 
und Gesetze im Zimmer des Kahal verfiigt worden. 

Nr. 134 (= II. 169). Von der Entziehung des Titels 

Morenu des R. Joseph. 

Sabbat, den 25. Siwan (25. Mai 1801). 

Von den Vorstehern des Kahal wird verboten, den R. Joseph, Sohn 
des R. Arje, wenn er in die Synagoge kommt, zur Tora aufzurufen als 
ijbertreter und ihn "Chaber" zu nennen (entspricht etwa dem Begriff 
"Genossen"). Ebenso wurde beschlossen, fiir den Joseph die 
Versammlung des Kahal nicht einzuberufen und ihn nicht beim Bet Din 



141 



vorzulassen, es sei denn im Einverstandnis beider, des Kahal und des Bet 
Din, mit dem Recht des liberum veto. Der Bet Din darf ihn ohne 
Einverstandnis mit dem Kahal iiberhaupt nie vorlassen. 

Nr. 135 (= II. 170). Von dem Verbot fiir Joseph, mit 

seiner Frau zu leben. 

Einer der Schammaschim des Kahal ist verpflichtet, der Frau des R. 
Joseph mitzuteilen, dafi ihr die Vornehmung der rituellen Waschungen 
(ohne die sie mit ihrem Manne nicht leben kann) bis zu der Zeit verboten 
ist, bis ihr Mann Joseph sich den Beschliissen des Bet Din unterworfen 
hat. SoUte sie sich dieser Bestimmung nicht unterwerfen, so wird die 
Reinigung, die sie vornimmt, der gesetzlichen Kraft entkleidet, und sie 
bleibt unrein, also fiir ihren Mann verboten.^^^ 

Nr. 136 (= II. 171). Von der Verurteilung des 
Kerzenanziinders R. Hirsch wegen Ubertretung der 

Sabbatregeln. 

Sabbat, den 25. Siwan. 

Es ward beschlossen, den R. Zewi Hirsch, Lichtmacher, fiir zweimal 
24 Stunden zur Verlesung von Psalmen im Bet-Hamidrasch zu 
verurteilen, well er die Sabbatregeln dadurch iibertrat, daG er die 
Christen an diesem Tage fiir den Bau seines neuen Hauses Arbeiten 
ausfiihren liefi. Zum VoUzug der Psalmenlesung muG er zwei Psalmisten 
anstellen. Dem Schachter-Altesten wird gestattet, mit ihm eine 
ijbereinkunft zu treffen, diese Strafe in eine Geldstrafe umzuandern.*) 

Nr. 137 ( = 11.172). Von der Wahl dreier 

Bevollmachtigter fiir alle Dinge der 

Gemeindeverwaltung. 

Montag, den 27. Siwan (27. Mai), sind von den Vorstehern des Kahal 
und der AUgemeinen Versammlung drei BevoUmachtigte der 
Gemeindeverwaltung gewahlt fiir alle Dinge, groISe wie kleine, wofiir 
ihnen eine gesetzliche VoUmacht ausgestellt wird. Ihre Namen sind: 
Haupt R. Jehuda Leib, Sohn des R. J.; Haupt R. Natan-Samuel, Sohn des 



* Man beachte: die empfindlichste Strafe ist die Geldstrafe und auch fiir den Kahal 
die zweckmafiigste. D. H. 

142 



R. Dan; Rabbiner R. Isai. Diese drei BevoUmachtigten haben das Recht, 
Bittschriften bei alien Gerichten, sogar in der Hauptstadt St. Petersburg, 
einzureichen. 

Nr. 138 (= II. 173). Von der Wahl von Mitgliedern 
zwecks Verhandlungen mit den Pachtern. 

Am Montag, den 27. Siwan, wurden auf BeschluS der Versammlung 
folgende Haupter gewahlt: R. Jehuda Leib, Sohn des R. J.; R. Nota, Sohn 
des R. Herz; R. Isai, Sohn des R. Isaak, um mit den Pachtern*) 
Abmachungen zu treffen, ob man von ihnen die Pacht auf Rechnung der 
Gemeinde nehmen oder mit ihnen ein Einverstandnis auf Rechnung der 
Akzisegelder verabreden soUe. Diese Erwahlten haben das Recht, nach 
ihrem Ermessen fiir die AUgemeinheit zu handeln, nur miissen sie sich 
von sich aus mit den Vorstehern des Kahal beraten. 

Nr. 139 (= II. 174). Von der Ernennung des Rabbi Zewi 

zum Batlan.74^ 

Montag, den 27. Siwan ist durch BeschluG der Vorsteher des Kahal 
der R. Zewi, Schwiegersohn des R. Samuel, in die Zahl der Batlane 
aufgenommen worden. 

Nr. 140 (= II. 175). Von der Ubertragung der Macht der 
sieben Erwahlten und der ganzen Kahal-Leitung auf 

die fiinf Stadtvertreter. 

Dienstag, den 28. Siwan (28. Mai). 

Auf Grund der gegenwartigen Wahlen ist von den Vorstehern des 
Kahal beschlossen, fiinfen von ihnen die voile Macht, Rechtskraft und 
Ausiibung der Gewalt aller sieben Vorsteher der Stadt zu erteilen; den 
Schammaschim liegt nunmehr ob, die sieben Vertreter des Kahal von 
jeder Sitzung zu benachrichtigen. AUes dieses wurde einmiitig im 
Beisein der ordnungsmaGigen Anzahl der Mitglieder im Zimmer des 
Kahal nach alien Regeln und Gesetzen beschlossen. 



Diese Angelegenheit ist unklar. D. H. 

143 



Nr. 141 ( = 11. 176). Von dem Ehekonsens fiir R. Israel. 

Sabbat, den 9. Tammus (8. Juni), ist von den Vorstehern des Kahal 
beschlossen, dem Morenu R. Israel-Issar, Sohn des R. Gerschom, das 
Recht zu freien zu erteilen. Die hierfiir falligen Gelder hat der Morenu 
Israel schon bis zum halben Kopeken der Kahal-Kasse liberwiesen.*) 

Nr. 142 (= II. 177). Von Bestimmungen iiber die 
Bestatigung der Drei-Groschen-Steuer. 

Sabbat, den 16. Tammus (15. Juni), ist von den Vorstehern des Kahal 
und der AUgemeinen Versammlung bestimmt worden, iiber die 
Bestatigung der Drei-Groschen-Steuer auf jedes Pfund koscheren 
Fleisches zu verhandeln. Die Gelder fiir die Viehschachtung gehen zu 
Gunsten der Kahal-Ausgaben. Auf derselben Versammlung wurde 
beschlossen, einen stadtischen Schtadlen (nichtjiidischen Advokaten) zu 
wahlen. 

Nr. 143. iJber die Verurteilung des R. Abraham wegen 
Nichteinhaltung der Bestimmungen des Bet Din. 

Sabbat, Abteilung Wajjeze 5562 (1802). 

Weil der Goldschmied R. Abraham, Sohn des Menachem Mendel, 
sich den Weisungen des Bet Din und Kahal gegeniiber ungehorsam 
erwiesen hat, ist von den Kahalvorstehern beschlossen worden, ihn fiir 
immer aus der Briiderschaft der Meister der Goldschmiede auszu- 
schliefien, und dem altesten dieser Briiderschaft zu befehlen, seinen 
Namen in der Liste zu streichen. AUes dieses wurde auf Grund der 
Gesetze und Bestimmungen beschlossen. Da aber der genannte R. 
Abraham sich den Beschliissen des Bet Din unterworfen hat, so wird die 
Verurteilung aufgehoben, und er verbleibt in der Briiderschaft wie 
bisher. Dieses ist im allgemeinen Einverstandnis und mit Gesetzeskraft 
bestimmt. 

Nr. 144. Bemerkung iiber den Ungehorsam des Schalom. 

Heute, am Vorabend des Sabbat, 18. Schebat 5565 (1805) wurde dem 
reichen R. Schalom, Sohn des R. Samuel, dem Leviten, unter dem 



* Die Abhangigkeit des Ghettojuden vom Kahal tritt in dieser Bestimmung deutlich 
in Erscheinung. D. H. 

144 



Cherem befohlen, sich in Dingen des R.Zewi Hirsch, Sohnes des R. 
Ruben, und seines Sohnes R. Salman mit ihm, vor dem Gericht des Bet 
Din zu erscheinen und die schon alten Beschliisse des Bet Din zu 
erfiillen. Genannter R. Schalom, Levit, hat bisher dem Cherem nicht 
gehorcht und verbleibt in seiner Starrkopfigkeit. 

Nr. 145. Bemerkung iiber den Ungehorsam des R. 

Gerschom. 

Dienstag, den 13. Adar 5565 (1805), ist dem reichen R. Gerschom, 
Sohn des R. A. W., befohlen, unter dem Cherem des Bet Din die 
Beschliisse des Gerichtes in seiner Angelegenheit mit dem reichen R. 
Chajjim, Sohn des R. J. A., zu erfiillen. Genannter R. Gerschom aber 
achtete den Cherem nicht und verblieb bisher in seinem Ungehorsam. 

Anmerkung: Aus der Verbindung des Bet Din und Kahal geht in 
dieser Sache hervor, daG der genannte R. Gerschom, Sohn des R. A. W., 
die Beschliisse des Bet Din erfiillt hat und deshalb in alle seine friiheren 
Rechte und Amter wieder eingesetzt wird. 

Nr. 146 (= II. 178). Von der Verurteilung des R. Meier 
wegen Denunziation des Bet Din. 

Sabbat, den 2. Feiertag des Laubhiittenfestes 5562 (13. Sept. 1801). 

Weil der Rabbi Meier, Sohn des Jakob, die Gemeinheit besessen hat, 
den Bet Din zu denunzieren, ist von den Vorstehern des Kahal 
beschlossen worden, den R. Meier mit Enthebung der Wiirde Morenu zu 
strafen und nicht nur bei seinem Namen den Titel Morenu zu entfernen, 
sondern ihn "Chaber" (d. h. Genosse) in alien Beschliissen zu nennen, 
gemaG israelitischem Brauche. AUes dieses ist auf Grund der Gesetze 
und Regeln bestimmt. 

Nr. 147 (= II. 179). Von einigen Bestimmungen zum 
Schutz des Gerichtes des Bet Din. 

Montag, Abteilung Noach 5562 (22. Sept. 1801). 

Zur Strafe der den Beschliissen des Bet Din Zuwiderhandelnden ist 
von den Vorstehern des Kahal beschlossen worden: wochentlich aus der 
Zahl der Vertreter einen strengen Verfolger fiir alle solche Abtriinnige 



145 



zu wahlen, die den Beschliissen des Bet Din nicht Folge leisten. Jede 
Bestimmung von ihm, dem Verfolger, die den Abtriinnigen betrifft, muS 
von dem Schammasch unerbittlich durchgefiihrt werden. AUes dieses ist 
verfiigt einmiitig und auf Grund der Gesetze und Bestimmungen. 

Nr. 148. Punkte, die zum Schutz und zur Starkung 
des talmudischen Gerichtes, das infolge unserer 
Siinden in Gefahr kommt, aufgestellt sind, und zwar auf 
Grund unseres Gesetzes dafiir, daG, verhiite es Gott, niemand von den 
Feinden iiber uns zum Richter zugelassen wird (daG also Juden ihre 
Angelegenheiten nicht einem nichtjiidischen Gericht zur Schlichtung 
vortragen), dafi der freche Abtriinnige und Ubertreter schwer gestraft (in 
ein Krummholz zusammengebogen) werden soil, und daG jeder Jude 
dazu angehalten werden soil, dem talmudischen Gericht und Gesetz 
untertan zu sein. AUe diese SchutzmaGnahmen und Bestimmungen sind 
einmiitig zusammengestellt von den Vorstehern, Hauptern, Vertretern 
und Verordneten der Stadt, dem Bet Din (talmudischen Gericht) 
zusammen mit dem Rabbiner, welche alle diese ihre Unterschrift 
beeideten und versicherten, alle die nachfolgenden Punkte zu halten und 
den Bet Din zu schiitzen, zu stiitzen und zu starken mit alien zu Gebote 
stehenden Mitteln und MaGnahmen.*) 

Das sind die Punkte, die die Weisen aufgestellt haben: 
a) Wenn irgendein Jude dreimal vor den Bet Din durch den 
Schammasch (Abgesandten) geladen wurde in einer Angelegenheit, in 
der er sich nach dem ersten Male zu melden hatte, oder wenn er die 
Beschliisse des Bet Din nach der ersten Warnung nicht erfiillt - so ist der 
Bet Din in solchem Falle verpflichtet, diesem Betreffenden den Cherem 
durch den NotarbevoUmachtigten zu iibersenden. Die Vorsteher und 
Vertreter des Kahal sind in solchen Fallen mit jedem Cherem 
einverstanden, den der Bet Din sendet. Der Schammasch hat dem mit 
dem Cherem Belegten mitzuteilen, daG der Cherem von dem ganzen Bet 
Din ihm auferlegt ist. Wird solch ein Cherem verhangt, so hat der Bet 
Din dariiber eine Akte aufzustellen und sie beglaubigt von den Unter- 



Klarer und eindringlicher konnte die fiirchterliche Einrichtung der geheimen 
Verfolgung und Vergewaltigung durch den Kahal dem Leser kaum vor Augen 
gefiihrt werden. D. H. 

146 



schriften seiner Mitglieder in seine Pinkes (Aktenbiicher) einzutragen. In 
der Akte hat deutlich zu stehen, daG der und der Mensch (Jude) den 
Cherem verschuldet hat. Der Schammasch hat diese Angelegenheit auch 
in die Pinkes des Kahal einzutragen. Danach hat der Schammasch sich 
mit dem geheimen Verfolger zu beraten, wie mit dem Ungehorsamen zu 
verfahren sei, und alles, was der geheime Verfolger nach seinem 
vorgeschriebenen Programm*) verfiigt, mufi von dem Schammasch 
ausgefiihrt werden. 

Wenn der Ungehorsame ein gefahrHcher Mensch ist, der dem Kahal 
Schaden und Boses zufiigen kann, so hat der Bet Din einen ortlichen 
Altesten zu Hilfe zu bitten. 

SoUte es sich in solchem Falle fiir notig erweisen, noch mehr 
Mitglieder der Gemeindeverwaltung zu Hilfe zu holen, so sind noch 
zwei vom Bet Din und dem Monats-Altesten Bestimmte zu holen. Von 
der Teilnahme an solcher Beihilfe darf sich niemand ausschliefien, und 
ihre einstimmigen Beschliisse miissen ausgefiihrt werden. 

b) Wenn der Ungehorsame drei Tage in seinem Starrsinn verharrt, 
so wird sein ganzes bewegliches und unbewegliches Eigentum sowie die 
Platze, die ihm in der Synagoge und im Bet Hamidrasch gehoren, auf 
BeschluG des Bet Din fiir "hesker" (vogelfrei) erklart, und alle Anspriiche, 
die vom Bet Din genehmigt sind, werden von dem Augenblick an, seien 
sie miindlich oder schriftlich, von dem Bet Din aus dem Eigentum dieses 
Menschen gedeckt, das in seiner Abwesenheit durch Schatzung, nicht 
durch Auktion, verkauft wird. SoUte nach der Befriedigung der 
Anspriiche noch etwas iibrigbleiben, so verfallt es dem Kahal. Sind die 
Anspriiche nur miindlicher Natur, so miissen sie die Genehmigung und 
Zensur des Bet Din und der Gemeindeverwaltung haben. Die 
Schammaschim sind in solchen Fallen verpflichtet, den Kaufern 
Kaufbriefe zu geben, mit ihrer Unterschrift beglaubigt. Der Bet Din ist 
verpflichtet, diese Kaufbriefe zu beglaubigen und zu bekraftigen, daS sie 
im freiwilligen Einverstandnis mit dem Ungehorsamen ausgestellt 
smd. ) 



* Man denke daran: es handelt sich um ein seit vielen Jahrhunderten ausgearbeitetes 
und durch viel tausendfache Erfahrung erprobtes Programm. D. H. 
** Die Aufrechterhaltung der Ghettodisziplin lafit sogar Betrug und falsches Zeugnis 
von der leitenden Behorde in Anwendung kommen. Eine wirkHch imponierende 
Folgerichtigkeit! D. H. 

147 



c) Wenn der Klager im Bet Din drei Richter findet, so miissen diese 
zur Durchsicht seiner Angelegenheit schreiten und diirfen diese 
Angelegenheit nicht wegen Abwesenheit der anderen Richter 
aufschieben, bis auf die sehr wichtigen Falle, wenn die Richter selbst es 
fiir unerlaGHch halten, die Ankunft der iibrigen Richter abzuwarten. Die 
Hauptsache ist, daG die Angelegenheit keine Verzogerung durch 
Aufschub erleiden darf. Was die Verfiigungen iiber den dem Cherem 
Ungehorsamen betrifft, so hangt es von den Richtern ab, ob sie einen 
Rabbiner dazu laden, der dann verpflichtet ist, mit ihnen 
zusammenzuarbeiten. Die Vorsteher des Kahal und alle anderen 
Dajjanim sind verpflichtet, alles, was diese drei Richter verfiigen, ohne 
Vorbehalt zu bekraftigen und zu beglaubigen. Wenn sich der Verurteilte 
an einen anderen Richter wendet und dieser beim Bet Din anfragt, so 
erhalt er keine Antwort, da er an der Erledigung der Angelegenheit 
keinerlei Anteil hat. Ihm ist nur mitzuteilen, daG der Bet Din nach dem 
Gesetz gehandelt hat. 

Der Schammasch, der die Angelegenheit behandelt, hat auch nicht 
das Recht, den Bittsteller an einen anderen Schammasch zu verweisen. 

d) Wenn der Klager den Beklagten vor ein nichtjiidisches Gericht 
fordert, so ist ersterer verpflichtet, unter dem Cherem zum Bet Din zu 
gehen. Dabei wird ihm eine vorlaufige Warnung gesandt, daG der Kahal 
und Bet Din unbedingt alle Verluste und Ausgaben, die durch die 
Gegenpartei erwachsen, von ihr erheben wird. AuGer den Ausgaben und 
Verlusten wird er bei Strafe des Cherem der Schuldeintreibung 
unterliegen nach der SchutzmaGregel des Bet-Din-Gerichtes. 

e) Dem Juden ist verboten, zu Gunsten des Beklagten bei einem 
nichtjiidischen Gericht als Zeuge aufzutreten - im Gegenteil, jeder Jude 
ist verpflichtet, fiir die Gegenpartei zu zeugen, wenn er irgend etwas 
weiG. 

f) Hat der Klager einen Wechsel, so kann er ihn einem 
nichtjiidischen Gericht iibergeben; wenn aber die Gegenpartei den 
Wunsch aufiert, die Angelegenheit dem Bet Din zu unterbreiten, so muG 
der erstere sich dem unterwerfen. 

g) Wenn der Ungehorsame sich dem Bet Din unterwirft, ehe die 
Angelegenheit in Handen des geheimen Verfolgers ist, und mit der vom 
Bet Din geforderten BuGe einverstanden ist, so befreit ihn der Bet Din 



148 



vom Cherem, aber nicht eher, als bis er dem Bet Din einen Sicherheits- 
Wechsel (Kaution)*) gestellt hat, durch den man ihn jederzeit (wofiir 
auch immer) zwingen kann, sich dem BeschluS des Bet Din zu 
unterwerfen. Wenn aber die Angelegenheit schon in Handen des 
geheimen Verfolgers ist, so kann sie nur mit dem Einverstandnis der 
Vorsteher des Kahal und Bet Din aufgehalten werden. 

h) Die Schammaschim wahlen monatlich einen geheimen Verfolger 
aus den Personen, die auf ihrer Liste stehen. Der geheime Verfolger hat 
unter schwersten Eiden zu versichern, daG er niemanden schonen wird, 
sondern nach seiner Instruktion das talmudische Gericht mit alien nur 
moglichen Mitteln und MaGnahmen unterstiitzen wird. AuGerdem 
schwort der geheime Verfolger unter schwerstem Eide, daG er niemals 
jemandem auf der Welt eroffnen wird, dafi er geheimer Verfolger ist. (!) 

Nr. 149. Mafiregeln, die der geheime Verfolger 

anwenden soil, um den Ungehorsamen des Bet Din- 

Gerichtes mit alien Mitteln zu zwingen.**) 

1. Der Ungehorsame biiGt die Rechte ein, die er beim Kahal und bei 
den Chewras (den Briiderschaften) besitzt. 

2. Er wird voUig von der Gemeinde und den Briiderschaften 
ausgeschlossen. 

3. Er wird von den Gemeinde- und Briiderschaftsversammlungen 
ausgeschlossen. 

4. Der Ungehorsame wird nicht mehr zur Tora und den anderen 
heiligen Riten in Synagoge und Bet Hamidrasch und anderen Orten 
zugelassen; erst recht kann er nicht mehr zum Lesepult zugelassen 
werden, zur Erfiillung der gemeinschaftlichen Gebete (als Kantor). Ihm 
darf keine Ehrenbezeugung erwiesen werden, und fiir ihn darf kein 
Gebet gehalten werden - nicht eine Viertelstunde.^^) 

5. Der Ungehorsame darf zu keinem Gemeinschafts- oder Privatfest 
eingeladen werden. Wer ihn einladt, unterliegt dem Cherem. 



* Nur Geld! Der Begriff "Ehrenwort" fehlt dem Sarten. D. H. 

** Vielleicht liest der Leser noch einmal die nach K. E. Franzos zitierte Darstellung 
iiber den Cherem in der Einfiihrung nach. Das Ghetto bildet eine Welt fiir sich, deren 
Vorstellungskreis uns ganzlich fremd ist. D. H. 

149 



6. Bei dem Ungehorsamen darf niemand einen Laden oder ein 
Quartier mieten oder ihm etwas vermieten; was aber bis zur Belegung 
mit dem Cherem mit ihm abgemacht wurde, bleibt in Kraft. Seine Frau 
wird nicht zu den rituellen Waschungen in der Mikwa^^) zugelassen, 
und es versteht sich von selbst, daG in der Schicksalsstunde sich sein 
Ungliick voUzieht/^) 

7. 1st der Ungehorsame ein Tischler - so ist es beim schwersten 
Cherem verboten, bei ihm Arbeiten zu bestellen. 

8. Wenn jemand mit dem Ungehorsamen ein Verlobungs- 
ijbereinkommen getroffen hat, so ist er, ohne die sonstige Strafe und 
Riickerstattung der Kosten, von seinen VerpfHchtungen frei. 

9. Es ist erlaubt (um den Ausbruch des Fanatismus hervorzurufen) 
in der Synagoge zu verkiindigen, daG der Ungehorsame Trefa gegessen 
oder die Fasten iibertreten habe usw., es durch falsche Zeugen (!) zu 
beweisen und ihn dafiir zu verurteilen. 

AUes dieses ist im Einverstandnis mit den Gemeindevorstehern des 
Bet Din und des verehrungswiirdigen Rabbiners (Garow-Gagdoal) 
beschlossen, und wir alle, Endesunterzeichneten, haben diese 
Aufstellungen schwer und richtig beschworen und die VerpfHchtung auf 
uns genommen, fiir genaue Ausfiihrung zu sorgen - worauf wir 
unterschreiben. 

1. Moses, Sohn des Jakob, 

2. Eleasar, Sohn des Joseph Segal, 

3. Samuel, Sohn des Dan, 

4. Isaak, Sohn des Isaak, 

5. David, Sohn des Eleasar, 

6. MeschuUam Faiwusch, Sohn des Isaak, 

7. Joseph, Sohn des Isaak Segal, 

8. Schalom, Sohn des Samuel Segal, 

9. Chajjim, Sohn des Isaak Aisik, 

10. Moses, Sohn des Zewi Hirsch, 

11. Hascher (!) Sacharja Mendel, Sohn des R. Arjeh Leib, 

12. Samuel, Sohn des Aaron, 

13. Joseph, Sohn des Jechiel Michael, 

14. Moses Sicha Susman, Sohn des Schalom Salman. 

Alle oben aufgefiihrten Punkte in den zwei Dokumenten billige ich 
voUstandig, weswegen ich unterzeichne: 

Der Hascher der Minsker Judenschaft.^^) 



150 



Nr. 150 ( = 11.183). Von der Zusammenstellung einer 
Kommission zur Fiihrung eines Bittgesuches beim 

Gouverneur. 

Dienstag, den 10. Tebet 5562 (3. Dez. 1801) zu Minsk. 

Infolge der Notwendigkeit, beim Gouverneur wegen verschiedener 
Dinge Bittgesuche einzureichen, die die allgemeine Lage der Judenschaft 
unseres Gouvernements angehen, ist einmiitig von der 
Gemeindeverwaltung und den Mitgliedern der AUgemeinen 
Versammlung beschlossen worden, fiir diese Angelegenheit folgende 
Personen zu wahlen: den reichen Rabbi Isaak, Sohn des Akiba; den 
reichen Rabbi Wolf, Sohn des Hirsch und den Gemeindevorsteher Rabbi 
Leib, Sohn des Jakob. Zu diesen gesellen sich noch zwei MitgHeder der 
augenbhckhchen Kahal-Leitung, und sie alle soUen sich z. Z. damit 
abgeben, dem Gouverneur Bittgesuche vorzutragen, die die ganze 
Judenschaft des Gouvernements betreffen. 

Nr. 151. iJber die Anzahl der Mitglieder, die fiir jede 
Versammlung unerlafilich ist. 

Da in gegenwartiger Zeit viele Angelegenheiten, die das Wohl der 
Juden betreffen, alle Krafte des Kahal in Anspruch nehmen wie auch der 
Versammlung aller Mitglieder, wobei sich niemand wegen personlicher 
Angelegenheiten, wodurch unsere Interessen schon viel gelitten haben*), 
ausschliefien darf, ist von den Vorstehern des Kahal und den 
Mitgliedern der Grofien Versammlung zur Wahrung eben dieser 
Interessen folgendes beschlossen worden: Die Vorsteher des hiesigen 
Kahal erhalten zusammen mit zehn Mitgliedern der Versammlung die 
VoUmacht und Rechte der Aufierordentlichen Grofien Versammlung in 
alien die Juden betreffenden Dingen, von denen nur der Mund reden 
und das Herz denken kann. In alien diesen Dingen sind sie der Grofien 
Versammlung als gleichberechtigt anzusehen. Folgende zehn Mitglieder 
sind gewahlt: 

1. Das Haupt und der reiche R. Isaak, Sohn des R. E., 

2. Das Haupt und der reiche R. Chajjim, Sohn des R. J. Sew, Sohnes 
des R. Z. H., 



Ein deutlicher Hinweis auf die Opposition des Ghettos gegen den 
Kahaldespotismus. D. H. 

151 



3. Das Haupt und der reiche R. Chajjim, Sohn des R. J., Segal, 

4. Das Haupt und der reiche R. Isaak Aisik, Sohn des R. J., 

5. Das Haupt und der reiche R. Abel, Sohn des R. Meier, 

6. Der Vorsitzende des Bet Din, 

7. Das Haupt und der reiche R. Jehuda Leib, Sohn des R. Jakob, 

8. Das Haupt und der reiche Moses, Sohn des R. Jechiel Michael, 

9. Das Haupt R. Oscher, Sohn des R. Isai, 

10. Der reiche R. Natan, Sohn des Eliakum Genz. 

Jedesmal, wenn eine Frage die Beurteilung der grofien 
Versammlung verlangt, haben sich diese zehn zu versammeln, 
zusammen mit den Vorstehern des Kahal. Wer von diesen zehn nicht auf 
der Versammlung erscheint, verliert seine Stimme. Auf jeder 
Versammlung miissen von diesen zehn wenigstens fiinf anwesend sein 
mit den Kahal- Vorstehern zusammen, und den Beschliissen von ihnen, 
seien sie voUzahlig oder nicht, ist Rechtskraft verliehen wie der Grofien 
Versammlung, ohne jeden Unterschied. 

Diese Bestimmung hat Rechtsgiiltigkeit von heute bis zum Ende des 
Passah 5562 (1802). - Sie ist einmiitig beschlossen, auf Grund der Regeln 
und Gesetze zu Minsk. 

Zur Beglaubigung unterzeichnen wir, die Notare und 
BevoUmachtigen des hiesigen Kahal. 

Nr. 152 (= II. 185). Von der Inanspruchnahme der 

Gelder der Wohlfahrtssammlungen fiir stadtische 

Ausgaben durch den Kahal. 

Am Vorabend des Mittwoch, den 11. Tebet 5562 (1802), ist von den 
Vorstehern des Kahal und den zehn Erwahlten folgendes beschlossen 
worden: Die BevoUmachtigten der Sammlungen haben aus den 
Einnahmen aus der Schachtung 50 Rubel Silber fiir die Ausgaben und 
Bediirfnisse der Gemeinde auszuzahlen. AUes dieses ist einmiitig von 
den Vorstehern des Kahal und den Erwahlten der AUgemeinen 
Versammlung nach den Gesetzen beschlossen worden. 

Mittwoch zu Minsk. 



152 



Nr. 153 (= II. 186). Von der Tilgung der Schulden, die 
der Kahal an seine Mitglieder hat. 

Am Vorabend des Mittwoch, des 11. Tebet 5562 (1802). 

Zur Tilgung der Schuld an die Mitglieder des Kahal- Vorstandes ist 
von dessen Vorstehern und den zehn Erwahlten der AUgemeinen 
Versammlung beschlossen worden, zu KontroUeuren zu ernennen: R. 
Moses, Sohn des R. Joseph-Jechiel, R. Aisik, Sohn des R. J., und R. Beer, 
Sohn des R. Isai, damit sie sich mit den Kahal-Mitgliedern auseinander- 
setzen und nach Aufstellung einer Rechnung diese den iibrigen 
Mitgliedern der Grofien Versammlung vorlegen. Die Summe, die diese 
als den Vorstehern des Kahal schuldig erkennen, soil ihnen aus alien 
moglichen Einkiinften des Kahal bezahlt werden, mit Ausnahme der 
Drei-Groschen-Abgaben fiir das Pfund koscheres Fleisch und der 
Summe der kleinen Wohlfahrtskasse, die nicht fiir diese Schuld 
verwendet werden diirfen. Ebenso soUen die dem Kahal fiir die 
Gemeindebediirfnisse bewilligten 50 Rubel aus den allgemeinen 
Einkiinften gedeckt werden. Mit einem Wort: auGer den Drei-Groschen- 
Abgaben unterstehen alle Einkiinfte der Riickzahlung dieser Schuld. 
Wenn der Kahal zur Deckung dieser Schuld irgendwelche 
Gemeindeeinkiinfte an jemand verkaufen will, so ist die Grofie 
Versammlung davon zu benachrichtigen, und die Mitglieder sind zu 
fragen, ob jemand den Preis des zu Verkaufenden erhohen will. Wenn 
sich niemand dazu bereit findet, so haben die Vorsteher des Kahal das 
voile Recht, zu jedem ihnen gut diinkenden Preise diese Einkiinfte zu 
verkaufen zur Deckung der Schuld - und dieser Verkauf hat die Rechts- 
Billigung der ganzen Grofien Versammlung. Dieses alles ist einstimmig, 
ohne Widerspruch beschlossen; zur Beglaubigung unterschreiben wir, 
die zum Einsammeln der Stimmen Erwahlten. 

Nr.l54(= 11.187). Von der Erteilung des Wahlrechtes an 

R. Abel. 

Donnerstag, den 12. Tebet 5562 (1802). 

Auf BeschluG des Kahal ist das ewige Wahlrecht dem Rabbi Abel, 
Sohn des Isaak Aisik mit dem Titel eines wahrend eines Jahres 
gewesenen Ikkar des Kahal verliehen worden, wofiir er in die 
Gemeindekasse 6 Rubel Silber einzuzahlen hat. Diese Gelder sind von 



153 



ihm schon bis zum halben Kopeken bezahlt.*) 

Nr. 155. iJber die Ernennung zweier Advokaten zur 
Fiihrung eines Rechtsstreites der Bevollmachtigten mit 

den Kahal-Vorstehern. 

Sabbat, den 14. Tebet 5562 (1802) zu Minsk. 

Da der Notar R. Eleasar die Ernennung zweier Advokaten von den 
Kahal-Vorstehern fordert wegen der Forderungen, die er an sie hat, so 
sind von den Kahal-Vorstehern zur Fiihrung des Prozesses mit 
genanntem R. Eleasar ernannt worden: das Haupt R. Eleasar, Sohn des 
R. Joseph, Levit, und das Haupt R. Joseph, Sohn des R. Isaak, Levit. 

Nr. 156 (= II. 189). Von der Entnahme von Geldern zur 
Begliickwiinschung der Behorden zu Festtagen. 

Sabbat, den 21. Tebet 5562 (1802) zu Minsk. 

Infolge der hochst notwendigen Deckung der enormen Unkosten 
fiir die Begliickwiinschung der Behorden zu Weihnachten ist nach 
unseren Sitten von den Mitgliedern des Kahal-Vorstandes und der 
Grofien Versammlung beschlossen worden, alle denkbaren Mittel durch 
den geheimen Verfolger anzuwenden, um die Riickstande der 
prozentualen Steuer einzutreiben.**) Die einkommenden Gelder sind zur 
Deckung der Kosten fiir die Weihnachtsunkosten des laufenden Jahres 
zu verwenden. 

Nr. 157 (= II. 190). Von der Erhohung des Gehaltes der 

Schachter von grofiem Vieh. 

Sabbat, den 21. Tebet 5562 (1802). 

Die Schachter von groISem Vieh haben mit Tranen ein Gesuch um 
Erhohung ihrer Gehalter bei den Vorstehern des Kahal eingereicht. 



* Es ist interessant, dafi hier einmal die Summe genannt wird, die man damals fiir 
einen Titelkauf brauchte. Sie ist nach heutigen Verhaltnissen gering genug; fiir 
damalige aber vielleicht verhaltnismafiig hoch. D. H. 

** Wer denkt beim Lesen dieser Darstellung nicht an einen Zuchthausstaat oder an 
das bolschewistische Rutland?! D. H. 



154 



woraufhin von letzteren einstimmig beschlossen wird, jedem von ihnen 
von nun an um 2 Rubel wochentlich das Gehalt zu erhohen. Zu dieser 
Erhohung versieht sich der Kahal unter der Bedingung, dafi die 
Schachter sich schriftlich verpflichten, fiir dieses Gehalt drei Jahre von 
nun an zu arbeiten, und daG sie wahrend dieser drei Jahre den Kahal 
oder die Grofie Versammlung nicht mit neuen Forderungen zu 
belastigen wagen. Weiter sind sie verpflichtet, sich den Regeln zu 
unterwerfen, die von drei erwahlten Mitgliedern fiir sie aufgestellt 
werden: von dem Rabbiner aus Dworitz, dem Rabbiner Juda Leib, Sohn 
des Jakob, und dem R. Moses, Sohn des Joseph Jechiel. AUe Punkte 
dieser Aufstellung der drei Erwahlten soUen von den Schachtern heilig 
und hoch gehalten werden. 

Nachdem die Schachter diese Bedingungen unterzeichnet haben, 
erhalten sie je 2 Rubel wochentlich. 

AUes dieses ist einstimmig von den Vorstehern des Kahal und der 
Grofien Versammlung nach den Gesetzen beschlossen. 

Nr. 158 (II. 191). Von der Wahl von Personen zur 

Aufstellung der Regeln fiir Beschneidungs- und 

Hochzeitsf este, der Dajjanim und anderen 

Kahaleinrichtungen. 

Sabbat, den 21. Tebet 5562 (1802). 

Von den Vorstehern des Kahal und der AUgemeinen Versammlung 
ist beschlossen worden, im Kahal einige Personen zu wahlen, deren 
Obliegenheit darin besteht, dafi sie Regeln fiir Beschneidungs- und 
Hochzeitsfeste aufstellen - wie auch die Rechte der Dajjanim (Glieder des 
Bet Din-Gerichtes) und anderer Kahal-Einrichtungen festsetzen, um auf 
diese Weise unser Gesetz in seiner Kraft wiederherzustellen. 

Gewahlt zu diesem Zwecke wurden: der Rabbiner von Dworiz; R. 
Moses, Sohn des Jechiel Michael; R. Moses, Sohn des Jakob; R. Eleasar, 
Sohn des Joseph, Segal; R. David, Sohn des Eleasar. Die Regeln, die diese 
Personen aufstellen, miissen zur Beglaubigung den Vorstehern des 
Kahal und der AUgemeinen Versammlung vorgelegt werden, wonach sie 
Gesetzeskraft erhalten, was alles einstimmig beschlossen wurde. 



155 



Nr. 159 (= II. 192). Von den Bestimmungen, die fiir den 
Fall irgendeiner Revision getroffen werden sollen. 

Montag, den 24. Tebet 5562 (1802). 

Da unsere Gemeinde momentan eine sehr grofie Summe infolge der 
Revision, die der Magistral ausfiihrt, benotigt, ist von den Kahal- 
vorstehern und der AUgemeinen Versammlung beschlossen worden, die 
hierfiir notigen Gelder aus den Drei-Groschen-Abgaben auf Fleisch zu 
entnehmen, und zwar aus der Summe, die sich beim BevoUmachtigten 
schon lange angehauft hat. Aus diesen Geldern soil soviel zur Deckung 
des genannten Defizits genommen werden, als notig ist, was im 
Einverstandnis aller hiesigen Kahal- und Bet-Din-Mitglieder beschlossen 
wurde. Den Vorstehern des Kahal, des Bet Din und der AUgemeinen 
Versammlung wird unter dem strengsten Cherem verboten, diese Gelder 
fiir andere Dinge, als obengenanntes Defizit zu verwenden.*) AUes dieses 
wurde im Zimmer des Kahal im Einverstandnis aller beschlossen auf 
Grund der Gesetze und Regeln. 

Nr. 160 (= II. 193). Von der neuen Abgabe zur Deckung 

der Spesen zu Weihnachten. 

Donnerstag, 4. Schebat 5562 (1802). 

Da die Notwendigkeit der Erhohung der Summe fiir die 
Begliickwiinschung der Behorden sich erwiesen hat, so daG die Summe 
die 80 Rubel des heurigen Jahres noch iibersteigen kann, haben die 
Vorsteher des Kahal und der AUgemeinen Versammlung beschlossen, 
die Schachtung von Gefliigel von heute an zu den folgenden 
Bedingungen in Pacht zu geben: Der Pachter hat bei Ubernahme der 
Pacht sofort die ganze Jahrespachtsumme zu zahlen. Der Anfang des 
Kontraktes wird vom Monat Elul 5562 (1802) abgerechnet. In alien 
Synagogen soil verkiindigt werden, daG alle, die sich an der 
Versteigerung dieser Pacht beteiligen woUen, sich bis zum folgenden 
Sonntag in dem Zimmer der Kahalversammlung zu melden haben, und 
daG der Pachter die oben genannten Bestimmungen zu erfiillen 



* Man denke daran, dafi die Fleischsteuer eigentlich zur Bezahlung der Staatssteuern 
dienen sollte. Hier aber wird sie dazu benutzt, um vorgekommene 
Unregelmafiigkeiten in Ordnung zu bringen. D. H. 

156 



hat.*) Ebenso hat er zwei Schachter anzustellen: einen zur Schachtung 
und einen zur Beaufsichtigung, daG alles richtig geschieht. Die Schachter 
wieder miissen ein Attest des Gaon (Hauptes) des Bet Din unserer Stadt 
haben. Alles dieses ist einmiitig auf Grund der Gesetze im Zimmer des 
Kahal beschlossen worden. 

Nr. 161 (= II. 195). Von der Fleischsteuer zu Gunsten 
der Briiderschaft der Schachter. 

Sabbat, Abteilung Bo 5562 (1802). 

Die hiesigen Schachter haben sich selbst zur Erhaltung ihrer 
Briiderschafts-Synagoge besteuert, und zwar hat jeder Schachter fiir das 
verkaufte Fleisch 3 Groschen zu bezahlen. Wenn aber eine Privatperson, 
kein Schachter, Vieh zum Verkauf schachten lafit, so ist fiir jedes Stiick 
Grofivieh 6 Groschen zu entrichten, fiir Kleinvieh 1 Groschen, wie es in 
dem Dokument von Mitgliedern obengenannter Briiderschaft aufgestellt 
und unterzeichnet ist. Die Kahalvorsteher haben diesen BeschluG 
beglaubigt und erlauben der Briiderschaft, diese Besteuerung zu 
verpachten, an wen sie wiinschen, aber mit der Bedingung, daG die 
eingenommenen Gelder allein fiir die Erhaltung der Briiderschafts- 
Synagoge und fiir Gehalter ihres Predigers und Synagogendieners 
verwandt werden; fiir andere Zwecke diirfen diese Gelder unter 
keinerlei Vorwand verwendet werden. Uber diese Bestimmung miissen 
folgende Regeln eingehalten werden: 1. Die Pachtgelder miissen bei dem 
Briiderschafts-Prediger oder bei den stadtischen Schachtern aufbewahrt 
werden, nicht bei irgend jemandem sonst. 2. Der Prediger oder die 
Schachter diirfen diese Gelder nur fiir Synagogen-Zwecke verwenden, 
nicht fiir etwas anderes. 3. Im Falle eines Zuwiderhandelns gegen die 
zwei ersten Punkte verfallt diese Steuer voUig. Diese Bestimmung hat 
nur fiir ein Jahr, von unten genanntem Datum an, Giiltigkeit. Zur 
Bekraftigung, daG dieses einstimmig in dem Zimmer des Kahal 
beschlossen wurde, unterzeichnen wir, die Notare, nach den 
Vorschriften des Kahal. 

Sabbat, den 6. Schebat 5562 (1802) zu Minsk. 



Hier tritt deutlicher, als es sonst in den ProtokoUen geschieht, die Einrichtung 
hervor, dafi in den Synagogen Auktionen stattfinden. Ich mochte ausdriickHch 
betonen, dafi in diesem Hinweis ledighch die Feststellung einer volkskundHch 
interessanten Tatsache Hegt. D. H. 

157 



Dieses Dokument ist dem Prediger der Briiderschaft der Schachter 
ausgehandigt worden. 

Nr. 162 (= II. 196). Uber die Erteilung des 

Stimmrechtes bei den Wahlen an den reichen Rabbi 

Chajjim, Sohn des Jechiel Michael. 

Sabbat, Abteilung Beschallach 5562 (1802). 

Von den Vorstehern des Kahal ist beschlossen worden, dem reichen 
R. Chajjim, Sohn des Jechiel Michael, das dauernde Beteiligungsrecht an 
den Wahlen des Kahal zu erteilen, mit dem Titel Tub (Vorsteher des 
Kahal), in alien Dingen, die die Stadt betreffen. Von heute an zahlt R. 
Chajjim auch zu den Mitgliedern der AUgemeinen Versammlung mit 
alien Rechten, die zu diesem Titel gehoren. Dieses ist einstimmig von 
alien Mitgliedern nach der Tora beschlossen worden. 

Nr. 163 (= II. 197). Von der Besteuerung der Minjanim 
(Privat-Bethauser) zu Gunsten der Befreiung jiidischer 

Arrestanten. 

Sonntag, Abteilung Ijjar 5562 (4. Jan. 1802). 

Da die Vorsteher des Kahal gesehen haben, daG die Wohltatigkeits- 
kasse der Briiderschaft fiir die Nidion-Schewuim, d. h. Freikauf der 
jiidischen Strafgefangenen, lange nicht fiir die Deckung dieser Ausgaben 
geniigt, haben sie einstimmig beschlossen, daG kein einziger Hausvater 
das Recht hat, bei sich einen Minjan zu eroffnen, wenn er nicht vorher in 
die Wohltatigkeitskasse ein Sloty und 20 Groschen - wochentlich 25 Kop. 
- einzahlt. Dabei miissen die Glieder eines solchen Bethauses einen aus 
ihrer Mitte wahlen, der sich verpflichtet, fiir die wochentliche Bezahlung 
dieser 25 Kop. zu sorgen. Im anderen Falle wird die genannte Summe 
von dem gewahlten Vorsteher des Minjan gefordert und als Schuld 
eingetrieben. Wenn ein Minjan keinen Vorsteher ernennt, wird er 
geschlossen. 

AUes dieses ist aus Bestimmung des Bet Din unter dem Vorsitz des 
Rabbi Gaon beschlossen, und die einzelnen Punkte stehen unter dem 
strengsten Cherem, dem Cherem des Josna ben Nun. 

Wenn ein Minjan diese Regeln nicht erfiillt, so werden sein Haupt 
und seine Mitglieder nach den Bestimmungen fiir Abtriinnige der 
jiidischen Religion bestraft.^^) 



158 



AUes dieses ist einstimmig auf Grund der Tora-Gesetze und 
rabbinischen Bestimmungen beschlossen worden. 

Dieser BeschluS ist unter den strengsten Strafen und dem 
schwersten Cherem in alien Synagogen bekanntgegeben worden. 

Montag, den 15. Schebat 5562 (1802). 

Nr. 164 (= II. 198). Von der Verpachtung der Steuer aus 
der Gefliigelschachtung auf ein Jahr. 

Montag, Abteilung Ijjar 5562 (1802). 

Auf allgemeinen BeschluG der Kahalvorsteher und der AUgemeinen 
Versammlung wird die Besteuerung der Gefliigelschachtung an Rabbi 
Sew Wolf, Sohn des Z. H., auf ein Jahr verpachtet, vom Monat Elul 5562 
bis zum selben Datum des folgenden Jahres 5563 auf Grund der 
Bestimmungen der Allgemeinen Versammlung vom 4. Schebat 5562. Fiir 
diese Pachtung hat R. Sew Wolf der Kahalkasse 7b Rubel zu bezahlen; 
aber fiir die andere Pachtung der Gefliigelschachtung, die fiir das Wohl 
der Leute geschieht, die sich mit dem Erlernen der Tora (Gesetz) 
heiligen, hat er deren Aufseher 211 Sloty (31 Rubel 65 Kop.) zu bezahlen. 
Die 7b Rubel hat Wolf sofort bis zum letzten Groschen dem Kahal zu 
bezahlen. Die andere Summe (211 Sloty) kann er nach und nach am 
Anfang jedes Vierteljahres zahlen, angefangen vom Monat Elul dieses 
Jahres. Fiir diese Pachtungen wurde Wolf ein formelles Dokument mit 
den Unterschriften der Kahal-Vorsteher ausgestellt. Dieses alles wurde 
dreimal in den Synagogen nach dem Gesetz und der Ladung zur Tora 
aufgerufen. Die genannten 7b Rubel wurden von den 
Gemeindevorstehern zu Geschenken fiir die ortlichen Regierungen zu 
Festtagen verwandt, wie es die Abrechnung auf Seite 51 im Pinkes 
(Rechnungsbuch) beweist. 

Dienstag, den 16. Schebat 5562 (1802). 

Nr. 165 (= II. 199). Von der Wahl der jiidischen 
Mitglieder des Schoff engerichtes. 

Dienstag, den 16. Schebat 5562 (1802). 

Zum Zwecke der Wahl der zwei jiidischen Mitglieder fiir das 
Schoffen-Gericht sind von den Vorstehern des Kahal und der 
Allgemeinen Versammlung 30 Wahler ernannt worden. Nach der 



159 



vorlaufigen Nennung der zwei Kandidaten fiir das Gericht werden von 
den Schammaschim die Stimmen von den 30 Wahlern in geschlossenen 
Kouverts gesammelt und dem Bet Din iibergeben. Nach dieser 
inoffiziellen Wahl wird durch Ballotierung abgestimmt - d. h. die 
Wahler, die inoffiziell sich gegen die Kandidaten aussprachen, haben 
sich bei der offiziellen Wahl der Mehrheit zu fiigen, wie es in ahnlichen 
Fallen immer geschieht. Noch vor der offiziellen Wahl, nach Durchsicht 
der Stimmen durch den Bet Din, haben sich die aufgestellten Kandidaten 
eidlich zu verpflichten, bei Ausiibung ihrer Pflichten beim Schoffen- 
Gericht den Weisungen des Bet Din und Kahal zu folgen, d. h. immer 
nur die Befehle des Kahal und des Bet Din zu befolgen (!) in allem, was 
im Schoffen-Gericht verhandelt wird. 

AUes dieses ist einstimmig von den Mitgliedern des Kahal und Bet 
Din auf Grund der Gesetze und Gewohnheiten beschlossen. 

Nr. 166 (= II. 200). Von der Ernennung eines Komitees 

zur vorlaufigen Beurteilung der Angelegenheiten, die 

dem Schoffen-Gericht unterstehen. 

Donnerstag, den 19. Schebat 5562 (1802). 

Da die zum Schoffen-Gericht ernannten und erwahlten Kandidaten 
die Verpflichtung iibernommen haben, wahrend des einen Jahres ihrer 
Tatigkeit in allem den Weisungen des Kahal und des Bet Din zu folgen, 
wie es in der vorhergehenden Akte heiGt, haben die Vorsteher des Kahal 
beschlossen, aus folgenden Personen ein Komitee zusammenzustellen: 
Aus zwei Kahalmitgliedern: R. Joseph, Sohn des Isaak, Segal, und Rabbi 
Chajjim, Sohn des Aisik; und aus zwei Mitgliedern des Bet Din, R. 
Samuel, Sohn des J., und R. Samuel, Sohn des Aaron. Diesem Komitee 
wird befohlen, die Regeln fiir die zwei Richter aufzustellen, nach denen 
sie bei dem Schoffen-Gericht zu urteilen haben. (!) AUe Regeln, die ihnen 
von diesem Komitee vorgeschrieben sind, haben sie wahrend eines 
Jahres genau einzuhalten. AUes dieses ist einstimmig auf Grund der 
Gesetze beschlossen. Bei jeder Sitzung dieses Komitees hat einer der 
Richter des Schoffen-Gerichtes gegenwartig zu sein, um iiber die Falle, 
die gerade beim Gericht verhandelt werden, zu diskutieren und zu 
iiberlegen. 



160 



Nr. 167 (= II. 201). Von der Beleidigung des Vorstehers 
der Gemeinde, R. Joseph, durch den R. Chajjim. 

Donnerstag, 18. Schebat 5562 (1802). 

Da R. Chajjim, Sohn des Abraham, durch Schimpfen den Vorsteher 
der Gemeinde R. Joseph, Sohn des Isaak, beleidigt hat, ist von den 
Vorstehern des Kahal beschlossen: erstens den Chajjim des Titels 
Morenu (Wohlgeboren) zu entkleiden und ihn von nun an Chaber 
(Genosse) in alien Dingen und Gebrauchen der Judenschaft zu titulieren; 
auGerdem hat der Chajjim fiinf Tscherwonetz an den Kahal als Strafe zu 
zahlen, bis zu deren Bezahlung der Kahal den von Chajjim zum Verkauf 
gestellten Platz mit Beschlag belegt. AUes dieses wurde auf Grund der 
Gesetze und Brauche bestimmt. 

Nr. 168 (= II. 202). Von der Ernennung dreier 
Bevollmachtigter in Sachen des Kahal und der Stadt. 

Sabbat, den 20. Schebat 5562 (11. Jan. 1802). 

Auf Grund dringendster Forderung der Vorsteher des Kahal und 
der AUgemeinen Versammlung sind zu BevoUmachtigten aller 
stadtischen Dinge Rabbi Juda Leib, Sohn des Jakob, der reiche R. Samuel, 
Sohn des David, und Rabbi Joseph, Sohn des Isaak, Segal, gewahlt, daG 
sie alle oder wenigstens zwei von ihnen sich mit alien Dingen des Kahal 
abgeben in Ubereinkunft mit der von der AUgemeinen Versammlung 
unterschriebenen VoUmacht. 

Da ihnen aber bisher die VoUmacht noch nicht erteilt wurde, well 
sie zuerst schworen miissen, ihre Pflichten genau zu erfiillen, wie es die 
AUgemeine Versammlung verlangt, und da R. Juda Leib sich weigerte, 
diesen Eid zu leisten, haben die Vorsteher des Kahal festgestellt, daG 
diese drei sich der Ausiibung ihrer Pflichten entziehen, wodurch die 
stadtischen Dinge schwer geschadigt werden, und haben beschlossen: 
Diese drei Erwahlten haben unter schwerstem Eide zu versprechen, nie 
mehr etwas zu tun, was dem jiidischen Gesetz widerspricht. Diese 
Verpflichtung iibernahmen R. Juda Leib und R. Joseph eidlich am oben 
genannten Sabbat, worauf sie die VoUmacht von den Kahal-Vorstehern 
erhielten, damit sie von nun an sich mit alien Gemeindedingen zum 
Nutzen des Kahal und der Stadt nach oben genannten Regeln 
beschaftigen konnen. 



161 



Nr. 169 (= II. 203). Von der dem reichen Zewi Hirsch 
gegebenen Erlaubnis, in seinem Hause ein Bethaus zu 

eroffnen. 

Sabbat, den 20. Schebat 5562 (1802). 

Da der Kahal beschlossen hat, jedem, der es wiinscht, die Eroffnung 
eines Minjan bei sich zu gestatten, wenn er zum Freikauf jiidischer 
Strafgefangener die festgesetzte Summe bezahlt, ist dem reichen Zewi 
Hirsch, Sohn des Sewa, die Erlaubnis erteilt worden, bei sich zu Hause 
ein Bethaus zu eroffnen und wochentlich 25 Kop. zu zahlen*), welche der 
Kahal von den 30 Rubeln abziehen wird, die er dem R. Hirsch schuldet. 
Das Datum der Abzahlung beginnt mit Montag, den 15. Schebat 5562 
(1802). AUes dieses ist im Einverstandnis der Kahal-Mitglieder einerseits 
und des Zewi Hirsch andererseits beschlossen worden auf Grund der 
Gesetze und Brauche. 

Nr.l70 ( = 11.204). Von der Bestrafung des R. Chajjim, 
Sohn des Abraham, wegen seiner Frechheit gegen die 

Kahal-Mitglieder. 

Montag, den 22. Schebat 5562 (1802). 

Da mit dem Reb Chajjim, Sohn des Abraham, von dem schon in der 
Akte 164 die Rede war, erneut das Ungliick passierte, daG er wahrend 
der Versammlung der Vorsteher des Kahal sich dem Gerichtstisch 
naherte und in Gegenwart aller Mitglieder einige Vorsteher beschimpfte, 
haben letztere wegen dieser Frechheit beschlossen, den R. Chajjim mit 
ewigem AusschluG aus der Briiderschaft der Totenbestatter, deren 
Mitglied er ist, zu bestrafen. AuGerdem ist er zu einer Geldstrafe von 30 
Tscherwonetz zuziiglich der 5 Tscherwonetz, die in der Akte 167 
genannt sind, verurteilt, die er der Kasse des Kahal zu zahlen hat. Was 
die Entziehung des Titels Morenu betrifft, wie es in der Akte 167 
erwahnt wird, so sind die Notare sogar verpflichtet, ihm diesen Titel in 
alien Schriftstiicken vorzuenthalten. 



Aus den Protokollen kann man oft genug ersehen, dafi die Kahalleitung 
riicksichtslos gegen private Bethauser (Minjan) verging. Mit Geld konnte man 
freilich manches erreichen. Vgl. Nr. 163. D. H. 

162 



Nr. 171 (= II. 205). Von der Wahl zweier Mitglieder des 
Kahal zur Schlichtung von Streitfragen zwischen 

Privatpersonen. 

Montag, den 22. Schebat 5562 (1802). 

Zur Fiihrung der Streitsache zwischen dem Glaser Isaak und seiner 
Mutter haben die Vorsteher des Kahal beschlossen, dem Monatsaltesten 
Eleasar Segal und Joseph, Sohn des Isaak, die Angelegenheit zu 
iibergeben. In dem Amt des Monatsaltesten verbleibt der R. Eleasar bis 
zur Beendigung der Angelegenheit, und beide haben in ihren 
Entschliefiungen die Rechte der sieben Vorsteher der Stadt. AUes dieses 
ist einstimmig beschlossen auf Grund der Gesetze und Brauche. 

Nr. 172 (= II. 206). Von der Verleihung des Titels 
Morenu an den R. Arjeh. 

Montag, den 22. Schebat 5562 (1802). 

Auf Beschlufi der Kahalvorsteher ist Rabbi Arjeh, Sohn des Isaak 
Aisik, zum Morenu ernannt, welcher Titel bei der Einladung zur Tora 
wie alien anderen israelitischen Brauchen gefiihrt wird. Einstimmig von 
den Kahalmitgliedern beschlossen auf Grund der Gesetze und Brauche. 

Nr. 173 (= II. 207). Von der Gehaltserhohung fiir die 
Aufseher der Schachtgebiihren. 

Die Vorsteher und Vertreter des Kahal haben, nachdem sie 
beobachtet haben, daG die Aufseher iiber die Drei-Groschensteuer trotz 
ihres geringen Gehaltes ihre Pflichten treu erfiillen, beschlossen, ihnen 
zur Gehaltserhohung folgende kleine Einnahmen hinzuzufiigen und 
zwar: Jeder Hausvater, der Fleisch kauft oder Vieh bei sich schachten 
laGt fiir Beschneidungs- und Hochzeitsfeste, bei denen er von der Drei- 
Groschensteuer frei ist, soil dieselbe doch zu Gunsten dieser Aufseher 
zahlen - wie weiter unten angegeben ist. Diese Zahlung wird 
folgendermaGen rubriziert: Bis zu 60 Pfund zahlt der Kaufer bei diesen 
Festen keine Steuer, von 60 bis zu 100 Pfund zahlt er 20 Groschen. Von 
100-160 Pfund gibt der Kaufer zu Gunsten der Aufseher noch 20 
Groschen usw. 



163 



Diese Einkiinfte geniefien die Aufseher, solange sie ihr Amt 
versehen. 

Dieses wurde einmiitig im Zimmer des Kahal nach Gesetzen und 
Brauchen in Gegenwart der iiblichen Anzahl Mitglieder beschlossen und 
zur Bekraftigung unterzeichnet. 

Montag, den 22. Schebat 5562 (1802) zu Minsk. 

Diese Urkunde ist ausgestellt, unter Beifiigung des Kahal-Siegels 
unterzeichnet und den Aufsehern Rabbi Gerschom, Sohn des Jehuda 
Leib, Isaak, Sohn des Jehuda Leib, und Aaron SeHg, Sohn des Simeon, 
iibergeben. 

Nr. 174 (= II. 208). Von der Verleihung des Titels 
"Morenu" an den Reb Abraham, Sohn des Mendel. 

Montag, den 22. Schebat 5562 (1802). 

Mit allgemeiner Zustimmung haben die Vorsteher des Kahal 
beschlossen: dem Abraham, Sohn des Menachem Mendel den Titel 
"Morenu" zu verleihen, mit dem er sowohl bei der Einladung zur Tora 
als auch bei alien anderen israelitischen Gebrauchen angeredet werden 
soil. 

Nr. 175 (= II. 209). Erganzung des Kahalbeschlusses 
betr. "Morenu" fiir Leib, Sohn des Gerschom. 

Auf BeschluG der Kahal- Vorsteher wird verfiigt, dem R. Juda Leib, 
Sohn des Gerschom, den Titel "Morenu" zu verleihen und ihn bei 
Vorladung zur Tora wie bei alien anderen israelitischen Gebrauchen so 
zu benennen. 

Nr. 176 (= II. 210). Erganzung des Kahalbeschlusses Nr. 

173. 

In der gestrigen Verfiigung der Kahal-Vorsteher wurde bestimmt, 
die Einkiinfte der Aufseher iiber die Drei-Groschen-Abgabe um ein 
Geringes zu erhohen. Die Verfiigung hat auch die BevoUmachtigten 
dieser Steuer veranlaGt, um Gehalts-Erhohung einzukommen. Infolge 
dieser Bitte ist folgendes verfiigt: Fiir das Fleisch zu Hochzeits- und 
Beschneidungsfesten hat der Festgeber aufier dem Geld fiir die Aufseher 
noch einen halben Kopeken pro Pfund fiir die BevoUmachtigten zu ent- 
richten - exklusive der genannten 60 Pfund, welche steuerfrei bleiben. 



164 



Von diesen beiden Einnahmen zusammen werden 2/3 den Aufsehern, 
1/3 den BevoUmachtigten gegeben. 

Diese Verfiigung wurde einstimmig erlassen im Zimmer des Kahale 
weswegen wir zur Beglaubigung unterzeichnen. 

Mittwoch, den 24. Schebat 5562 (15. Jan. 1802) zu Minsk. 

Dieses Dokument, mit den Unterschriften und dem Kahal-Siegel 
versehen, wurde dem BevoUmachtigten Rabbi Gerschom, Sohn des 
Isaak, iibergeben. 

Nr. 177 (= II. 211). Streit zwischen dem Kahal und 
Privatpersonen iiber den Besitz der Laden des 

Erzbischofs. (!) 

Mittwoch, den 24. Schebat 5562 (22. Jan. 1802). 

Auf Grund des Streites zwischen den Vorstehern des Kahal und den 
Sohnen des verstorbenen R. Arjeh wegen des Besitzrechtes auf die 
steinernen Laden des Erzbischofs haben die Kahal-Vorsteher 
beschlossen, dem Monatsaltesten R. Moses, Sohn des Jakob, und Eleasar, 
Sohn des Leviten Joseph, in Bezug auf diesen Streit die Gewalt der 
sieben Vertreter zu verleihen, mit der Weisung, die Angelegenheit mit 
den Sohnen des Arjeh nach ihrem Gutdiinken zu regeln - mit friedlichen 
oder richterlichen Mitteln. 

Nr. 178 (= II. 213). Von der Forderung von 10 Rubeln 
von der Briiderschaft der Schachter fiir Kahal- 

Notwendigkeiten. 

Sabbat, Abteilung Teruma des Pentateuchs, 5562 (25. Jan. 1802). 

Durch BeschluG wird von den Kahal- Vorstehern verfiigt, daG die 
Vorsitzenden der Briiderschaft der Schachter fiir die besonderen Notfalle 
des Kahal 10 Rubel aus ihren Einkiinften von der Viehschachtung 
abtreten. Verfiigt, einstimmig, auf Grund der Gesetze und Gebrauche. 

Nr. 179 (= II. 214). Von der Verteilung von Schuhwerk 
an die Schammaschim (Diener des Kahal). 

Mittwoch, Abteilung Tezawwe des Pentateuchs, 5562 (29. Jan. 1802). 

Die Vorsteher des Kahal haben beschlossen, daG die BevoU- 
machtigen der Wohlfahrtskasse eine Summe fiir Stiefel fiir alle Schamma 



165 



schim (Diener des Kahal fiir stadtische Angelegenheiten) aus ihren 
Geldern bewilligen. 

Nr. 180 (= II. 215). Von der Bestrafung des R. Abraham 
wegen Widersetzlichkeiten gegen den Kahal. 

Sabbat, Abteilung Tezawwe des Pentateuchs, 5562 (1. Febr. 1802). 

Da der Abraham, Sohn des Eleasar Lippmann, etwas 
Gesetzwidriges getan hat und sich den Vorstehern des Kahal widersetzt 
hat, so haben letztere einstimmig beschlossen, genannten Abraham mit 
sechs Tscherwonetz zu bestrafen, die er an die Kasse des Kahal zu zahlen 
hat. Hierbei wurde vorgesehen, daG, wenn Abraham nicht nach der 
ersten Anforderung sofort bezahlt, von ihm eine Strafe von acht 
Tscherwonetz zu fordern ist. 

Diese Verfiigung des Kahal wurde genanntem Abraham durch die 
Schammaschim mitgeteilt, worauf er erwiderte, daG er iiber diese 
Angelegenheit mit dem Kahal beim Bet Din zu prozessieren wiinsche 
und ihm durch die Schammaschim die Vorladung zum Gericht 
iibersenden werde. 

Nr. 181 (= II. 212). Von der Bestimmung eines Mittels 
zur Deckung der Schuld des Kahal an Rabbi Isaak, 

Sohn des Gerschom. 

Mittwoch, den 2. Adar des Jahres 5562 (22. Jan. 1802). 

Zur Tilgung der Schuld von 50 Rubel Silber, die der Rabbi Isaak, 
Sohn des Gerschom, aus seiner Tasche fiir Kahal-Angelegenheiten 
ausgegeben hat, und die ihm bis heute noch nicht erstattet worden sind, 
hat der Kahal folgendes beschlossen: Da das Besitzrecht auf zwei 
steinerne Laden des Kaufmannes Baikow, auf dem Hohen Platz erbaut, 
mit seinen Kellern und Zimmern vom Kahal fiir 70 Rubel an R. Jechiel 
Michael, Sohn des Aaron verkauft ist - ermachtigt der Kahal zur 
Eintreibung dieser Summe den genannten R. Isaak. Dabei erteilt der 
Kahal dem Isaak sogar das Recht, mit gerichtlichen Mitteln vorzugehen 
und die dafiir notigen Ausgaben auf Kosten des Kahal zu machen - fiir 
diesen Fall mit der VoUmacht des Kahal ausgestattet. Am SchluG des 
Prozesses, wenn die Summe eingezahlt ist, erhalt R. Isaak seine 50 Rubel 
und alle ausgelegten Unkosten bis zum halben Kopeken zuriick. Im Falle 
der Jechiel Michael nicht bezahlen will, hat der Isaak ihm durch den 



166 



Schammasch eine Vorladung zu senden in folgender Form: "Rabbi 
Michael! Es wird Ihnen vom ganzen Kahal mitgeteilt, daG Sie die ihm 
schuldigen 70 Rubel zu zahlen haben. Im Falle Sie nicht zahlen, iibergibt 
der Kahal die von Ihnen erworbenen Rechte auf die Hauser des Baikow 
in andere Hande." SoUte diese MaGnahme erfolglos sein, so gehen die 
genannten Rechte fiir immer an Isaak iiber, wofiir ihm der Kahal eine 
Urkunde auszustellen hat. Hierbei ist zu bemerken, daG, wenn Isaak 
wirklich gezwungen ist, diese Hauser zu iibernehmen, er dem Kahal den 
fehlenden Betrag noch zu bezahlen hat, ehe er die Urkunde erhalt, oder 
er muG darauf bei einem Schammasch seine Unterschrift als Sicherheit 
hinterlegen. 

Nr. 182 (= II. 219). Von der Ernennung zweier 

Advokaten zur Fiihrung des Prozesses zwischen dem 

Kahal und Abel, Sohn des Isaak Aisik. 

Sabbat, Abteilung Ki tissa, 5562 (1802). 

Zur Fiihrung des Prozesses zwischen den Vorstehern des Kahal und 
dem R. Abel, Sohn des Isaak Aisik, Schwiegersohn des Zewi Hirsch, iiber 
das Recht auf ein neues Haus, welches der Nichtbeschnittene (Christ), 
der Schmied Seleisi, erbaute, sind von den Kahal-Vorstehern zwei 
Advokaten gewahlt: Eleasar, Sohn des R. Joseph, Segal, und Chajjim, 
Sohn des R. Isaak Aisik zur Fiihrung des Prozesses mit Abel. 

Dieses ist einmiitig beschlossen auf Grund der Gesetze und 
Brauche. 

Nr. 183 (= II. 220). Von der Bestrafung des R. Abraham 
fiir Ungehorsam gegen den Kahal. 

Sabbat, Abteilung Ki tissa, 5562 (1802). 

Da Abraham, Sohn des Eleasar Lippman, bis heute in Ungehorsam 
gegen die heiligen Gesetze und den Kahal verharrt und auGerdem den 
Kahal beleidigt hat, so haben die Vorsteher der Stadt beschlossen, ihn, 
den Abraham, zu bestrafen: 1. mit ewiger Entziehung des Wahlrechtes; 
2. mit ewiger Entziehung des Rechtes der Beteiligung an den 
AUgemeinen Versammlungen; 3. mit Ausschliefiung aus alien Briider- 
schaften. Aufierdem wird er zu einer Geldstrafe von 8 Tscherwonetz 
verurteilt, wie es im BeschluG der letzten Woche des Kahal (Nr. 180) 
erwahnt ist. 



167 



Nr. 184 (= II. 216). Uber die Ernennung eines 
Beschauers iiber die genaue Sauberung des koscheren 

Fleisches von Sehnen. 

Montag, Abteilung Ki tissa 5562 (3. Febr. 1802). 

Auf BeschluS der Kahal-Vorsteher wird Jakob, Sohn des R. Israel, 
zum Aufseher bei den Fleischerladen ernannt, zur KontroUe, daG das 
verkaufte Fleisch stets frei von Sehnen sei, wie es sich gehort - worauf 
die Schachter wegen Uberhaufung mit Arbeit nicht aufpassen konnen. 
Fiir diese Arbeit haben die Schachter dem Jakob 3 Groschen pro Pfund 
Fleisch zu bezahlen. Aus diesen Einkiinften iibergibt Jakob ein Drittel 
dem Prediger der Briiderschaft der Schachter. 

Nr. 185 (= II. 217). Von der Kontrolle der Summe, die 
die Vorsteher des Kahal fiir das Rentamt genommen 

haben. 

Dienstag, Abteilung Ki tissa, 5562 (1802). 

Bei der Kontrolle der von den Kahal-Vorstehern aus den 
Gemeindegeldern entnommenen Summe fiir das Rentamt zur Tilgung 
der Schuld des Kahal stellten die von der AUgemeinen Versammlung 
ernannten KontroUeure fest, daG von den entnommenen 300 Rubeln nur 
280 Rubel geblieben waren, die restlichen 20 Rubel aber zur schnellsten 
Erhaltung der Summe vom Rentamt verwandt worden waren.*) 

Nr. 186 (= II. 218). Von dem Beweis des Besitzrechtes 
auf das Haus des Bauern Seleisi seitens des R. Zewi. 

Mittwoch, Abteilung Ki tissa, 5562 (1802). 

Auf allgemeines Verlangen veroffentlichten die Kahal-Vorsteher, 
daG jeder, der eine Option auf das Besitzrecht des Hauses des Bauern 
Seleisi hatte, diese, je friiher desto besser, mitzuteilen hatte. 
Infolgedessen teilte R. Zewi, Sohn des R. Ruwima mit, daG sein 



* Dieser Abschnitt ist in wortlicher Ubersetzung wiedergegeben, der Vorgang indes 
schon im Original, vermutlich mit Absicht, dunkel ausgedriickt. Die Sachlage war 
wohl die, dafi der Kahal nur die Zahlung von 280 (statt 300) Rubel an das Rentamt 
belegen konnte und sich damit herausredete, er habe den Beamten unter der Hand 
20 Rbl. zustecken miissen, damit sie die Quittung schnellstens ausstellten. D. H. 

168 



Schwager Abel, Sohn des A., der eben abwesend sei, die Dokumente auf 
das Besitzrecht dieses Hauses hatte, sowie formelle Bestatigung und 
einige Beschliisse des Bet Din. AuSer dieser Option wurde keine weitere 
vorgebracht. 

Nr. 187 (= II. 221). Von der Verleihung des Titels 
"Morenu" an R. Herschel, Sohn des Isaak. 

Montag, Abteilung Pekude 5562 (11. Febr. 1802). 

Von den Vorstehern des Kahal ist beschlossen worden, dem R. 
Herschel, Sohn des R. Isaak, den Rang "Morenu" zu verleihen und ihn 
beim Aufruf zur Tora sowie bei anderen israelitischen Gebrauchen so zu 
benennen. Dieser Titel wird dem R. Herschel dann bestatigt werden, 
wenn er das Einverstandnis des Rabbi Gaon, Vorsitzenden der 
Schachter-Briiderschaft, nachgesucht hat. 

Nr. 188 (= II. 222). Von der Ernennung des R. Abraham 

zum "Morenu". 

Montag, Abteilung Pekude 5562 (11. Febr. 1802). 

Nach allgemeinem BeschluG haben die Kahal-Vorsteher verfiigt, 
Abraham, Sohn des Simeon, zum "Morenu" zu erheben, mit welchem 
Titel er beim Aufruf zur Tora wie bei alien anderen israelitischen 
Gebrauchen angeredet werden muG. Dieses wurde einstimmig auf 
Grund der Gesetze und Brauche beschlossen. 

Nr. 189 (= II. 223). Von dem Verkauf des Besitzrechtes 
auf die Laden der Priester des Bonifatski-Ordens durch 

den Kahal. 

Montag, Abteilung Pekude 5562 (11. Febr. 1802). 

Auf allgemeinen BeschluG der Vorsteher des Kahal ist dem Isaak, 
Sohn des R. Sew Wolf, das Besitzrecht auf die steinernen Laden der 
Priester des Bonifatski-Ordens auf dem Kleinen Bazar verkauft und 
zwar: das Recht auf jene sechs Laden, die sich an der Ecke des genannten 
Bazars befinden, und einen Laden in der Sibitzkoi-StraGe. Das Recht auf 
alles dieses verkauften die Vorsteher des Kahal an genannten Isaak und 
an Joseph, Sohn des Samuel. Ebenso verkauften sie ihnen das Recht auf 
den unbebauten Platz, der sich zwischen dem Hofe des Awigdar, Sohn 



169 



des M. Schirin, befindet und sich von der Sibitzkoi-StraGe bis zur Kirche 
dieser Priester erstreckt. Die Gelder fiir diesen Kauf sind schon lange in 
die Kahalkasse eingezahlt. 

AUes dieses ist auf Grund der Gesetze und Brauche verfiigt. 

Nr. 190 (= II. 224). Von der Verleihung des Wahlrechtes 

an R. Abraham. 

Dienstag, Abteilung Pekude 5562 (12. Febr. 1802). 

Die Vorsteher des Kahal haben beschlossen, dem R. Abraham, Sohn 
des R. Simeon, das ewige Wahlrecht zu verleihen, wofiir der R. Abraham 
schon die iibliche Summe bis zum halben Kopeken an die Kahalkasse 
bezahlt hat. AuSerdem sind dem R. Abraham alle Rechte eines 
immerwahrenden Mitgliedes der Grofien Versammlung iibertragen. 

AUes dieses ist beschlossen im Einverstandnis aller auf Grund der 
Gesetze und Brauche. 

Nr. 191 (= II. 225). Von dem Verkauf des Besitzrechtes 
auf einen leeren Platz an R. Abraham. 

Dienstag, Abteilung Pekude des Pentateuchs, 5562 (1802). 

Auf allgemeinen BeschluG haben die Kahal-Vorsteher an R. 
Abraham, Sohn des Simeon, das ihnen gehorige Recht auf einen freien 
Platz verkauft, der sich zwischen dem Hause des Abraham und seinem 
nachsten Nachbarn befindet. So gehort von nun an das Recht auf den 
Platz allein Abraham, der damit schalten und walten kann. Hierbei 
iibernimmt der Kahal keinerlei Verantwortung, wenn die Nachbarn des 
Abraham auf diesen Platz Anspriiche erheben; die Rechte des jetzigen 
Verkaufes werden durch solche Anspriiche aber in keiner Weise 
verkleinert. Wenn aber Personen, die weiter von dem Platz entfernt 
leben, keine Nachbarn des Abraham, Anspriiche erheben, so verpflichtet 
sich der Kahal, zu Gunsten des Abraham dafiir aufzukommen. 

Nr. 192 (= II. 226). Von der Bestrafung des R. Moses 
und der Sara aus Klezka durch den Kahal. 

Sabbat, Abteilung Sab des Pentateuchs, 5562 (8. Marz 1802). 

Auf Grund des Ukases, den der Kahal vom ortlichen 
Kriminalgericht iiber den Beschlufi einer entsprechenden Bestrafung der 



170 



Sara und des Moses aus Kletzka (Gouvernement Minsk, Kreis Sluzk) 
erhielt, haben die Kahal-Vorsteher beschlossen, iiber genannten Moses 
einen dreiwochentlichen Arrest im Bet Hamidrasch (Bethaus) zu 
verhangen, wahrenddem er taglich Psalmen zu lesen hat. Dieser Strafe 
unterlag aber Moses schon lange. Was die Sara anbetrifft, so wird ihr die 
iibliche BuSe auferlegt auGer der Verbannung (!) auf vier Jahre aus 
Kletzka. Dariiber ist dem Rabbiner von Kletzka ein Brief gesandt, damit 
er alien jiidischen Einwohnern von Kletzka und Umgegend verbietet, 
wahrend dieser vier Jahre die Sara in irgendein jiidisches Haus 
hineinzulassen. Dieser Brief wurde dem Rabbiner am Sonntag, 
Abteilung Schemini im Pentateuch, 5562 (9. Marz 1802) zugestellt. 

Nr. 193 (= II. 229). Von der Aufnahme des R. Jehuda in 

die Aufseher. 

Montag, den 3. Nisan 5562 (24. Marz 1802). 

Da der Aaron Selig, Sohn des Simeon, von seinem Amt als Aufseher 
der Drei-Groschen-Abgaben auf koscheres Fleisch zuriickgetreten ist, 
haben die Vorsteher des Kahal an seiner Stelle R. Jehuda, Sohn des 
Natan, mit dem Gehalt der iibrigen Aufseher ernannt. Dieses ist 
einstimmig beschlossen auf Grund der Gesetze und Gebrauche. 

Nr. 194 (= II. 230). Von dem Hochzeitsgeschenk an den 

Sohn des Predigers der Briiderschaft der 

Totenbestatter. 

Montag, den 3. Nisan 5562 (24. Marz 1802). 

Zur Hochzeit des Sohnes des Predigers der Briiderschaft der 
Totenbestatter haben die Kahal-Vorsteher beschlossen, dem oben 
genannten Prediger 3V2 Rubel zum Geschenk aus der Kahalkasse zu 
iibergeben. 

Nr. 195 (= II. 231). Von dem Verkauf des Hauses von 
dem Christen, dem Schmied Seleisi, an R. Eleasar, Sohn 

des Joseph Katz. 

Montag, den 3. Nisan 5562 (1802). 

Die Vorsteher des Kahal haben einstimmig folgendes beschlossen: 
Die friiheren Vorsteher des Kahal haben dem R. Eleasar, Sohn des Joseph 



171 



Katz, das Besitzrecht auf das Haus des unbeschnittenen (Christen) 
Schmiedes Seleisi in der Jurjewskaja-StraGe verkauft, wofiir ihm von den 
damaligen Kahal-Vorstehern eine Urkunde ausgestellt wurde. Darin 
wurde erwahnt, daG der Kahal gegen alle Anspriiche aufzukommen 
hatte. Solche Anspriiche wurden schon lange von dem R. Abel, 
Schwager des Zewi Hirsch, erhoben, weswegen R. Eleasar beim Kahal 
Vertretung seines Rechtes auf Grund des Dokumentes verlangte. 
Daraufhin beschlossen die Kahalvorsteher, dem Eleasar 4 Tscherwonetz 
auszuzahlen, wofiir er den Kahal von jeder Verantwortung befreien 
soUte, sogar wenn der Prozefi, den Eleasar mit Abel beim Bet Din fiihren 
mufi, zu Gunsten des letzteren entschieden wiirde. SoUte Eleasar sich 
damit nicht einverstanden erklaren, so soUen ihm 10 Tscherwonetz 
ausgezahlt werden fiir die Freisprechung von Verpflichtungen.*) 

Zur Sicherstellung dieser Summe verschreibt der Kahal dem Eleasar 
all das unbewegliche Eigentum, auf das er ein Recht in der Stadt hat, 
und Eleasar kann auf das, was ihm davon am besten gefallt, seine 
Anspriiche erstrecken. Wenn R. Abel vom Kahal das Besitzrecht auf 
oben genanntes Haus mit allem Zubehor, wie es dem Eleasar ausgestellt 
ist, erwerben will, hat er dem Kahal 8 Tscherwonetz zu bezahlen, 
woraufhin alle Rechte an R. Abel iibergehen. Zu diesen vom Abel 
genommenen 8 Tscherwonetz legt der Kahal noch zwei dazu und 
belohnt damit R. Eleasar. AUes dieses ist im voUen Einverstandnis aller 
Mitglieder beschlossen auf Grund der Gesetze und Brauche. 

Nr. 196 (= II. 232). Von der Beendigung des Streites 
zwischen dem Kahal und Eleasar. 

Am Dienstag, den 4. Nisan (25. Marz 1802), hat der R. Eleasar sich 
freiwillig damit einverstanden erklart, dafi ihm der Kahal zur 
endgiiltigen Erledigung der Protestangelegenheit des R. Abel 4 
Tscherwonetz bezahlt. 

Nr. 197 (= II. 227). Von der Erteilung eines drei- 
monatlichen Urlaubes an Schammasch R. Leib. 

Da der Schammasch unserer Stadt, der Rabbi Jehuda Leib, aus 
verschiedenen Griinden auf 2-3 Monate verreisen muG, haben die 



* Der Handel macht einen peinlichen Eindruck! D. H. 
172 



Vorsteher des Kahal beschlossen, ihm einen Urlaub auf drei Monate zu 
erteilen, von unten stehendem Datum bis zum ersten im Monat Tammus 
5562 (19. Juni 1802). Fiir die Ubertragung seines Amtes auf R. Leib fiir 
genannte Zeit hat der Kahal keinerlei Anspriiche zu erheben. AUes 
dieses wurde einstimmig auf Grund der Gesetze und Brauche 
beschlossen. 

Sabbat, Abschnitt Tasria, am 1. Nisan 5562 (22. Marz 1802). 

Nr. 198 (= II. 228). Uber die Belohnung des Kantors aus 

Wilna. 

Am Sabbat, Abschnitt Tasria, 1. Nisan 5562 (22. Marz 1802), ist von 
den Vorstehern des Kahal beschlossen, aus der Kahalkasse dem R. Arjeh 
aus Wilna fiir Gebete in der hiesigen Synagoge an zwei Sabbaten 
nacheinander eine Belohnung zu geben. 

Nr. 199 (= II. 233). Von der Bestrafung des Abraham, 
Sohn des A, fiir Nichterscheinen vor dem Gericht des 

Bet Din. 

Dienstag, den 4. Nisan 5562 (1802). 

Da der R. Abraham, Sohn des A., schon zweimal dem Ruf, vor dem 
Gericht des Bet Din zu erscheinen, nicht folgte und somit den Cherem 
auf sich lud, gleichzeitig sich in verschiedenen Dingen den Kahal- 
Vorstehern widersetzte, so ist heute von den Vorstehern des Kahal ohne 
Widerrede beschlossen worden, den R. Abraham, Sohn des A., fiir drei 
Jahre von heute ab von der Teilnahme an den Wahlen wie an den 
AUgemeinen Versammlungen aller Briiderschaften auszuschliefien. Bei 
der Aufhebung dieses Urteils gilt das Recht des liberum veto (d. h. der 
Widerspruch eines einzelnen Kahal- Vorstehers kann die Aufhebung des 
Urteils verhindern). Allen Notaren wird verboten, fiir den R. Abraham 
einen Schuldbrief oder irgendein Dokument zu schreiben, und die 
Vorsteher diirfen wahrend der ganzen oben genannten Zeit keinerlei 
Klagen von ihm gegen irgend jemand annehmen. Voile Rechtsgiiltigkeit 
erhalt dieses Urteil, wenn es vom Bet Din beglaubigt ist. 

Donnerstag, den 6. Nisan ist von den Kahal-Vorstehern beschlossen, 
daG oben genanntes Urteil auch dann Rechtsgiiltigkeit erhalt, wenn die 
Vorsteher des Bet Din es nicht beglaubigen, und alle Diener soUen die 
Bewohner davon in Kenntnis setzen. SoUte jemand aus den Briider- 



173 



schaften wegen dieses Urteils mit dem Kahal prozessieren woUen, so 
ernennt der Kahal im voraus zu Advokaten R. Moses und R. Joseph. Da 
der R. Abraham schon die Kahal-Vorsteher vor den Bet Din gefordert 
hat, so sind zwei Advokaten auch in dieser Sache gegen Abraham tatig. 

Nr. 200 (= II. 234). Von der Erhebung des R. Faitel, 
Sohnes des Isaak, zum Ex-Haupt des Kahal. 

Sonntag, Abschnitt Achare 5562 (20. Marz 1802), wurde von den 
Vorstehern des Kahal beschlossen, den R. Faitel, Sohn des Isaak, zum Ex- 
Haupt des Kahal zu erheben und ihn so in alien Gemeindesachen zu 
titulieren. Dieses ist einstimmig auf Grund der Brauche und Gesetze 
beschlossen worden. 

Nr. 201 (= II. 235). Von der Erteilung des Wahlrechtes 
an R. Isaak, Sohn des Gerschom, und Ernennung zum 

Ex-Vorsteher des Kahal. 

Sonntag, Abschnitt Achare 5562 (20. Marz 1802), wurde von den 
Vorstehern des Kahal beschlossen, dem R. Isaak, Sohn des Gerschom, 
das Wahlrecht und die Gleichberechtigung mit den anderen Mitgliedern 
der AUgemeinen Versammlung zu erteilen; auGerdem ist er zum Ex- 
Vorsteher des Kahal zu erheben. AUes dieses ist geschehen im 
Einverstandnis aller, auf Grund der Gesetze und Gebrauche, nur muG 
der Isaak vom Rabbi Gaon, dem Vorsitzenden des hiesigen Bet Din, noch 
eine Bestatigung erhalten. 

Nr. 202 (= II. 236). Von dem Besitzrecht des Balkons im 
steinernen Hause des Pan Trankewitsch. 

Sonntag, Abschnitt Achare 5562 (1802). 

Das Recht auf den Balkon des Hauses*) von Pan Trankewitsch, das 



* Es ist nicht klar ersichtlich, warum man auf dem Wege der Chasaka den Anspruch 
auf einen Balkon erwarb, der sich an einem in christlichem Besitz befindlichen Hause 
befand. Vielleicht handelt es sich um eine in Palastina geiibte, aber auch in 
Osteuropa vorhandene Sitte, dafi wahrend des Laubhiittenfestes der Familienvater 
auf dem mit griinen Zweigen ausgeschmiickten Balkon schlaft, da die Vorschrift, in 
Laubhiitten zu wohnen, nicht ausfiihrbar ist. D. H. 

174 



schon lange von den Kahal-Vorstehern dem R. Saul, Sohn des Wolf, 
iibergeben worden war, ist von letzterem an R. Jehnda Leib, Sohn des 
Jakob, verkauft worden. 

Nach dem gegenwartigen Bankrott des R. Saul ist von seinen 
Glaubigern gegen diesen Verkauf protestiert worden. Da aber uns, den 
Kahal-Vorstehern, bekannt ist, daG von Anfang an dieses Recht dem R. 
Saul nicht verkauft wurde, sondern nur wegen seiner grofien Armut ihm 
zum Gebrauch geschenkt war, bestatigen die Vorsteher des Kahal dem 
R. Jehuda Leib das Recht auf den Balkon, ohne Riicksicht auf 
irgendwelche Proteste, ihm alle Rechte iiber diesen Kauf iibertragend 
mit allem Schutz des Bet Din gegen irgendwelche Proteste. Infolge der 
Gesetze und Bestimmungen unserer Weisen kann dieses Recht dem 
Jehuda Leib und seinen Rechtsnachfolgern nie genommen werden. 
Dieses wurde einstimmig auf Grund der Gesetze und Brauche 
beschlossen. 

Nr. 203 (= II. 237). Von der Schlagerei des R. Faiwusch, 
Sohnes des Abraham, mit der Frau des Schusters Isaak. 

Sonntag, Abteilung Achare 5562 (1802). 

Da Faiwusch, Sohn des Abraham, die Frau des Schusters R. Isaak 
verpriigelt hat und sich damit rechtfertigte, daG sie zuerst zugeschlagen 
hat, auGerdem der Sohn des Faiwusch, Abraham, diese Frau vor dem 
Kahal verleumdete, haben die Vorsteher des Kahal beschlossen: Wenn 
die Frau eidlich versichert, dafi nicht sie zuerst schlug, sondern 
Faiwusch, wird letzterer mit drei Tagen fortwahrenden Psalmenlesens 
im hiesigen Bet Hamidrasch bestraft werden, R. Abraham aber verliert 
auf immer den Titel "Morenu". Wiedererlangen kann er den Titel nur auf 
einmiitigen BeschluG aller Kahalvorsteher mit Anwendung des "liberum- 
veto"-Rechtes; diese Bestimmung gilt auch fiir alle ferneren 
Kahalzusammensetzungen. Am kommenden Dienstag haben die 
Schammaschim in alien Synagogen zu verkiinden, daG der Abraham mit 
seinen liigenhaften Behauptungen die Ehre genannter Frau beschimpft 
hat. AUes dieses ist im Einverstandnis aller Mitglieder der AUgemeinen 
Versammlung nach Gesetz und Branch bestimmt worden. 



175 



Nr. 204 (= II. 238). Von der Begnadigung des (in Nr. 
203) bestraften R. Faiwusch und seines Sohnes R. 

Abraham. 

Da R. Faiwusch und sein Sohn R. Abraham sich demiitig dem 
BeschluG des Kahal unterwarfen und ihn fiir sehr gerecht erkannten, 
haben die Vorsteher des Kahal beschlossen, den R. Faiwusch ganz zu 
begnadigen, seinem Sohn aber einen Teil der Strafe zu erlassen, indem 
die Bekanntmachung seiner Missetat nicht erfolgt, ihm der Titel Morenu 
aber abgesprochen bleibt, bis er ihm auf BeschluG aller Kahalvorsteher 
wieder zuerkannt wird. AUes wurde beschlossen nach Gesetz und 
Branch. 

Anmerkung: Am 2. Passahtag bekam der R. Abraham von den 
Kahalvorstehern den Titel "Morenu" zuriick. 

Nr. 205 (= II. 239). Von der Erteilung des Besitzrechtes 

auf das halbe Haus des Pan Baikow an R. Isaak, Sohn 

des Gerschom, fiir die 50 Rubel, die der Kahal ihm 

schuldet. 

Montag, den 11. Nisan 5562 (1. April 1802). 

Da der reiche R. Jechiel Michael, Sohn des Aaron, bis heute noch 
nicht die voile Summe fiir ihm erteiltes Besitzrecht auf die zwei 
Steinladen des Pan Baikow bezahlt hat, die Kahal-Vorsteher aber 
unbedingt dem R. Isaak, Sohn des Gerschom, die 50 Rubel bezahlen 
miissen, die sie ihm schulden, ist von den Stadtvorstehern beschlossen, 
dem R. Isaak das Recht auf die eine Halfte des Steinhauses des Pan 
Baikow mit oberen und unteren Stockwerken als Bezahlung zu 
iibergeben. Fiir das vom Jechiel Michael schon eingezahlte Geld erhalt er 
das Recht auf die andere Halfte des Hauses. 

Dem R. Isaak soil mit folgenden Bedingungen eine Urkunde 
ausgestellt werden: Wenn Jechiel Michael in einem Vierteljahr den noch 
schuldigen Betrag an den Kahal bezahlt und dieser dem R. Isaak alsdann 
seine Schulden bezahlt, so hat letzterer seine Rechte auf die Halfte des 
Steinhauses wieder an erstgenannten abzutreten. Im anderen Falle bleibt 
das Dokument in Kraft. AUes dieses beschlofi der Kahal-Vorstand 
einstimmig auf Grund der Gesetze und Brauche. 



176 



Nr. 206 (= II. 240). Von der Riickerstattung der 

Auslagen an den Altesten des "Grofien Wohltatigkeits- 

Sammelbechers" (Zedaka Gedola) R. Isaak, Sohn des 

Gerschom^o), 

Dienstag, den 11. Nisan 5562 (1. April 1802). 

Der R. Isaak, Sohn des Gerschom, Altester des "Grofien 
Wohltatigkeits-Sammelbechers", hat den Vorstehern des Kahal folgendes 
vorgetragen: Wegen Mangels an Barmitteln in dem dem Isaak 
anvertrauten Sammelbecher war Isaak gezwungen, fiir unumgangliche 
Forderungen des Kahal 50 Rubel aus seiner Tasche zu bezahlen - 
Auslagen, die zu Lasten des Sammelbechers geschahen. Bei den 
Neuwahlen fiir die Amter des Kahalvorstandes, wobei Isaak vielleicht 
sein Amt verlieren konnte, fordert er vom Kahal die Begleichung seiner 
Schuld. Nach Priifung dieser Forderung hat der Kahal beschlossen: 
Wenn durch die Neuwahlen neue Altesten fiir den grofien 
Sammelbecher ernannt werden, kann der erste von ihnen sein Amt nur 
antreten, nachdem er dem R. Isaak die genannte Schuldsumme bezahlt 
hat. 

Nr. 207 (= II. 241). Von der Enthebung der ortlichen 
permanenten Dajjanim von der Beurteilung von 

Konkurssachen. 

Mittwoch, den 12. Nisan 5562 (2. April 1802). 

Bei Gelegenheit der Losung der Streitfrage zwischen Chajjim, Sohn 
des Isaak, und einigen anderen Personen, in Bezug auf die 
Schuldeintreibung von R. Saul, Sohn des Wolf, und seiner Tochter 
Chajja, hat R. Chajjim dem Kahal iibermittelt, daG die hiesigen Dajjanim 
nicht als Richter in diesen Dingen auftreten konnen, da sie selbst unter 
den Glaubigern sind. Daher hat der Kahal beschlossen, die hiesigen 
Dajjanim von der Beurteilung dieser Sache zu entheben und aus anderen 
Stadten Dajjanim hierfiir zu berufen. AUes dieses ist einstimmig auf 
Grund der Gesetze und Brauche beschlossen. 

Nr. 208 (= II. 242). Von der Bestrafung des R. Arjeh 
Leib, Sohnes des Schalom. 

Mittwoch, den 12. Nisan 5562 (2. April 1802). 



177 



Da der Arjeh Leib, Sohn des Schalom, die Beschliisse des Bet Din 
nicht ausgefiihrt hat, ist von den Kahal-Vorstehern beschlossen, ihn fiir 
intmer aus alien Briiderschaften, deren Mitglied er ist, auszuschliefien, 
was einmiitig nach Gesetzen und Brauchen beschlossen wurde. 

Nr. 209 (= II. 243). Von den Anspriichen des R. Moses, 
Sohnes des Jakob, an die Kahalvorsteher. 

Mittwoch, den 12. Nisan 5562 (2. April 1802). 

Rabbi Moses, Sohn des Jakob, der im vorigen Jahre das Besitzrecht 
auf die steinernen Laden des Pan Gilewitsch auf dem Hohen Markte 
erwarb, wofiir er ein gesiegeltes und unterschriebenes Dokument erhielt, 
hat bis heute nicht voU bezahlt; es bleibt noch eine Schuld von 40 Rubeln. 
Nun teilte Moses heute dem Kahal mit, daG die heilige Briiderschaft der 
Totenbestatter gegen dieses Besitzrecht Einspruch erhebt und er sie nur 
zur iJberlassung seiner Rechte bewegen konnte durch die Verpflichtung, 
ihr einen Rubel jahrlich zu zahlen. AuGerdem erhob der R. Isaak, Sohn 
des Elia, auch noch auf Grund eines anderen alten Dokuments 
begriindete Anspriiche. 

Auf Grund dessen hat der Kahal-Vorstand beschlossen, den R. 
Moses von seiner Schuld zu entbinden, dafiir, daG er den Kahal 
seinerseits von der Vertretung seiner Rechte bei kommenden Prozessen 
befreit, die er selbst zu fiihren hat. AUes dieses beschlofi der Vorstand 
einmiitig auf Grund der Gesetze und Brauche. 

Nr. 210 (= II. 244). Von der Wahl der Dajjanim. 

Am Vorabend des Donnerstag, 13. Nisan 5562 (3. April 1802). 

Von dem Kahalvorstand ist im Einverstandnis mit der AUgemeinen 
Versammlung beschlossen worden, daG die Wahler (der Glieder der 
Gemeindeverwaltung), die zur diesmaligen Ballotage schreiten, nicht die 
Richter wahlen, sondern diese letzteren von einer aufierordentlichen 
Versammlung noch vor den allgemeinen Wahlen zu wahlen sind. 
Ausnahmen sind: der Gaon, Vorsitzender des hiesigen Bet Din, und sein 
Sohn Michael. AUes dieses ist einstimmig beschlossen nach Gesetzen 
und Brauchen. 



178 



Nr. 211 (= II. 245). Von dem Ausschlufi desjenigen aus 

alien Briiderschaften, der den Beschliissen oben 

genannter Richter zuwiderhandelt. 

Am Vorabend des Donnerstag, 13. Nisan (3. April 1802), wurde von 
den Kahal-Vorstehern und der AUgemeinen Versammlung beschlossen: 
Wer in unserer Stadt die Beschliisse des Bet Din in Bezug auf die neuen 
Richter nicht respektiert, im Falle sie unter dem Cherem bekannt 
gemacht werden, wird fiir immer von alien Briiderschaften 
ausgeschlossen, deren Mitglied er ist. Dabei soil folgendes Recht gelten: 
die Schammaschim haben dem Ungehorsamen vorlaufig diesen 
BeschluS mitzuteilen. Wenn der Ungehorsame das nicht beachtet, so 
haben die Schammaschim den Monatsaltesten aller Briiderschaften 
mitzuteilen, daG er nie wieder zu deren Versammlungen geladen und 
sein Name in alien Biichern der Briiderschaften aus den Listen gestrichen 
werden muG. AUes dieses wurde einmiitig beschlossen nach Gesetz und 
Branch. 

Nr. 212 (= II. 246). Von der Ernennung von drei 

Kontrolleuren. 

Da von den zur KontroUe der Kahal-Rechnungen von der 
Aufierordentlichen Versammlung gewahlten drei Kontrolleuren sich nur 
zwei gemeldet haben, namlich R. Moses, Sohn des J., und R. Isaschar 
Beer, Sohn des Isai, haben die Vorsteher des Kahal beschlossen, 
zusammen mit der AUgemeinen Versammlung, zu den zwei 
Kontrolleuren noch einen unter den Ex-Hauptern zu ernennen zur 
Durchsicht aller Abrechnungen des Kahal-Vorstandes iiber Einnahmen 
und Ausgaben des verflossenen Jahres. Dazu ist ernannt R. Wolf, Sohn 
des Abraham, im Einverstandnis aller nach Gesetz und Branch. 

Nr. 213 (= II. 248). Von der Verleihung des Wahlrechtes 
und des Titels Ex-Haupt an verschiedene Personen. 

In der Sitzung des Kahal-Vorstandes am 2. Passahtag ist beschlossen 
worden, das dauernde Wahlrecht und den Titel Ex-Haupt zu verleihen 
an: Arjeh Leib, Sohn des Eleasar, Segal; das dauernde Wahlrecht an R. 
Mardochai, Sohn des R. Moses; R. Oscher, Sohn des Simeon; seinen 
Schwager R. Nehemia, Sohn des Joseph; R. Jakob, Sohn des Moses, und 
N. Israel Issar, Sohn des Gerschom; den Titel "Ex-Haupt" aber an: R. 



179 



David, Sohn des Eleasar; R. Salomon, Sohn des Samuel; R. Chajjim, Sohn 
des Isaak Aisik, und R. Moses, Sohn des Zewi Hirsch. 

In derselben Versammlung wurde das Besitzrecht auf sein eigenes 
Haus in der FranziskanerstraGe dem Israel Issar verkauft. Ebenso erhielt 
das immerwahrende Wahlrecht: R. Arjeh, Sohn des Isaak Aisik, und R. 
Beer, Sohn des Eleasar Segal. 

Nr. 214 (= II. 250). Von der Bestatigung der 
Bestimmung des Kahal vom 28. Siwan 5562 (28. Mai 

1802). 

Auf allgemeinen BeschluG vom 28. Siwan 5562 (1802) wurde (siehe 
Akte 140) verfiigt, daG in alien stadtischen Dingen fiinf Vorsteher der 
Stadt sich der VoUzugsgewalt aller sieben Vertreter des ganzen Kahal 
erfreuen. Um MiGverstandnissen in Bezug auf die Akte Nr. 140 
vorzubeugen, ist heute im Einverstandnis des iiblichen Mitglieder- 
bestandes und der sieben Vorsteher der Stadt verfiigt worden, die 
Entschliefiungen der fiinf oder sechs Vorsteher bis zum heutigen Tage 
des 28. Siwan 5562 (1802) zu beglaubigen und ihnen die Rechtsgiiltigkeit 
der Beschliisse des ganzen Kahal zu erteilen. AUes dieses ist einmiitig 
ohne jeden Widerspruch am dritten Passahtag 5562 (1802) zu Minsk auf 
Grund der Gesetze und Brauche beschlossen worden. 

Nr. 215 (= II. 251). Von der Bestrafung des R. Abraham 
Abel, Sohnes des Isaak Aisik, wegen Ungehorsam gegen 

den Kahal. 

Am dritten Passahtag (7. April 1802): Wegen Nichtbefolgung der 
Beschliisse des Kahal durch R. Abraham Abel, Sohn des Isaak Aisik, ist 
vom Vorstand des Kahal beschlossen, R. Abraham Abel fiir ein Jahr von 
den Wahlen auszuschliel^en. Dieses ist einstimmig von der iiblichen 
Anzahl der Mitglieder des Kahal in dessen Zimmer nach Gesetz und 
Branch beschlossen. Anmerkung: Am selben Tage wurde dem Abraham 
Abel verziehen und er wieder in seine friiheren Rechte eingesetzt. 

Nr. 216 (= II. 252). Von der Schlichtung des Streites 
zwischen Joel, Sohn des Meyer, und R. Jehuda Leib, 

Sohn des Moses. 

Am dritten Passahtag prasentierte der R. Joel, Sohn des R. Meyer, 
dem Kahalvorstand ein Dokument, wonach das Besitzrecht auf das Haus 



180 



mit alien Gebauden in der Kaidanski-StraGe nicht dem R. Jehuda Leib, 
Sohn des Moses, der es mit alien Rechten kaufte, gehort, sondern ihm. 
Aufierdem prasentierte Joel noch eine Beglaubigung des Rechtes, woraus 
ersichtlich, dafi einige Glieder des Kahal das Dokument nicht als 
gesetzlich anerkannten. Daraufhin hat der Kahalvorstand zum 
Advokaten ernannt den geehrten R. Jakob, Sohn des Joseph, Jechiel, und 
obengenannten R. Jehuda Leib und sie mit Fiihrung des Prozesses im 
Namen des Kahal vor dem Bet Din betraut. Dem R. Jehuda Leib befahl 
der Kahal, sofort vier Tscherwonetz bei irgendeiner Privatperson unter 
folgenden Bedingungen zu hinterlegen: Wenn dieser Prozefi fiir den 
Kahal gewonnen wird, so hat R. Jehuda Leib 2 Tscherwonetz zuzufiigen, 
wofiir er das ewige Besitzrecht erhalt. Wenn der Prozefi gegenteilig 
entschieden wird, erhalt R. Jehuda Leib seine 4 Tscherwonetz zuriick. 
Diese 4 Tscherwonetz hat der R. Jehuda Leib bei R. Moses, Sohn des 
Jakob, hinterlegt. 

Nr. 217 (= II. 253). Von der Wahl von sechs Aufsehern 
iiber die Dreigroschen-Abgaben. 

Am Vorabend des Dienstag, d. 18. Nisan 5562 (1802), ist vom 
Kahalvorstand und der AUgemeinen Versammlung beschlossen, sechs 
Aufseher fiir die Drei-Groschen-Abgaben zu ernennen auf Grund der 
Bestimmungen und Dokumente, die sich bei dem BevoUmachtigten 
dieser Abgaben schon seit langem befinden und schon lange vom 
Komitee bestatigt sind. Folgende Aufseher sind ernannt: 1. R. Leib, Sohn 
des J.; 2. R. Isaak, Sohn des E.; 3. R. Aisik, Sohn des Zewi Hirsch M.; 4. R. 
Chajjim, Sohn des J. Segal; 5. R. Wolf, Sohn des Zewi Hirsch; 6. R. Nota, 
Sohn des Eliakim Herz. Diese Aufseher sind auf ein Jahr, von heute bis 
zu den Neuwahlen zu Passah 5563, ernannt auf Grund von Gesetz und 
Branch. 

Nr. 218 (= II. 254). Von der Entscheidung der Frage, 

wer von den Kahalvorstehern bei der Wahl der 

standigen Richter mitstimmen darf. 

Am Vorabend des Dienstag, d. 18. Nisan 5562 (1802). 

Auf Antrag des Monatsaltesten, die Richter auGer den allgemeinen 
Wahlen zu ernennen, und auf Grund der Bestimmungen der 
Allgemeinen Versammlung vom 13. Nisan (Nr. 210) haben einige 
Mitglieder der Allgemeinen Versammlung ihre Stimme nicht abgegeben. 



181 



indem sie eine vorlaufige Auseinandersetzung mit dem Kahal vor drei 
Richtern iiber die Kompetenz der Mitglieder der AUgemeinen 
Versammlung fordern, da nach ihrer Meinung auf Grund der 
Bestimmungen des 13. Nisan die Richterwahl nur dann gesetzlich ist, 
wenn die Zusammensetzung der Mitglieder nach dem heiligen jiidischen 
Gesetz geschieht. Da der Kahal und die AUgemeine Versammlung diese 
gerechte Forderung anerkennen, ernennen sie drei Dajjanim (Richter) 
zur Beurteilung des Falles: den Rabbiner und Prediger der Briiderschaft 
der Totenbestatter Rabbi Gaon Michael, und den Rabbiner und Prediger 
R. Moses, Sohn des Salomon. Zu Sachwaltern wurden von seiten des 
Kahal ernannt: R. Moses, Sohn des R. Jakob, und R. Samuel, Sohn des 
Dan; von der Gegenpartei: R. Jehuda Leib, Sohn des Jakob, und R. 
Chajjim, Sohn des Isaak. 

AUes dieses ist einstimmig von alien Mitgliedern nach Gesetz und 
Gebrauch beschlossen worden. Nach Beendigung dieses Verfahrens 
wird man zur Wahl der Dajjanim (Richter) schreiten nach den 
Bestimmungen vom 13. Nisan. 

Nr. 219 (= II. 255). Von der Wahl der standigen Richter. 

Am Dienstag, am 4. Passahfesttag 5562 (8. April 1802), ist vom 
Kahal-Vorstand und der AuGerordentlichen Versammlung beschlossen: 
Von alien Mitgliedern sind geheime Stimmen zu sammeln zur Wahl von 
fiinf standigen Richtern. Die Ballotage hat sofort nach den allgemeinen 
Wahlen zu geschehen, und zwar folgendermaGen: Sofort nach SchluG 
der allgemeinen Wahlen haben sich die Notare des Kahal zu alien 
Mitgliedern in die Hauser zu begeben, um die Stimmen fiir die Richter 
einzusammeln. Die Liste der Kandidaten fiir das Amt der standigen 
Rechter soil jedem Mitglied der Allgemeinen Versammlung durch die 
Kahal-Notare vorgelegt werden. Die fiinf Kandidaten, die dann bei der 
endgiiltigen Wahl die Stimmenmehrheit haben, bleiben standige Richter 
bis zum Passahfest 5563 (1803). 

Nr. 220 (= II. 256). Von der Wahl der fiinf standigen 

Richter. 

Nach den allgemeinen Wahlen haben die Mitglieder der 
Allgemeinen Versammlung in geheimer Ballotage fiinf standige Richter 
gewahlt, die ein Jahr dieses Amt versehen, von heute bis Ende des 



182 



Laubhiittenfestes 5563 (1803). Dieser BeschluS ist im Kahalhause 
bestatigt. Gewahlt sind folgende: 

1. R. Samuel, Sohn des R. Jechiel Michael, Segall, 

2. R. Joseph, Sohn des R. Michael, Segall, 

3. R. Samuel, Sohn des R. Aaron, 

4. R. Abel, Sohn des R. Isaak Aisik, 

5. R. Jakob, Sohn des R. Saul. 

Nr. 221 (= II. 257). Von der Neuwahl der Kahal- 

Mitglieder. 

Zur guten Stunde! Liste der zu Vorstehern und Vertretern 
ernannten Personen vom Ende des Passah 5562 (1802) bis zur selben Zeit 
5563 (1803): 
Raschim (Oberhaupter) : 

R. Samuel, Sohn des R. Dan, 

R. Moses, Sohn des R. J., 

R. Isaak, Sohn des R. J., 

R. Feitel, Sohn des R. J. 

Anmerkung. Auf Grund der Bestimmung des Bet Din ist R. 
Moses erstes Oberhaupt und R. Samuel, Sohn des Dan, zweites. 
Tubim (Vorsitzende) : 

R. Saul, Sohn des S., 

R. Hirsch, Sohn des R., 

R. Chajjim, Sohn des Jossel, 

R. Joseph, Sohn des J., Segal. 
Ikkarim (wirkliche Mitglieder): 

R. Abraham, Sohn des A., 

R. Schelomo, Sohn des Sch., Segal, 

R. Isaak, Sohn des Gerschom. 

Anmerkung. SoUte auf Grund der Vorschriften iiber 
Verwandtschaft der einzelnen Mitglieder R. Schelomo Segal sein Amt 
nicht fiihren diirfen, so wird R. Moses, Sohn des J., ernannt. 
Gabbaim (Alteste). 

R. Isaak, Sohn des Zewi Hirsch, 

R. Salman, Sohn des Pessach, 

R. Leib, Sohn des Eleasar, Segal, 

R. Samson, Sohn des J. 
Kandidaten fiir diese Amter bei Ausfallen. 



183 



R. Hillel, Sohn des A., 

R. Isaak, Sohn des Elia, 

R. Faiwusch, Sohn des Segal, 

R. Kalman, Sohn des G., 

R. Eleasar, Sohn des EHa, 

R. Abraham, Sohn des Simon. 

Dieses alles ist von uns, den Wahlern, auf Grund der heiHgen 
Gesetze nach bestem Wissen und Gewissen bestimmt. Zur Beglaubigung 
dessen unterzeichnen wir: 

Mittwoch, den 3. Passahtag 5562 (9. April 1802). 

Saul, Sohn des R. Sew Wolf Ginsburg, 

Salomon, Sohn des R. Samuel, Segal, 

Jehuda Arjeh Leib, Sohn des R., 

Salomon, Segal, 

Isaak, Sohn des R. Gerschom, 

Eleasar, Sohn des R. Elia. 

Nr. 222 (= II. 258). Von dem Protest einiger Mitglieder 
der Allgemeinen Versammlung gegen die Ernennung 

der Dajjanim (Richter). 

Mittwoch, den 3. Passahtag 5562 (9. April 1802). 

Von einigen Mitgliedern der Allgemeinen Versammlung wurde ein 
Protest bei dem Kahal-Vorstand und dem Gaon, dem Vorsitzenden des 
hiesigen Bet Din, eingereicht wegen der Wahl der standigen Richter in 
geheimer Ballotage, welche nach sehr alten Regeln der Allgemeinen 
Versammlung folgendermaGen zu geschehen hat. Gleich nach der 
allgemeinen Wahl miissen die Notare die Stimme aller Mitglieder der 
Allgemeinen Versammlung fiir die Wahl von fiinf standigen Richtern 
sammeln, indem sie sich zu jedem ins Haus begeben. Die Liste der 
Kandidaten fiir die Richter muG jedem Mitglied vorgelegt werden. Die 
Kandidaten, die die Stimmenmehrheit haben, miissen in ihrem Amt 
bestatigt werden. Das sind die Regeln, die nach einmiitigem BeschluG 
eingehalten werden miissen. Unterdessen ist aber von diesen Regeln 
abweichend die Wahl der fiinf Richter im Kahalhause mittels geheimer 
Ballotage vorgenommen worden. Dieser Bruch der alten Regeln nahm 
einigen Mitgliedern die Moglichkeit, die Richter mitzuwahlen, da viele 
sich nach Hause begaben, indem sie gemal? den alten Regeln die Be- 



184 



stimmung der Richter durch Listenmehrheit erwarteten (wie oben). 
Ohne Zweifel hatten viele, wenn sie von dieser Anderung friiher gewuSt 
hatten, sich in das Haus des Kahal begeben, um ihre Stimme dort 
abzugeben. 

Nr. 223 (= II. 259). Von der Ernennung des R. Mendel, 
Sohn des Leib, zum standigen Richter. 

Mittwoch, am 3. Passahtage 5562 (9. April 1802). 

Auf einstimmigen BeschluS der Vorsteher des Kahal ist verfiigt, den 
R. Mendel, Sohn des Leib, bis zu Passah 5563 (1803) in die Zahl der 
standigen Richter aufzunehmen. 

Nr. 224 (= II. 260). Von der Verpflichtung des 

Monatsaltesten, an den Sabbaten, die in seinen 

Amtsmonat fallen, in der grofien Synagoge zu beten. 

Sonnabend, am letzten Passahtage 5562 (12. April 1802), wurde von 
den Kahalvorstehern beschlossen: Jeder Monatsalteste hat an den 
Sabbattagen, die in seinen Monat fallen, in der grofien Synagoge zu 
beten. Diese Bestimmung ist von den Kahalvorstehern einmiitig nach 
Gesetz und Branch getroffen. 

Anmerkung: Der Monatsalteste R. Moses, Sohn des J., hat gegen 
diese Bestimmung protestiert und den Wunsch geauGert, diese Frage zur 
Losung vor den Bet Din zu bringen. 

Nr. 225 (= II. 261). Von der Verleihung des 

Wahlrechtes. 

Sabbat, am letzten Passahtage 5562 (1802), ist vom Kahalvorstand 
beschlossen worden, daG niemand im Laufe dieses Jahres ein Wahlrecht 
hat ohne Einverstandnis aller Mitglieder des Kahal, was einstimmig nach 
Gesetz und Branch bestimmt worden ist. 

Nr. 226 (= II. 262). Verbot fiir die Schachter, die 

Schachtung von Vieh oder Gefliigel mit einem 

nachgeschliff enen Messer vorzunehmen. 

Sabbat, am letzten Tage des Passah 5562 (1802), wurde von den 
Vorstehern des Kahal beschlossen, daG die Schachter im laufenden Jahre 



185 



unter gar keinen Umstanden Vieh oder Gefliigel mit einem nachge- 
schliffenen Messer schachten diirfen. Die Monatsaltesten dieses Jahres 
diirfen unter gar keinen Umstanden von diesem Beschlusse abweichen, 
wie auch den Kahalbeamten verboten wird, fiir eine solche Abweichung 
Stimmen zu sammeln. 

Anmerkung: Hiergegen hat der R. Moses, Sohn des J., protestiert. 

Nr. 227 (= II. 263). Von der Aufnahme des R. Moses, Sohn des Model, 

unter die Kahalvorsteher. 

Sonntag, den 23. Nisan 5562 (1802). 

Da einige der Kahalvorsteher untereinander verwandt sind und so 
niemals auf gesetzlichem Wege die sieben notwendigen Stimmen bei 
Beurteilung von Fragen, die dem Kahal unterstehen, 
zusammenkommen, hat der Kahalvorstand verfiigt, dem Kahal noch ein 
Mitglied zuzufiigen, namlich den R. Moses, Sohn des Model, und ihm 
auf ein Jahr den Titel Tub mit alien Rechten der iibrigen Mitglieder zu 
verleihen. 

AUes dieses wurde einstimmig nach Gesetz und Branch 
beschlossen. 

Nr. 228 (= II. 264). Von der Begliickwiinschung der 
Beamten und Behorden zu Ostern. 

Sonntag, den 23. Nisan 5562 (1802), ist von den Kahalvorstehern 
beschlossen worden, daG die BevoUmachtigten fiir die Abgabe von 
Fleisch aus ihrer Kasse 800 polnische Sloty (120 Rubel Silber) 
auszuwerfen haben zwecks Begliickwiinschung der christlichen Beamten 
und Behorden zu Ostern. 

Nr. 229 (= II. 265). Zusatz zu Akte Nr. 224. 

Die Vorsteher des Kahal haben die am letzten Passahtage 
aufgestellten Bestimmungen fiir die Monatsaltesten, in der grofien 
Synagoge an den in ihren Amtsmonat fallenden Sabbaten zu beten, 
bekraftigt und beglaubigt und ihnen Rechtskraft verliehen von heute bis 
zum 28. Kislew 5563 (11. Okt. 1803). Heute wird noch folgendes 
hinzugefiigt: Wenn ein Monatsaltester dieser Bestimmung 
zuwiderhandelt, so verliert er sein Amt. AuGerdem kann die Aufhebung 



186 



der Bestimmungen nur unter Einverstandnis aller Kahalvorsteher 
geschehen - und zwar mit dem Rechte des "liberum veto". AUe 
Mitglieder miissen dabei anwesend sein; bei Abwesenheit eines einzigen 
ist die Aufhebung unmoglich. AUes dieses wurde einstimmig im 
Amthause des Kahal verfiigt Dienstag, den 25. Nisan 5562 (1802) zu 
Minsk. 

Nr. 230 (= II. 266). Nachtrag zur Akte Nr. 225. 

Dienstag, den 25. Nisan 5562 (1802). 

AuSer der Beglaubigung alles dessen, was in Nr. 225 gesagt ist, 
haben die Vorsteher des Kahal heute hinzugefiigt, daG bei der 
Verleihung des Wahlrechtes an irgend jemand fiir das laufende Jahr das 
Recht des "liberum veto" angewendet werden soil. Ebenso wurde 
verfiigt, daG die Notare, falls es gewiinscht wird, von der Beantwortung 
einer Frage die Mitglieder vorlaufig zu unterrichten haben. Alles dieses 
ist einstimmig im Hause des Kahal verfiigt worden. 

Nr. 231 ( = 11. 267). Nachtrag zur Akte Nr. 226. 
Dienstag, den 25. Nisan 5562 (1802). 

AuGer der Beglaubigung dessen, was in Nr. 226 bestimmt worden 
ist, namlich des Verbotes, mit einem nachgeschliffenen Messer die 
Schachtung auszufiihren, haben die Kahalvorsteher verfiigt, auch bei 
dieser Angelegenheit das "liberum veto" zu bewilligen. 

Alles dieses ist einmiitig im Hause des Kahal beschlossen worden. 

Nr. 232 (= II. 268). Von dem Protest des Altesten R. 
Moses, Sohn des J., gegen die zwei Bestimmungen Nr. 

224 und Nr. 226. 

Gegen die Verfiigungen, daG die Monatsaltesten an ihren Sabbaten 
in der grofien Synagoge beten soUen, und daG die Schachtung nicht mit 
nachgeschliffenem Messer geschehen darf, hat der Alteste R. Moses, 
Sohn des J., protestiert. Er fordert, diese Angelegenheit dem Bet Din zur 
Entscheidung vorzulegen. Infolgedessen haben die Kahalvorsteher als 
ihre Advokaten die Oberhaupter R. Samuel, Sohn des Dan, und R. 
Chajjim, Sohn des Isaak Aisik, ernannt, um die Angelegenheit gerichtlich 
zu entscheiden. 



187 



Nr. 233 (= II. 269). Von der Urlaubserteilung auf drei 
Monate an den Kahalbeamten R. Jehuda Leib. 

Sabbat, Abschnitt Tasria 5562 (1802). 

Da die Kahalvorsteher verfiigt haben, dem hiesigen Kahalbeamten 
Jehnda Leib, Segal, einen Urlaub auf drei Monate zu erteilen, haben die 
neuen Kahalvorsteher heute am Sabbat, Abschnitt Achare moth, am 
Vorabend des 1. Ijjar 5562 (20. April 1802), diesen Urlaub dem R. Leib 
bewilligt und ihm erlaubt, zu reisen. 

AUes dieses ist einmiitig am genannten Sabbat verfiigt.*) 

Nr. 234 (= II. 270). Von der Beglaubigung des Urlaubes 
an R. Leib vom vorhergehenden Dokument durch den 

Bet Din. 

Der in Nr. 197 und 233 bewilligte Urlaub an Jehuda Leib wird 
hierdurch voUgiiltig vom Bet Din bekraftigt, und niemand, auch keine 
Gemeinde (Kahal), hat das Recht, irgendwelche Anspriiche an ihn zu 
stellen oder ihn zuriickzuhalten. Zur Beglaubigung dieses 
unterschreiben wir eigenhandig: Sonntag, am ersten Tage des neuen 
Monats Ijjar 5562 (20. April 1802): 

Sacharja Mendel, Sohn des R. Arjeh Zewi, 

Samuel, Sohn des Aaron Saul, 

Jossel, Sohn des Michael. 

Nr. 235 (= II. 272). Von der Ernennung dreier 

Bevollmachtigter zur Erledigung der Angelegenheit der 

Witwe Rasche und der Nachkommen des Eliakim Herz. 

Sabbat, Abschnitt Emor, 13. Ijjar 5562 (1802). 

Zur Fiihrung der Streitsache der Witwe Rasche mit dem Kahal 
haben dessen Vorsteher zusammen mit den Oberhauptern verfiigt. 



Nr. 233 und Nr. 234 zeigen deutlich, dafi der Beschlufi am Sabbat, die 
Niederschrift am Sonntag darauf erfolgt ist - gemafi dem uralten Brauche des 
Sanhedrin, am Sabbat zu tagen, am Sonntag aber oder einem der folgenden Tage 
die Beschliisse niederzuschreiben. Die Unwissenheit des Autors in der 
"Jiidischen Enzyklopadie", der in der Sabbat-Datierung den Beweis der Falschung 
Brafmann's sieht (s. Seite XVI f.), ist beklagenswert. Oder sollte er sich nur unwissend 
gestellt haben? D. H. 

188 



durch Wahl zwei BevoUmachtigte zu ernennen, die zusammen mit dem 
Monatsaltesten R. Moses, Sohn des J., der die Witwe vertritt, zum Bet 
Din gehen und die Angelegenheit auf friedliche Weise beenden soUen; 
ebenso soUen diese drei die Angelegenheit der Nachkontmen des 
Eliakim Herz friedlich oder gerichtlich erledigen, die sich auf den 
Schuldschein bezieht, der sich unter den Papieren des verstorbenen 
Israel, Schammasch, befand; schliefilich soUen sie die Angelegenheit mit 
dem R. Michael regeln betr. des Rechtes, das ihm der Kahal auf das Haus 
der obengenannten Witwe gab. Da aber infolge von Verwandtschaft der 
Monatsalteste nicht kompetent ist, so wurde an seiner Stelle sein Vater, 
R. Leib, ernannt. Gewahlt sind ferner: R. Saul, Sohn des S. W., und R. 
Abraham Heiner. Von den Vorstehern des Kahal wurde ferner 
beschlossen, daG die Verwalter der Wohlfahrtssammelbiichse das Recht 
haben, diese Biichse in alien Synagogen und Lehrhausern, in den 
Frauen- und Mannerabteilungen anzubringen. Wenn irgendeine 
Briiderschaft dagegen protestiert, so haben die Verwalter auf Grund 
dieses Beschlusses VoUmacht, vor dem Bet Din Klage zu fiihren. Zur 
Schlichtung der Streitfragen zwischen den hiesigen Musikanten sind 
dieselben obengenannten BevoUmachtigten, R. Saul und R. Abraham, 
ernannt. 

Nr. 236 (= II. 273). Nachtrag zu Akte Nr. 235. 

Dienstag, 16. Ijjar 5562 (6. Mai 1802), ist von den Kahalvorstehern 
beschlossen worden, den R. Zewi Hirsch, Sohn des R. Ruben, zum 
BevoUmachtigten von Seiten des Kahal zu ernennen, gleichberechtigt mit 
den drei genannten BevoUmachtigten, zur Schlichtung der 
Angelegenheit der Witwe Rasche und aller anderen Fragen. 

Nr. 237 (= II. 274). Uber die Verleihung des 

Wohnrechtes zu Minsk an den reichen R. Eleasar, Sohn 

des Salomon Sellmann, aus Jakobowitsch. 

Dienstag, den 23. Ijjar 5562 (13. Mai 1802), ist von den 
Kahalvorstehern beschlossen worden, das ewige Wohnrecht in Minsk 
dem reichen R. Eleasar, Sohn des R. Salomon Sellmann aus Jakobowitsch 
wie auch seinen Nachkommen zu verleihen und sie in alien Stiicken als 
unsere richtigen Gemeindeglieder anzuerkennen. Ebenso wird dem 



189 



Eleasar das Besitzrecht auf alle Hauser und Gebaude verliehen, die er 
voriges Jahr verwaltete, wie auch auf die des angrenzenden Platzes, die 
ihm im Kaufbrief der Behorde zum Eigentum gegeben sind. Ebenso wird 
dem Eleasar das Besitzrecht aus den Platz des Pan Gilewitsch (den dieser 
wiederum von Pan Wolotkowitsch erwarb) wie auf alles Erdreich, das zu 
dem Besitz des Pan Gilewitsch auf dem Hohen Markte zugefiigt werden 
konnte, verliehen. Das Recht auf alles dieses vom Mittelpunkt der Erde 
bis zur Hohe des Himmels ist dem R. Eleasar, seinen Nachkommen und 
Rechtsnachfolgern fiir alle Zeit vom Kahal verkauft worden. Die hierfiir 
schuldigen Gelder sind von ihm bezahlt worden. Die Verantwortung fiir 
alles dieses iibernimmt der Kahal nicht, aufier beim Verkauf des Platzes 
von Pan Gilewitsch, wofiir der Kahal gegen jeden Protest einzutreten 
sich verpflichtet. 

Hierbei ist hinzuzufiigen, daG die Verantwortung des Kahal 
gegeniiber Protesten sich nicht auf Proteste des reichen R. Salomon, Sohn 
des Samuel, Segal, auf Grund seiner Dokumente in Sachen des Platzes 
von Pan Gilewitsch bezieht. 

Nr. 238 (= II. 275). Von der Erteilung des Wahlrechtes 
an R. Israel Jssar, Sohn des Abraham. 

Dienstag, 23. Ijjar 5562 (1802). 

In allgemeinem Einverstandnis haben die Kahalvorsteher dem R. 
Israel Issar, Sohn des R. Abraham, dasselbe Wahlrecht verliehen wie den 
anderen Mitgliedern, allerdings nur dann, wenn der reiche R. Samuel, 
Sohn des Dan, nach seiner Riickkehr aus Riga damit einverstanden ist. 

Anmerkung: Der obengenannte R. Samuel war einverstanden. 

Nr. 239 (= II. 276). Von der Bestrafung der gegen 
Beschliisse des Bet Din Ungehorsamen. 

Donnerstag, den 25. Ijjar 5562 (15. Mai 1802), ist von den 
Kahalvorstehern beschlossen worden, daG Personen, die sich den 
Entscheidungen des Bet Din (Gerichtshofs) widersetzen, aller 
Besitzrechte verlustig gehen, die sie in diesem Jahre erwarben, sei es 
durch Kauf oder Geschenk, so daG alle Dokumente, die sie hieriiber vom 
Kahal erhielten, als ungiiltig, ungesetzlich und nie dagewesen gelten - 
wie zerbrochenes Glas! 



190 



Nr. 240 (= II. 278). Von der friedlichen Einigung des 
Kahal mit der Witwe Rasche. 

Sonntag, den 28. Ijjar 5562 (18. Mai 1802), haben die Vorsteher des 
Kahal sich mit der Witwe Rasche (wie in Nr. 235 erwahnt) giitlich 
geeinigt, indem sie ihr die ihr gerichtlich zugesprochenen Gelder vol! 
ausbezahlt haben und zwar 563 Sloty und 10 Groschen (84 Rubel 50 
Kop.). Sie hat darauf mit ihrem Sohne dem Kahal eine Quittung 
ausgestellt und ihm alle Papiere ausgehandigt. AUe diese Dokumente 
sind dem Notar des Kahal, R. Baruch, zur Aufbewahrung iibergeben 
worden. 

Nr. 241 (= II. 279). Von der giitlichen Einigung des 
Kahal mit den Erben des Eliakim Herz, Sohn des David. 

Am Sonntag, den 28. Ijjar, haben die Vorsteher des Kahal sich mit 
den Erben des R. Eliakim Herz, Sohn des David, giitlich geeinigt betreffs 
des Schuldscheines auf 300 polnische Sloty (45 Rubel Silber) von dem 
Verstorbenen, der sich beim Kahalvorstand befand. Die Erben des 
genannten Eliakim bezahlten dem Kahal 40 Rubel Silber, und der Sohn 
des Verstorbenen, R. Nota, hat dem Kahal alle erhaltenen Papiere, die 
sich auf die wegen Bezahlung Kaiserlicher Steuern aufgestellten 
Forderungen bezogen, ausgehandigt und den Vorstehern des Kahal 
durch Unterschrift bestatigt, daG er auf alle Forderungen verzichte. Diese 
Bestatigung ist dem Notar R. Baruch zur Aufbewahrung gegeben 
worden. 

Nr. 242 (= II. 277). Von der Verordnung fiir die 
Briiderschaft der Schneider. 

Sabbat, Abteilung Bechukkotai 5562 (17. Mai 1802). 

Da die hiesige Briiderschaft der Schneider den Wunsch geauGert 
hat, fiir sich ein eigenes Bethaus auf dem Synagogenhof zu kaufen, und 
dafiir die Bestatigung des Kahal nachgesucht hat, ist von dessen 
Vorstehern zusammen mit der Versammlung friiherer Oberhaupter 
beschlossen worden, fiinf Personen zu ernennen: zwei von den 
Vorstehern, zwei von den friiheren Oberhauptern und einen von den 
Dajjanim (Richtern) zur Aufstellung eines Reglements fiir das neue 
Bethaus, und um MaGnahmen zu ergreifen, dieses Reglement vor 



191 



ijbertretungen seitens der Briiderschaft zu schiitzen. Die Briiderschaft 
ihrerseits muS sich durch eigenhandige Unterschriften ihrer Mitglieder 
verpflichten, bis ins kleinste alles zu beobachten, was von den oben 
genannten fiinf Verfassern des Reglements bestimmt wird. Nur unter 
dieser Bedingung darf der Wunsch obengenannter Briiderschaft durch 
den Kahalvorstand erfiillt werden. 

Nr. 243(= II. 280). Von der Ernennung der Mitglieder 
zur Ausarbeitung des Reglements fiir die Briiderschaft 

der Schneider. 

Donnerstag, 3. Siwan 5562 (22. Mai 1802). 

Zur Abfassung des Reglements fiir das Bethaus der Briiderschaft 
der Schneider sind von den Vorstehern der Stadt ernannt worden: Zwei 
von den Vorstehern (R. Saul Hirsch, Sohn des R., und R. Joseph); zwei 
Mitglieder von den friiheren Oberhauptern: R. Moses, Sohn des R., und 
R. Beer, Sohn des Z., endlich der Dajjan (Richter) R. Samuel, Sohn des J, 
Segal. Diese haben bestimmt, der Briiderschaft den Kauf nur dann zu 
erlauben, wenn sie sich mit alien Punkten des aufzustellenden 
Reglements einverstanden erklart. Anderenfalls verbietet der Vorstand 
des Kahal alien Bewohnern des Synagogenhofes, der Briiderschaft 
irgendein Gebaude zu verkaufen. 

Nr. 244 (= II. 282). Von der Abrechnung iiber die fiir 

Begliickwiinschung der Beamten und Behorden zum 

(christlichen) Neujahr ausgegebenen Gelder. 

4 Zuckerhiite Raffinade zu 82 Pfund 18 Lot kosten 233 polnische 
Sloty und 18 Groschen. Wir, die Unterzeichneten, sind von der 
AUgemeinen Versammlung zur KontroUe der Abrechnung des Kahal- 
Vorstandes iiber die Ausgaben zur Begliickwiinschung der (christlichen) 
Beamten und Behorden zum (christlichen) Neujahr ernannt worden und 
haben genau zusammengezahlt, wieviel jeder der hier Erwahnten aus 
seiner Tasche fiir diesen Zweck zu Gunsten des Kahal ausgab: 

R. Isaak, Sohn des Isaak, 108 Rubel 

R. Moses, Sohn des Jakob, 12 " 5 Kop. 

R. Joseph, Sohn des Isaak, Segal, 30 " 

R. Faitel, Sohn des Isaak, 5 " 

R. Salomon, Sohn des Sch., Segal, 5 " 



192 



R. Moses, Sohn des H., 5 " 

R. Leiser, Sohn des I., Segal, 10 " 76V2 " 

R. Gerschom, Sohn des Arjeh, 16 " 76 " 

Summe: 191 Rubel 931/2 Kop. 

Im ganzen also schuldig 191 R. 93y2 Kop. Zur Beglaubigung 
unterschreiben wir eigenhandig: Am Vorabend des Freitag, 5. Schebat 
5562 (1802), zu Minsk.*) 

Unterschriften: R. Moses, Sohn des Joseph Jechiel, R. Isaschar Beer, 
Sohn des Isai. (Eine Unterschrift fehlt.) 

Nach Aufstellung dieser ihnen zukommenden Rechnung erhielten 
die Kahalvorsteher 131 Rubel 63 Kop. Silber. Danach stellten die 
KontroUeure fest, daG die Kahalvorsteher noch 60 Rubel 3OV2 Kop. aus 
der Kahalkasse zu erhalten hatten. Zur Beglaubigung dieses 
unterzeichneten sie eigenhandig am Vorabend des Donnerstag, 13. 
Nisan 5562 (1802). 

Unterschriften: BevoUmachtigter Moses, Sohn des Joseph Jechiel, 
BevoUmachtigter Isaschar Beer, Sohn des Isai, BevoUmachtigter Sew 
Wols, Sohn des Oscher. 

AUes dieses ist kopiert, damit die Kahalvorsteher zur Erlangung 
obengenannter Summe diese Abrechnung dem BevoUmachtigen fiir die 
Abgaben vorlegen konnen. 

Nr. 245 (= II. 281). KontroUeure, denen die 

Bevollmachtigten der Drei-Groschen-Abgaben eine 

Abrechnung zu prasentieren haben. 

R. Isaak, Sohn des R., 

R. Hirsch, Sohn des Z. W. R., 

R. Michael, Doktor, 

R. Nota, Sohn des J. M., 

R. Sew Wolf, Sohn des A., 

R. Hillel, 

Rabbiner Mendel, 

R. Moses, Sohn des S., 

R. Gerschom, Sohn des Uria, 



Da die Sitzung am Donnerstag stattfand, wurde auch an demselben Tage 
unterschrieben. Nur die Sabbat-Beschliisse wurden an einem anderen Tage 
niedergeschrieben. D. H. 

193 



R. Moses, Sohn des U. L., 

R. Wolf, Sohn des A. Lipinski, 

R. Michael, Sohn des Moses, 

R. Herz, Sohn des J. 

( = 282). In derselben Versantmlung wurden vom Kahal-Vorstand 
beschlossen, dem Brautigam Simeon, Sohn des Meyer Chaet (?), den Titel 
"Morenu" zu verleihen. 

Nr. 246. Ernennung von sieben Bevollmachtigten zur 

Regelung der Angelegenheiten der Schankwirtschaften 

und zur Ausstellung der Regeln fiir deren Leiter. 

Montag, am zweiten Tage des Neumondes Ijjar 5562 (1802). 

Betreffs der Schank-Pachter haben die Kahalvorsteher und die 
AUgemeine Versammlung beschlossen, sieben BevoUmachtigte zur 
Regelung der Angelegenheiten der Schankwirtschaften und ihrer Wirte 
zu ernennen. Letztere haben den sieben Personen VoUmachten zu 
erteilen, alle sie betreffenden Dinge zu behandeln und sich dann deren 
Bestimmungen voU und ganz zu fiigen. Der Gaon und Bet Din haben alle 
Beschliisse jener sieben Bevollmachtigten zu beglaubigen und ihnen alle 
Hilfe zu gewahren, damit sie sich bei den Schankwirten fiir ihre 
Anordnungen, denen auch die Notare gehorchen miissen, Gehorsam 
verschaffen. Die Namen der sieben Bevollmachtigten sind: Der reiche R. 
J. Aisik, Sohn des Jehnda; der reiche R. Nota, Sohn des Herz; R. Moses, 
Sohn des J.; R. Isaak, Sohn des R. Isaak; R. Beer, Sohn des Isai; R. Samuel, 
Sohn des R. David; R. Chajjim, Sohn des J. Aisik. Schon vier von ihnen 
haben dieselbe VoUmacht wie alle sieben. 

AUes dieses ist im Einverstandnis des Kahalvorstandes mit der 
Aufierordentlichen Versammlung und den Schankwirten nach Gesetz 
und Branch beschlossen. Zur Beglaubigung unterschrieb der Notar 
eigenhandig. 

Nr. 247 (= II. 283). Von der Almosen-Sammlung fiir die 

Armen in Palastina. 

Bei der Durchreise des Oberrabbiners R. Aaron Kahan, Sohn des 
Jakob Kahan, durch unsere Stadt Minsk nach Palastina hatten wir die 
Ehre und das Gliick, uns von der Liebe jenes R. Aaron Kahan fiir das 
Heilige Land zu iiberzeugen, das Gott der Herr immer beschiitzen moge! 



194 



Bei diesem Rabbi befanden sich VoUmachtsbriefe vieler Stadte, in 
sein Aktenbuch eingebunden; sie alle besagten, daS sie sich 
verpflichteten, mit allem, was in ihrer Macht stehe, ihren leidenden 
Briidern im Heiligen Lande zur Seite zu treten. Infolgedessen haben 
auch wir uns entschlossen, zu diesem gottgefalligen Werke beizutragen, 
und befehlen, daG jede Seele 2 Kopeken im Jahr zu opfern hat, davon 
einen am Ausgang des alten Jahres, den andern am Vorabend des 
grofien Versohnungstages. Deswegen ist angeordnet, bevoUmachtigte 
Personen zu wahlen, die alljahrHch am Vorabend jener Feiertage in alien 
Synagogen und Bethausern auf die Entrichtung dieser Opfer zu sehen, 
sie ins Heilige Land zu senden und mit dem R. Aaron Kahan davon 
jahrlich zweimal iiber die eingeladenen Summen abzurechnen haben. 
Hierfiir erflehen wir die Gnade Gottes und erfiillen die Worte: "Zion 
wird durch Almosen befreit werden''^^) - was der Herr segnen moge. 
AUes ist von uns, die wir uns mit diesen Almosen befassen, den 
endesunterzeichneten Oberhauptern, Vorstehern und Vertretern 
beschlossen am Sonntag, 13. Siwan 5562 (1. Juni 1802), zu Minsk: 

1. MeschuUam Faiwusch, Sohn des R. Isaak, 

2. Saul, Sohn des Rabbi Sew Wolf Ginsburg, 

3. Zewi Hirsch, Sohn des Ruben, 

4. Chajjim, Sohn des Isaak Aisik, 

5. Salomon, Sohn des Samuel, Segal, 

6. Isaak, Sohn des Uria, 

7. Kalman, Sohn des Pessach, 

8. Abraham, Sohn des Simeon. 

Nr. 248 (= II. 284). Von den Personen, die zur Leitung 
der Sammlung (Nr. 247) gewahlt sind. 

Hinsichtlich des Opfers, das von den Vorstehern und Vertretern 
unseres Kahal fiir das Heilige Land bestimmt ist, sind wir, die 
Endesunterzeichneten, erwahlt, diese Opfer zu iiberwachen, und haben 
es iibernommen, alljahrlich 2 Kop. pro Kopf (wie es in Nr. 247 heiGt) 
einzusammeln. Zur Bekraftigung dieses unterzeichnen wir am Montag, 
d. 14. Siwan 5562 (1802), zu Minsk: 

Moses, Sohn des R. Joseph Jechiel, 

Zewi Hirsch, Sohn des R. Ruben, 

Samuel Gerschom, Sohn des Elia, 



195 



Chajjim, Sohn des Aisik. 

Indem ich dieses in die Akten des R. Aaron Kahan kopierte, 
unterzeichne ich zur Beglaubigung: 

Baruch, Sohn des Zewi Hirsch, Notar und BevoUmachtigter zu 
Minsk. 

Nr. 249 (= II. 285). Von der Entnahme der fiir die 
Illumination bei der Ankunft des Zaren notigen Summe 

aus der Wohlfahrtskasse. 

Mittwoch, d. 16. Siwan (4. Juli), ist von dem Kahalvorstand 
beschlossen: zur Ehrung unseres gewaltigen und allerhochsten Kaisers 
(Zaren) eine Illumination zu veranstalten, da er bald hier eintrifft. Zu 
diesem Zweck haben die BevoUmachtigten der Wohlfahrtskasse von 
irgendwem hundert Rubel zu entleihen, die ihm von den Einkiinften des 
kommenden Jahres aus der Schachtung von grofiem und kleinem Vieh 
mit Zinsen zuriickgegeben werden soUen. 

Nr. 250 (= II. 286). Von der Ernennung eines 
BevoUmachtigten fiir die Drei Groschen-Abgaben. 

Donnerstag, Abschnitt Behaalotcha, d. 17. Siwan 5562 (5. Juni 1802), 
ist von den Kahalvorstehern zusammen mit der Grofien Versammlung 
beschlossen worden, an Stelle des Hauptes R. Jehuda Leib, Sohn des 
Isaak, der nicht mehr einer der sechs Erwahlten zur KontroUe der Drei 
Groschen-Abgaben sein will, den R. Isaak, Sohn des Isaak, zu ernennen, 
der diese Pflichten bis zum Passahfest des kommenden Jahres zu 
erfiillen hat mit aller VoUzugsgewalt der iibrigen Erwahlten. 

Nr. 251 (= II. 287). Von der Entnahme von 100 

Tscherwonetz (300 Rubeln) aus der Wohlfahrtskasse 

zur Illumination bei der Ankunft des Kaisers. 

Sabbat, Abschnitt Behaalotcha, 19. Siwan 5562 (7. Juni 1802). 

Zur Deckung der Unkosten fiir die oben (Nr. 249) genannte 
Illumination wird von den Kahalvorstehern zusammen mit den friiheren 
Oberhauptern beschlossen: Die BevoUmachtigten der Wohlfahrtskasse 
haben zu diesem Zweck eine Anleihe von 100 Tscherwonetz - sei es auch 



196 



zu 24%*) - zu machen, die von den kommenden Einkiinften aus der 
Schachtung von grofiem und kleinem Vieh zu bezahlen ist. Aus diesen 
Einkiinften diirfen die Bevollmachtigten keinen halben Kopeken fiir 
Gemeindezwecke verausgaben, bis die Summe mit Zinsen zuriickbezahlt 
ist. Die Ausgaben fiir diese Illumination haben auf Anordnung eines 
dieser Bevollmachtigten zu geschehen, wofiir zwei von ihnen - R. Zewi 
Hirsch, Sohn des R. Ruben, und R. Chajjim, Sohn des R. Isaak Aisik - 
ernannt sind. 

Nr. 252 (= II. 288). Von der Wahl der Kontrolleure der 
Ausgaben fiir die Illumination. 

Sabbat, Wochenabschnitt Schelach lecha. 

Auf BeschluG des Kahalvorstandes sind zur KontroUe der Ausgaben 
fiir genannte Illumination zwei BevoUmachtigte und drei aus der Zahl 
sechs in Sachen der Steuer auf koscheres Fleisch Erwahlten ernannt 
worden. 

Nr. 253 (= II. 289). Von der Erteilung des ewigen 
Wahlrechtes an R. Schalom. 

Sonntag, Abschnitt Korach 5562 (21. Juni 1802). 

Von dem Kahalvorstand ist verfiigt worden, das ewige Wahlrecht 
dem R. Schalom, Sohn des Zewi Hirsch, zu erteilen mit den Rechten aller 
Glieder unserer Versammlung. 

Nr. 254 (= II. 290). Von dem Ausschlufi des R. Zewi aus 
der Briiderschaft der Schneider wegen Grobheit gegen 

deren Vorsteher. 

Sonntag, Abschnitt Korach 5562 (1802). 

Die Briiderschaft der Schneider hat den R. Zewi Hirsch, Sohn des R. 
Natan, mit AusschluG bestraft fiir seine Frechheit und Grobheit gegen 
ihren Vorsteher R. Meier, Sohn des R. Moses, wobei ihm auch jede Arbeit 
verboten wurde - sie sei denn von ihnen erlaubt. Diese Strafe wird vom 
Kahalvorstand bestatigt. 



* Man bedenke: Diese Wucherzinsen fliefien in die Tasche irgendeines Oligarchen in 
der Gemeinde selbst, vielleicht sogar in die eines Kahal-Vorstehers! Kein Wunder, 
dafi die Gemeinden iiberschuldet waren! D. H. 



197 



Nr. 255 (= II. 291). Von der Angelegenheit des Zewi 

Hirsch mit Jachne. 

Sonntag, Abschnitt Korach 5562 (1802). 

Zur Schlichtung des Streites zwischen dem R. Zewi Hirsch, Sohn 
des Ruben, mit dem Frauenzimmer Jachne ist befohlen, zwei 
BevoUmachtigte durch Ballotage zu wahlen und sie dem Bet Din als 
Richter beizufiigen, indem man ihnen in diesem Falle die Macht der 
sieben Stadtvertreter erteilt. 

Nr. 256 (= II. 292). Von der Verurteilung einer 
Rabbinerfrau fiir schlechtes Benehmen. 

Montag, den 5. Tammus 5562 (23. Juni 1802). 

In Sachen der Rabbinerfrau aus dem Flecken Dworza ist vom 
Kahalvorstand verfiigt, sie jeden Rechtes aufs die Halfte ihrer Ketuba^^^ 
verlustig zu erklaren, nebst einer Strafe von 500 Sloty (125 Rubeln Silber) 
und Einziehung der Gelder, Kleider und Sachen, welche sie bis jetzt 
besitzt. Den anderen Teil der Ketuba verliert sie wegen schweren und 
haGlichen Vergehens, falls dieses vom Bet Din als tatsachlich anerkannt 
wird. Hierfiir sind zwei BevoUmachtigte zu ernennen, die dem 
Urteilsspruch beiwohnen soUen, damit - Gott behiite! - die 
Kahalvorsteher dabei keinen Schaden haben.^^^ 

Nr. 257 (= II. 293). Einige Bestimmungen fiir die 

Schachter. 

Freitag, 9. Tammus 5562 (27. Juni 1802). 

Zur Regelung der Pflichten der hiesigen Schachter wird vom 
Kahalvorstande verfiigt: Da der Kahalvorstand in der vorigen Woche 
folgende Sachverstandige betreffs der Fiihrung des Schachtmessers^) bei 
der Schachtung gewahlt hat: den Rabbiner von Dworza; Rabbiner Saul, 
Sohn des R. J., Segal; R. Moses, Sohn des R. Jechiel, und seinen Bruder 
Jakob; R. Samuel, Sohn des R. A. Katz; Rabbiner Moses, Sohn des R. 
Chajjim, und R. Gerschom, Sohn des Abraham, und da der Schachter 
Jakob, Sohn des Baruch, seine Messer von diesen Erwahlten begutachten 
liefi und diese sich als zum Schachten untauglich erwiesen, wahrend bei 
R. Joseph aus Beresina, bei dessen Schwager R. Bezaleel, bei R. Jakob, 
Sohn des Mardochai, und R. Samuel, Sohn des R. A, die Messer sich als 



198 



in Ordnung erwiesen, so ist im Einverstandnis aller Vorsteher des Kahal 
beschlossen worden, dem genannten R. Jakob, Sohn des R. Baruch, von 
heute bis zum kommenden Passah das Recht zur Schachtung zu 
entziehen, so daG der Gaon und die Aufseher ihm bis zu diesem Tage 
keine neue Erlaubnis geben konnen; die anderen aber, deren Messer 
tauglich waren, konnen ihr Schachtgewerbe in unserer Stadt 
weiterfiihren unter der Bedingung, daG sie dem Gaon die iibliche Taxe 
fiir die Bestatigungs-Urkunden bezahlen. Ebenso ist in Zukunft nur 
denen die Schachtung erlaubt, die unbeschadet der Erlaubnis-Urkunden 
des Bet Din vorerst noch vom Kahalvorstand eine Beglaubigung haben 
miissen, daG sie vor den genannten Examinatoren oder vor anderen, die 
der Kahal zur Erganzung ernennt, die Priifung bestanden haben. Ebenso 
diirfen die Examinatoren niemandem die Erlaubnis erteilen, der nicht 
vorher von dem Kahalvorstand die Erlaubnis erhalten hat. Heute sind 
als Priifende berufen: R. Schachna, Sohn des R. Jakob Katz, R. Abraham, 
Enkel des R. Lipmann, und R. Aisik, Schwager des R. Birscha. Genannter 
R. Joseph und sein Schwager Bezaleel haben nochmals ihre Messer 
priifen zu lassen, sobald die Priifenden das fordern, worauf sie ihr 
Gewerbe unbehindert ausiiben diirfen. - AUes dieses ist beschlossen im 
Einverstandnis der Mitglieder des Kahal in dessen Beratungszimmer. 
Freitag des obigen Datums zu Minsk. 

(= II. 295). Beglaubigung der in Sachen der Schachter 

Erwahlten. 

Wir Endesunterzeichneten, durch die Grofie Versammlung zu 
Priifern der Schachter (wie aus obigem Dokument hervorgeht) erwahlt, 
bekraftigen und beglaubigen einstimmig die Verfiigungen des 
Kahalvorstandes vom Freitag, 9. Tammus, von Anfang bis zu Ende, daG 
sie mit derselben Griindlichkeit befolgt werden wie alle Bestimmungen 
der Grofien Versammlung. Was das Komitee der Examinatoren betrifft, 
so haben wir verfiigt, daG bei Priifung eines neuen Schachters stets alle 
Mitglieder einzuladen sind. Wer dann nicht erscheint, verliert seine 
Stimme. Jedenfalls haben bei solcher Priifung auGer dem Gaon 
mindestens drei Examinatoren anwesend zu sein. Zur Bekraftigung 
unterzeichnen*) wir. 



Unterzeichnung nicht am Sabbat! D. H. 

199 



Mittwoch, d. 15. Tammus 5562 (3. Juli 1802) zu Minsk: 

Faiwusch, Sohn des R. Isaak, 

Saul, Sohn des R. Sew, 

Wolf Ginsburg, 

David, Sohn des R. Wolf, 

Moses, Sohn des R. Jakob, 

Isaak, Sohn des R. Isaak, 

Joseph, Sohn des R. Isaak, Segal. 

Nr. 258 (= II. 294). Von einigen Bestimmungen fiir die 

Schachter. 

Wegen der hiesigen Schachter fiir Vieh und Gefliigel wurde vom 
hiesigen Kahalvorstand beschlossen, folgende fiinf Glieder der 
AUgemeinen Versammlung zu wahlen: 

1. R. Moses, Sohn des R. Jakob, 

2. R. Sew, Sohn des R. Abraham, 

3. R. Jakob, Sohn des R. Joseph Jechiel, 

4. R. Isaak, Sohn des R. Isaak, 

5. R. David, Sohn des R. Eleasar, 

damit sie an den Kahalsitzungen teilnehmen; und alles, was von ihnen 
und dem Kahalvorstande verfiigt werden wird, besitzt die VoUzugskraft 
der AUgemeinen Versammlung - sei es Wahl oder AusschluG von 
Schachtern, Gehaltsbestimmung, Festsetzung irgend welcher 
allgemeinen MaGregeln oder Belohnungen fiir jenes Gewerbe. Dabei 
bemerken wir, daG, wenn der Monatsalteste eine Sitzung einberuft, die 
Sendboten alle Stadtvertreter und obengenannte Erwahlte zu 
benachrichtigen haben. SoUten sich daraufhin nur drei Stadtvertreter 
und drei Erwahlte versammeln, so haben auch ihre Beschliisse dieselbe 
VoUzugskraft. 

Von dem Kahalvorstand und der Allgemeinen Versammlung ist 
verfiigt: Alle stadtischen Schachter von Vieh und Gefliigel haben sich 
alle drei Monate bei den Examinatoren zu melden. Ebenso diirfen sie, 
ehe sie nicht zu Schachtern ernannt sind, in keiner Briiderschaft irgend 
ein Gewerbe ausiiben und haben auch kein Wahlrecht in dieser Zeit. 
Alles dieses ist im Einverstandnis aller Kahalmitglieder und der 
Aufierordentlichen Versammlung im Beratungszimmer des Kahal 
verfiigt auf Grund der Gesetze und Gebrauche am Dienstag, 13. Tammus 
5562 (1. JuU 1802), zu Minsk. 



200 



Nr. 259 (= II. 296). Von der Ernennung der Schachter.^^) 

Mittwoch, 14. Tammus 5562 (2. Juli 1802). 

Wir, die Erwahlten der Grofien Versammlung, wie aus dem 
vorhergehenden Dokument hervorgeht, wahlten zu Schachtern von 
Grofivieh R. Jiidel aus Radoschkowitsch und R. Joseph aus Beresina fiir 
die Zeitspanne, die von uns in den Bestimmungen fiir die Schachter 
festgesetzt ist. Zu diesen zwei Schachtern muG ein dritter gewahlt 
werden, der vertretungsweise mit diesen Pflichten betraut wird. AUe 
drei haben zu schworen, bis ins kleinste unsere Bestimmungen zu 
erfiillen. Dazu wird von uns bestimmt: Fiir die in den Verfiigungen 
genannte Zeitspanne, bis neue Schachter gewahlt werden, sind keine von 
den friiheren Schachtern anzunehmen; ebenso diirfen wahrend der 
genannten Zeit weder der Rabbi Gaon noch die Examinatoren solche 
Personen zum Gewerbe zulassen oder der Kahal ihnen dazu die 
Erlaubnis geben. Wenn es unbedingt notig sein soUte, noch einen 
Schachter zu wahlen, so darf er doch unter keinen Umstanden aus der 
Zahl jener (oben ausgeschlossenen) Personen genommen werden. AUes 
dieses ist von uns, den Erwahlten und mit der Macht der Grofien 
Versammlung Ausgestatteten, verfiigt. (Es folgen die Unterschriften.) 

Nr. 260 (= II. 297). Von der Hilf eleistung zugunsten 
der Schankwirte in ihrem Streit mit den Pachtern. 

Mittwoch, Wochenabschnitt Mittot und Masee, 28. Tam-mus 5562 
(1802), ist vom Kahalvorstand verfiigt worden: Den Schankwirten, die 
mit den Pachtern Streit haben, sind aus der Gemeindekasse die fiir 
diesen Prozefi notigen Gelder zu geben; desgleichen ist zu diesem 
Zwecke die Summe, die von den 100 Tscherwonetz, welche fiir die 
Illumination bestimmt waren (s. o. Akte 251), iibriggeblieben ist, den 
Schankwirten zur Verfiigung zu stellen. 

Nr. 261 (= II. 299). Von dem Verkauf des Besitzrechtes 
auf einen Platz des R. Isaak, Sohnes des Gerschom.^^) 

In der AUgemeinen Versammlung aller Oberhaupter, Vorsteher und 
Vertreter ist einstimmig im Beratungszimmer des Kahal beschlossen 
worden, dem R. Isaak, Sohn des Gerschom das Besitzrecht auf den Platz 



201 



und das Hospital der Geistlichkeit der Rekiten^^*) am Ende der 
Kaidanskaja-StraGe, im Osten an das Haus des R. Schalom, Sohnes des 
Meier Katz, angrenzend, im Norden an das Haus des R. Alexander, 
Sohnes des Zewi, Segal - wie auch das Recht auf den leeren unbebauten 
Platz der hiesigen Burger, der neben obengenanntem Platz liegt, 
beginnend mit dem ausgegrabenen Wall, der jetzt zugeschiittet ist, bis 
zur StraGe, an der die Schenke des R. Abraham, Sohnes des Isaak Aisik, 
liegt, - zu verkaufen. Dieses Recht bezieht sich auf die Ausdehnung des 
Platzes in der Lange vom Hause des R. Schalom bis zur StraGe, an der 
die Schenke liegt, gerechnet - in der Breite von der Kaidanska-StraGe bis 
zum Hause des R. Alexander - wie auf das Hospital und die Hauschen, 
die auf diesem Platze stehen; alles ist dem R. Isaak, seinen Nachkommen 
und Rechtsnachfolgern vom Mittelpunkt der Erde bis zur Hohe des 
Himmels fiir immer und ewig verkauft worden. Die hierfiir falligen 
Gelder hat R. Isaak schon in die Gemeindekasse voU eingezahlt. Von 
heute an sind ihm, seinen Nachkommen usw. diese Rechte bestatigt, und 
er kann mit dem Besitz schalten, wie er will - ihn verkaufen, vernichten, 
verpfanden, gleich als ob es sein Eigentum ware.**) SoUte er in der Lage 
sein, die Konzession fiir Neubauten zu tragen, so kann niemand ihn 
hindern, holzerne oder steinerne Gebaude zu errichten oder sie 
umzubauen, wie er will. SoUte etwa gar die Regierung diesen Platz 
bebauen, so verbieten wir unter strengster Strafe***) einem jeden, dieses 
Recht des R. Isaak, seiner Nachkommen usw. anzutasten, z. B. durch 
Kaufen oder Abmieten von der Regierung; ebensowenig darf dann dort 
jemand einen Laden eroffnen. Nur dem Rabbi Isaak, seinen 
Nachkommen usw. steht das Recht zu, liber diese Gebaude zu verfiigen 



Nr. 299 in Bd. II enthalt folgende Bemerkung Brafmann's: Es ist mir gelungen, 
festzustellen, dafi als Besitzer des genannten Areals in Minsk ein Orden des heiligen 
Rochus existierte. Der largon hat daraus Rochiten gemacht, und spater entstand, well 
der Buchstabe Kaf im Hebraischen (der dann durch Kof ersetzt wurde) sowohl ch als 
auch k bedeutet, das Wort "Rekiten". Vgl. auch die (abweichende) Erklarung des 
Wortes im Anhang. D. H. 

Es handelt sich eben nur um Chasaka, d. h. um ein ungesetzliches, vom Kahal 
erkauftes Besitzrecht, nicht aber um einen gesetzlichen Kauf. D. H. 
*** Hier bekommt man einen Einblick in die Mittel, die der Kahal anwendete, um die 
Chasaka wirksam zu machen. D. H. 



202 



und dort Laden zu eroffnen.^^) Jedem Kahal wird befohlen, diese Rechte 
zu schiitzen, daG R. Isaak sie in Ruhe und Frieden geniefie. SoUte aber 
jemals einer oder mehrere etwa diese Rechte angreifen, so muS der 
Kahal mit alien Mitteln dafiir eintreten und sie schiitzen zugunsten des 
R. Isaak, seiner Nachkommen und Rechtsnachfolger. Jeder Kahal und 
jeder Bet Din hat den R. Isaak usw. vor jedem Eingriff in seine Rechte zu 
schiitzen und den Angreifer mit strengsten Mitteln bekampfen, und von 
ihm alle Ausgaben, die dem R. Isaak usw. erstehen konnten, auf das 
riicksichtsloseste einzutreiben. Wenn der Kahal dieses versaumt, so sind 
die dem R. Isaak entstandenen Aufgaben vom Kahal einzufordern, und 
sie miissen aus dessen Einkiinften voU bezahlt werden. In solchem Falle 
konnen die Inhaber der Rechte ohne Eid die Summe ihrer Ausgaben 
nennen und von den Einkiinften des Kahal eintreiben. Es wird nochmals 
wiederholt, daG jeder Kahal und jeder Bet Din alle verfiigten Beschliisse 
dieser Akte bis ins kleinste zu erfiillen und heilig zu halten haben, - alles, 
was dem R. Isaak usw. bestatigt ist. Alles dieses ist von der Gesamtheit 
der Oberhaupter, Vorsteher und Vertreter unserer Stadt im Beratungs- 
zimmer des Kahal beschlossen worden, in Gegenwart der iiblichen 
Anzahl von Mitgliedern nach Gesetz und Branch, zu dessen 
Beglaubigung wir unterzeichnen. 

Donnerstag, am Vorabend des Neumonds des Ab 5562 (1802) zu 
Minsk. 

Dieses Dokument ist dem R. Isaak, Sohn des Gerschom, 
ausgehandigt worden, und wir, die Notare, beglaubigen, dafi es im 
Beratungszimmer des Kahal in der Sitzung aller einmiitig nach Gesetz 
und Branch ausgestellt worden ist nach dem Grundsatz, wonach der 
Kahal keinen formellen Kinjan^^) notig hat. Dieser Verkauf erfolgte in 
offentlicher Auktion, die, in alien Synagogen publiziert, keinen 
Widerspruch und kein Mehrgebot erfuhr.*) 

Sonntag, 3. Ab 5562 (1802). 

Nr. 262 (= II. 298). Von der Wahl dreier Vertreter in 
der Angelegenheit der Musikanten. 

Zur Regelung der Streitigkeiten und Uneinigkeiten unter den 
hiesigen Musikanten sind auf Befehl des Kahalvorstandes drei Vertreter 



Vgl. Anmerkung zu Nr. 160 (Seite 157). D. H. 

203 



gewahlt: der beriihrnte Rabbi Saul, Sohn des Sew Wolf; R. Moses, Sohn 
des Model, und R. Isaak, Sohn des Gerschom, mit der VoUmacht, 
endgiiltig die Streitigkeiten unter den hiesigen Musikanten zu beheben 
und Mittel zu finden, daG solche nicht mehr vorkontmen. Ebenso wird 
den drei Erwahlten das Recht zugebilligt, diejenigen mit Korper- oder 
Geldstrafen zu belegen, fiir die sie es fiir richtig halten. AuGerdem 
konnen sie Musikanten aus anderen Stadten herbeirufen und ihnen 
Wohnrecht erteilen. In alien ihren Beschliissen haben sie die Rechte der 
sieben Vorsteher der Stadt. AUes dieses ist einstimmig von alien 
Vertretern beschlossen im Beisein der iiblichen Anzahl Mitglieder im 
Beratungszimmer des Kahal nach den Gesetzen und Brauchen am 
Sabbat, Bibelabschnitt Mittot und Masee, 2. Ab 5562 (1802). 

Nr. 263 (= II. 300). Von der Wahl von drei 
Monatsaltesten zur Regelung des Streites zwischen Joel 

und Leib. 

Dienstag, Abschnitt We'etchannan 5562 (29. Juni 1802). 

Auf Grund des Streites zwischen dem R. Joel, Sohn des Meier, und 
R. Leib, Sohn des R. Moses, Segal, iiber das Besitzrecht des von R. Joel 
gekauften Hofes haben die Kahal-Vorsteher beschlossen, drei 
Monatsalteste zu wahlen: 

1. Samuel, Sohn des D., 

2. R. Zewi, Sohn des R., 

3. Chajjim, Sohn des R. J. 

Ihnen wird zur Fiihrung dieser Angelegenheit die Macht der sieben 
Vorsteher der Stadt verliehen. 

Nr. 264 (= II. 301). Von der Wahl zweier Vertreter zur 
Schlichtung von Streitsachen zwischen Privatpersonen. 

Dienstag, Abteilung We'etchannan 5562 (1802). 

Zur Schlichtung des Streites zwischen R. Moses, Sohn des Asriel, 
und David, Sohn des R. Jechiel, ist vom Kahalvorstand beschlossen 
worden, zwei Vertreter zu wahlen: R. Saul, Sohn des Sew Wolf, und R. 
Isaak, Sohn des A., damit sie mit den Richtern des gerechten Bet Din 
zusammen tagen. Den Beschliissen dieser zwei Vertreter wird die 
VoUzugskraft der Beschliisse aller Kahalvorsteher erteilt. 



204 



Nr. 265 (= II. 302). Von der Wahl der Advokaten in 
Sachen des Kahal gegen die Schachter. 

Donnerstag, Wochenabschnitt We'etchannan, 14. Ab 5562 (1802). 

Infolge der Vorladung des Kahal vor den Bet Din durch die 
friiheren Schachter wegen der Bestimmungen des Kahal iiber die 
Schachter vom 14. des vergangenen Tammus ist vom Kahalvorstand 
verfiigt worden, zu seinem Advokaten R. Moses, Sohn des J., und R. 
Zewi Hirsch, Sohn des Ruben, zu ernennen zur gerichtlichen 
Austragung der Angelegenheit mit jenen Schachtern vor dem Bet Din. 

Nr. 266 (= II. 303). Von dem Verkauf des Besitzrechtes 
auf einen Laden durch den Kahal. ^o) 

Donnerstag, Abschnitt We'etchannan, 14. Ab 5562 (1802). 

Da der Pan Scheibe die Absicht hat, einen neuen steinernen Laden 
vor seinem Tor zu bauen, dessen Front nach dem Hofe des Jehuda Leib, 
Sohn des R. Jakob, hinausgeht, ist vom Kahalvorstand beschlossen 
worden, das Besitzrecht auf diesen Laden an den R. Jehuda Leib zu 
verkaufen, endgiiltig, vom Mittelpunkt der Erde bis zur Hohe des 
Himmels. Fiir dieses Recht hat R. Jehuda Leib an die Gemeindekasse 9 
Rubel Silber*) zu entrichten, und danach wird dieses Recht ihm wie 
seinen Nachkommen und Rechtsnachfolgern fiir immer iibertragen. 

Nr. 267 (= II. 304). Erganzung der vorhergehenden 

Akte. 

Sabbat, Abschnitt We'etchannan, ist von dem Kahalvorstand 
beschlossen worden: Wenn Jehuda Leib bis Sabbat, Abschnitt Ekeb (d. h. 
iiber acht Tage), die geforderte Summe nicht bezahlt, so geht er seiner 
Rechte verlustig. 

Nr. 268 (= II. 305). Von einer Biirgschaft fiir kaiserliche 

Verpflichtungen. 

Sabbat, Abteilung We'etchannan. 

Da sich bei dem Notar Baruch eine Biirgschaft des reichen R. Leib 



* Die minimale Summe beweist, dafi es sich nicht um einen wirkHchen Kauf, sondern 
gewissermafien um eine Taxe handelt, d. h. um Chasaka. D. H. 

205 



befindet fiir Verpflichtungen des R. Aaron, Schwiegersohns des R. Sch. 
Salman, an das Reich, so hat der Kahalvorstand beschlossen, dem R. Leib 
diese Biirgschaft zuriickzugeben unter der Bedingung, daG der 
Schwiegervater des R. Aaron, R. Salman, fiir den kommenden Winter die 
Rekrutenangelegenheiten ubernimmt.^i) 

Nr. 269 (= II. 306). Von den Schachtern. 

Der Schachter R. Jiidel aus Radoschkowitsch trat seinen Posten 
seinem Sohne Mendel ab. Da nun die anderen Schachter wegen 
ijberlastung baten, ihnen noch einen Schachter beizugeben, so ist 
einmiitig von alien endesunterzeichneten Erwahlten der Grofien 
Versammlung verfiigt worden, daG R. Jakob, Sohn des R. B., und R. 
Joseph aus Beresina hier als Schachter fiir drei Jahre eingestellt werden, 
vom heutigen Tage an gerechnet, wobei sich der R. Jakob auch mit der 
Beschauung (der Genul^tauglichkeit des geschachteten Viehs) 
beschaftigen wird. Gefliigelschachter werden sein: genannter R. Mendel 
fiir ein Jahr, vom kommenden Monat angerechnet. In wochentlichem 
Wechsel hat einer der Gefliigelschachter bei der Viehschachtung zu 
helfen, sowohl bei der Schachtung wie bei der Beschauung. Das Gehalt 
der Viehschachter wird wochentlich IV2 Rubel Silber pro Person 
betragen, wahrend die Gefliigelschachter die gesamte Summe des 
Gehaltes unter sich teilen soUen. Ebenso ist verfiigt worden, im 
kommenden Monat Nisan einen aus den Gefliigelschachtern zur Hilfe 
bei der Viehschachtung auf ein Jahr zu wahlen, der nach Ansicht des 
Kahal sich am besten eignet. AUes dieses ist einmiitig von uns 
beschlossen, weswegen wir unterzeichnen. 

Montag,*) d. 18. Ab 5562 (4. August 1802) zu Minsk. 

Anmerkung: Der Raum fiir die Unterschriften ist hier freigelassen, 
aber die Unterschriften fehlen. Zum SchluG ist folgendes geschrieben: R. 
Isaak, Sohn des Benjamin, erhob gegen diese Verfiigungen Einspruch 
und lud die Glieder der Kommission vor den Bet Din (das jiidische 
Gericht). 

Nr. 270 (= II. 307). Von der Eidesformel fiir die 
hiesigen Schachter. ^2) 



* Man beachte: Nr. 267 sagt: Am Sabbat ist beschlossen worden. Dagegen heiGt es in 
Nr. 269: Am Montag: Wir unterzeichnen! Und so iiberall. D. H. 

206 



"Im Namen Gottes, des Kahal, des Bet Din und des Nasi 
(Patriarchen) von Jerusalem schwore ich ohne jede Tiicke und Hinterlist, 
an keine Ubertretung denkend, mit Wahrheit auf den Lippen und im 
Herzen, dal? ich die Schachtung von Vieh und die Beschauung seines 
Inneren mit aller Sorgf alt vornehmen und alien Verfiigungen der Grofien 
Versammlung und des Kahal, wie sie in diesem Aktenbuche ausge- 
zeichnet sind, Folge leisten werde, sie bis in kleinste erfiillend. 
Aufierdem werde ich mich bemiihen, ehrlich gegen die anderen beiden 
Schachter, die mit mir arbeiten, zu sein und unter keinem Vorwand mir 
erlauben, ihre Tatigkeit zu durchkreuzen oder sie mit Tiicke zu 
schadigen. 

Wenn jedoch einer von ihnen bei der Schachtung oder Beschauung 
einen Fehler macht, so habe ich ihn ohne Beleidigung und ohne (zu 
dritten) iiber diesen Fehler zu reden, ihn darauf aufmerksam zu machen. 
Wenn zwischen uns wegen Schachtung oder Beschauung irgendwelche 
Uneinigkeiten entstehen, so haben wir uns an den Rabbi Gaon^^^ ^u 
wenden mit der Bitte um Schlichtung. Ebenso darf ich weder den 
Kaufern noch den Schachtern Unannehmlichkeiten bereiten oder mich 
bei ihnen zum Schaden meiner KoUegen einschmeicheln. Ebenso darf ich 
wahrend meines dreijahrigen Dienstes den Kahal weder um eine 
Gratifikation noch um Gehaltserhohung bitten, noch etwa meinen 
KoUegen aus alien ihren Einkiinften vom Grofi- wie Kleinvieh etwas, 
und sei es auch nur ein halber Kopeke, entwenden. Das schwore ich 
ehrlich, so wahr mir Gott, Ehre sei Ihm, in alien meinen Unter- 
nehmungen helfe." 

Nach dieser Formel schwor ich gemaG dem Gesetz Dienstag, den 16. 
Ab 5562 (15. August 1802), zu Minsk und unterzeichne zur Bekraftigung: 
Joseph, Sohn des verstorbenen Jakob. 

Nach dieser Formel usw.: Simeon, Sohn des Rabbi Schalom. 

Nach dieser Formel usw.: Bezaleel, Sohn des Isaak. 

Nach dieser Formel usw.: Jakob, Sohn des Baruch. 

Nach dieser Formel usw.: Schalom Schachna, Sohn des R. G. 

Ich, Endesunterzeichneter, assistierte der Eidesleistung 
obengenannter Schachter am obengenannten Tage zu Minsk und 
unterschreibe zur Beglaubigung: 

Baruch, Sohn des Zewi Hirsch, Schammasch (BevoUmachtigter und 
Notar) der Stadt Minsk. 



207 



Nr. 271 (= II. 325). Anmerkung zum vorhergehenden 

Eide. 

In den aufgestellten Regeln fiir die Schachter und ihren Eid stand 
der Satz, dafi sie niemals zu spat kommen diirfen und immer zeitig in 
dem Schachthause zu erscheinen haben. Da aber niemand unter einem 
schweren Eide solche Verpflichtungen auf sich nehmen kann, so haben 
wir, die endesunterzeichneten Richter, beschlossen, diese Verpflichtung 
aus dem Eide der Schachter fortzulassen, im wesentlichen ihn aber in 
voUer Kraft bestehen zu lassen, wie es von den Kahalvorstehern und 
Mitgliedern der Grofien Versammlung verfiigt war; die Schachter aber 
sind verpflichtet, im iibrigen diese Vorschrift ebenso wie alles Sonstige 
zu erfiillen, unbeschadet dessen, daG der Satz nicht in der Eidesformel 
steht. 

Zur Beglaubigung unterzeichnen wir: 

Sonntag, 8. Kislew 5562 (21. Nov. 1802) zu Minsk. 

Samuel, Sohn des Michael, 

Mendel, Sohn des Arjeh Leib, 

Samuel, Sohn des Aaron, 

Joseph, Sohn des Michael. 

Nr. 272 (= II. 308). Bestimmungen fiir die Schachter. 

Folgende Bestimmungen fiir die Schachtung von Vieh und die 
Beschauung des Innern sind vom Kahal und der Grofien Versammlung 
unserer Stadt Minsk aufgestellt worden: 

1. Im Schachthause unserer Stadt miissen drei Schachter fiir grofies 
und kleines Vieh dienen - zwei von ihnen speziell fiir die Schachtung 
und Zerlegung von Vieh und einer der drei Gefliigelschachter unserer 
Stadt, welche sich hierfiir wochentlich abwechseln miissen. In jedem 
Falle diirfen es nicht weniger als zwei Schachter sein, von denen einer 
das Vieh totet, wahrend der andere auf die Erfiillung der gesetzlichen 
Vorschriften sieht. Wahrend der Beschauung des Innern miissen beide 
Schachter die Lungen noch im Innern befiihlen und diirfen sie nicht eher 
fiir koscher erklaren, als bis sie sie zuerst im Tierleibe besehen und dann 
herausgenommen haben. 

2. Die Schachter miissen immer drei Messer, die fiir die Schachtung 
vorbereitet und tauglich sind,^^) bereit haben. Jedesmal vor der 
Schachtung miissen die drei Schachter die Messer priifen. 



208 



3. Wenn sich in den Lungen irgendeine Verletzung zeigt, so diirfen 
die Schachter bei Strafe des Cherem (grofien Bannes) das nicht mit 
Stillschweigen iibergehen, sondern miissen sofort anordnen, daG die 
Lungen herausgenommen werden, um sie auGerhalb des Tierleibes zu 
besichtigen. Jedesmal, wenn die Lungen sich als Trefa (rituell 
unbrauchbar) ergeben, diirfen die Schachter bei Strafe des Cherem sie 
nicht so lange stehen lassen, bis der Fleischer sie mit dem Trefa-Zeichen 
versieht. Ebenso diirfen die Schachter bei Strafe des Cherem Lungen bei 
liegendem Vieh nicht aus den Augen lassen, bis sie zur Beschauung 
herausgenommen sind. 

4. Was die Messer zur Schachtung betrifft, so bleiben alle 
Bestimmungen dariiber zu Recht bestehen - ohne Einschrankung. 

5. Die Schachter miissen sich taglich von 10 Uhr morgens bis 7 Uhr 
abends im Schachthause aufhalten. Befindet sich dann dort noch Vieh 
zur Schachtung, so haben sie noch eine Stunde langer zu bleiben. Wenn 
aber nach der vorgeschriebenen Zeit noch Vieh zur Schachtung gebracht 
wird, haben sie auch dann noch ihre Pflicht zu erfiillen, erhalten aber fiir 
diese Miihe von den Fleischern oder Privatpersonen 15 Groschen (7V2 
Kopeken) pro Kopf, bei Klein vieh nach Verhaltnis. Wenn aber ein 
Fleischer oder eine Privatperson Vieh, das im Wagen liegt, geschachtet 
haben mochte, so erhalt der Schachter 10 Groschen pro Stiick Grofivieh; 
bei Schachtungen im Hause aber hat der Hausvater 30 Groschen (15 
Kopeken) fiir jedes geschachtete Stiick Grofivieh zu zahlen. 

6. Das Gehalt ist diesen drei Schachtern aus der Gemeindekasse zu 
zahlen, und zwar 1 Rubel 50 Kopeken wochentlich. Der dritte, der 
wochentlich von den Gefliigelschachtern dazu kommt, erhalt dasselbe 
Gehalt. 

7. Bei Strafe des strengsten biblischen Cherem (Bannes) ist es den 
genannten Schachtern verboten, vom Kahal oder der Versammlung eine 
Gratifikation oder Gehaltserhohung zu fordern - wie es den Schachtern 
auch verboten ist, vom Fleischer oder Hausvater ihnen an sich 
zukommende Gelder zu nehmen oder ihnen personliche Dienste zu 
leisten. 

Die Schachter miissen schworen, dafi sie alien diesen Bestimmungen 
immer folgen, nie den Fleischer oder Hausvater in Schachtangelegen- 
heiten hintergehen werden, und daG sie ebensowenig Hinterlist und 
Tiicke iiben oder sich gegenseitig irgendwelchen Schaden zufiigen 



209 



werden. Auch ist es ihnen verboten, einander zu verleumden; wenn aber 
unter ihnen eine Uneinigkeit entsteht, haben sie sich zum Rabbi Gaon zu 
begeben, damit er den Streit schlichte. 

8. Die Schachter sind verpflichtet, jedes Jahr in aller Ehrlichkeit zwei 
Menschen (d. h. Juden) in der Schachtung, Beschau der Lungen und 
Priifung des Messers zu unterweisen, wofiir sie von jedem 90 Rubel in 
Silber, aber nicht mehr nehmen diirfen. Wenn sie aufier den zweien noch 
mehr Schiller haben, so sind sie berechtigt, von diesen nach 
ijbereinkunft mehr als die genannte Summe zu fordern. Sie diirfen aber 
nur diejenigen zum Unterricht annehmen, denen hierzu von den 
hiesigen Vorstehern der Stadt die Erlaubnis gegeben wird. 

9. AUe Vierteljahr miissen sich alle Schachter zur Priifung ihrer 
Schiller beim Rabbi Gaon melden. Beim Rabbi Gaon miissen bei der 
Priifung noch drei Examinatoren anwesend sein. 

10. Die Schachter diirfen kein Amt haben, weder bei der Verwaltung 
noch bei irgendeiner Briiderschaft; werden sie aber zu Mitgliedern 
irgendeiner Briiderschaft gewahlt, so gehen sie wahrend der Zeit ihres 
Schachteramtes bei der Wahl der Mitglieder des Komitees der 
Briiderschaft ihres Stimmrechtes verlustig. 

11. Wenn die Schachter ihre Messer in Ordnung bringen lassen 
miissen, so haben sie vor- und nachher die Messer dem Rabbi Gaon zu 
zeigen, der ihnen in dieser Sache Weisungen gibt. 

Diese 11 Punkte sind von uns, den aus der Grofien Versammlung 
gewahlten Hauptern, Vorstehern und Vertretern der Stadt, aufgestellt 
worden; zur Bekraftigung dieses unterzeichnen wir. 

Dienstag, 19. Ab 5562 (1802). 

(= II. 309). Anmerkung: Diese Aufstellungen sind nur f iir 
drei Jahre gemacht und diirfen nicht um ein Jahr iiberschritten werden. 
Wenn nach Ablauf dieser Frist keine neuen Regeln aufgestellt sind, dann 
gelten diese alten in voUer Kraft. 

Stadt Minsk. 

Samuel, Sohn des Dan, 

Saul, Sohn des Sew Wolf Ginsburg, 

Zewi Hirsch, Sohn des Ruben, 

Joseph, Sohn des Isaak, 



210 



Moses, Sohn des Jakob, 

David, Sohn des Eleasar. 

Donnerstag, 5. Elul 5562 (1802). 

Von den Kahalvorstehern ist beschlossen worden: Da die 
Gefliigelschachter infolge der neuen Regeln fiir die Schachtung neue 
Rechte erhalten haben, miissen sie mit Ausnahme des Bezaleeb je 2 
Tscherwonetz in die Gemeindekasse zahlen, welche 4 Tscherwonetz dem 
R. Jiidel aus Radoschkowitsch eingehandigt werden soUen. Dieses ist im 
Einverstandnis aller auf Grund von Gesetz und Branch verfiigt. 

Nr. 273 (= II. 310). Uber die Wahl zweier Verwalter der 

Ausgaben fiir das Hospital. 

Sabbat, Abschnitt Schostim des Pentateuchs, 5562 (23. Aug. 1802). 

Das neuerbaute Hospital braucht zu seiner Erhaltung grofiere 
Summen und zwar fiir die Ausgaben in seiner inneren Verwaltung. 
Deswegen hat der Kahalvorstand zwei BevoUmachtigten - R. Saul, Sohn 
des S., und R. Zewi Hirsch, Sohn des Ruben - befohlen, zusammen mit 
den von der hiesigen Heiligen Briiderschaft der Totenbestatter 
Erwahlten eine Aufstellung des Etats des Hospitals zu machen, seine 
Ausgaben und die Quellen zu deren Deckung zu bestimmen. Allen 
Verfiigungen dieser Personen iiber das Hospital ist die Macht der sieben 
Vorsteher der Stadt erteilt. 

Nr. 274 (= II. 311). Von den Mafiregeln zur Bezahlung 

eines von der Briiderschaft der grofien 
Wohlf ahrtssammelkasse gekauften Glas-Kandelabers. 

Sabbat, Abschnitt Teze 5562 (1802). 

Da die Altesten der grofien Wohlfahrtssammelkasse den 
Kahalvorstand um Angabe einer Quelle zur Bezahlung eines von ihnen 
gekauften glasernen Kandelabers fiir ihre Synagoge gebeten haben, 
wurde vom Kahalvorstand verfiigt, ihnen zu erlauben, aus dem 
Synagogenhofe taglich eine besondere Sammelbiichse aufzustellen 
zwecks Sammlung der Gelder fiir diesen Gegenstand bis zum 
Versohnungstage und in der Synagoge taglich mit der Sammelbiichse 



211 



herumzugehen. Ebenso ist verfiigt worden, das Recht auf die Lieferung 
von Wein fiir den Kelch in der Synagoge beim Kiddusch^s) offentlich zu 
versteigern und das Geld fiir den Zweck der Bezahlung des Kandelabers 
zu verwenden. Wenn aber der gegenwartige Leiter dieser Angelegenheit 
deswegen mit der Briiderschaft prozessieren will, haben deren Alteste 
Advokaten zu sein. - Was die Schankwirte betrifft, die gegen die Pachter 
Hilfe brauchen, so ist verfiigt worden, das Recht auf den Besitz der 
steinernen Laden des Pan Kuljitschinski mit dem Kloster des Heiligen 
Basilius und dem unbebauten Land, das sich bei diesen Laden befindet, 
zu verkaufen und die Gelder, die aus der Auktion einfliefien, den 
Schankwirten fiir die Ausgaben in ihrer Angelegenheit auszuhandigen. 

Nr. 275 (= II. 313). Von der Wahl der Kontrolleure fiir 
die Wohlf ahrtssammlungen. 

Montag, 16. Elul 5562 (1. Sept. 1802). 

Die fiir die Abgaben zur Deckung der kaiserlichen Steuern 
BevoUmachtigten wiinschen, dal? hinsichtlich ihres Etats Kontrolleure 
unter den Kaufleuten und friiheren Oberhauptern ernannt werden 
zwecks Priifung der Ausgaben und Einnahmen. Hierfiir sind gewahlt 
unter den Kaufleuten: der reiche R. Isaak, Sohn des Akiba, und unter den 
friiheren Oberhauptern: der R. Zewi, Sohn des S. W. R. Letzterer wird 
durch Moses, Sohn des R., ersetzt. 

Nr. 276 (= II. 314). Von der Beschaffung der Mittel zur 

Bezahlung des Kandelabers (Nr. 274) an die 

Briiderschaft der grol^en Sammelkasse. 

Sabbat, Bibelabschnitt Ki Tabo, 21. Elul 5562 (6. Sept. 1802). 

Zur Deckung der Unkosten fiir den glasernen Kandelaber ist den 
Altesten der grofien Wohlfahrtssammelkasse erlaubt worden, folgendes 
Recht in Auktion zu verkaufen: die Versorgung der grol^en Synagoge 
mit Sabbat-Kerzen wahrend dreier Jahre.^^) Die hieraus eingehenden 
Gelder sind zu obigem Zweck zu verwenden. 

Nr. 277 (= II. 315). Von dem Verbot an die Schneider, 
sich mit Kiirschnerarbeiten abzugeben. 



212 



Sabbat, Abschnitt Ki Tabo, 21. Elul 5562 (1802). 

Es ist verfiigt worden, in alien Synagogen und Bethamidraschim ein 
strenges Verbot an die Schneider zu veroffentlichen, sich in oder auGer 
der Stadt mit der Arbeit der Kiirschner zu befassen, bei Juden und 
Nichtjuden, fiinf Meilen im Umkreis der Stadt, bei alien Bannen der 
Briiderschaft der Kiirschner, die ihnen vom Kahal und der Grofien 
Versammlung erlaubt worden sind. Dieses ist am Sonntag vor dem 
(jiidischen) Neujahr veroffentlicht worden. Ebenso ist bekannt gegeben 
worden, daG kein Kiirschner von einem Schneider Auftrage (im 
Zwischenhandel) entgegennehmen darf, sondern nur direkt vom 
Besteller. 

Nr. 278 (= II. 316). Von der Wahl der Mitglieder zur 
Aufstellung der Regeln fiir die Schachter. 

Sabbat, Abschnitt Ki Tabo, 21. Elul 5562 (1802). 

Betreffend die hiesigen Schachter, fiir die noch keine besonderen 
Regeln aufgestellt waren, ist vom Kahalvorstand verfiigt worden, daG 
der Rabbi Gaon, der gerechte Bet Din und zwei Vorsteher, die durch 
Ballotage zu wahlen sind, die Rechte und Pflichten der Schachter 
festsetzen. 

Nr. 279 (= II. 317). Von der Aufnahme zweier Leute 
(Juden) aus Saslawa unter die Biirger der Stadt Minsk. 

Dienstag, 24. Elul 5562 (9. Sept. 1802), ist vom Kahalvorstand 
verfiigt worden, zwei Leute in die Zahl unserer Stadtbiirger 
aufzunehmen unter der Bedingung, daG Joseph, Sohn des Moses, auf 
gestempeltem Papier schriftlich versichert, dal? er fiir den einen von 
ihnen alle kaiserlichen Befindlichkeiten, wie Postgelder usw., die auf 
jeden Biirger fallen, fiir die ganze Zeit der Uberschreibung bezahlen 
wird. Fiir den anderen werden die Gelder aus der Wohlfahrtskasse 
bezahlt. SoUte aber die Wohlfahrtskasse nicht ausreichen, so hat R. 
Joseph auch hierfiir aufzukommen. Fiir diese Aufnahme der zwei Leute 
haben genannter R. Joseph und der Monatsalteste (Parnes Chodesch) 
eine Summe zu bestimmen, die von Joseph in die Kahalkasse eingelief ert 
werden soil. Sobald R. Joseph diese Verpflichtungen unterzeichnet hat, 
hat der Kahalvorstand sofort beim Magistrat um Aufnahme dieser 



213 



beiden Leute in unserer Stadt einzukommen. 

Nr. 280 (= II. 335). Von den Fragen der ganzen 

Judenschaft, iiber die Versammlung der Mitglieder 

aller Kreise zur Erorterung dieser Fragen und iiber die 

prozentuale Sammlung, die fiir die Beseitigung des 
Vorhabens der Regierung in Bezug auf die Juden notig 

ist.*) 

Sabbat, 1. Tebet 5562 (3. Dez. 1802), in der Woche des Abschnittes 

Mikkez. 

In einer AuSerordentlichen Versammlung ist im Beisein der 
Vorsteher der Stadt und des ganzen Kahal beschlossen worden: 

Wegen der unangenehmen Nachrichten aus der Hauptstadt 
Petersburg, denen zufolge das Schicksal der Judenschaft nunmehr in die 
Hande von fiinf Wiirdentragern gelegt ist, denen die VoUmacht zu alien 
Verfiigungen nach ihrem Gutdiinken gegeben ist, sind wir genotigt, uns 
nach Petersburg zu begeben, um den Kaiser zu bitten, daG seine Gnade 
verhindere, irgendwelche Neuerungen zu verfiigen. Da aber diese 
Angelegenheit grofie Ausgaben**) erfordert, so ist einmiitig bestimmt 
worden, die prozentuale Sammlung festzusetzen, welche 
folgendermaGen zu geschehen hat: 

1. Von den beweglichen Privatvermogen, den Waren usw. ist iy2% 
zu erheben, 

2. vom unbeweglichen Eigentum Va^o, 

3. von dem jahrlichen Einkommen aus Hausern und Laden 100%,***) 

4. von jungen Leuten, die von den Mitteln ihrer Eltern leben, 1% von 
ihrem Verbrauch, gleichviel, ob diese Kapitalien unter ihrer eigenen oder 
einer fremden Verwaltung stehen. 

Jeder Einwohner unserer Stadt hat zu schworen, daG er diese Steuer 
ehrlich bezahlen werde. Wenn jemand zur Ablosung dieser Steuer 50 
Tscherwonetz (150 Rubel Silber) zu bezahlen bereit ist, so wird er von 
dem Eide befreit, auch wenn seine Verpflichtung diese Summe iiber 



Es handelt sich um die von Brafmann ausfiihrlich behandelte Branntwein- 
ausschank-Angelegenheit (Erlauterung I). D. H. 
** Bestechungsgelder! D. H. 
*** Die fiir Bestechungen benotigten Summen miissen enorm gewesen sein! D. H. 

214 



steigt.*) Zu KontroUeuren dieser Sammlung werden sechs Personen aus 
den BevoUmachtigen fiir die Abgaben aus der Viehschachtung ernannt, 
mit dem Recht, zuverlassige Sammler zu ernennen, die sich in ihrer 
Gegenwart mit der Eintreibung dieser Abgabe befassen. Die Diener 
(Notare) und Sendboten des Kahal haben dessen Verfiigungen 
auszufiihren; ihre Macht kommt derjenigen der ganzen 
Aufierordentlichen Versammlung gleich. Die sechs Erwahlten haben vor 
Antritt ihres Amtes die Verpflichtung zu iibernehmen, die 
obengenannten Abgaben einzubringen. 

Nr. 281 (= II. 339). Von der prozentualen Sammlung, 

die zur Verhinderung der Verfiigungen der Regierung 

hinsichtlich der ganzen Judenschaft notig ist. 

Mittwoch, 4. Tebet, Bibelabschnitt Wajjigasch 5562 (1802). 

ijber die Vertreter, die sich nach Petersburg begeben miissen, um 
die Gnade des Kaisers wegen des Schicksals der ganzen Judenschaft 
anzurufen und alle Juden zu vertreten, ist verfiigt: Da diese 
Angelegenheit viel Geld benotigt, so haben sich alle Mitglieder 
entschlossen, von jeder Seele unseres Gouvernements einen Rubel Silber 
zu erheben. Die Kreisstadte und Flecken haben diese Gelder aus der 
prozentualen Sammlung zu stellen, und die ortlichen Kahale haben 
sofort die Gelder (einen Rubel pro Seele) einzutreiben und nach Minsk 
zu senden. Die Burger unserer Stadt haben sofort die Bestimmungen der 
Grofien AuGerordentlichen Versammlung des vorigen Sabbats zu 
erfiillen und V2% ihres Vermogens abzuliefern. Ebenso haben die 
Kreisstadte und Flecken ihre Zahlungen schnellstens zu leisten. 
Desgleichen ist verfiigt worden: Wenn die Zahlung von zwei Kreisen 



* Man mache sich nur einmal die Sachlage klar! Das Branntweinausschank-Monopol 
lag in der Hand der Kahal-Oligarchen. Um dieses mit Hilfe von Bestechungen zu 
retten, wird eine barbarische Steuer dem Volk auferlegt (100% des jahrlichen 
Einkommens, IViX des beweglichen, Vi% des unbeweglichen Eigentums!!). Die 
Kahal-Oligarchen aber, denen die Steuer zugute kommt, legen sich selbst als 
Abstandszahlung das Lumpengeld von 150 Silberrubeln auf!! Fiir die sittliche und 
reale Bewertung der Kahalverwaltung spricht diese Tatsache Bande. Ja, ja, Sarten 
fehlen die staats- und kulturerhaltenden Kardinaltugenden. Wo sie herrschen, geht 
jedes Staatswesen zugrunde. D. H. 

215 



nicht vol! geleistet wird, so muS diese Zahlung vol! wiederholt werden. 
Ebenso ist zum Schatzmeister dieser Sammlung fiir das ganze 
Gouvernement der bekannte reiche Reb Wolf, Sohn des Hirsch, aus 
Minsk, und zur Fiihrung der Biicher und Bewahrung der Dokumente 
der reiche Reb Aisik, Sohn des Jiidel, ernannt worden. Der Schatzmeister 
hat die Einzahlung zuriickzuweisen, wenn zwei Kreise nicht vol! 
bezahlen, oder wenn unsere Burger sich widersetzen soUten. Wenn aber 
die Vertreter aller Kahale sich bei uns versammelt haben, erfolgt die 
Wahl derjenigen, die nach Petersburg fahren soUen. Den Vertretern der 
anderen Kahale steht das Recht zu, wenn sie es fiir notig halten, unter 
Zustimmung unserer Kommission einen neuen Schatzmeister zu 
wahlen. 

Nr. 282 (= II. 340). Von derselben prozentualen 

Sammlung. 

Sabbat, Wochenabschnitt Wajjigasch, 7. Tebet 5563 (20. Dez. 1802). 

Vom Kahalvorstand und der AuGerordentlichen Versammlung ist 
verfiigt worden: 

Wer bis zum kommenden Dienstag seinen Anteil an der 
obengenannten prozentualen Steuer nicht entrichtet hat,*) wird als nicht 
mehr zur Gemeinde gehorig angesehen. AuGerdem haben die sechs 
Erwahlten, die im Vorhergehenden genannt sind, diesen Menschen 
(Juden) mit verschiedenen Strafen zu belegen und zu verfolgen mit aller 
Macht, die das israelitische Volk besitzt. Es ist befohlen, daG niemand 
ihm zu Hilfe kommen darf . Der Eid hinwiederum bleibt fiir alle zu Recht 
bestehen, bis auf die, die durch Bezahlung von 50 Tscherwonetz**) (150 



* Aus Band II wird der Leser ersehen, dafi trotz aller Chereme die Bezahlung dieser 
unglaublichen Steuer nicht erfolgte, mindestens nur ganz langsam einging. D. H. 

Diese Bestimmung im Eide bildet den Gipfel der Unfahigkeit, rechtlich und 
anstandig zu regieren. Man mache sich nur einmal die ganze Sachlage klar. Die 
armeren Familien miissen schworen, dafi sie genau nach der Vorschrift zahlen. Sie 
werden als Abtriinnige verfolgt, sozial und wirtschaftlich vernichtet und seelisch 
gemartert, gefoltert, zerfleischt, ruiniert, falls sie nicht richtig schworen. Und die 
Kahal-Oligarchen, die Reichen, derentwegen das Branntweinmonopol gerettet, das 
Volk ausgesogen wird, sie brauchen nicht iiber ihr Vermogen Rechenschaft 
abzulegen. Sie zahlen die lumpige Abstandssumme und sind vom Eide befreit. 
Gliickliches Land, gliickliches Volk, gliicklicher Staat, wo Sarten regieren!! D. H. 

216 



Rbl. Silber) davon befreit sind, wie es in der obigen Akte Nr. 280 verfiigt 
ist. Hierbei ist im Einverstandnis aller der reiche Reb Wolf, Sohn des 
Hirsch, zum Kassierer dieser Sammlung ernannt von der in die Zukunft 
voraussehenden AUgemeinen Versammlung. Was die Hauswirte 
anbetrifft, die wegen der Steuern auf die Hauser mit dem Kahal beim Bet 
Din prozessieren woUen, so sind zu Advokaten von seiten des Kahal der 
obengenannte Kassierer und der reiche Reb Aisik ernannt unter der 
Bedingung, daG die Gegenpartei sich morgen vor Gericht zu melden hat; 
im anderen Falle werden iiber diesen Gegenstand keine Klagen 
angenommen. In der Sitzung der AUgemeinen Versammlung waren 
Abgesandte aus dem ganzen Reiche zugegen. 

Nr. 283 (= II. 341). Von der prozentualen Sammlung 

wie vorher. 

Sabbat, 7. Tebet 5562 (1802). 

Von der AUgemeinen Versammlung sind aus den Bewohnern 
unserer Stadt BevoUmachtigte ernannt in Sachen, die der Priifung durch 
die AUgemeine Versammlung des ganzen Reiches unterstehen, welche 
wahrend des Winters des kommenden Jahres in unserer Stadt zu tagen 
hat. 

Zu diesen BevoUmachtigten sind acht Personen ernannt. Sechs von 
ihnen sind die, welche die Aufseher der Abgaben fiir Viehschachtung 
sind, die restlichen zwei aber sind: R. Moses, Sohn des J., und R. Samuel, 
Sohn des S. Diese sind die Vertreter unseres Kreises in der Sitzung fiir 
das ganze Reich. Wenn aus irgendwelchen Griinden drei von ihnen in 
einer Sitzung nicht erscheinen konnen, so haben die restlichen fiinf 
Stimmen in alien wichtigen wie unwichtigen Fragen dieselbe Bedeutung 
wie obige acht Stimmen. Jede Verfiigung der AUgemeinen Versammlung 
des Reiches, bei der diese BevoUmachtigten zugegen sind, hat fiir die 
(jiidischen) Bewohner unserer Stadt voile Rechtsgiiltigkeit ohne 
Einschrankung - wie auch alle friiheren Verfiigungen unserer 
AUgemeinen Versammlung. 

Nr. 284. Von den Schankwirten und der Pacht. 

Am selben Tage ist von der AUgemeinen Versammlung die 
Angelegenheit der Schankpacht geregelt, und verfiigt worden, daG, 



217 



wenn irgend jemand aus unserer Stadt es wagt, sich mit den Beschliissen 
der Pachter einverstanden zu erklaren, so haben sieben aus der Zahl der 
Schankwirte*) Erwahlte das Recht, diese Person mit alien Mitteln zu 
verfolgen und sie mit alien moglichen Strafen zu belegen. In diesem Falle 
ist die Macht der sieben erwahlten Schankwirte der Macht der 
AUgemeinen Versammlung gleich. 

Nr. 285. (= II. 343). Von der prozentualen Sammlung in 

Sachen des ganzen Reiches. 

Dienstag, 10. Tebet 5562 (1802). 

Auf Befehl der sechs BevoUmachtigten fiir die prozentuale 
Sammlung ist in alien Synagogen folgendes bekanntgemacht worden: Es 
wird ein dreitagiges Fasten befohlen wegen der sehr unangenehmen 
Geriichte aus Petersburg und zwar fiir Montag, den 16., Donnerstag, den 
19., und Montag, den 23. Tebet, und dieses Fasten haben alle. Manner 
wie Frauen, streng einzuhalten. An diesen drei Fasttagen wird den 
Bewohnern verboten, irgendwo besondere Versammlungen zu Gebeten 
abzuhalten, sondern jeder hat sich unbedingt in die grofie Synagoge zu 
begeben zur gemeinsamen Vereinigung und Verstarkung der Bitten vor 
Gott und unbedingt die fiir die prozentuale Sammlung fallige Summe 
mitzubringen.**) Wer aber in den Fasttagen den fiir diese Sammlung 
schuldigen Betrag nicht bezahlt, der wird aufier den anderen verwirkten 
Strafen aus seinem Volke ausgestofien. (!) 



Die Schankwirte sind die Monopol-Inhaber, die an kleine Leute verpachten. Die 
Kahal-Oligarchie sorgt wieder lediglich fiir ihren Geldsack, und Unzufriedene 
werden sowohl mit der Peitsche der Seelenqualen gepeinigt, als auch wirtschaftlich 
mit alien Mitteln durch geheime Verfolger, durch falsche Zeugenaussagen vor 
christlichen Gerichten u. a. m. ruiniert. Ein wichtiges Beispiel der Kahal-Despotie. 
** Also damit die Monopol-Inhaber das Monopol behalten, mufi das Volk fasten und 
beten. Gleichzeitig wird dieser Gottesdienst dazu beniitzt, die Bezahlung der Steuer 
durchzudriicken. D. H. 



218 



Anhang 



219 



220 



Anhang 1 

Zirkular des friiheren obersten Chefs des nordostlichen 
Departements, des Grafen E. T. Baranow, an die 

Gouverneure.97) 

[Ergangen unterm 24. August 1867.]*) 

Obgleich laut Artikel 1508, Band IX iiber den Stand der 
fremdstantmigen Bevolkerung in den Stadten, wo Juden eingetragen 
sind, diese Mitglieder den dortigen Gemeinden und der 
Gemeindeverwaltung untertan sind, so bilden sie trotzdem iiberall von 
den Christen getrennte Gemeinden und Korperschaften. Laut Artikel 483 
des Bandes III iiber die Vorschriften der Wahlen bilden sie unter sich 
eigene Rayons, fiir die Steuererhebung wahlen sie besondere Alteste und 
haben eigene Steuereinnehmer, laut Artikel 821, Band II der 
Bestimmungen fiir Fremdstammige, und leisten die Wehrpflicht 
gesondert von den Christen. Eine solch privilegierte Stellung der Juden 
dient nur zur grofien Starkung ihrer Abgeschlossenheit, nicht nur ohne 
jeglichen Nutzen fiir die Regierung, sondern sogar zu deren Schaden. 
Diese Absonderung zeitigt eine Menge MiGbrauche und Lasten fiir die 
Juden selbst, well sie ihre Erhaltung und Stiitze in den Geheimnissen der 
Kahalleitungen finden - fern von der Regierung. 

Gleichzeitig gibt diese Abgeschlossenheit mit ihrer von den 
christlichen Einrichtungen unabhangigen Stellung dem Juden die 
Moglichkeit, seine Beziehungen zu den Christen zu miSbrauchen, da 
jeder Deutsche**) stets genau weiG, daG er in alien Fallen bei seiner 



* Vgl. auch die Erlauterungen, die Brafmann auf Seite 7 seiner Vorrede zu diesem 
Zirkular gibt. D. H. 

** Deutscher = Jude. Da die Ostjuden alle jiddisch reden und den Polen und Russen 
gegeniiber dieser "Jargon" als Fremdsprache und Geheimsprache gelten mufi, 
werden die Juden hier als "Deutsche" 

221 



Gemeindeleitung Schutz und Unterstiitzung findet. AuSer in den 
Stadten leben die Juden in Flecken, Dorfern und Ortschaften mit 
iiberwiegend nichtjiidischer Bevolkerung; in diesen wird besonders die 
Arbeit des ackerbauenden Christen vom Juden ausgenutzt, wogegen die 
offentliche Meinung Einspruch erhebt. 

Dieses Abgesondertsein jiidischer Gemeinden muG meiner Ansicht 
nach unbedingt vernichtet werden; dabei soUen die Juden, die in 
christlichen Ansiedlungen oder in Ortschaften ohne eigene (jiidische) 
Gemeindeverwaltung leben, in den Etat der Dorfgemeinden eingetragen 
werden, denen sie angehoren, mit Ausnahme der Leute, die dem 
Kaufmannsstande angehoren. Als Burger der Dorfgemeinde, in der er 
lebt, ist der Jude schon nicht mehr ein unabhangiger Wirt wie bisher; 
indem er auGer der Grundsteuer jede Verpflichtung mit den 
Einzelbesitzern gemeinsam hat, wird er mit ihnen durch die gleichen 
Interessen verbunden und derselben Macht untertan sein, die obendrein 
sich noch in der Nahe befindet. Wenn auch nicht gerade ein sittHches 
Gefiihl, so wird doch die Gleichheit und AUgemeinheit der Interessen 
und die Furcht vor der Macht der Gerichte die Juden dann von der 
Anwendung unerlaubter Mittel gegen den armen christHchen 
Ackerbauer abhalten. Die Regierung wird in dem Falle den Vorteil 
besitzen, von ihnen die Kopfsteuer und alle iibrigen VerpfHchtungen der 
Dorfbewohner zu erhalten. 

Dabei ergibt sich in unserem Bezirk die MogHchkeit, daG, da in 
einzelnen Stadten und Flecken die Anzahl der jiidischen Bewohner 
diejenige der christlichen iibersteigt, die Leitung eines solchen Ortes in 
Judenhande fallt. Um dieser Gefahr vorzubeugen, ist zu verfiigen, daG 
bei Abstimmungen iiber Angelegenheiten eines solchen Ortes nicht 
weniger als 2/3 der christlichen Bevolkerung zugegen sein miissen und 
ein BeschluG ohne die Mehrzahl ihrer Stimmen ungiiltig ist. Wenn z. B. 



hingestellt. Genau dasselbe betonte Franzos fiir Galizien. Baranow hat, um auf die 
Gefahrlichkeit einer Fremdsprache die russische Regierung aufmerksam zu machen, 
die Juden als "Deutsche" hingestellt, genau so wie die Polen es in Galizien getan 
haben. Da damals starke Bestrebungen im Gauge waren - Franzos und andere haben 
zielbewufit daraufhin gearbeitet - Osteuropa durch die deutsche Kultur zu heben, so 
ist die Abneigung der Russen gegen die "Deutschen" = Juden verstandlich. Mit 
Deutschenhafi hatte diese Abneigung nichts zu tun. D. H. 



222 



eine Gemeinde aus 30 Christen und 60 Juden besteht, ist ein 
Gemeindebeschlufi nur dann giiltig, wenn bei der Abstimmung 
mindestens 20 Christen anwesend sind, von denen 11 einverstanden sein 
miissen. 

Dieser Vorschlag ist von besonderer Wichtigkeit und miilSte bei der 
Behandlung der Judenfrage von der Regierung zur Grundlage gewahlt 
werden und daher allerseits hochste Beachtung finden. 

Daher erbitte ich, indem ich diesen Vorschlag Ew. Exzellenz 
untertanigst unterbreite, hieriiber Ew. Exzellenz Entschliefiung. 

Hierbei fiihre ich noch an, daG die jiidischen Gemeinden einige 
gemeinniitzige Einrichtungen besitzen, die sie auf Grund der 
allgemeinen Gelder erhalten. Einige verfiigen iiber Kapital und 
unbewegliches Eigentum, andere sind unter sich verschuldet und in 
einigen Gemeinden sowohl geldlich, als auch in Beziehung auf 
Wehrpflicht im Riickstande. Daher sind zur endgiiltigen und allseitigen 
Losung dieser Fragen iiber das Aufgehen der Juden in den christlichen 
Gemeinden unbedingt die hierfiir notwendigen Erkundigungen und 
Aufklarungen einzuziehen. Demnach bitte ich untertanigst, mir 
mitzuteilen: 

1. Die Anzahl der (christlichen und jiidischen) Bewohner in den 
Stadten und Flecken, fiir jede Stadt oder jeden Flecken besonders; 

2. die Anzahl der Hauser, die in jedem Ort ersteren und letzteren 
gehoren, sowie die Zahl der Hausbesitzer. 

3. Bei der Bezeichnung der Orte muG angegeben werden, ob sie auf 
ihre Rechte juristischen Anspruch haben. Anzugeben sind auch alle 
gemeinniitzigen Einrichtungen der Juden wie Talmudschulen, 
Hospitaler, Armenhauser usw., mit der Erklarung, wo sie sich befinden, 
und wovon sie erhalten werden. 

4. Anzugeben ist ferner alles bewegliche und unbewegliche 
Eigentum der Juden mit Angabe der daraus fliefienden Einkiinfte. 

5. Anzugeben ist sodann der Bestand der Wohlfahrtssammlungen 
der Juden, der Bestand ihrer Kassen wie auch die Kopien ihrer 
derzeitigen Abschliisse. 

6. Anzugeben sind endlich die Kassen-Riickstande, die von den 
jiidischen Gemeinden nachgewiesen sind, wie auch die Riickstande 
beziiglich der Rekrutenlieferungen. 



223 



Anhang 2 
Anmerkungen Brafmann's zu den Kahal-Akten 

1) (S. 3) Siehe: Wilnaer Anzeiger 1866, Nr. 149, unter "Ansicht des Juden". 

2) (S. 4) Choschen ha-Mischpat, § 369, 11. 

3) (S. 5) Ebenda, 369, 23. 

4) (S. 5) Talmud, Traktat Schabbath 128a, vgl. 67a und Traktat Baba mezia 113b. 
- Brafmann hat aus diesen Stellen irrtiimlicherweise einen Vorwurf gegen die 
Rabbiner konstruiert, indem er meinte, es hiefie: "Kaiser sind die Rabbiner". In den 
Text ist die richtige Ubersetzung ausgenommen worden. D. H. 

5) (S. 5) Auf Grund des (russischen) Gesetzes. Teil III, Vorschrift iiber das 
Wahlrecht - § 522, 524, 525. 

6) (S. 5) Choschen ha-Mischpat, § 132-171. 

7) (S. 6) Siehe Erlauterungen V und XII. Chasaka = Anrecht der Juden auf den 
Nichtjuden gehorigen Grundbesitz, Maaruphia = das gleiche Anrecht auf die 
bewegliche Habe. Chasaka heifit wortlich nur "Besitzergreifung" (Vorderseite!), 
obiger Begriff stellt die "Hinterseite" des jiidischen Mondes vor. D. H. 

8) (S. 6) Siehe Erlafi Napoleons I. vom 20. Nov. 1806 an das (von ihm 
einberufene) jiidische Synhedrion: "Allgem. Zeitung d. Judentums", 1841, Seite 333. 

9) (S. 6) Zbior Praw Dubenskiego, Seite 222. 

10) (S. 11, Erl. 1) Der Faktor nennt den Beamten, dem er unterstellt ist, seinen 
Pan (Herrn) oder Poritz (Spitzbuben). 

11) (S. 13, Erl. 1) Vgl. die Ansicht einer der hochsten rabbinischen Autoritaten, 
des "Rosch", iiber die Verteilung von Geschenken an Richter und Beamte. "Frage: Ist 
ein Handwerker, der darauf angewiesen ist, alljahrlich sein Geld fiir Geschenke an 
Beamte in Sachen seines Handwerkes zu verwenden, verpflichtet, an den Ausgaben 
des Kahal fiir Bestechungen teilzunehmen? Antwort: Wenn der Kahal einem Richter 
Belohnungen gibt, damit dieser sein Verteidiger und ihm in jedem Falle gefiigig 
wird, wie es unumganglich ist, den Behorden und Vorgesetzten jeder Stadt 
Geschenke zuzufiihren in der Zeit unseres Exils, so kann sich der Handwerker einer 
Beteiligung hieran nicht entziehen; wenn der Kahal aber die Geschenke dem Richter 
fiir richter liche Funktionen, die den Handwerker nicht beriihren, gibt, so ist der 
Handwerker von einer Beteiligung hieran frei". (Teschubot ha-Rosch, § 10). 

12) (S. 14, Erl. 1) Siehe die Komodie "Ein Wort an den Minister". 

13) (S. 15, Erl. 1) Wir fiihren hier einen Auszug aus den Aufzeichnungen 
Derschawins im Original an. Der Autor spricht von sich in der dritten Person. (Die 
nachfolgende Darstellung ist, well auf fliichtig geschriebenen Notizen beruhend, 
iiberaus holperig und war schwer in ein einigermafien gutes Deutsch zu bringen. 
Einzelne Satze sind nur dem Sinne nach zu erraten. D. H.) 

14) (S. 20, Erl. 2) Schulchan aruch, Jore dea, § 29, Vorschriften iiber Trefa. 

15) (S. 24, Erl. 2) Siehe Akten der Wilnaer Gouvernementsverwaltung 1867, Nr. 
699 und 73. 

16) (S. 25, Erl. 3) Das Buch erschien (russisch) unter dem Titel "Die lokalen und 
internationalen Briiderschaften der Juden", Wilna 1869. 



224 



17) (S. 26, Erl. 4) Kolbo, Vorschrift iiber das Lesen der Fiinf Biicher Moses, Kap. 
20. 

18) (S. 26, Erl. 4) Talmud-Traktat Megilla 21b. 

19) (S. 26, Erl. 4) Schulchan aruch. Orach Chajjim § 135. 

20) (S. 26, Erl. 4) Kolbo Kap. 20. Hierunter ist auch der hollische Feind, d. h. der 
Satan, zu verstehen. 

21) (S. 26, Erl. 4) Siehe Wilnaer Anzeiger 1866 Nr. 149, 151 und 173. 

22) (S. 28, Erl. 4) Naheres hieriiber findet sich in der Sammlung literarischer 
Aufsatze von Kulin, Wilna 1868, Seite 274-278 und bei J. Brafmann, Die 
Briiderschaften der Juden, Wilna 1869. 

23) (S. 28, Erl. 4) Siehe Orach Chajjim, § 135. 

24) (S. 29, Erl. 5) Talmud-Traktat Baba Batra 54b: "Die Giiter der Nichtjuden 
gleichen der Wiiste, und wer zuerst von ihnen Besitz ergreift, ist im Rechte", 
Schulchan aruch, Choschen ha-Mischpat § 194, 2, auch § 156, 5: "Die Giiter (Hab' und 
Gut) der Nichtjuden sind wie herrenloses Gut, und wer zuerst von ihnen Besitz 
ergreift, ist im Rechte (darf es sich aneignen)". 

25) (S. 30, Erl. 4) Siehe Akten Nr. 261 ff. 

26) (S. 32, Erl. 5) Siehe Kolbo § 139. 

27) (S. 34, Erl. 5) Naheres siehe Kolbo unter "Cherem" § 139. 

28) (S. 35, Erl. 6) Siehe 4. Buch Mose, Kap. 24, B. 1. 

29) (S. 39, Erl. 8) Siehe Choschen ha-Mischpat § 26, 1. und die Akten unter Nr. 
148 und 149. 

30) (S. 40, Erl. 8) Siehe Choschen ha-Mischpat, § 1, 4, 5 ff. 

31) (S. 52, Erl. 14) Uber das "beriihmte" Kol-nidre vgl. heute: Bischoff, 
"Rabbinische Fabeln" (Leipzig 1922, Walther Kramer's Verlag), S. 42-58. 

32) (S. 59, Akte 1) Die Datierung geschieht hier nach den Paraschen (Wochen- 
Abschnitten, Perikopen) der 5 Biicher Mose (des Pentateuchs) vom jiidischen 
Neujahr (im Herbst) an. Vgl. Anhang III, S. 229. 

33) (S. 62, Akte 7) II. 46 enthalt den Zusatz: Es ist hier ausschliefilich von 
Handwerker-Gilden die Rede. 

34) (S. 63, Akte 8) In II. 47 findet sich die Notiz: In den Originalakten ist von 
Ketab Jewani die Rede, das bedeutet in wortlicher Ubersetzung: Griechischer Brief. 
D. H. 

35) (S. 67, Akte 15) In II. 54 heifit es: Ein Logis fiir den Metzger des Gefliigels 
aus dem Schulhof zu mieten und ¥2 Sloty per Woche dafiir aus der Kasse des Kahals 
zu zahlen. D. H. 

36) (S. 70, Akte 18) II. 56 bringt die Bemerkung: "Um die Paralysierung der 
Tatigkeit hoherer Obrigkeiten zu vermeiden". D. H. 

37) (S. 70, Akte 18) Nr. II. 58 folgt noch: "Alle diese Eidesaussagen sind in einem 
Buche im Jargon ausgeschrieben und aufbewahrt". Die obengenannten Wahler sind 
laut Gesetz am Mittwoch, 16. Siwan 5556 (11. VI. 1796) in Minsk zur Wahl bestimmt 
worden. Fiinf Wahler haben obigen Eid geleistet. D. H. 

38) (S. 71, Akte 20) So das russische Original. Statt "Rabbi" (Rabbiner) ist aber 
offenbar (wie sonst oben) "Reb" (Rebb) gemeint, was den (im Osten fast immer) 



225 



talmudisch gebildeten Hausherrn bezeichnet und etwa unserem "Herr" 
gleichkommt. - Die Eigennamen erscheinen z. T. verderbt. 

39) (S. 72, Akte 21) In II. 62 heiGt es, die Summe sei von den Schammaschim 
(Notaren) in die Biicher einzutragen. 

40) (S. 75, Akte 25) Vergl. II. 66. 

41) (S. n, Akte 32) In II. 73: vom Elul 5557 bis zum Elul 5558. 

42) (S. 79, Akte 35) Nach II. 76: "unter dem Cherem". 

43) (S. 80, Akte 38) In II. 79 steht: Korbsteuer, eine spezifisch jiidische Steuer, die 
an die Stadt abgefiihrt wurde. 

44) (S. 83, Akte 45) II. 87 fugt hinzu: "wozu die Kasse 26 Rubel fur die Spesen 
beizutragen hat. Aufierdem sind noch 25 poln. Sloty in Silber fiir diesen Zweck zu 
gebrauchen". 

45) (S. 83, Akte 47) Choschen ha-Mischpat § 52. 

46) (S. 88, Akte bl) II. 97: "Es handelt sich urn eine Korbsteuer des Handels..." 

47) (S. 91, Akte 64) Dieses Dokument ist im Jargon (jiidischdeutsch) 
geschrieben, um es den niedrigsten Klassen der Bevolkerung und den des 
rabbinischen Hebraisch nicht Machtigen zuganglich zu machen. 

48) (S. 94, Akte 65) Es ware interessant zu wissen, was fiir eine Personlichkeit 
dieser Bulgavowitsch gewesen, zu dessen Gunsten sich der Kahal so bemiihte. D. H. 

49) (S. 94, Akte 67) Siehe Erlauterung XII. 

50) (S. 98, Akte 75) In den Chedarim (Privatschulen) ist die Bezahlung fiir den 
Unterricht nicht durchschnittlich gleich. Der Melammed macht mit den Eltern von 
Fall zu Fall die Hohe der Bezahlung fiir den Unterricht aus. Siehe Erlauterung XIII. 

51) (S. 98, Akte 75) Siehe Erlauterung XIII. 

52) (S. 100, Akte 81) Nicht zu ersehen, was das fiir Leute sind. 

53) (S. 101, Akte 83) Siehe Erlauterung III. 

54) (S. 102, Akte 87) Der Kahal, sich als rechtlicher Verwalter alles 
Stadteigentumes diinkend, wie es in der Erlauterung VIII. festgestellt ist, befiehlt 
dem Rabbi Chajjim, vom Kahal zum zweiten Male das zu kaufen, was ihm vom 
momentanen Besitzer nach kaiserlichem Recht schon verkauft war! 

55) (S. 104, Akte 87) Siehe Erlauterung IX. 

56) (S. 104, Akte 88) Die Bedikat Harea ausfiihren, bedeutet die Lungen und 
Innenteile des geschlachteten Viehes nach den talmudischen Regeln zu besichtigen, 
um festzustellen, ob das Fleisch Trefa, d. h. fiir Juden ungeniefibar ist. Siehe 
Erlauterung II. 

57) (S. 106, Akte 88) Siehe Erlauterung III. 

58) (S. 106, Akte 88) Siehe Erlauterung XIV. 

59) (S. 109, Akte 88) Abgabe auf die Schachtung von Kalbern siehe Akte Nr. 32. 

60) (S. Ill, Akte 88) Diese zwei Groschen zugunsten des Schachters, nicht der 
Kasse der Abgaben. 

61) (S. 113, Akte 89) Siehe Erlauterung XV. 

62) (S. 114, Akte 90) Diese Akte wie die folgende sind, wie aus allem ersichtlich, 
drei Jahre spater zusammengestellt als die Akte 93 und in die gebliebene Liicke 
eingefiigt. 

63) (S. 116, Akte 92) Siehe Akte Nr. 64. 



226 



64) (S. 116, Akte 92) Siehe Erlauterung DC. 

65) (S. 118, Akte 94) Kinjan bedeutet den Ritus, der bei der Kabbalat Seder zu 
erfiillen ist. Siehe Erlauterung D(. 

66) (S. 124, Akte 100) Siehe Erlauterung IX. 

67) (S. 125, Akte 102) Hieraus ist ersichtlich, dafi der Kahal die hochste Instanz 
reprasentiert, unabhangig von Rabbinern und jiidischen Gesetzen. 

68) (S. 127, Akte 105) Jatku heifien bei den Juden die Fleischerladen. 

69) (S. 128, Akte 106) So froh auch der Kahal iiber die Ubersiedlung des Rabbi 
Gaon war, so mufi letzterer doch dafiir bezahlen. 

70) (S. 131, Akte 109) Anscheinend kam die Angelegenheit des Isaak nicht in 
Ordnung, da das oben genannte Recht an den Rabbi Samuel verkauft wurde. 

71) (S. 132, Akte 110) Hier ist wohl die Rede von dem Recht, das die ortlichen 
russischen Behorden dem Besitzer J. erteilten. 

72) (S. 140, Akte 130) Siehe Erlauterung XI. 

73) (S. 142, Akte 135) Siehe Erlauterung XVI. 

74) (S. 143, Akte 139) In jeder Stadt werden auf Kosten der Gemeinde zehn 
Leute gehalten, Batlane genannt, mit der Hauptbeschaftigung, im Bet-Hamidrasch 
(Gemeinde-Haus) zu sitzen, um alien, die dort das Bezzibur (Versammlungs-Gebet 
in Gegenwart von zehn Mannern) verrichten wollen, die Moglichkeit dafiir zu geben. 
Der Wunsch, das Bezzibur-Gebet zu verrichten, ist bei den Juden sehr haufig. Siehe 
Erlauterung III. 

75) (S. 149, Akte 149) Wenn ein Jude von einer Person oder Gemeinschaft 
unrecht erfahrt und kann keine Rechtfertigung erreichen, so geht er zur Gebetszeit in 
die Synagoge oder in den Bet Hamidrasch zum Lesepult und halt ein Gebet, von der 
Gemeinde Hilfe zu seiner Rehabilitierung fordernd. 

76) (S. 150, Akte 149) Siehe Erlauterung XVI. 

n) (S. 150, Akte 149) Diese Worte mogen die Liebhaber des Unrechtes auslegen, 
wie sie wollen; in ihnen liegt aber ein Auftrag, wenn auch nicht wortlich, fiir den 
Urheber des polnischen Aufstandes von 1863, wie fiir ein ihm voUkommen ahnliches 
Ungeheuer. (Ist nicht mehr verstandlich. Der Sinn wird wohl ein doppelter sein. 
Einesteils: Er wird in der Todesstunde ohne Trost und Hilfe gelassen und dann ohne 
letzte Ehren begraben. Anderenteils: Er lauft Gefahr, dafi der "heimliche Verfolger" 
ihn durch seine Leute zu Tode befordern lafit. D. H.) 

78) (S. 150, Akte 149) Um sich klar zu werden iiber die Macht und Herrschaft 
des Kahal iiber den Privatjuden, wie iiber sein Verhaltnis zu den ortlichen 
Gerichtsinstanzen, wie auch der Bedeutung der Beglaubigten im jiidischen Sinne, 
bitten wir den Leser sich ernsthaft in den Sinn der beiden letzten Dokumente 
hineinzudenken. 

79) (S. 158, Akte 163) Hieraus geht klar hervor, dafi bei der geringsten 
Ubertretung einer Bestimmung des Bet Din oder Kahal ein Jude Gefahr lauft, verjagt 
und zum Abtriinnigen gestempelt zu werden. Darin driickt sich das despotische 
Regiment des Kahal und die voUige Abhangigkeit der einzelnen Juden von ihm aus. 

80) (S. 177, Akte 206) Siehe Erlauterung III iiber die Briiderschaft "Zedaka 
Gedola". 



227 



81) (S. 195, Akte 247) Umdeutung von Jesaja 1, 27: "Zion wird durch 
Gerechtigkeit erlost werden." Das Wort "Zedeka" bedeutet im Hebraischen 
ebensowohl "Gerechtigkeit" als auch "Almosen". 

82) (S. 198, Akte 256) Die ihr im Ehevertrage verbriefte Geldsumme. 

83) (S. 198, Akte 256) Die von diesem iiberaus harten Urteil betroffene Frau 
wird die ungerechten Richter voraussichtlich verfluchen. 

84) (S. 198, Akte 257) Siehe Erlauterung II. 

85) (S. 201, Akte 259) Siehe Erlauterung II. 

86) (S. 201, Akte 261) Siehe Erlauterung V. 

87) (S. 202, Akte 261) Requiem: in der Rom.-kath. Kirche die Musik der 
Seelenmesse fiir die Beworbenen, die mit den Worten: "Requiem aeternam dona eis" 
beginnt, mufi von den Juden irrtiimlich als Name fiir eine geistliche Briiderschaft 
"Rekiten" genommen worden sein, vielleicht well in Minsk eine christliche 
Briiderschaft zum Absingen des Requiem existiert hat. Vgl. auch die (abweichende) 
Erklarung des Wortes in der Fufinote des Textes. 

88) (S. 203, Akte 261) Siehe Erlauterung I. 

89) (S. 203, Akte 261) Siehe Erlauterung IX. 

90) (S. 205, Akte 266) Siehe Erlauterung V. 

91) (S. 206, Akte 268) Der Kahal Hefi durch seine "Fanger" militarpflichtige 
Juden, die kein Geld fiir den Loskauf aufbringen konnten, oft sogar noch kleine arme 
Knaben, aufgreifen und als Rekruten an die russische Regierung abliefern. Da die 
Dienstzeit fiir die jiidischen Soldaten endlos lange, ja lebenslang dauerte und diese in 
feme Gegenden verschickt wurden, liefien sich die meisten (schon friih 
Verheirateten) von ihnen rituell von ihren jungen Frauen scheiden, damit diese nicht 
ewige Witwen blieben. Da aufierdem die jiidischen Rekruten meist zur Taufe 
gezwungen wurden und ihnen (zumal den ganz jugendlichen) harteste Behandlung 
bevorstand, fliichteten die Bedrohten oft in Walder und Einoden, andere begingen 
Selbstmord oder schwere Selbstverstiimmelungen. 

92) (S. 206, Akte 270) Dieser Eid wie auch die folgenden in diesem Buche sind 
nicht in rabbinischem Hebraisch geschrieben, in der alle diese Akten geschrieben 
sind, sondern Jiidischdeutsch, das dem ungelehrten Juden gelaufiger ist. 

93) (S. 207, Akte 270) Ober-Rabbi der Stadt. Es sei nochmals daran erinnert, dafi 
in den Protokollen unter "Rabbi" fast stets ein Reb, d. h. ein talmudisch gebildeter 
Hausherr, verstanden ist. 

94) (S. 208, Akte 272) Siehe Erlauterung II. 

95) (S. 212, Akte 274) Siehe Erlauterung A. VI. 

96) (S. 212, Akte 276) Wahrend der Gebete in der Synagoge und den Bethausern 
brennen an Feiertagen Wachskerzen auf dem Pult, vor dem der Kantor liest. Diese 
Kerzen heiGen: Gebetskerzen. Hire Schenkung gilt als Gott wohlgefallig. 

97) (S. 219) Zur Kenntnis des Wilnaer Gouverneurs 1867, Nr. 92. 



228 



Anhang 3 

Verzeichnis der in den Akten erwahnten (54) Wochenabschnitte 
(Paraschen oder Perikopen) der 5 Biicher Mose, die zur Datierung von 

Urkunden verwandt werden. 

1. Bereschit (1. Mose 1,1 bis 6,8). - 2. Noach (6,9 bis 11.32). - 3. Lech 
lecha (12,1 bis 17,27). - 4. Wajjera (18,1 bis 22,24). - 5. Chajje Sara (23,1 bis 
25,18). - 6. Toldot (25,19 bis 28,9). - 7. Wajjeze (28.10 bis 32,3). - 8. 
Wajjischlach (32,4 bis 36,43). - 9. Wajjescheb (37,1 bis 40,23). - 10. Mikkez 
(41,1 bis 44,17). - 11. Wajjigasch (44,18 bis 47,27). - 12. Wajehi (47,28 bis 
50,26). 

13. Schemot (2. Mose 1,1 bis 6,1). - 14. Wa-era (6,2 bis 9,35). - 15. Bo 
(10,1 bis 13,16). - 16. Beschallach (13,17 bis 17,16). - 17. Jithro (18,1 bis 
20,26). - 18. Mischpatim (21,1 bis 24,18). - 19. Teruma (25,1 bis 27,19). - 20. 
wwe (27,20 bis 30,10). - 21. Ki tissa (30,11 bis 34,35). - 22. Wajjakhel (35,1 
bis 38,20). - 23. Pekude (38,21 bis 40,38). 

24. Wajjikra (3. Mose 1,1 bis 5,26). - 25. Zo (6,2 bis 8,36). - 26. 
Schemini (9,1 bis 11,47). - 27. Tasria (12,1 bis 13,59). - 28. Mezora (14,1 bis 
15,33). - 29. Achare mot (16,1 bis 18,30). - 30. Kedoschim (19,1 bis 20,27). - 
31. Emor (21,1 bis 24,23). - 32. Behar Sinai (25,1 bis 26,2). - 32. 
Bechukkotai (26,3 bis 27,34). 

33. Bemidbar (4. Mose 1,1 bis 4,20). - 34. Naso (4,22 bis 7,89). - 35. 
Behaalotcha (8,1 bis 12,16). - 36. Schlach lecha (13,1 bis 15,41). - 37. 
Korach (16,1 bis 18,32). - 39. Chukkat (19,1 bis 22,1). - 40. Balak (22,2 bis 
25,9). - 41. Pinchas (25,10 bis 30,1). - 42. Miktot (30,2 bis 32,42). - 43. Mase 
(33,1 bis 36,13). 

44. Debarim (5. Mose 1,1 bis 3,22). - 45. Wa-ethchannan (3,22 bis 
7,11). - 46. Ekeb (7,12 bis 11,25). - 47. Re'e (11,26 bis 16,17). - 48. Schostim 
(16,18 bis 21,9). - 49. Ki teze (21,10 bis 25,19). - 50. Ki tabo (26,1 bis 29,8). - 
51. Nizzabim (29,9 bis 30,20). - 52. Wajjelech (31,1 bis 31,30). - 53. 
Ha'asinu (32,1 bis 32,52). - 54. Wesot habberacha (33,1 bis 34,12). 



229 



Inhalt 

des ersten Bandes 

Seite 

Vorwort (des deutschen Herausgebers) V - VII 

Einfiihrung des deutschen Herausgebers XI - LV 

Vorrede (Brafmann's) 3-9 

Erlauterungen I bis XVII 10 - 55 

Nachbemerkung (Brafmann's) 55 - 56 

Die Akten des Kahal. Akten 1 bis 285 59 - 218 

Anhang 1: Zirkular des Grafen Baranow 221 - 223 

Anhang 2: Anmerkungen Brafmann's 224 - 228 

Anhang 3: Verzeichnis der Paraschen 229 



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Antijiidische Grundwerke 



Theodor Fritsch 

Mein Streit mit dem Hause Warburg 

Eine Episode aus dem Kampfe gegen das Weltkapital. 
180 Seiten Oktav. Preis: geheftet 1.60 Rm., in Halbl. 3.80 Rm. 



Die Siinden der Grofifinanz 

Eine Abrechnung 
125 Seiten Oktav. Preis: geheftet 1.60 Rm., in Halbl. 2.20 Rm. 
Diese Schriften enthiillen die unheimliche Macht des Weltkapitals, die sich 
schon langst nicht mehr darauf beschrankt, die Wirtschaft zu beherrschen, 
sondern die heute die Innen- und Aufienpolitik aller Staaten nach ihren 
Bediirfnissen regelt. Sie sind die wirkungsvoUste Waffe gegen die 
Weltherrschaftsplane des Borsenkapitals, iiber die wir verfiigen. 



F. Roderich-Stoltheim 

Das Ratsel des jiidischen Erfolges 

7. Auflage (20. bis 24. Tausend). 275 Seiten Grofi-Oktav. 
Preis: geheftet 5.- Rm., in Ganzleinen 7.- Rm. 

Stoltheim entschleiert das angstlich behiitete Geheimnis des unerhorten 
wirtschaftlichen Erfolges des Judentums; die Mittel, Kniffe und Pfiffe, 
mittels welcher es den Sieg iiber den schwerfalligeren Germanen zu 
erschleichen weifi. Er belegt seine theoretischen Ausfiihrungen mit einer 
solchen Fiille schlagender Beispiele aus der Praxis, dafi kein Leser das 
Buch unbelehrt aus der Hand legen wird. Die Nutzanwendung des 
Inhaltes ist insbesondere auch Sache der deutschen Frauenwelt. 



Hammer-Verlag, Leipzig 



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Antijiidische Grundwerke von 

Theodor Fritsch 

Handbuch der Judenfrage 

Eine Zusammenstellung der wichtigsten Tatsachen zur 

Beurteilung des jiidischen Volkes. 

29. Aufl. (68. bis 75. Taus.). 500 S. Klein-Oktav, in Pappbd. 3.60 Rm. 

Gliederung des Inhaltes: 

Urteile liber die Juden - Jtidische Selbstbekenntnisse - Das Judentum in den 

auslandischen Staaten - Geschichte des jiidischen Volkes - Die jiidischen 

ReHgionsschriften - Die Juden in Kunst und Wissenschaft - Die Organisationen des 

Judentums - Zeitungswesen - Banken, Borse und Industrie - PoHtik, Parlamente, Parteien 

- Verbrecherstatistik - Bemerkenswerte Bibelstellen 
Dieses Buch erschien zuerst 1887 unter dem Titel: "Antisemiten-Katechismus"; sein 
Umfang betrug damals 212 Seiten. Es hatte ungeahnten Erfolg, der auf seiner 
Brauchbarkeit, HandHchkeit und Zuverlassigkeit beruhte. Trotz der seit vierzig Jahren 
riesenhaft angewachsenen Literatur zum jiidischen Problem ist es noch heute ohne 
Seitenstiick. Der Herausgeber hat es von Auflage zu Auflage erganzt, hat Uberholtes 
ausgeschieden, wichtiges neues Material hinzugefiigt, die statistischen Zahlen und 
Angaben auf den neuesten Stand gebracht, so dat^ es heute noch genau so seine Mission 
zu erfiillen hat, wie bei seinem ersten Erscheinen: Aufklarung zu verbreiten iiber den 
unsichtbaren Weltfeind. 

Der falsche Gott 
Beweismaterial gegen Jahwe 

Neunte Auflage. 226 S. Oktav. Geb. 2.25Rm.; in Pappbd. 3.25 Rm. 

Der Streit um Gott und Talmud 
Meine Antworten auf Strack, Kittel, Fiebig, Caro u. a. 

94 Seiten. Grofi-Oktav. Geheftet 1.- Rm.; in Pappbd. 1.50 Rm. 

Diese Schriften entlarven die mosaische "Religion" als die staats- und 
menschheitsfeindliche Verfassung einer iiberstaatlichen Macht. Die in ihnen enthaltenen 
Ubersetzungen sittlich hochst anstofiiger Grundsatze aus den jiidischen 
Religionsbiichern, die z. Tl. mit dem hebraischen Urtext wiedergegeben sind, wurden vor 
Gericht als treu anerkannt. Mit wuchtigen Hammerschlagen hat Fritsch, lange vor 
Friedrich Delitzsch's "Grofer Tauschung", das Trugbild einer auf den Grundlagen des 
Jahwe-Dienstes aufgebauten christlichen Ethik und Moral ein fiir allemal zertriimmert. 
Der Geist des Rache-Damons des Alien Bundes ist der Todfeind arischer Gesittung: sein 
Wiistenhauch vernichtet alle Kultur. 

Hammer-Verlag, Leipzig 



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